Jedes Kind wird schlafen lernen. Von allein.

Annabell’s Sicht: warum „Das Erziehungsexperiment“ sämtliche Grenzen überschritt

„Ich möchte Sie warnen. Schwere Erziehungsprobleme haben keine einfachen Antworten. Kinder sind viel zu wertvoll und ihre Bedürfnisse viel zu wichtig, als dass man sie billigen, seichten Ratschlägen opfern sollte.“

Dr. William Sears – „Schlafen und Wachen“

Meine Eltern sind wahnsinnig tolle Menschen. Meine Mutter ist liebevoll und aufopfernd, sie hat stets alles für ihre Kinder gegeben. Sie ist warmherzig, witzig und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie ist empathisch und großzügig. Sie liebt Tiere und Kinder und ist ein geselliger Mensch mit vielen Freunden. Mein Vater ist Musiker,  kreativ und witzig, er ist weltoffen und charmant. Er ist höflich und besonnen. Meine Kinder lieben sie beide. Ich liebe sie beide.

Und sie vollzogen diverse Schlaflerntrainings mit mir als Kind, denn schlafen konnte ich noch nie gut.

Ich lag stundenlang in meinem dunklen Zimmer, die Tür halb offen, es kam nur ein kleines Licht durch den Spalt herein. Ich erinnere mich, wie ich dort lag und auf den Lichtstrahl blickte, während ich mir Geschichten und Alpträume, Wehwehchen oder andere Lügen ausdachte, nur um sozusagen hochoffiziell nach ihnen rufen zu dürfen. Wieder aufstehen, einfach so rufen, mich in meinem Zimmer beschäftigen – das war alles verboten. Wach bleiben war verboten. Es lief stets gleich ab: die Großen gaben einen Zeitpunkt vor, zu dem ich ins Bett zu gehen hatte. Mein Vater las eine Geschichte, dann verabschiedeten sich beide und das Licht wurde ausgeknipst. Meine Eltern verließen den Raum in freudiger Erwartung eines Abends ohne Kind. Und ich weiß, dass das schon immer so war, auch wenn meine Erinnerung nicht so weit reicht. Diese Dinge wurden in den letzten Jahren häufig besprochen. Nicht zuletzt, weil ich sie aufarbeiten musste.

Als Baby und später als Kleinkind brüllte ich. Ich stand wieder auf. Ich rief und weinte. Meine Eltern schaukelten mich, trösteten mich, hielten mich. Anfangs. Doch irgendwann waren sie müde. Sie waren erschöpft. Und sie hörten Stimmen von außen, von Eltern, die ab 19 Uhr ihre Ruhe hatten und letztendlich von Ärzten, die der Meinung waren, das bisschen Schlaf würde mir niemals reichen. Der einzige Vorwurf, den ich meinen Eltern heute mache, ist, dass sie sich davon nicht früh genug abgrenzen konnten. Sie glaubten die Lügen, ich täte all das nur, um sie wahnsinnig zu machen. Sie glaubten den Meinungen anderer, ab wann so ein Kind denn nun zu schlafen habe und sie glaubten den selbsternannten Experten und ihren schlechten Tipps.

Und sie ließen mich weinen. Ich erfuhr als Kind eine Zeit lang ein Elternpaar, das mir abends nicht liebevoll zugewandt war. Dass sich nicht die Zeit und die Liebe und die Geduld nahm, um mich in den Schlaf zu begleiten. Das nicht nach Biorhythmus, Bedürfnissen und eigenem Tempo ging, sondern sich der Überzeugung der anderen annahm. Ich erinnere mich an sehr lange, sehr traurige, sehr dunkle Nächte. An Orientierungslosigkeit, an Angst. Ich erinnere mich an Belohnungssysteme und Strafen, Verbote, Ignoranz. Ich erinnere mich an mein Flehen und Betteln, einfach neben meiner strickenden, fern sehenden Mutter sitzen und nichts tun zu dürfen und der Antwort: „Nein. Geh ins Bett.“

Allein. Ins Dunkle.

 

Dunkelheit
Dunkelheit

 

Die Geister, die ich rief.

Es mag ja sein, dass die Macher der RTL-Sendung „Das Erziehungsexperiment“ gute Absichten hatten. Vielleicht wollten sie, dass Eltern, bei denen sonst nichts klappt, endlich mal auf echte Experten treffen, die ihnen zeigen, wie das mit ihren Kindern und dem abendlichen Einschlaftheater jetzt funktioniert. Es mag sein, dass es den Familien geholfen hat. Ich zweifle ja gar nicht am Erfolg von „Jedes Kind kann schlafen lernen“. Nein, natürlich haben derartige Methoden Erfolg. Natürlich hat Erziehung Erfolg. Natürlich hilft das. Es half auch meinen Eltern! Irgendwann hatte ich genug Gewalt, Strafe und Wut erlebt, um zu resignieren. Und ich erinnere mich gut daran, wie oft ich, als ich die Uhr lesen konnte, tagsüber gehofft habe, es mögen noch Stunden sein, bis es dunkel würde und nachts hingegen immer wieder zählte, wie lang ich nun noch wach liegen und die Wand anstarren müsste, bis ich endlich würde aufstehen dürfen. Ja, es funktioniert. Und das macht es so gefährlich.

Die Sendung „Das Erziehungsexperiment“ hat für mich jede gute Absicht, die sie gehabt haben mag, in jeder Hinsicht verfehlt. Und noch dazu rief es alle Geister, die ich irgendwo tief in mir eingesperrt hatte, wieder auf den Plan. Für alle, die dem Spektakel nicht beiwohnten: eines der Hauptthemen war Schlafen. Wir lernten drei Familien kennen, in denen das abendliche Einschlafen eine wahre Tortur war. Zunächst waren da Zwillinge, die Stunden brauchten, um in den Schlaf zu finden, dann zwei Brüder, die das Sofa vorm Zubettgehen noch zur Sportarena umfunktionierten und: Annabell. Ein vielleicht zweijähriges Mädchen, das abends nicht schlafen kann. Wir sehen immer wieder Einspieler, wie sie in ihrem Gitterbettchen steht, sich an den Stäben festkrallt, die Augen weit aufgerissen. Sie schreit, sie schwitzt und über ihr Gesicht laufen dicke Tränen der Verzweiflung. Sie hat Angst, sie brüllt nach ihrer Mutter, die am Bett steht, die da ist, die sie auch mal streichelt. Die auf einer Matratze vor dem Bett liegt. Die sie nicht rausnimmt, aus dem Gitterbett. Nicht einmal.

 

Aus der Sicht eines kleinen Mädchens.

Ich sehe in das Gesicht der nach Luft japsenden kleinen Annabell und will nichts anderes, als durch den Fernseher in ihr Zimmer steigen, sie aus ihrem Bettchen nehmen und ihr sagen, dass alle um sie herum völlig durchgedreht sein müssen, sie in einer solch massiven Härte, vor laufenden Kameras und Publikum, brüllen zu lassen. Nach nichts anderem als der liebevollen Zuwendung ihrer Mutter.

Auch meine Eltern sehen abends fern, taten es auch damals und hätten sie eine Sendung wie „Das Erziehungsexperiment“ damals gesehen, in dem ein Experte der Mutter über Funk, per Knopf im Ohr, rät, das Zimmer zu verlassen, während ihre Tochter um ihr Leben brüllt – vielleicht hätten sie es versucht. Nicht weil sie dumm sind oder mich nicht liebten. Sondern aus Verzweiflung, Müdigkeit und dem Wunsch, einen Abend ohne ihre Tochter zu sein – die übrigens heute, erwachsen und selbst Mutter zweier Kinder, immer noch ganz locker mit nur 5 Stunden Schlaf pro Nacht auskommt. Sie hätten es probiert, so wie sie es probiert haben, aber ich sage euch was:

Das Mädchen, dass ich war, das damals in ihrem Zimmer geweint und geschrien hat – das gibt es noch. Ich sehe und spüre sie täglich. Immer, wenn eins meiner Kinder schreit und ich es schwer ertragen kann. Wenn ich meine Söhne lieber anbrüllen würde, als sie zu trösten, weil ich dieses anerzogene Muster nur so schwer loswerde und mich mit aller Kraft gegen diesen Impuls wehren muss. Wenn sie sich gegenseitig wecken, so wie die Zwillinge im „Experiment“ und ich lieber den Raum verlasse, als sie anzuschnauzen. An jedem verdammten Tag, an dem ich mit meinem inneren Kind konfrontiert werde, an dem meine innere Stimme laut wird und ihr Recht einfordert, gehört zu werden. So wie die kleine Annabell.

Das Erziehungsexperiment ist für mich so dermaßen über jedes Ziel hinaus geschossen, dass ich beim Tippen dieser Zeilen zittere. Es wurden Rechte verletzt, Grenzen missbraucht, Bedürfnisse nicht gehört, gesehen, ignoriert – der guten Quoten wegen.

„[…]Und ich stellte mir die Frage: „Wird diese Methode den Bedürfnissen eines Kindes gerecht? Stärke ich so ihr Vertrauen in die Welt? Verstehe ich dieses Handeln als liebevolle Erziehung?“ Die Antwort fiel mir leicht: Nein! Jeder, der mir diesen Rat gab, lag absolut falsch. Ich war überzeugt, dass dies ein allzu simpler, ja brutaler Umgang mit einem menschlichen Wesen ist. Ein Baby durch diesen Schmerz gehen zu lassen, bis es resigniert einschläft, ist in meinen Augen herzlos und unvorstellbar.“

Elizabeth Pantley – „Schlafen statt Schreien“

 

Jedes Kind wird schlafen lernen. Von allein.
Jedes Kind wird schlafen lernen. Von allein.

 

Eines Tages wird Annabell erwachsen sein.

Sie wird vielleicht Kinder haben. Wenn ihre Kinder Glück haben, dann nimmt sie ihr inneres Kind in den Arm und sagt ihm, dass es gut ist, so wie es ist. Dann akzeptiert sie seine Schwächen, so wie seine Stärken. Dann sucht sie klärende Gespräche mit ihren Eltern und verzeiht, weil sie versteht, dass auch ihre Eltern innere Kinder und innere Stimmen haben und fehlbar sind. Kein Mensch ist perfekt. Wir alle machen Fehler! Und wir alle können lernen zu verzeihen. Doch wie ein Jeder mit seinen Fehlern umgeht, ist noch viel wichtiger! Vielleicht nimmt Annabell eines Tages ihren ganzen Mut zusammen und geht einen ganz anderen Weg. Vielleicht lässt sie ihre Kinder im großen Familienbett schlafen und vielleicht trägt sie sie stundenlang umher, bis sie in den Schlaf finden. Und vielleicht kompensiert Annabell all ihre Probleme und Hindernisse in einem Blog, über den sie mit anderen kommuniziert, denen es ähnlich ging oder geht und gibt Tipps und Inspiration, wie man mit Kindern lebt und schläft, ohne ihre Grundbedürfnisse mit Füßen zu treten.

Vielleicht wird Annabell eines Tages wie ich. Aber was ist wenn nicht? Dann wird Annabell Mutter und sie wird ihre Kinder schreien lassen, damit sie schlafen. Und sie wird sagen, dass das ja schließlich das Einzige sei, was klappt und dass es ihr ja auch nicht geschadet habe. Und ich möchte mich zur kleinen Annabell beugen und ihr sagen, dass ihre Wahrnehmung richtig ist. Dass ihr keiner etwas tun darf. Dass große Menschen für kleine Menschen da sein müssen. Dass sie nichts falsches tut, dass ihre Reaktion gerechtfertigt ist. Und dass ihr Leid angetan wurde. Leid, dass heilen muss.

 

„Vieles hat schon „funktioniert“ (Ohrfeigen etwa) – und ist doch nicht der richtige Weg gewesen. Zum Beispiel deshalb nicht, weil Kinder dadurch entwürdigt oder seelisch gequält werden. Ich wundere mich jedenfalls, dass das Thema „Kinderrechte“ bei der Bewertung von Schlaftrainingsprogrammen bisher keine Rolle spielt.“

Herbert Renz-Polster – „Menschenkinder“

Der Mutter der kleinen Annabell, die nicht nur im übertragenen Sinne, sondern sogar wörtlich nach ihrer Mama brüllte, wurde nicht empfohlen, ihr Kind bei sich schlafen zu lassen. Und auch nicht, sie im Tragetuch eine Weile auf und ab zu schleppen. Nicht mal Trösten, Kuscheln, eine Federwiege oder Hängematte. Es wurde ja nicht mal versucht! Jeder Vorschlag, der tatsächlich zu einer stabilen Mutter-Kind-Bindung hätte führen können, würde in eine ganz andere Richtung gehen. Mir fehlte die Privatsphäre der offensichtlich unter dieser Situation leidenden Familie, ein behutsamer und achtsamer Blick auf das, was da tatsächlich gerade geschah. Stattdessen ein Fingerzeig auf die alleinerziehende Mutter, die ja nun mal augenscheinlich zu blöd sein musste, was ich bezweifle. Ich halte es für wahrscheinlicher, dass auch ihr es als Kind nicht anders ging, dass auch sie sich nicht aus dem Teufelskreis losreißen und ihrer – und Annabells! – Intuition folgen konnte.

Nein, es wurde aus Schlaf gemacht, was es nicht ist: ein Fall für knallharte, konsequente Erziehung. Die Mutter verlässt – natürlich gesteuert durch Ratschläge der im Studio sitzenden „Expertin“ – kurz den Raum, Annabells letzte Urvertrauen-Ressourcen ebenso. Sie schreit und weint und brüllt, so sehr, dass ich den Fernseher ausschalten muss.

Einen Gedanken kann ich bis jetzt nicht ablegen, auch wenn die – in meinen Augen absolut menschenunwürdige – Sendung nun schon Tage her ist: was wird Annabell wohl denken, was wird sie davon halten, wie wird sie sich fühlen, wenn sie diese Bilder eines Tages selbst sieht? Bilder und Aufnahmen, zu denen sie keine Zustimmung gegeben hat? Die sie in einer so schutzlosen Situation schamlos filmen?

Ich jedenfalls behalte die Bilder an meine schlaflosen Nächte als Kind im Kopf. Vermutlich für immer und das reicht mir. Ich danke meinem Universum, dass es davon nicht auch noch reißerische TV-Aufzeichnungen gibt.

 

Der Fernseher ist aus. Doch Annabell weint vermutlich noch immer.

Ich wünsche mir keine Fortsetzung. Nicht für Annabell – nicht für mich. Sondern viel mehr ein Durchbrechen eines generationenübergreifenden, hausgemachten Teufelskreises, der unsere Gesellschaft schon viel zu lange belastet. Keiner möchte nun von mir hören, dass Annabell doch nur in ein Tragetuch, nur auf den Arm ihrer Mutter, nur in ihr Bett gehört hätte. So einfach, rufen dann die Experten, ist es ja nun auch nicht, auch wenn es bei diiiiiir funktioniert. Aber was, wenn doch? Wenn es einen Versuch wert gewesen wäre? Wenn einige Monate im Elternbett, auf dem Arm der Mutter, das Leben dieses Mädchens entscheidend verändert hätten?

 

„Wo Bedürfnisse gestillt werden, entsteht nicht Trägheit, sondern Freiheit. Bedürfnisse werden übermächtig, wenn sie nicht gestillt werden. Kinder wollen satt werden, ja. Aber überfüttert werden wollen sie nicht. Wenn es um Nähe geht, beginnen die Probleme vielmehr dort, wo Kinder nicht satt werden dürfen. […] Die Erfahrung von „Bindung“ – also das Leben in verlässlichen, bedeutsamen und feinfühligen Beziehungen – macht Kinder frei.“

Herbert Renz-Polster – „Menschenkinder“

Bubba Ray, 34 Monate, sitzt neben mir. Er sagt: „Vielleicht will das Mädchen einfach zu seiner Mama.“ Und fügt hinzu: „Vielleicht will sie einfach nicht alleine schlafen.“

 

Familienbett. Hippie-Quatsch. Oder einen Versuch wert?
Familienbett. Hippie-Quatsch. Oder einen Versuch wert?

 

Ich streichle seinen Kopf. Er wird – wie jeden Abend seit seiner Geburt – bei uns, an uns, mit uns einschlafen. Wir sind nicht perfekt, absolut nicht. Wir hatten auch zu Beginn unserer Eltern-Karriere die ein oder andere Phase, in der wir sämtliche Tipps aller möglichen Ratgeber probiert haben, damit er endlich schläft. Und dann sind wir an unseren Fehlern gewachsen. RTL, vermeintliche Experten, Ratgeber – die können die Leute alle meinetwegen da „abholen wo sie stehen“. Viel wichtiger ist doch der Weg, den sie ab dann gehen, den sie gehen, wenn sie sie abgeholt haben. Und immer, ausnahmslos, sollte das ein bindungsorientierter sein. Einer, der dem Kind zeigt, dass es nicht einschlafen muss, wenn es das nicht kann. Dass es okay ist, wie es ist. Und dass Eltern Schwäche, Erschöpfung und Grenzen haben dürfen, mit denen man leben und Kompromisse finden muss, die niemandes Schmerz, Leid und Trauer bedeutet. Das, liebes RTL, wäre ein sehenswertes Experiment.  Leider bietet ein bindungsorientierter Ansatz nicht vergleichsweise gute Einschaltquoten. Ist ja schließlich totaler Hippie-Quatsch. Tränen und Geschrei, tyrannisierende Kinder und Eltern mit speziellen soziokulturellen Hintergründen – die schon.

 

Die Menschen außerhalb unserer Blase

Meine Eltern würden heute nie mehr tun, was sie taten, das haben wir geklärt. Meine Eltern sind großartige, uns liebevoll zugewandte Menschen, die einen anderen Weg hätten gehen können, wenn sie einen anderen Einfluss gehabt hätten. Oder einen, von dem sie sich abgegrenzt hätten, so wie ich es – sicherlich auch zum Selbstschutz- heute glücklicherweise gelernt habe zu tun. Irgendwann, eines Tages, besuchten meine Eltern mit mir einen Kinderpsychologen. Dort gab es zunächst ein Gespräch mit meinen Eltern, dem Therapeuten und mir. Dann sollte ich ein Bild malen und anschließend noch allein mit ihm sprechen. Ich weiß nicht, wie alt ich war. Vielleicht acht oder neun. Nach einer Stunde zitierte er meine Eltern in sein Behandlungszimmer und erklärte ihnen, dass ich ein ganz normales kleines Mädchen bin. Dass mit mir alles völlig normal sei. Und ich weiß noch ganz genau, wer meine Mutter daraufhin wurde. Es war, als streife sie ein viel zu enges Korsett endlich ab. Es war ein Befreiungsschlag. Sie grenzte sich ab und mein Vater auch. Ab diesem Tag gab es Stimmen von außen noch, aber es hörte niemand mehr darauf! Ich weiß nicht, was genau der Mensch zu ihr gesagt hatte und wieso es so wichtig gewesen war, aber – ja – er hat sie dort abgeholt, wo sie stand. Und meine Mutter hat etwas GUTES daraus gemacht. Nach diesem „Abholen“. Sie ist an ihren Fehlern gewachsen und es war nicht zu spät. Menschen machen Fehler, sie dürfen Fehler machen. Der Mensch wächst an Fehlern. Ich bin ihnen heute nicht böse, nicht deshalb. Sie haben sich geändert und ich schlief bis ich 10 wurde bei ihnen. Ich bin stolz darauf und sie auch. Denn eines Tages, da schlief ich einfach eine Nacht in meinem Bett durch und von da an immer wieder. Es war ein wahnsinnig toller Erfolg und wir erinnern uns heute alle gern daran. Wir haben es nach vielen Jahren der Tortur geschafft. Als Familie.

Meine eigenen Eltern – das sind Menschen, die völlig außerhalb meiner Blase leben. Ich wurde nicht Langzeitgestillt, so wie meine Kinder heute. Ich lag im Kinderwagen, maximal in der Babybjörn (nach vorne schauend – Klassiker), sollte allein schlafen und ging in den Kindergarten. Ich mache es fast komplett anders als sie damals. Aber nicht WEIL sie so waren, sondern trotz dessen. Weil grundsätzliche, bedingungslose Liebe vorhanden war und vor diesem Hintergrund hält man Fehler aus, denke ich. Was ich sagen will ist: ich kenne Menschen außerhalb meiner Blase. Viele sogar! Ich bin hier die einzige, die ihre Kinder nicht erzieht, falle in jeder Krabbelgruppe als der Alien-Öko auf, die Kinder der Mütter aus dem Geburtsvorbereitungskurs gehen alle schon in die Kita. Meine Blase ist auch die Realität außerhalb dieses Blogs. Ich sehe sie, ich verstehe sie, ich „hole sie ab, wo sie stehen“. Wenn das der Fernseher war, am Mittwochabend – okay. Doch der Weg, der vorgeschlagen wurde, den werde ich weiterhin anzweifeln, bekämpfen und verurteilen. Ganz gleich ob es sich um Menschen außerhalb meiner Blase handelt oder nicht. Um die geht es mir nicht. Mir geht es nur um ihre Kinder.

„Wenn das Alleinschlafen ein Motor für die Selbständigkeitsentwicklung wäre – wie bitte schön sind dann die Kinder in der menschlichen Geschichte selbstständig geworden, in der sie nah bei ihren schützenden Erwachsenen schlafen mussten, allein schon deshalb, weil sie sonst den nächsten Tag nicht erlebt hätten?“

Herbert Renz-Polster – „Menschenkinder“

 

Eine andere Perspektive anzunehmen, führt Menschen zusammen.
Eine andere Perspektive anzunehmen, führt Menschen zusammen.

 

Die andere Perspektive

Ich habe meinen Frieden gemacht und ich wünsche mir für Annabell und ihre Mutter, dass auch ihnen es (eines Tages) so geht. Ich hoffe, dass dieses „Experiment“, so grausam ich es fand, vielleicht ihr Schlüssel war, denn ich wünsche mir für das kleine Mädchen nichts weiter als ein Ende. Einen Knick in ihrer Geschichte. Alle, die mir in den letzten Tagen rieten, die Menschen außerhalb meiner Blase zu sehen und sie (entschuldigt, dass ich die Phrase so oft bemühe, aber ich hörte sie oft) eben dort „abzuholen wo sie stehen“, denen möchte ich sagen: Ihr habt ja Recht! Eltern dürfen unperfekt sein. Ich selbst bin es auch, will es sogar sein.

Doch wenn es euch so leicht fällt, euch in die Perspektive jener Eltern zu versetzen, dann nehmt euch einen Augenblick. Atmet tief durch, schließt die Augen. Und dann stellt euch vor, dass ihr es seid. Dort in dem Gitterbett. Dass ihr die Stäbe nicht selbst öffnen und nicht weglaufen könnt. Dass vor euch Menschen stehen, die doppelt so groß und dreimal so stark sind. Dass jemand eine Kamera drauf hält, während ihr diffuse, irrationale Ängste habt und keine Lebenserfahrung, mit diesen umzugehen.

Was würdet ihr euch wünschen?

 

 

 

 

Bilder: Pixabay.de , Shutterstock.com, ÖkoHippieRabenmütter

Follow

Get the latest posts delivered to your mailbox: