#HochsensibleMütter - die Interviewreihe

„Alles hatte endlich einen Namen“ – Frühlingskindermama bei #HochsensibleMütter

Heute steht uns die Frühlingskindermama Rede und Antwort und ich kann euch kaum in Worte fassen, wie sehr ich mich darüber freue. Wenn ich daran zurückdenke, wie ich anfing, mich über Hochsensibilität zu informieren, dann fallen mir immer ihre Texte und ihr Blog ein und noch heute verbindet sie die Themen hochsensibles Kind und hochsensible Mutter liebevoll, authentisch und in wichtigen Themen aus dem Leben. Die 42-jährige Zweifachmama begleitet bald ihren großen Sohn in die Schule, nächstes Jahr nämlich wird er sechs. Ihre Tochter ist 3,5 Jahre alt. In ihren ausführlichen und ehrlichen Antworten beschreibt sie heute von der Nähe und gleichzeitigen Distanz zu ihren Kindern und ihrem Alltag, seit sie von ihrer Hochsensibilität bewusst weiß. Vielen Dank für deine Worte!

 

Vorhang auf: Die Frühlingskindermama bei #HochsensibleMütter


 

  1. Du bist hochsensibel. Seit wann weißt du davon? Hast du einen Test gemacht und wenn ja welchen? Und woran bemerkst du deine eigene Hochsensibilität am Deutlichsten?

Ich weiß seit ca. 3 ½ Jahren davon. Im Frühjahr 2013 bin ich auf dem Blog von Pia Drießen (damals Mamamiez) auf die Berichte über ihre eigene und die Hochsensibilität ihres ältesten Sohnes gestoßen. Sowohl mich als auch meinen Großen erkannte ich sofort darin. Es war, als wäre ein Vorhang gelüftet worden und all das, was ich seit Kindheitstagen fühlte, hatte endlich einen Namen. Ich begann, mich mit dem Thema zu beschäftigen, machte alle verfügbaren Tests, verschlang die damals noch recht spärliche Literatur und wurde mir immer sicherer, vor allem was meine eigene Hochsensibilität angeht. Ich bin, was die Tests angeht, nicht extrem hochsensibel, habe also nie die höchste Punktezahl, erkenne mich aber in der Literatur zum Thema außerordentlich wieder. Und vor allem verstehe ich endlich, warum mir das Muttersein so schwer fiel und manchmal noch schwer fällt.

 

  1. Hochsensible Mütter schwanken, so Brigitte Schorr, eine Expertin auf dem Gebiet, besonders häufig zwischen Langeweile allein mit dem Kind und Überforderung im Alltag, ständig gepaart mit schlechtem Gewissen. Kannst du das bestätigen?

Ja, sehr. Diese Ambivalenz charakterisiert mein Leben als Mutter von Anfang an. Ich habe besonders im ersten Babyjahr sehr unter dem Wechsel zwischen intellektueller Unterforderung, gepaart mit Einsamkeit und Langeweile, und emotionaler Überforderung, gepaart mit Überreizung gelitten. Besser wurde es erst, als die Kinder in Fremdbetreuung waren und ich wieder arbeitete. Hätte ich aus irgendwelchen Gründen mit meinen Kindern über mehrere Jahre zuhause bleiben müssen, wäre ich kaputtgegangen. Das hätte ich vorher nie für möglich gehalten. Ein schlechtes Gewissen hatte und habe ich vor allem dann, wenn ich etwas für mich mache, also mir Auszeiten nehme, die mit einem Abstand von meinen Kindern verbunden sind. Denn gleichzeitig bin ich ja lange Zeit ihre wichtigste Bindungsperson gewesen, sowohl körperlich als auch emotional, und nun, wo die enge körperliche Bindung deutlich weniger geworden ist, bin ich immer noch ihr sicherer Hafen, wo sie sich emotional fallenlassen können. Wenn ich nicht verfügbar für sie bin, habe ich selbst immer das Gefühl, sie werden nicht genug seelisch „getragen“, obwohl die Kinder das sicherlich gar nicht so empfinden. Aber unter anderem deshalb ist das schlechte Gewissen sehr groß, wenn ich etwas für mich mache. Und mein übergroßes Verantwortungsgefühl kollidiert regelmäßig mit meinem ebenso großen Bedürfnis nach Zeit für mich.

