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40 Wochen

Es ist der 31.12.2013, ich schaue fern.
Im Fernsehen läuft eine Google-Werbung, „Zeitgeist“. Suchbegriffe, die die Welt 2013 über Google gesucht hat. Begriffe wie „Neuanfänge“, „neue Welten“ oder „letzte Worte“. Bedeutungsschwangere Szenen des royalen Babies aus dem englischen Königshaus, der Weltraumsonde oder von Nelson Mandela und Marcel Reich-Ranicki.
Ich schaue nach links. Neben mir auf der Couch liegt mein 9 Tage altes Baby, ich seufze und denke an die Suchbegriffe, die ich in diesem Jahr eingetippt habe. „Ungewollte Schwangerschaft“ zum Beispiel. „Ungeplante Schwangerschaft“. Oder auch „unglücklich schwanger“. Gebt die mal ein, das ist wirklich frustrierend. Ich meine Fakt ist ja, dass kein Mensch wirklich Zeit und Lust hat, alle vorgeschlagenen drei Millionen Seiten nach der passenden Antwort zu durchsuchen. In Wirklichkeit schaut man sich die präsentierten Vorschläge auf Seite 1, vielleicht noch Seite 2 an, das war’s. Und egal was man auch eintippt, es werden einem millionenfach Beratungsstellen vorgeschlagen. AWO oder Caritas oder irgendwelche e.V.‘s zu denen man auf keinen Fall gehen will, weil man sich dann nicht fühlt wie eine Frau im 21. Jahrhundert, die über das scheiss Schicksal und das verdammte Universum, das ihr einen Strich durch die ach-so-gut-geplante-Karriere macht und zusätzlich noch die Figur versaut, lästern und heulen will, sondern wie eine Crackabhängige, Fehlgeleitete, eben wie eine Frau, die offen zugibt, dass sie das gerade neu entstehende Leben unter Ihrem Herzen verdammt nochmal nicht will.
Google scheint das zu wissen, denn egal welche Begriffe ich 8 Monate lang in den weißen Bereich der Suchmaschine gehackt habe – ich habe keine Antworten bekommen. Antworten, die ich wirklich hätte gebrauchen können. Zum Beispiel auf die Frage, wie genau man sich denn auf einen weiteren Menschen vorbereitet, wenn man ernsthaft nicht geglaubt hat, dass dieser jemals kommen würde. Oder wie man eine ungeplante, ungewollte Schwangerschaft durchzieht, denn abtreiben wollte ich ja nicht. Oder wie man irgendwann einmal seinem Kind erklärt, dass man es nicht wollte aber doch bekommen hat. Kein Buch, keine Zeitungsberichte – nichts, was dieses Thema behandelt. Einsamkeit, Ratlosigkeit, Unsicherheit. Übrigens auch Begriffe, die Google über sich ergehen lassen musste, 2013. Und ich frage mich, wer auf der Welt wohl noch solche Begriffe gesucht hat.
Offen gesprochen denke ich nämlich, dass das so einige waren. Ich glaube – nein. Ich bin sicher, dass es viel weniger Frauen gibt, die ihr Kind jede Sekunde ihrer Schwangerschaft wollen, als man es annehmen würde. Fragt man die Gesellschaft, fragt man andere Frauen, scheint es ja nichts Erstrebenswerteres auf der Welt zu geben, als Babies zu machen. Nichts Schöneres. Nichts Wichtigeres. Ich ecke an, ich mache mich unbeliebt, ich steche heraus aber ich meine es ernst wenn ich sage, dass es so viele wunderbare Gründe zu leben gibt und ein Baby zu bekommen, gehört definitiv dazu. Aber es kostet Kraft. Es laugt aus. Es macht krank, ängstlich, ratlos und sehr sehr oft einsam. Das sagt keiner. Und erzählt man es jemandem, erntet man Kritik, Unverständnis und Vorurteile. Das wiederum macht einsam, ratlos und unsicher. Auch dazu kennt Google keine Antwort, keinen Tip. Nicht mal ein vernünftiges Forum.
Denn die Situation ist so absurd wie einfach: ich bin 26, 1,62m groß und wiege knapp 70 Kilo. Kosmetisches Übergewicht nennt man das, denn mein BMI ist nicht bedrohlich, ich hab kein Zucker und bin gesundheitlich in absoluter Topform. Seit 13 Jahren Vegetarier, esse ungespritztes Gemüse und unbehandelte Früchte, kaufe überteuert im Bioladen, meide Cholesterin, Kuhmilch und Hühnereier. Ich trinke viel Wasser, rauche nicht und gehe jeden Tag eine Stunde mit meinen Hunden an die frische Luft. Mein Körper ist – bis auf den hohen beruflichen Stress – in bester gesundheitlicher Konstitution.
Ich bin verheiratet, sogar glücklich. Wir beide arbeiten in Vollzeitjobs, verdienen gutes Geld. Wohnen in einer 100qm Wohnung, sind voll ausgestattet ohne Schulden zu haben. Wir haben ein geleastes Fahrzeug, sogar ein Kombi. Wir fahren ein- bis zweimal im Jahr an die See in den Urlaub. Wir haben unbefristete Arbeitsverträge und keine laufenden Kredite.
Worauf ich hinaus will: alles ist super. Wir sind vollständig, gesund, zufrieden und ungebunden. Wie man es auch ausdrücken hätte können: die Voraussetzungen für ein Kind waren optimal.
Wenn nicht… Tja, wenn ich nicht so verdammt krank geworden wäre, kranker als ich jemals hätte schwanger sein können.

An dem Tag, an dem ich es erfuhr, blieb die Welt stehen. Und es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder drehte. Die Reihenfolge war nicht: ich will kein Kind und fange deswegen an zu erbrechen. Die Reihenfolge war Erbrechen, extremes Erbrechen, bis nur noch Spucke, dann Galle dann Blut kommt und DANN der Schwangerschaftstest. Natürlich trübte das meine Freude und auch wenn einfach alles passte und mein Mann das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekam, konnte ich mich nur ein paar Stunden von der Couch zum Klo retten, bis ich einen Eimer neben dem Bett oder der Couch brauchte, weil die Kraft zum Aufstehen nicht mehr reichte. Schon wenige Tage später konnte ich nur noch unter Schmerzen liegen, da das starke Würgen und Erbrechen Schmerzen in Rücken und Rumpf hervorrief, die eigentlich nur unter starken Schmerzmitteln aushaltbar gewesen wären, die ich aber a) teilweise nicht nehmen durfte und b) eh nicht drin blieben.

In der 9. Woche bat ich meinen Mann, mich ins Krankenhaus zu fahren, um die Schwangerschaft abzubrechen. Ich war am Ende meiner körperlichen und seelischen Grenzen. Bis dahin hatte ich mich nicht einen Tag freuen können, sondern war in meiner Angst, das nicht überleben zu können, völlig untergegangen. In dieser Zeit hatte ich 8 Kilo abgenommen. Ich hatte tagelang nichts essen oder trinken können. Ich konnte meine eigene Spucke nicht behalten. Ich war nachts vor lauter Erschöpfung auf dem Badezimmerboden eingeschlafen, einmal hatte ich dem starken Würgedruck nicht standhalten können und lag in meinem eigenen Urin. Nun ja, mein Mann brachte mich nicht ins Krankenhaus. Das hätte er getan, für Infusionen oder damit man mich dort behält aber nicht um die Schwangerschaft abzubrechen. Vielleicht weil er sein Glück über meins stellte. Vielleicht aber auch, weil er keine Sekunde an mir zweifelte, dass ich diese Tortur schaffen könnte, dass ich es nicht bereuen würde, dass sich jeder einzige Höllentag am Ende lohnen würde.

Ich blieb zuhause an diesem Tag und suchte weitere 28 Wochen (in der 37. Wochen hörte das Erbrechen plötzlich auf – wieso auch immer…) nach Hilfe, leider völlig erfolglos. Und hier ist, wieso: Google ist nur eine Maschine. Eine emotionslose, programmierte Maschine. Dass ich überhaupt hier nach Rat fragte, als in meinem Umfeld, sagt einiges über mein Umfeld aus. Aus einem riesigen Freundeskreis wurden wenige ausgewählte Menschen, die meine blasse, abgekämpfte Hülle nicht verurteilten und ohne dumme Sprüche wenige Stunden für Gespräche, die nichts mit Schwangerschaft zu tun hatten, aushielten. Aus besten Freunden wurden Menschen, die ich noch heute verachte. Aus Menschen, von denen ich weniger erwartet hätte, wurden meine Begleiter, Seelenverwandten, eben die, die dir den Kotzeimer wieder und wieder sauber machen – und noch einen Witz über haben, um zumindest zu versuchen, dich aufzuheitern. In solchen Kriegen trennt sich die Spreu vom Weizen und in gewisser Weise bin ich heute dafür dankbar. Denn die Menschen, die heute Teil meines Lebens sind, sind Freunde. Punkt. Alle anderen gibt es nicht mehr.

Vielleicht hat es euch selbst getroffen. Dann schreibt uns. Wir lesen und hören zu weil wir verstehen. Schreibt es euch von der Seele. werdet es los. Schreibt eure Wut darüber, wie sehr ihr das Universum hasst, weil ihr einer Hollywood-Schwangerschaft beraubt wurdet, auf. Lasst es raus. Die Hyperemesis wird euch zerfressen, eure Wut nur zusätzlich blockieren.

Wenn es euch nicht getroffen hat: dankt dem Universum für jeden einzelnen Schwangerschaftstag, für Sodbrennen in normalem Rahmen, für Rückenschmerzen, die nerven aber erst spät beginnen und dankt für eine Schwangerschaft, in der ihr euch auf euer Kind, auf das Leben in euch, freuen durftet ohne dabei zu beten, dass es beide überleben und nicht nur einer von euch.

Und wenn ihr jemanden kennt, dem es so geht oder ähnlich: bietet Hilfe an. Und zwar konkrete. Fragt nicht, was ihr tun könnt und ob, sondern tut. Sie braucht euch. Wischt feucht durch, wenn sie sonst nichts will, nähert euch an. Setzt euch dazu, schaut gemeinsam eine Serie oder bleibt einfach 20 Minuten in der Nähe. Keine HG-Frau will Tips zu ihrer seelischen Konstitution, denn wir können alle nichts dafür. Wir wollen jemanden, der Anrufbeantworter spielt, zuhört ohne dazwischen zu quatschen. Das muss man lernen, aber es geht. Lasst sie weinen. Lasst sie schimpfen. Lasst sie davon sprechen, dass sie nicht weiß, ob sie das Baby will, denn sie will es, sonst hätte sie nicht durchgehalten. Seid da. Mehr kann keiner tun.

Zum Abschluss: heute ist mein wunderbarer Sohn 13 Monate alt. Fünf Minuten nach seiner Geburt konnte ich bereits im Kreißsaal Brot MIT Rinde essen, was 40 Wochen vorher nicht ging. Er lag auf meiner Brust und schlief. Dieser kleine Mann hat mich in die Hölle und wieder zurück geschickt und wisst ihr was? Ich würde den Weg wieder gehen und schlimmer. Denn er hat mein Leben schöner gemacht. Bunter. Glücklicher. Mein Mann hatte Recht, es hat sich alles gelohnt. Und wir haben beide überlebt.

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