Bindungsorientierte Eingewöhnung - Teil 4: "Das tiefe Tal"

Bindungsorientierte Eingewöhnung – Teil 4: „Das tiefe Tal“

„Wir erleben oft unter einer Geburt, dass die Frau an einen Punkt kommt, an dem sie nicht mehr weitermachen will. Das ist dann der Moment, in dem sie aufgeben oder nach Hause gehen will.“ Die Hebamme sitzt im Schneidersitz auf dem Boden und lächelt bedeutungsschwanger in die Runde. Schwanger ist hier das Stichwort: im Geburtsvorbereitungskurs geht es heute um das, weshalb wir alle hier sind. Die Geburt. Nachdem die Hebamme, die den Kurs leitet, bereits ein Baby durch einen Plastik-Beckenboden gepresst und uns dabei ganz plastisch erklärt hat, welche Töne und Schmerzen wir sehr wahrscheinlich währenddessen haben oder machen werden, geht’s nun um den Teil weiter oben: unseren Kopf und unsere Gedanken, während wir unsere Kinder gebären werden. „Das nennen wir das tiefe Tal“, spricht sie weiter, „und eigentlich ist das ein gutes Zeichen. Denn oft gehen kurz darauf die Presswehen los, oder – wenn die schon da Sind – das Kind kommt gleich.“ Wieder ein Lächeln in die Runde: „Nach dem tiefen Tal geht es also immer bergauf. Nicht mehr lang und ihr haltet euer Kind im Arm!“

 


 

Das tiefe Tal

Ich erinnere mich, wie ich unter den Geburten tatsächlich diesen Moment hatte. Diesen „Ich lass jetzt alles stehen und liegen und geh nach Hause, verdammte Scheisse!“-Moment. Ich bin auch nach Hause gegangen. Nur einige Stunden später, mit meinem Baby. Und ich erinnere mich auch, dass die Worte der Hebamme aus dem Geburtsvorbereitungskurs in meinem Kopf widerhallten und dass sie sich genau so anfühlten, wie ich es erwartet hatte. Ich habe eine riesige Anstrengung geschafft, bin aus diesem tiefen Tal raus geklettert und stehe jetzt ganz oben auf dem Gipfel des Berges. Ich stecke eine Fahne in den Boden und brülle „Ich bin die Königin der Welt!“ in die Luft.

Aber jetzt gerade, in dieser Sekunde, da bin ich nicht in den Presswehen. Es dauert nicht nur noch wenige Minuten, bis mein Körper mit Oxytocin und Adrenalin und Endorphinen geflutet wird und ich dieses kleine verschmierte Wunder in der Hand halte. Nein, mein kleines verschmiertes Wunder ist einen Meter und npaarzerquetscthte groß und schon eine ganze Weile da. Ich halte ihn nicht zum ersten Mal auf meinem Arm. Und garantiert auch nicht zum ersten Mal so fest. Nach seiner Geburt schrie Bubba kaum. Er gab nur ein höfliches, leises „Äh“ von sich. Zögerlich und scheu, wie seine Natur ist. Die Schreie, die markerschütternden, unter denen die Wände wackelten, die kamen erst später. Aber ich habe sie nicht vergessen. Nein, wie könnte ich? Denn die, die er jetzt gerade, hier auf meinem Arm, herauslässt – sie klingen wieder einmal ganz genau so wie damals.

 

Tränen, Trauer und Erfahrung

Mein Baby krallt sich an mich und weint und neben mir steht eine praktisch Fremde und erzählt mir was von einer Erfahrung, die ihr irgendwas gezeigt habe. Ich freue mich für jeden Menschen, der anhand seiner Lebenserfahrungen lernt und wächst – wirklich. Aber die hier gerade schließen Tränen und Trauer meines eigenen Kindes ein und – entschuldigt meine Ausdrucksweise – da ist mir gelinde gesagt scheissegal wer wann was wo und wieso. Ich bleibe also stehen hänge da in der Luft weiß nicht was ich tun soll tröste was das Zeug hält und weiß ehrlich gesagt selber gar nicht, ob ich es damit nun besser oder schlimmer mache. Frau N. ist nicht da und wenn man Bubba in den letzten Tagen fragte, was genau er am Kindergarten mögen würde, lautete die Antwort „N.!“ (Name der Erzieherin). Es ist Freitag, es ist ihr freier Tag und es ist auch mein freier Tag und noch dazu ist gerade erst der Opa bei uns Zuhause eingetroffen, um auf D-Von aufzupassen, während ich Bubba weg bringe. Ganz schön viele kleine große Veränderung, so inmitten einer Eingewöhnung….

Logisch erklären kann ich mir das selber. Ich kapiere ja, wieso es Bubba ausgerechnet heute so sehr schwer fällt. Die Umstände sind einfach mies. Freitags ist unser aller Lieblingstag, mit Schlafanzug bis zum Mittag und noch späterem Zähneputzen. Diese Ruhe und Abgeschiedenheit nehme ich ihm gerade, um ihm eine Eingewöhnung zu ermöglichen, die ICH erst letzte Woche so gefordert hatte. Ich hasse meine Mutterrolle gerade über alle Maßen. Und während die Stimme der Erzieherin Frau G. in mein Ohr kriecht und ich sowieso nur Wortfetzen aufnehme, krallen sich Bubbas kleine Ärmchen immer fester in das Fleisch in meinem Nacken.

 

Ist das jetzt gut oder schlecht?

Bubba ist kein großer Kuschler, allgemein ein wenig körperliches Kind. Doch uns beide verbindet eine sehr tiefe, kognitive Verbindung. Das ist nicht immer gut. Ich laufe Gefahr, sein Verhalten zu gut zu verstehen und doch falsch zu deuten. Immer dann, wenn meine eigenen Themen nicht abgeschlossen sind, stülpe ich ihm meine Geschichte auf. Jetzt gerade, wo es um einen Abschied von der Dauer einer Stunde geht, spüre ich seine kleinen Ärmchen an meinem Hals, seine Haare an meiner Wange, seine Tränen auf meiner Schulter. Wir berühren uns nur selten, es ist weit weniger als mit seinem kleinen Bruder. Aber diese unsagbare Nähe hier gerade zu meinem Kind durchströmt meinen ganzen Körper und ich weiß nicht mehr, was richtig und was falsch ist, was gut und was nicht gut ist. Sind das jetzt diese Tränen, die okay sind, die erlaubt sind? Ist das dieser traurige Abschied, den wir nie gelernt haben? Oder mache ich hier gerade was sehr kostbares kaputt? Welches Signal sende ich – und welches kommt an?

Nach einigen Minuten klettert er jedoch freiwillig von meinem Arm und sucht Kontakt zu Frau G. Ich sehe sie an, es ist okay, dass ich noch auf der Treppe warte, bis auch ich mich beruhigt habe. Bubba Ray weint nicht mehr, er wischt sich mit der Hand über das Auge und greift mit seiner anderen nach der von Frau G.. In mir zieht sich alles zusammen und doch suche ich das Treppenhaus auf. Das hier ist kein gutes Gefühl. Nach 3 Minuten kommt eine Kollegin heraus und berichtet, dass Bubba mit Frau G. stempelt und dass sie mich – ganz sicher, hoch und heilig versprochen – anrufen, wenn er wieder so weint.

Es sind 2,5 Wochen vergangen. Zum ersten Mal verlasse ich die Kita ohne meinen Bubba.

 

Ich sitze tief drin

Wenn ich also dem aktuellen Zustand eine Überschrift geben müsste, dann wäre es „Das tiefe Tal“. So fühlt es sich an: als säße ich ganz unten in dieser verdammten Kuhle und würde demotiviert und müde nach oben auf den Gipfel sehen. Spiegelglatte Wänden um mich herum, keine Möglichkeit, sich festzuhalten. Während alles, was ich mir wünsche, ein glückliches Kind ist, werde ich wieder und wieder und wieder mit einem weinenden Abschied konfrontiert. „Das Leben gibt dir so lang die selbe Aufgabe, bis du sie löst“. Oder so ähnlich. Aber wie, verdammt? Wie?

Ich ziehe die Beine an die Brust, hier unten in diesem Loch und sehe da oben über mir die Sonne. Es bleibt nur zu hoffen, dass auch in diesem Fall die Hebamme von damals Recht hat.

 

 

 

 

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