 

  1. Als Mutter ist man irgendwie ja auch fremdbestimmt durch das eigene Kind. Empfindest du das auch und wenn ja, an welchem Beispiel besonders? Und wie gehst du damit um?

Die immense Fremdbestimmung durch das Kind war eines der ersten Gefühle, die ich als frisch entbundene Mutter, noch im Krankenhaus empfunden habe. Mein Großer ließ sich nicht ablegen und schlief so gut wie nicht. Er war also immer am Körper, wurde viel herumgetragen und gehalten. Ein Kuschelkind war er aber nicht, er war sehr unruhig und fordernd und so fühlte sich das Herumtragen und Dauerstillen als sehr einschränkend und freiheitsberaubend für mich an. Bei meiner Kleinen war das nicht so extrem der Fall, mit ihr hatte man Pausen und Abstand und vor allem ließ sie sich (meist) leicht zufriedenstellen. Auch die Kleinkindzeit erinnere ich als sehr fremdbestimmt, von morgens bis abends musste man verfügbar sein und hatte nur Ruhe, wenn die Kinder außer Haus waren. Selbst in den Schlafenszeiten meiner Kinder war ich ständig angespannt, weil ich nie wusste, wann und mit welcher Laune sie aufwachen würden und ob ich dann schon erholt genug wäre. Die frühe Fremdbetreuung meiner Kinder war die einzige Möglichkeit, meine stark empfundene Fremdbestimmung etwas zu reduzieren. Mittlerweile sind Schritt für Schritt Freiheiten wiedergekommen und ich genieße und schätze das sehr.

 

  1. Ist deine eigene Mutter oder dein Vater hochsensibel? Erkennst du sie in dir wieder? Was schätzt du an deinem hochsensiblen Elternteil? Und was gar nicht?

Ich glaube nicht. Ich bin sehr anders als meine Herkunftsfamilie und habe mich schon als Kind oft unverstanden und allein gefühlt. Trotzdem habe ich auch heute noch hohe Erwartungen an sie (wie an alle Menschen) und bin regelmäßig enttäuscht, wenn diese nicht erfüllt werden. Meine Eltern sind Meister der Verdrängung, ich dagegen ein Mensch, der den Finger in Wunden legt und viel reflektiert. Reflexion ist für mich ein herausragendes Merkmal von Hochsensibilität. Obwohl ich keine autoritäre Erziehung hatte, gibt es vieles, was ich damals schon, aber besonders aus der Rückschau, als falsch, ungut und unpassend einschätze. Ich möchte meinen Kindern ganz anders begegnen, als sie es taten.

 

  1. Ist dein Kind hochsensibel? Prallt ihr oft aneinander?

Ich vermute sehr stark, dass mein Sohn hochsensibel ist, denn durch die Recherchen wegen seiner Andersartigkeit bin ich überhaupt erst auf das Thema gestoßen. Wir sind uns in einigen Aspekten sehr ähnlich, in denen ich ihn gut verstehe und begleite, in anderen dagegen völlig unterschiedlich. In den gegensätzlichen Charakterausprägungen prallen wir aufeinander, nicht mehr so häufig wie früher, aber dennoch deutlich. Zum Beispiel beeinträchtigt mich sein ständiges Motzen, Meckern und Jammern sehr. Früher in der Autonomiephase hat mich seine enorme Wut sehr getriggert, da ich selbst nie gelernt habe, mit meiner Wut umzugehen. Wir sind aber wirklich außerordentlich stark zusammengewachsen und ich glaube, ich kann ihn wegen meines Verständnisses für seine Hochsensibilität sehr einfühlsam und konstruktiv durch seine Kindheit begleiten.

