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Angst.

„Making the decision to have a child is momentous. It is to decide forever to have your heart go walking around outside your body“

Ich sitze auf dem Balkon der Neugeborenen-Station mit meinem großen Sohn während mein Mann, 2 Ärzte und eine Schwester mein 6 Tage altes Baby im Notfallraum versorgen. Es wird Blut entnommen. Ein Urinbeutel geklebt. Ein Zugang gelegt. Er wird gewogen und sein Flüssigkeitshaushalt überprüft. Er wird gemessen und geschallt. Er liegt unter grellem Licht. Lethargisch. Seit 24 Std nicht mehr wach gewesen. Er hat getrunken, ja. Ich musste ihn wecken. Aber letzte Nacht war er kraftlos und ausgelaugt. Heute morgen dann habe ich das Fieber gemerkt.

Er ist 6 Tage alt.
6 Tage.

Mein großer Sohn will gucken, sagt er. Über das Geländer hinweg. Ich kann ihn nicht heben. Erstens weil ich gerade entbunden habe. Zweitens weil es keinen Muskel im Körper gibt, der nicht zittert. Ich friere bei 28 Grad und Sonnenschein. Ich weine. Er fragt immer wieder „Mama? Mama?“ Er versteht die Welt nicht mehr. „Nass!“ sagt er und streicht mir die Tränen aus dem Gesicht. Er ist 20 Monate alt.

Alt klingt so verbraucht. Als wären 20 Monate wirklich Zeit, die verstrichen ist.

Aber das stimmt nicht. Die Wahrheit ist: meine Söhne brauchen mich so intensiv wie sonst keiner auf der Welt. Klar. Mein Großer kann laufen und sprechen. Er hat ein bombastisches, inniges Verhältnis zu seinem Papa. Er isst und trinkt selbstständig.
Aber er wird nach mir fragen, abends beim Zubettgehen. Er wird morgens nach mir fragen, beim Aufwachen. Er will kuscheln und spielen. Er schlingt seine Ärmchen mit einer naiven Kraft um mich wie ich sie nur von diesem kleinen Menschen kenne. Er sagt „Mama hübss!“ und auch wenn ich weiß, dass er mir nur nach plappert wenn ich sage, dass er mein Hübscher ist, so sagt er es häufiger als mein Mann und jedes Mal ist es wie Verlieben.
Er drückt seinen Kopf an meine Schulter wenn er weint, er lächelt mich an vor Freude, wenn ich ihm wieder ein neues Wort beigebracht habe. Ich empfinde eine Liebe, die ich hier niemals so beschreiben kann, dass es jemand ohne Kinder verstehen könnte. Er ist mein Ein und Alles.

Doch er wird gleich abgeholt, von Oma und Opa. Denn ich werde bleiben müssen. Mein kleines Baby wird an eine Elektrolyt-Infusion geklemmt und an einen Monitor angeschlossen. Der überwacht seinen Puls und seine Sauerstoffsättigung. Mein Mann ist tapfer. Weint nicht. Trägt ihn sanft und schunkelt. Ich kann nicht. Mein Körper ist nicht im Stande. Ich klammere mich an den Großen und schluchze in sein T-Shirt. „Mama?“ fragt er immerzu. Ich soll ihm erklären was passiert. Aber ich verstehe selbst kein Wort. Der kleine hatte erhöhte Temperatur. 37,9. Am Telefon sagte die Hebamme, wir sollten ihn kinderärztlich vorstellen. Als wir in der Ambulanz ankamen, keine Stunde später, war er bei 38,5. Im Notfallraum, wieder 20 Minuten später, bei 39,9. Das Fieber raste hoch. Er ist 6 Tage alt.

Alt klingt so verbraucht. Als wären 6 Tage wirklich Zeit, die verstrichen ist.

Aber das stimmt nicht. Die Wahrheit ist: ich kenne ihn nicht. Wir waren gerade mal 3 Tage Zuhause. Er ist gerade geboren. Seine Atemzüge, sein Verhalten, seine Temperatur… Nichts von alledem kann ich wirklich souverän einschätzen. Er hat 24 Stunden geschlafen. Aber woher sollte ich wissen ob ich nun ein besonders ruhiges Baby oder ein besonders krankes Baby habe? 37,9 – das ist kaum zu fühlen! Es war nur ein Bauchgefühl, das mich hat messen lassen. Nur ein Impuls.
Ich kann ihn nicht einschätzen, nicht fragen, kann ihm seine Stimmung nicht, wie beim Großen, im Gesicht ablesen. Und nun liegt er dort, in diesem Notfallraum und wären ein paar Stunden mehr vergangen, so sagt der Arzt uns später, hätte es überhaupt nicht gut ausgesehen.

