Bereicherung statt Verzicht: Familienleben ohne klassische Erziehung

Bereicherung statt Verzicht: Familienleben ohne klassische Erziehung

Hier auf dem Blog habe ich ja nun schon einige Male kurze gedankliche Exkurse in die Welt unserer Familie, die weitestgehend versucht ohne klassische Erziehung auszukommen, gemacht. Seither werde ich häufig gefragt, warum wir uns für diesen „unerzogenen“ Weg entschieden haben und vor allem auch, wie das „aussieht“.

Warum denn keine Erziehung?

Das „Warum“ ist schnell erzählt: Bubba Ray erwies sich eigentlich ab Tag 1 als sehr kompetentes Kind mit ziemlich klaren Vorstellungen davon, wie die Dinge laufen sollten und reagierte eher beleidigt auf Erziehung. „Trotzig“, würde nun vielleicht der ein oder andere es nennen, aber das war es nicht. Wenn ich Bubba Ray dabei beobachtete, wie er uns den Breilöffel aus der Hand schlug, wie er einfach auf keinen unserer Versuche, im eigenen Bett, zu einer gesitteten Uhrzeit oder ÜBERHAUPT MAL einzuschlafen, reagierte, wie ihm vermeintliche Kleinigkeiten sehr früh sehr wichtig wurden und ein Übergehen oder nicht respektieren ihn zur Weißglut trieben, da stieg in mir eine Erinnerung an ein Gefühl auf, das ich als Kind und noch mehr als Jugendliche hatte. Ich hatte es bei meinen Eltern gespürt, aber noch viel stärker bei den Lehrern. Und auch bei allen anderen „Autoritätspersonen“ in meinem Leben: dieses Gefühl, jemand erwarte etwas von mir, das ich nicht im Stande sein könnte, zu erfüllen. Ich erinnere mich auch, wie diese Emotion, der Druck einer Erwartungshaltung anderer, zu einem inneren sich-abwenden und anders-entwickeln-wollen führte. Und ich erinnere mich, wie mich der Vorwurf, bockig oder trotzig zu sein, tief traf und wütend machte, denn es kann sehr frustrierend sein, einfach nur der sein zu wollen, der man eben ist, sich von Fesseln und Ketten befreien zu wollen und dafür einen weiteren Stempel, negativ behaftet, Augenrollen und den ausgestreckten Zeigefinger zu ernten.

Vielleicht waren es die Umstände, denn es war mir eben nicht so wichtig, Bubba Ray den Brei einzuflößen, dass ich auf Teufel komm raus und zur Not mit erzieherischen Maßnahmen dafür gesorgt hätte, dass er den Brei aß („Ein Löffelchen für Papa“, „Suuuuuuupaaaaaaa machst du das“ oder ähnliches). Wir kochten keinen Brei mehr und ließen ihn mitessen, wir ließen ihn bei uns schlafen. Wir übten uns in Rücksichtnahme auf seine – in unseren Augen mehr als detailverliebte, kleinliche – Art, die Reihenfolge der Müsli-Zutaten als genau so wichtig zu empfinden, wie die Reihenfolge, in der die Schuhe angezogen wurden oder die Wahl seiner Kleidung (mit 18 Monaten). Wir ließen uns treiben und gewöhnten uns ab, in seinem Verhalten eine Adressierung an uns zu lesen á la „Das Kind will uns schon wieder vorschreiben, welchen Schuh wir zuerst anziehen, jetzt ist aber gut!“ Er wählte seine Kleidung morgens selbst aus, er zeigte auf den Schuh, der zuerst dran war, er mischte sein Müsli selbst und ging etwas daneben, dann wischten wir es zusammen weg. Ich übte mich darin, meine anerzogenen Verhaltensmuster zu Ordnungsliebe und Reihenfolgen abzulegen und er fand es bald schon selbst irgendwie egal, ob wir nun den linken oder den rechten zuerst anzogen. Der Grund, es von ganz allein egal zu finden, war nicht, weil wir uns nun häufig genug gestritten und ich ihm häufig genug gesagt hatte, dass er sich nicht so haben sollte, oder dass mir das alles zu lang dauerte oder wir dann eben Zuhause bleiben würden, wenn er nicht seine Schuhe ohne Theater anziehen würde. Sondern seine Erfahrung! Er hatte 12 Mal links zuerst angezogen und dann 12 Mal rechts. Und danach vielleicht 24 Mal links und 24 Mal rechts. Und irgendwann festgestellt, dass es nun mal wirklich keinen Unterschied machte, welcher Schuh den Fuß zuerst kleidete.

 

Bereicherung statt Verzicht: Familienleben ohne klassische Erziehung
…oder halt keiner. Barfuß geht schließlich auch.

 

Ähnliches beobachtete ich bei der Kleidung. Das morgendliche Streiten um die richtige Kleiderwahl legte sich eigentlich erst kurz nach der Geburt von D-Von. Nach unserem Krankenhausaufenthalt, in der eine Woche lang der Papa sich allein um Bubba Ray gekümmert hatte, beobachtete ich eines Morgens das Anzieh-Ritual und stellte fest, dass DAS keine Basis für die Zukunft sein würde. Es war nicht laut, es gab auch kein Geschrei, aber Bubba signalisierte in aller Deutlichkeit, dass es so für ihn nicht funktionierte. Er rannte weg, versteckte sich, drehte den Kopf weg, schmiss das Shirt weg und so weiter. Wir wissen heute, dass sehr viele Kleidungsstücke ihm einfach Unbehagen machen, weil sie zu eng sind, am Hals drücken, die Pflegehinweis-Schilder kratzen oder er sie als zu warm oder zu kalt empfindet. Wir entschieden also, ihn auch das selbst aussuchen zu lassen. Ich ließ ihn ab sofort morgens auf die Dinge zeigen, die er tragen wollte. Seither – soll heißen: seit fast zwei Jahren – hatte er grundsätzlich immer saubere, passende und vor allem für das Wetter probate Kleidung an. Ich kann nicht davon berichten, dass er im Winter Sandalen tragen wollte. Oder im Hochsommer den Schneeanzug. Ich denke, dass das zwei Gründe hat: zum Einen wählt er hier alles Mögliche frei aus (Kleidung, Essen, Getränke, Spielsachen, Bücher…) – allerdings eben aus dem Angebot, das ICH ihm mache. Und das ist für mich einer der entscheidende Kernpunkte beim Verzicht auf Erziehung.

 

Aus Angeboten wählen

Genauso, wie es erziehende Eltern vermutlich nervt, dass ihnen der Vorwurf der Gewalt gemacht wird, so nervt es mich, dass „unerzogen“-Eltern ständig unterstellt wird, unsere Kinder dürften hier den ganzen Tag alles und zwar ohne Rücksicht auf alles. Dem ist nicht so. Meine Kinder dürfen fernsehen, sie dürfen Süßigkeiten und ihre Zeit einteilen. Aus dem Angebot, das ich ihnen mache. Das soll nicht heißen, dass hier Dinge unter Verschluss oder Verbot stehen – ganz im Gegenteil! Um ihnen nichts verbieten oder reglementieren zu müssen, ist das Angebot, dass sie hier vorfinden, grundsätzlich

  • gesund
  • nicht schädlich
  • ohne Verletzungsgefahr
  • zumutbar

Die Süßigkeitenschublade ist für Bubba Ray erreichbar und leicht zu öffnen, nicht aber für D-Von, der ohne Backenzähne noch nicht alles kauen kann. Wünscht sich Bubba Ray fern zu sehen, dann biete ich ihm kurze Serien an, die ich selber vorher geschaut habe, die keinen schädlichen Inhalt haben, ihn nicht überfordern und überreizen. Und in den Kleiderschränken liegen im Sommer die Sommersachen und im Winter die Wintersachen. So, wie es einen Wochenplan gibt, auf dem er genau sehen kann, welche Aktivität ansteht, lernt er anhand des Angebotes ganz genau, was unsere Werte sind, was wir uns als Familie zutrauen und selbst solche Dinge wie die Jahreszeiten. All das tue ich nicht, weil ich einen genauen Erziehungsplan oder gar Ziele hätte, sondern weil für mich ganz selbstverständlich ist, meinen Sohn nicht an einer Nuss ersticken zu lassen, wenn ich weiß, dass er sie nicht kauen kann. Und diese Dinge sind nicht starr; findet ein Kind ein T-Shirt, das es unbedingt anziehen möchte, das aber viel zu kalt ist, dann zieht es das an. Genau wie ich jeden Morgen die Mütze und den Schal in die Tasche schmeiße, die Bubba partout nicht anziehen mag. „Für später“, sage ich dann, „nur falls dir kalt wird“. Er nimmt es manchmal an – und manchmal nicht.

„Muss er denn keinen Schal ummachen?“, fragt mich meine Mutter und ich antworte: „Nein, muss er nicht. Die Kinder sind sowieso alle 4 Wochen krank. Mit oder ohne Schal und Mütze“. #isdochwahr

 

 

Selbstbestimmung fördert auch die eigene Wahrnehmung

Der zweite Grund für seine kompetente Auswahl der Kleidung und Lebensmittel ist seine Wahrnehmung, dass hier wirklich keine Verbote und Bestrafungen drohen, wenn er diese Entscheidung für sich selbst übernimmt. Er hat sehr früh gelernt, dass er ein ernsthaftes Mitspracherecht hat und orientiert sich zum Beispiel auch bei seinen Entscheidungen der Aktivitäten daran. Abends tobt er sich einige Minuten mit Rennen und Springen aus, bevor wir ihn bettfertig machen und er anschließend nur noch Bücher schauen oder Geschichten erzählen will. Er nimmt sich Süßigkeiten, aber immer nur seine kleine Hand voll und greift eher zu den Himbeeren oder aktuell den Mandarinen. Wenn die Sonne draußen scheint, wird er in 9 von 10 Fällen den Weg in den Garten seiner Fernsehserie vorziehen.

In Fall 10 leidet er an unerfüllten Bedürfnissen, ist krank oder totmüde. Ihn plagt etwas, er fühlt sich nicht wohl, will das Haus nicht verlassen. Wenn an dieser Stelle unsere Bedürfnisse kollidieren, was nicht unüblich ist (ich will bspw. in den Garten, „muss“ aber nun für ihn verzichten), dann gehe ich in mich und frage mich, ob die Situation wirklich ein „Nein“ oder ein Einfordern seiner Kooperation wert ist.

 

Von Kooperation und Belastbarkeitsgrenzen

Wenn man eine normale Woche durchgeht, in der Eltern arbeiten gehen, das Kind in die Betreuung, Verpflichtungen und Aufgaben anfallen und erledigt werden müssen, es Geschwister und vielleicht Haustiere gibt, man also als Erwachsener alle Hände voll zu tun hat, sind die eigenen Speicher am Ende einer Woche oft leer – zumindest ist das bei mir so. Es bedeutet auch, dass ich für die Aufgaben, die ich nun mal erledige, meistens zwei Kleinkinder mit“schleppen“ muss. Das ist anstrengend und kraftraubend und nervt meistens noch dazu, da man praktisch nichts in Ruhe und konzentriert erledigen kann. Doch wenn man genauer hinsieht heißt es auch, dass da zwei Kinder unter drei Jahren an den Wochentagen ständig kooperieren müssen. Ständig einkaufen gehen, auf Mama warten, beim Aufräumen helfen, mit kochen, mit backen, warten, warten, warten müssen, anstatt die ganzen coolen Dinge zu tun, die Kinder nun mal tun. Es fällt uns oft nicht auf, weil uns Stress und Anspannung übermannt, ist aber eine Tatsache. Wer sein Kind betreuen lässt, erwartet genauso Kooperation wie die Selbstbetreuer, übrigens. Denn Betreuung heißt eben auch, zu einer bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Ort zu sein, bei einer anderen Person als Mama zu bleiben und zu warten, bis die mich wieder abholt. Ganz egal, ob das Kind sich darauf freut oder nicht – es ist eine Form der Kooperation, pünktlich angezogen, im Auto zu sitzen und ohne Tränen bei der Tagesmutter oder in der Kita zu sein. Und ich meine das völlig wertfrei, denn schließlich gehen meine Kinder selbst in eine Betreuung.

Die Woche ist also voll mit unterschiedlicher Art der Kooperation. Eltern sprechen dann mit Freunden, in Foren, Facebook-Gruppen, hier auf dem Blog oder in den Sozialen Medien von Belastbarkeitsgrenzen – und zwar mit gutem Recht! Und doch muss ich das oft sacken lassen, denn bei der Debatte um die Belastbarkeit der Eltern fehlt mir persönlich oft der Blick auf die Kinder und die Frage, ob deren Belastbarkeitsgrenzen nach einer Woche voller Kooperation nicht unter Umständen auch erreicht sein können?

Und hier schließt sich der Kreis zu Fall 10, der Fall, bei dem Bubba Ray das Haus nicht verlassen und stattdessen lieber sich einigeln und fernsehen will. Mit klassischer Erziehung könnte ich ihn dazu bewegen, die Dinge zu tun, die wir Erwachsenen tun wollen, natürlich! Allerdings – und darüber muss ich mir als Elter nun mal klar sein – laufe ich Gefahr, seine „Grenzen“ zu missachten. Ein Blick hinter die Provokation von Kleinkindern kann Welten offenbaren – so meine Erfahrung. Die Frage ist, ob Erziehung tatsächlich einen Mehrwert bietet. Ich kann in einem wütenden Kind ein trotziges Kleinkind sehen, das seinen Willen durchsetzen will oder mir einige Sekunden nehmen und darüber nachdenken, ob sein persönliches Maß an Kooperationen voll ist. Ob seine Fähigkeit, weiter im Tempo der Erwachsenen zu gehen, vielleicht gerade – aus welchen Gründen auch immer – schrumpft. Ich für meinen Teil kann mit Gewissheit sagen, dass meine Kinder, beide inmitten der Autonomiephase, keine Abläufe stören, mich oder meinen Tag nicht gezielt boykottieren und auch keine „Grenzen“ testen.

Auch hier wieder ein Beispiel: ich erwische Bubba Ray auf dem Stuhl stehend, er setzt gerade an, auf den Tisch zu klettern. Er grinst verstohlen. Ich fühle mich kurz provoziert, verstehe ihn nicht, das macht er doch sonst nie! Auf den Tisch klettern gehört zu den Dingen, die wir eben nun mal alle nicht machen. Mit mir gehen die Pferde durch, ich spüre, wie der Drang zu erziehen laut wird, denn ich habe das Gefühl, er will nur darauf klettern, um mal zu testen, was ich dann eigentlich mache.

 

„Was machst du da auf dem Tisch?“, ranze ich ihn an. Er setzt sich auf den Stuhl und sagt: „Ich komme nicht an die Kekse!“ Ich habe sie auf die Tischmitte gestellt, seine Arme sind zu kurz, um daran zu kommen. Ich entschuldige mich und reiche sie ihm.

 

Das Beispiel zeigt, dass er in dem Moment, in dem er versuchte, auf den Tisch zu klettern, auf dem Fuße spürte, dass es irgendwie komisch war, was er tat. Und darüber hinaus sprechen wir über solche Dinge und erläutern sehr genau, wieso wir etwas vielleicht nicht mögen. Es gibt einen entscheidenen Unterschied zwischen der Formulierung eigener Bedürfnisse („Ich fühle mich nicht wohl, wenn du auf den Tisch kletterst. Weil ich Angst habe, dass du herunter fällst, zum Beispiel. Und weil unser Tisch dreckig wird und ich dann nicht daran essen mag. Kannst du mir Bescheid sagen, wenn ich dir etwas reichen soll?“) und Erziehung („Ich zähle bis drei und dann bist du da runter! 1 – 2 – ….“).

Sein Grinsen in meine Richtung mag eine Mischung aus dem Bewusstsein, etwas Falsches zu tun mit der Frage danach, was Mama wohl dazu sagen würde, gewesen sein – doch es war keine Provokation. Kein Grenzen testen. Er hatte einfach nur keine passende Strategie parat und ich nicht die nötige Aufmerksamkeit für seine Bedürfnisse – sonst hätte ich die Keksdose vermutlich direkt so platziert, dass er ohne Klettern daran kommt.

In einer anderen Situation möchte Bubba Ray den Tisch anmalen und fragt mich, ob das okay ist. Ich sage, dass ich das nicht so gern möchte. Er wirft wütend seine Stifte durch die Gegend. Ruhig erkläre ich ihm, dass ich sein Bild wegwischen müsste, wenn er auf den Tisch malt und dann keiner was davon hat. Wenn er aber auf ein Blatt Papier malt, könnte ich es aufhängen und wir könnten  es uns länger anschauen. Ich sehe echtes Verständnis, ja, seine Motivation ist jetzt sogar höher, denn der Ausblick darauf, dass ich sein Bild aufhängen und ihn sehen werde, spornt ihn an. Er verzichtet freiwillig und ohne ein Erziehungsinstrument darauf, meinen Tisch anzumalen.

Das Bild hängt jetzt im Flur.

 

Malen unerzogene Kinder immer nur Wände an?
Das bisschen Haushalt….

 

Stört das Kind Abläufe oder hat es gerade einfach wirklich keine Lust?

Eine Zeit lang gab es hier morgens, bevor wir das Haus verließen, regelmäßig Streit. Das lag zum Einen daran, dass ich mich wahnsinnig überfordert damit fühlte, zwei Kinder unter 3 Jahren Ausgehfertig zu machen, zum Anderen daran, dass die Abläufe nicht zu unserer Familie passten.

Ich stand zu spät auf, weil die Nächte so anstrengend waren (sind) und hatte morgens zu wenig Zeit, um all das zu schaffen, was ich meinte, schaffen zu müssen. Von ebendieser Liste strich ich außerdem einige Punkte und verlegte sie eher auf die Nachmittagsstunden oder eine undefinierte Zeit in der Zukunft, die manchmal auch einfach gar nicht kam. Und, ein Punkt, der uns massiv blockierte, den ich aber viel zu spät erkannte, war, dass ich nicht auf meine Bedürfnisse achtete.

Ich hatte Hunger, brauchte einen zweiten Kaffee, sehnte mich nach meinem Online-Clan und den Sozialen Medien. Eigentlich wollte ich also lieber mit Twitter, einer heißen Tasse Kaffee und einem Toast auf der Couch sitzen und schluderig in den Morgen starten, anstatt Kinder für die Welt da draußen vorzubereiten. Ein Schutzmechanismus: Rückzug, Flucht. Leider eine, die mit den Bedürfnissen meiner Kinder völlig kollidierte.

Tja. Pustekuchen. Weder, wenn sie zur Tagesmutter gehen, noch an den anderen Morgenden, ließ sich das umsetzen. Zumindest nicht alles.

Ich hörte also in mich hinein und fragte mich selbst, was gerade sehr dringend sei. Mein System meldete mir Hunger – seitdem esse ich immer morgens mindestens eine Banane. Das muss einfach drin sein. Und es sagt einiges über mich aus, dass eine solche vermeintliche Bagatelle  mir so schwer fiel. Den zweiten Kaffee trinke ich etwas hastiger und parallel zum Anziehen, aber es geht. Das Handy verbiete ich mir gezielt. Dieses Bedürfnis schiebe ich für einen späteren Zeitpunkt auf, denn es lässt sich nicht mit den Bedürfnissen meiner Kinder nach Aufmerksamkeit und einem ruhigen, entspannten Start in den Tag vereinbaren. Und da weder eins meiner Grundbedürfnisse noch eine weitere Person darunter leidet, kann ich gut damit leben.

Ich hatte nun also festgestellt, dass die Zeit zu knapp und mein Magenknurren zu laut gewesen war, um die Morgende ohne drohende Überstimulierung und Stress zu bewältigen. Ich hatte mich selbst ein Stück besser kennen gelernt und strahlte fortan mehr Ruhe aus, die sich wiederum auf meine Kinder übertrug. Die, die schließlich nichts weiter wollten, als morgens nicht innerhalb eines bestimmten Zeitfensters geschniegelt und geschnürt zu sein, sondern noch einen Moment länger Feuerwehr zu spielen.

Was ich also damit sagen möchte ist, dass die Streits davor natürlich nicht immer von mir und meinem Stress ausgingen, sondern manchmal auch von Bubba der einfach schlichtweg keinen Bock hatte, sich anzuziehen, die Zähne zu putzen oder überhaupt das Haus zu verlassen. Auch hier blickte ich wieder hinter die vermeintliche Kooperation und fühlte ganz tief in mich hinein.

Stört das Kind wirklich gezielt deinen so fein ausgeklügelten Ablauf oder bist du vielleicht noch nicht da, wo ihr hin wollt? Was genau blockiert dich so und wieso kannst du es nicht ruhiger angehen lassen? Was sagen dir deine Bedürfnisse? Was spürst du selbst morgens und was wünschst du dir, für dich und für deine Kinder? Welcher Morgen würde dich selbst erfüllen?

 

Zu verzichten kann bereichernd sein!

Das sind nur wenige Beispiele und tatsächlich könnte ich viele weitere finden, um zu erläutern, dass man seine Grenzen, seine Integrität, seine gute Laune wahren kann und trotzdem bedürfnisorientiert, beziehungsorientiert, bindungsorientierte sein, ja, sogar auf Erziehung verzichten kann. Dass der Verzicht auf Erziehung nicht bedeutet, dass Kinder von morgens bis abends alles daran setzen, ihre Eltern zu testen, sich nur von Schokolade zu ernähren (ich erinnere an das Angebot!) und den ganzen Tag nur mit Füßen auf dem Tisch fern zu sehen. Man kann Kindern Werte vermitteln, im Kleinen und im Großen, ihnen Dinge beibringen und vorleben, jedermanns „Grenzen“ wahren und friedlich, stressfrei, gleichwürdig, und ganz normal zusammen leben und trotzdem auf Bestrafung, Verbote, Belohnung, Lob, Bewertung, Reglementierung, zeitliche und materielle Einteilung, Manipulation und das Lenken oder Formen verzichten.

Nur zu guten Menschen erziehen, das kann man Kinder nicht.

Das sind sie nämlich schon.

 

 

Bilder: Pixabay.de / ÖkoHIppieRabenmütter
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