 

  1. Hast du ein normal-sensibles Kind? Und wenn du sowohl als auch hast: welche Unterschiede zwischen den Kindern und zwischen dir und deinem normal sensiblem Kind machen sich besonders oft bemerkbar?

Meine Tochter ist nach heutigem Stand nicht hochsensibel. Die Unterschiede zu meinem Großen waren von Anfang an deutlich zu erkennen. Ein Baby, was mit den normalen, Eltern zur Verfügung stehenden Mitteln zu beruhigen ist, bringt einen nicht ständig an seine Grenzen und gibt Vertrauen in die eigenen Mamakompetenzen. Ich habe mich mit ihr nie so schrecklich hilflos und überfordert gefühlt wie mit dem Großen. Meine Kleine ist viel ausgeglichener, zufriedener, selbstbewusster und anschmiegsamer als mein Großer, aber auch unvorsichtiger, risikofreudiger und unbedachter. So sehr ich ihre Fröhlichkeit und Quirligkeit liebe, so habe ich durch sie gleichermaßen die Vorsicht und Zurückhaltung des Großen zu schätzen gelernt. Der größte, für uns sehr schwierige Unterschied im Alltag ist, dass man die Kleine sehr schnell und leicht motivieren kann und sie vorgeschlagene bzw. notwendige Dinge meist sehr bereitwillig mitmacht, während der Große sich eigentlich gegen alles sträubt, seien es unerwünschte (Kita) oder schöne (Ausflüge etc.) Dinge. Damit umzugehen ist sehr schwer, bei zwei so gegensätzlichen Kindern. Die Kleine ist insgesamt in vielem sehr viel schneller und selbstständiger, obwohl sie 2 Jahre jünger ist. Der Große braucht immer eine lange Anlaufzeit und selbst diese macht es oft für ihn nicht besser. Das ruft täglich Konflikte im Familienleben hervor.

 

  1. Welches Kind empfindest du als pflegeleichter?

Ich empfinde mein nicht hochsensibles Kind als eindeutig pflegeleichter, das war schon immer so. Das ist keine Wertung, sondern einfach eine Feststellung. Ich habe mal einen Text auf meinem Blog mit dem Titel „Liebe fühlt sich sehr verschieden an“ geschrieben. Dieser Text beschreibt den unterschiedlichen Zugang zu meinen Kindern und stellt heraus, dass die Bindung zu zwei sehr unterschiedlichen Kindern eben auch sehr verschieden ist, aber nicht mehr oder weniger stark. Das ist mir sehr wichtig. Die Kleine ist für uns viel leichter zu händeln als der Große, aber ohne ihn hätte ich nicht das über mich gelernt, was ich nun weiß. Und wodurch ich auch ihn in seiner Entwicklung unterstützen kann.

 

fruehlingskindermama2

 

 

  1. Stressabbau und Selbstregulationsmechanismen: würdest du sagen, du lebst gut mit deiner Hochsensibilität? Welchen Strategien hast du, um dich selbst zu beruhigen und deinen inneren Stress abzubauen?