Ich kann nicht denken oder atmen, ich starre auf die Felder vor dem Balkon der Kinderstation während der Große sein Auto über den Boden rollt und überlege, was passiert, wenn ich ihn verliere. Einen von ihnen. Den Kleinen, weil er es nicht schafft. Den Großen, weil ich jetzt für den Kleinen da sein muss. Ausschließlich. Ich weiß ich werde den Großen ein paar Tage nicht sehen. Keinen Ausflug in den Wald oder zum Spielplatz machen. Keine wunderschönen Sommertage mit ihm verbringen. Ich vermisse ihn jetzt schon.

Ich weiß, der Kleine braucht mich aber ich bin unfähig ihn zu berühren. Ich habe Angst ihn zu gefährden, habe Angst ihn zu verletzten, habe Angst es zu verschlimmern. Er ist so krank und noch so Jung.

Viel zu klein um krank zu sein.

Ich habe eine Angst, wie ich sie nicht kenne. Vor allem. Vor der Krankheit, davor meinen Großen allein zu lassen oder meinen Kleinen zu verlieren.
Es fühlt sich an, als hätten sie mir das Herz raus gerissen, auf diesen Tisch unter das grelle Licht gelegt, einen Zugang und einen Monitor angeschlossen und die Hülle meines Körpers auf den Balkon gesetzt.

Ein paar Stunden später fällt die Sättigung drastisch ab. Der Zustand verschlechtert sich. Die Schwester kommt ins Zimmer gerannt und legt eine Sauerstoffmaske auf sein Gesicht.
Er bekommt nicht genügend Luft. Er ist zu klein um das allein zu schaffen. Er bekommt Paracetamol, damit das Fieber endlich sinkt. Er bekommt alle 2 Stunden ein Medikament über den Zugang. Er liegt nur da, schläft. Seit über 24 Stunden habe ich die blauen Augen meines Neugeborenen nicht mehr gesehen.
Alles woran ich denken kann, ist sein Lächeln, das ich noch nicht kenne, weil er so klein ist, dass er die Fähigkeit zu Lächeln noch nicht besitzt. Ich weiß es ist irrational aber ich habe Angst, es niemals sehen zu können.

Ich schreibe Nachrichten mit meinen Freundinnen. Mit meiner Familie.
Alle haben Angst, allen tut es leid. Es sind nicht nur Floskeln, diese Menschen äußern ehrliche Anteilnahme. Ich erzähle keinem von der Sorge, mein Kind könnte das nicht überleben, denn ich weiß, dass es irrationaler Blödsinn ist. Aber Angst ist an sich irrational. Ein Gefühl, dass uns eigentlich schützen soll, vor Feinden und Gefahren. Bei dem Adrenalin ausgeschüttet wird, das uns schneller, flinker, aufmerksamer macht und dafür sorgt, dass wir überleben. Jetzt gerade schützt mich diese Angst nicht, sie frisst mich auf.

Ich kenne Angst. Ich habe sie oft gespürt.

Als kleines Mädchen, wenn meine Mutter mich in den verhassten Kindergarten gebracht hat, in der Schule, wenn die älteren Schüler den Weg versperrten, wenn man zum Unterricht im Nebengebäude wollte, als Teenager, wenn man nachts um 1:00 Uhr allein durch die dunkle Nacht nach Hause lief oder später, in der Ausbildung, wenn der Ausbilder oder Chef mich für einen Fehler antanzen ließ und es eine Standpauke gab.

Aber diese Angst hier ist was ganz anderes. In den oben genannten Situationen klopft das Herz, man sieht sich häufiger um, man weint, man spricht mit einem Vertrauten darüber und wenn die Situation um ist, dann ist man stolz und erleichtert und hat etwas daraus gelernt und ist daran gewachsen.
Aber jetzt bin ich gelähmt. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Ich bin überwältigt von dieser Angst, die alles einnimmt. Meinen Atem, meine Gedanken, meinen Bauch, mein Herz. Es ist unbeschreiblich. Die Dinge hören gerade einfach auf. Nichts funktioniert in meinem Kopf. Da sind nur meine Kinder. Das Bild meines Sohnes, wie er auf der Rutsche ist und unter tosendem Gelächter bäuchlings rutscht, wie er „Mamaguckemal!“ ruft und auf mich zu gerannt kommt, wie er tapfer und stolz mit seiner Schaufel auf seinem Dreirad sitzt. Das Bild meines Mini, wie er blau und verschmiert da lag, kurz nach seiner Geburt, wie er auf meiner Brust kuschelte, mit offenen, neugierigen Augen, wie er seither nicht von meiner Seite weichen wollte, wie er weint und mich ruft weil er mich vermisst, wenn ich ihn nur kurz in seinen Stubenwagen legte.

Diese Angst ist überwältigend und ich weiß nicht wie ich damit umgehen soll.

Der Arzt hatte mich aus dem Notfallraum – naja, nicht rausgeschmissen. Er hatte vorgeschlagen, dass ich draußen warte. Mein Mann sei ja da. Ich hatte schluchzend und zitternd auf dem Hocker gesessen und meine Angst und Trauer auf alle übertragen. Der ganze Raum war damit voll.

Nun. Er hatte 5 Tage unseres Lebens in Anspruch genommen, dieser Virus. Danach war Mini wieder gesund und ein völlig normales Neugeborenes. Mein Mann hatte Bärenkräfte entwickelt und einen unglaublichen Spagat zwischen uns im Krankenhaus, dem Großen Zuhause, dem Haushalt mit Kleinkind und der Versorgung unserer zwei (großen) Hunde hingelegt. Mein Großer hatte die Zeit allein mit Papa genossen. Es war vergleichbar mit einer Jungs-WG, mit Nudeln zum Frühstück und Fernsehen am Abend.

Nur ich war nicht mehr dieselbe. Und werde es vermutlich nie mehr sein.

Ich habe Angst vor der Angst, die ich in diesen 5 Tagen kennen gelernt hatte. Sie hatte einen Teil von mir mitgenommen und verschleppt, wohin auch immer.
Ich spürte, dass die sorglose Zeit vorbei war, dass die Zeiten in denen ich dachte „Ach warum nicht? Ist doch halb so wild!“ rum waren, dass ich künftig jeden meiner Mitmenschen vor Eintritt in unser Leben auf Viren untersuchen wollte. Irrational. Diese Angst hatte mich im Griff. Einen Teil von mir einfach aufgefressen.

Es ist nun eine kurze Zeit vergangen, die ich mit 2 gesunden Kindern Zuhause verbringen durfte und ich kann mich an kein vergleichbares Glücksgefühl erinnern. Ich halte im Stundentakt die Hand an Mini’s Stirn und kontrolliere seine Atmung, um sicher zu gehen, dass er kein Fieber hat und schön regelmäßig atmet. Ich messe nicht mehr stündlich Fieber, das ist ein Fortschritt!
Ich erschrecke häufiger, wenn mein mutiger Großer eine waghalsige Aktion startet, wie vom Bett oder Sofa springen oder – in meinen Augen – viel zu schnell rennen.
Ich atme öfter tief durch und zähle bis 10, denn ich wünsche sie mir zurück, diese sorglose erste Zeit mit einem Neugeborenen, in der man Stunden damit verbringt, diesem kleinen Geschöpf beim Schlafen zuzusehen. Ich beobachte meinen Großen, der sorglos, mutig und angstfrei ist und überlege, ob ich es irgendwie schaffen kann, ihm das zu bewahren? Kann er ein Angst- und sorgenfreies Leben führen?

Ja. Denke ich. Wenn er niemals Vater wird vielleicht.

Denn egal wie oft man mit einem Herz, das bis zum Hals schlägt, ins Büro vom Chef muss. Egal, wie oft man nachts allein auf hohen Schuhen durch die Stadt läuft. Egal, wie groß die Angst vor Spinnen und Ohrenkneifern ist – es ist nichts, absolut nichts gegen die Angst um die eigenen Kinder.

Doch im gleichen Moment springt mein Sohn mit Anlauf kopfüber in die Hängematte, die saust nach oben, er windet sich, während sie rasch zurück schwingt, stößt dabei einen markerschütternden Freudenschrei aus und brüllt „Papaaaaaa huuuuuiiiiiii!“, wobei ich aufspringe, mein Puls in einen nicht mehr gesunden Bereich schnellt und mir Tränen in die Augen schießen. Der Große lacht aus voller Kehle. Er ist glücklich und angstfrei und ich weiß, ich kann wieder dahin zurück. Ich kann wieder entspannt neben meinen tobenden Kindern stehen und es zulassen, denn Fallen lernt man nur durch Fallen.

Das wird schwer und viel Zeit in Anspruch nehmen, aber wir kriegen das hin.
Der Große lacht und klatscht und sieht mich in der Tür stehen. „MAMA AUCH!!!“ brüllt er unbeschwert und glücklich.

Ach, warum nicht?! Ist doch halb so wild.

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