Eine andere Perspektive anzunehmen, führt Menschen zusammen.

Bin ich schön?

Schönheit. Was soll das sein? Was macht einen schönen Menschen aus und noch viel wichtiger; warum ist das wichtig?

Meine Kinder sind so schön, dass ich meinen Blick nicht von ihnen wenden kann. Sie haben wunderschöne Haut, dichte, gesunde Haare, strahlende Augen, Charisma, Ausstrahlung, Wärme.
Mein Mann ist schön. Er ist der attraktivste Mensch auf diesem Planeten. Er hat ein bestechendes Lächeln, eine tolle Figur, eine tiefe Stimme und viele Haare, vor allem Bart, das liebe ich.
Meine Mutter ist schön. Sie sieht mindestens 15 Jahre jünger aus als sie ist, sie hat sich stets gut gepflegt. Wenn sie lacht, lacht ihr ganzes Gesicht mit. Sie hat winzige, sympathische Lachfalten um ihre Augen herum und das sind die einzigen Falten, die sie hat. Sie strahlt Liebe und Wärme aus, wenn sie uns ansieht.

Aber was genau ist Schönheit und was hat sie mit unserem Leben zu tun?

Ich könnte einige wirklich schöne Menschen des öffentlichen Lebens aufzählen. Mit hübschen Gesichtern und perfekten Figuren. Doch ich weiß nicht, ob sie gute Menschen sind. Ob sie andere Menschen gut behandeln. Ob sie unsere Welt gut behandeln. Ob sie respektvoll, liebevoll, warm sind. Doch all das sind Punkte für mich, um zu entscheiden, ob sie wirklich rundum schön sind. Denn Äußerlichkeiten interessieren mich wenig.

Ich habe mich als erstes in das Äußere meines Mannes verliebt, denn er ist optisch wirklich mein Traummann. Und vermutlich hatten wir beide letztendlich Glück, dass auch der Rest perfekt ist, denn wir Menschen können eins besonders gut: andere nach dem Äußeren bewerten. Für unser Leben war es damals gut, dass mein Kopf mir signalisierte, dass wir diesen Mann näher kennen lernen wollen. Wir sind nun fast 10 Jahre zusammen, haben zwei Kinder, sind seit 4,5 Jahren verheiratet. Und das wird sich nicht ändern. Das, was wir haben, das ist schön. Doch wie oft bewerten wir rein Äußerlich? Wie oft kritisieren wir die Schale eines Menschen, sortieren in Schubladen, etikettieren?

In meinem Job als Eventmanagerin einer Location führte ich täglich Verkaufsgespräche. Ich führte Geschäftsleute, Veranstalter, Sekretärinnen, Verlobte, Geburtstagshabende, Agenturen, Freiberufliche Kollegen, Schulen, Abiturienten, Studenten, Lehrer, Autoverkäufer, Anwälte, Ärzte, Referenten, Techniker, Dolmetscher, Deutsche, Engländer, Franzosen – einfach alle möglichen Menschen durch unsere Räumlichkeiten und meine Aufgabe war, Ihnen diese so schmackhaft zu machen, dass wir einen Raum für Ihr nächstes Event an Sie vermieten könnten. Die Räume änderten sich von Termin zu Termin nicht. Die Gegebenheiten auch nicht. Aber der Mensch, der mein Angebot hören wollte, der schon. Laut ungeschriebenem Gesetz hat man bei solchen Terminen genau 90 Sekunden Zeit, sein Gegenüber einzuschätzen. Die ersten 90 Sekunden. Von der Begrüßung per Handschlag ab gezählt. Das heißt, nachdem die ersten Sekunden für die Vorstellung, das Händeschütteln und sich ins Gesicht sehen draufgegangen sind, bleiben vielleicht noch 70 Sekunden. In diesen 70 Sekunden gilt es, die Mimik, Gestik und Reaktion, zum Beispiel auf eine einfache Smalltalk-Frage, dahingehend zu prüfen, dass man relativ schnell einsortieren kann, wie man den Interessenten ansprechen und behandeln muss, um das bestmögliche Ergebnis, also letztendlich einen Abschluss, zu erzielen.

70 Sekunden um einen Menschen zu prüfen und einzuschätzen. Klingt unmöglich oder?

Ist es aber nicht, denn auf so etwas kann das Gehirn trainiert werden. Zum Beispiel achtet man als erstes darauf, ob dein Gegenüber deinem Blick standhalten kann. Ob er auf die Fragen lächelnd einsteigt und zu Scherzen aufgelegt ist, oder bierernste Fakten möchte. Ob er Ringe unter den Augen hat, wie stark der Händedruck ist. Wie laut seine Stimme ist. Wie aufrecht der Gang ist. Welche Kleidung er trägt, wie auffällig diese ist und ob er sich darüber definiert. Wie oft er innerhalb dieser wenigen Sekunden den Blick abwendet, prüfend in den Raum zum Beispiel oder ob er sich leicht ablenken lässt. Ob er das ausgedruckte Angebot dabei hat, oder nicht. Das sind relativ viele Eckpunkte, aber längst nicht alle. Nach einigen Jahren in dem Job und vielen Trainings, hakte ich die Liste der Stichpunkte von oben nach unten im Schnelldurchlauf ab und passte mich unweigerlich nach wenigen Minuten dem Stil des Kunden an. Denn das ist der Schlüssel zum Verkaufen; das Gegenüber analysieren, sich anpassen und ihm das Gefühl geben, ihr wäret beste Freunde.
Verkäufer, so wie ich eine war / bin (wer weiß das schon nach 2 Jahren Elternzeit), sind gut darin, zu analysieren, ja fast sogar ein bisschen Psycho-zu-analysieren. Ich hatte gute Zahlen. Hatte viele Events. Meine Kunden mochten mich.

Und aus über 300 Veranstaltungen der letzten 4 Jahre kann ich nur über eine Handvoll Leute mit Gewissheit mehr erzählen, als den oberflächlichen Quatsch ihrer Äußerlichkeiten und ihrer Präsenz im Job.

Schön waren sie alle. Gepflegt, mit teuren Klamotten aus großen Konzernen. Alle wichtig. Alle schön. Und was sie taten auch. Riesige Banner, teure Technik, aufwendiges Programm. Schöne, umfangreiche Events mit Anspruch, ich bin stolz darauf und will die Zeit nicht missen.
Und auch ich war schön. Äußerlich. Mit gebügelten Hosen und Blusen, lackierten Fingernägeln, hohen Schuhen und Schmuck.

 

Schön. Aber gesichtslos. Quelle: www.pixabay.de
Schön. Aber gesichtslos.
Quelle: www.pixabay.de

 

Macht es mich jetzt weniger schön, weil all diese Dinge in meinem Alltag heute mit meinen Kindern völlig unpraktisch und nervig sind? Weil ich auf das Bügeln schon lange verzichte, weil die Hose morgens um halb neun, wenn wir das erste Mal auf den Spielplatz gehen, knittert und ich es als sinnlos betrachte, sie vorher zu bügeln?
Bin ich weniger schön, weil ich keinen Schmuck trage, der irgendwie eh nur Dekoration war? Bin ich auch schön, wenn ich all das weglasse und einfach nur der blanke, bunte ÖkoHippie bin, dem Sand zwischen den Zehen und Zähnen, in den Haaren, an der Kleidung, im Gesicht nichts ausmacht?
Bin ich schön, mit den verblassten Schwangerschaftsstreifen auf meinem Bauch aus zwei Schwangerschaften?
Bin ich schön, wenn ich meine Haare unordentlich zu einem Zopf binde, weil all das nicht mehr wichtig ist, und nur die Qualitätszeit mit meinen Kindern wertvoll für mich ist? Weil ich Zeit im Bad lieber kürze, um länger ihrem Lachen beim Schaukeln zuhören zu können?

„Unser Leben ist wie ein Blitz am Himmel.
Wie ein Wasserfall der den Berg hinunterstürzt.
Vertue nicht deine Zeit:
Wenn du isst, dann iss.
Wenn du schläfst, dann schlaf.
Wenn du einatmest, atme ein.
Wenn du ausatmest, dann atme aus.“

Aus: „Bin ich schön?“ von Doris Dörrie

 

Bin ich schön? Keine Ahnung. Aber #ichstehzumir. Mit meinen Falten, meinen dünnen komischen Haaren, meiner kaputten Bauchdecke, meiner Hornhaut an den Füßen ohne Schuhe.

Nichts ist mehr wie vor 2 Jahren und dafür möchte ich meinem
Universum danken. Meine Haare sind nicht mehr so blond. Mein Gesicht nicht mehr so jung. Mein Bauch ist zerrissen. Meine Brust ist nach zweimaligem Langzeitstillen nicht mehr dort wo sie mal ursprünglich war. Meine Augen sind müder. Mein Rücken schmerzgeplagter.

Und ich wünsche mir so sehr, dass all das nie wieder vergeht. Es sind die Spuren meiner Kinder, die ich dort im Spiegel sehe.

Es sind zwei winzige Zellen in der Größe eines Bleistiftpunktes, die so groß in mir wurden, dass meine Haut sich dehnen musste.
Es sind zwei verschlafene Werwölfe, die bei Vollmond keine Ruhe finden und sich auf mich legen, die für diese Augenringe sorgen.
Es sind kleine Speckfüßchen, winzige Knubbelhändchen und viel zu kurze Ärmchen, die im Sand so tief buddeln, dass man nur noch ihr schallendes Gelächter hört, aber nichts mehr sieht, die dafür sorgen, dass ich gern auf das Schminken am Morgen verzichte.

Das hier, diese Momente, diese Familie, dieses Leben, ist schön. Auch ohne Mascara, perfekten Bauch und lackierte Fingernägel.

Nun, in den ersten 90 Sekunden Vorstellung meines heutigen Ich’s würde man ganz andere Signale und Stichpunkte notieren, als vom arbeitenden Ich, und doch sind wir die gleiche Person. Innerlich hat sich viel verändert, genau wie äußerlich. Veränderung ist wichtig und gut, sie bewahrt uns vorm Stehenbleiben und Festhängen. Und davon abgesehen können 90 Sekunden niemals etwas über den wahren Menschen dahinter berichten. Sie mögen uns helfen, das richtige Produkt zu verkaufen, einen ersten Eindruck zu erlangen und uns ein Bild zu machen, das aber nichts weiter ist, als ein Vorurteil. Denn die wahre Schönheit entpuppt sich beim zweiten hinsehen, hinhören. Zuhören.

Schön ist, wer lacht.
Schön ist, wer authentisch ist.
Schön ist, wer liebt.
Schön ist, wer weint.
Schön ist, wer sein Gesicht zeigt.
Schönheit ist Wärme und Geborgenheit. Schönheit ist Liebe und Anerkennung. Schönheit ist ein wahres, aufrichtiges Leben. Schönheit hat nichts mit Konfektionsgröße, Make-up, Stil oder Kleidung zu tun. Rein gar nichts.

Ihr Mütter und Väter, die ihr meinen Blog lest, die Ihr Kinder habt, die ihr groß zieht, die ihr liebt, die ihr glücklich macht, die durch euch gute Menschen werden: ihr seid wunder-, wunder-, wunderschön.
Spielt, lacht, lebt. Trauert, weint, wütet. Haltet eure Kinder. Tröstet sie, küsst sie. Erklärt ihnen die Welt, die Sonne, den Mond, die Natur, die Sterne.

Lehrt Ihnen, Menschen nicht innerhalb von 90 Sekunden in Schubladen zu stecken, sondern die wahre Persönlichkeit ihres Gegenübers zu kennen und zu schätzen. Zeigt Ihnen Freude und Freundschaft. Lehrt Ihnen Gleichwürdigkeit und Offenheit. Streicht Diäten, Markendruck, Anpassung und Vorurteile aus dem Kopf. Die Welt braucht sie nicht.

Ich denke, das ist die wahre Schönheit.

 

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Blogparade #ichstehzumir von Dani von Glucke und So entstanden, in der sie dazu aufruft, sich von Schönheitsidealen zu lösen und mehr Mut zu haben, zu sich selbst zu stehen. Danke Dani für diese tolle Idee und diesen wichtigen Beitrag, der mich sehr inspiriert hat.

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