Bis ich Mutter wurde, habe ich eigentlich gut mit der Hochsensibilität gelebt. Ich wusste, dass manches bei mir nicht geht, dass ich viel Ruhe und Regenerationsmöglichkeiten brauche, und habe mein Leben dementsprechend eingerichtet. Zum Beispiel habe ich immer Teilzeit gearbeitet, ganz bewusst. Deshalb löste die Mutterschaft eine schwere Krise in mir aus, denn dieses achtsame Leben war nun plötzlich nicht mehr möglich. Die Umstände mit dem Schreibaby waren natürlich auch besonders schwer. Ich hatte keinerlei Stressbewältigungsstrategien bzw. konnte in dieser Extremsituation keine anwenden. Durch mein großes Verantwortungsgefühl meinen Kindern gegenüber vernachlässigte ich (zu) lange die Verantwortung, die ich mir selbst gegenüber hatte. Das möchte ich nun, wo die Kinder selbstständiger sind, wieder mehr in den Fokus stellen. Das Wichtigste sind für mich regelmäßige (tägliche) Ruhe- und Auszeiten. Wenn ich diese bekomme, kann ich sehr viel leisten. Wenn nicht, bin ich ein überreiztes, ungeduldiges, gestresstes Nervenbündel. Früher musste niemand darunter leiden. Jetzt habe ich aber zwei Kinder, denen ich geduldig und liebevoll begegnen möchte. Deshalb sind Auszeiten extrem wichtig für mich als Mensch und elementar für mich als Mutter.

 

  1. Welchen Rat würdest du anderen hochsensiblen Müttern geben? Und wenn du Literatur zu dem Thema gelesen hast, möchtest du etwas empfehlen?

Hochsensiblen Müttern, die ähnlich empfinden wie ich, möchte ich ans Herz legen, unbedingt so früh und so oft wie möglich Auszeiten einzufordern, um Kraft zu tanken. Und sich der Faktoren und Mechanismen bewusst zu werden, die zur Überreizung führen. Da ich auf meine Hochsensibilität erst stieß, als ich schon zwei Jahre Mutter war, musste ich völlig unwissend durch diese schwierige Zeit gehen und habe mich ständig gefragt, was denn mit mir los sei. Ich glaube, es wäre sehr viel einfacher für mich gewesen, wenn ich damals schon davon gewusst hätte. Ich hätte mich nicht so zermürbt, hätte nicht so gehadert und hätte mich selbst besser verstanden.

Das Buch „Hochsensible Mütter“ war eine Offenbarung für mich, auch wenn es mir zu wenige praktische Tipps gibt, wie man konkret im Familienalltag mit fordernden Situationen umgehen kann. In diversen Büchern über Hochsensibilität gibt es einzelne Kapitel über hochsensible Eltern, aber das Thema ist noch relativ unerforscht. Hochsensible Eltern empfinden nicht alle gleich, manche gehen total im Zusammensein mit ihren Kindern auf, andere, wie ich, brauchen dringend Freiräume. Ich rate immer dazu, sich einen virtuellen oder realen Menschen zum Austausch zu suchen, denn das Sprechen über Probleme und Verstandenwerden ist sehr wichtig. Besonders für Hochsensible.

 

  1. Ein Ausblick in deine Zukunft: Welche Eigenschaft darf wachsen, was willst du so bewahren wie es ist und woran möchtest du gezielt arbeiten?

Die Mutterschaft hat bei mir einen riesigen Prozess in Gang gesetzt, der mich anfangs völlig überfordert hat. Ich lernte mich völlig neu kennen und musste diese Erkenntnisse mühsam sortieren und anwenden. Die Erkenntnisse über mich selbst dürfen gern weiter wachsen, die Kinder tragen dazu bei. Bewahren möchte ich sowohl mein großes Verständnis, die Empathie für meine Kinder und die Überzeugung ihrer Gleichwürdigkeit. Bewahren möchte ich mir auch die Erinnerungen an das, was ich selbst als Kind gern anders gehabt hätte, um es eben nun anders bei meinen Kindern zu machen. Gezielt arbeiten möchte ich an meinen Stressbewältigungsstrategien und an (noch) mehr Achtsamkeit mit mir selbst. Glücklicherweise spielt mir dabei das Älterwerden der Kinder in die Hände. Und richtiggehend lernen möchte ich, die Zeit mit meinen Kindern bewusst zu genießen. Diese zarten Momente werden immer mehr und das möchte ich gern festhalten.

 


Das bisherige Interview lest ihr hier:

„Die perfekte Balance muss ich noch finden“ – Lela

Follow

Get the latest posts delivered to your mailbox: