Bindungsorientierte Eingewöhnung

Bindungsorientierte Eingewöhnung – Teil 5: Ende.

„Mama! Kann ich morgen zum Mittag bleiben?“ Die Tür ist nicht mal ganz ins Schloss gefallen, da steht Bubba Ray bittend vor mir. Frau G. steht neben ihm, er hält ihre Hand ganz fest. „Der Bubba hat sich gewünscht, dass er morgen mit uns zu Mittag isst.“ Ich nicke stumm. „Ich hab dich auch vermisst Mama, aber morgen möchte ich hier im Kindergarten Mittag essen, oh büüüütte!“ – „Jaja klar, ist ja schon gut, von mir aus…“ – Blick zu Frau G. – „…wenn das für euch okay ist….?“ Frau G. nickt. Kein Problem, sagt sie. Kein Problem, denke ich.

Frau G., das ist nicht etwa unser neues AuPair oder meine Tante, die Mutter seines besten Freundes oder seine Oma – nee. Es ist eine Erzieherin seiner Gruppe im Kindergarten. Ja genau, in dem Kindergarten, den wir vor 2 Wochen noch vor lauter Empörung vors Familiengericht zerren wollten. /ironie Jener Kindergarten, der der festen Überzeugung war, Bubba Ray würde uns nicht in seinem eigenen Tempo sagen, was er schaffen würde und was nicht. Und auch der Kindergarten, der uns nach vielen Gesprächen und Kompromissen mit einer – für ihn furchtbar langen und ungewohnten – individuelleren Eingewöhnung für unseren Bubba entgegen kam. Ja. Genau diese Frau G. steht nun vor mir, hält die Hand meines Kindes und bespricht mit mir den morgigen Tag fast so, als kenne man sich schon ewig. Das tun wir nicht, wir kennen uns eigentlich gar nicht. Aber Bubba kennt sie und da ist Beziehung. Ich kann sie sehen. Sie füllt die wenigen Zentimeter, die zwischen den beiden oberen Hautschichten dieser zwei so unterschiedlichen Menschen liegen, voll aus.

 

Ein gutes Gefühl

Bereits in der letzten Woche gab es da diesen einen Moment, in dem ich zum ersten Mal ein gutes Gefühl hatte. Nach meiner Selbstreflexion hatte ich  hart an mir gearbeitet, aber es stellte sich keine Besserung ein. Die Abschiede am Morgen dauerten gefühlt ewig, es gab Tränen und irgendwie wusste keiner so recht, was wir nun machen sollten. Mittags hingegen holte ich mein strahlendes Kind ab, das mit seiner Erzieherin per High Five abklatschte und Dinge sagte wie „Ciao“ und „Bis morgen“. Ich stand daneben und suchte nach dem echten Bubba, weil den hier hatten die ja ganz offensichtlich vertauscht… doch die Nachmittage waren gut. Echt gut. Es gab weder Wutanfälle noch Tränen, ich hatte nicht ein einziges Mal einen Anflug von Überreizung, Überstimulierung, Müdigkeit, Niedergeschlagenheit oder Anpassung gespürt. Er war einfach er! Da war nix, was auf einen schlechten Morgen oder qualvolle Stunden schließen würde. Er war zufrieden und ich hatte das Gefühl, er wuchs pro Tag mehrere kognitive Zentimeter durch den Mut, den er für sich aufbrachte.

Dann kam ein Freitag. Trauer, Sturzbäche, sehr lange Trösten. Und dennoch verließ ich die Kita, als er sich einigermaßen beruhigt hatte. Ich dachte das gesamte Wochenende darüber nach, war wieder unsicher und ich sag euch auch warum: als ich Bubba mittags nach dem Drama am Morgen abholte, erzählte er auf dem Hundespaziergang, dass Frau G. „schön“ sei. Sie habe sich ganz schön um ihn gekümmert. „Und heute war es doof und schön. Doof dass ich weinen musste. Aber auch schön, dass ich gespielt hab!“

 

Der erste Rausschmiss

Frau G. berichtete, dass er lediglich einmal nach mir gefragt hatte. „Die Mama kommt um elf“, hatte sie geantwortet. Daraufhin habe er gesagt, dass das gut sei, denn so habe er ja noch Zeit zu spielen. Das Wochenende war genauso gut wie die Tage davor und Sonntag passierte das Unmögliche: er sprach den Kindergarten an, wollte morgen wieder gehen. Ich wusste gar nichts mehr. 

Am Montag drauf stand Bubba mit einem traurigen Gesichtsausdruck vor mir und Frau G. Er hielt meine Hand.

Frau G.: „Soll die Mama dich noch zum Frühstück bringen?“   – Bubba: schüttelt den Kopf.

Ich: „Nein? Soll ich etwa direkt gehen?“ – Bubba: nickt.

Kuss, Tschüss bis später, Kind nimmt Frau G.’s Hand. Und ich gehe.

Ich kann nicht sagen, dass ich Freudensprünge gemacht hätte, aber ich könnte förmlich sehen, dass er sich täglich mehr traute. Nach einer Stunde holte ich ihn ab, es war ungefähr keine eine Träne geflossen und Frau G. fragte, ob ich mir zutrauen würde, ihn auch mal länger da zu lassen.

 

Beziehung wuchs, Bindung entstand: mein Kind ist eingewöhnt.

Rückblickend verstehe ich kaum, wieso man zu Beginn so darauf gepocht hatte, eine möglichst frühe Trennung zu provozieren. Tatsächlich wurde es uns ab Tag eins vorgeschlagen und wenn ich nun beim morgendlichen Treffen auf die Frauen, die auf mein Kind aufpassen, denken würde, dass sie beziehungsunfähig sind oder einfach Wahrnehmung ausblenden, dann würde ich es ja vielleicht noch verstehen. Doch tatsächlich übergebe ich mein Kind jeden Morgen in liebevolle Arme. An Menschen, die verständnisvoll sind für jede Träne, die ihn nur genau so viel berühren, wie er es aushalten kann. Die sich an seine zarte und sensible Seite gewöhnt haben, wie an einen tauben Finger an einer sonst voll funktionsfähigen Hand. Diese vier Frauen, die seine besondere Art, um unseren Abschied zu trauern, so liebevoll angenommen hatten, waren es gewesen, die einen Trennungsversuch ab Tag eins empfohlen hatten? Für mich heute weiterhin nicht greifbar. Denn jetzt, wo es so abgelaufen ist, sind alle Beteiligten glücklich. Die Kita wird mit einem Kind belohnt, das seine Vormittage dort genießt und mit Eltern, die vertrauen. Und wir wiederum mit Menschen, die unser Leben bereichern. All das wäre unmöglich gewesen, ohne das langsame Heranwachsen einer emotional tragfähigen Beziehung.

Wir haben um eine bindungsorientierte Eingewöhnung kämpfen müssen, das stimmt. Doch was auch stimmt ist die Einschätzung meines Kindes seitens dieser Frauen. Ich denke mittlerweile, dass Bubba vielleicht wirklich niemals freiwillig gesagt hätte, ich könne gehen. Vielmehr brauchte ICH diese deutliche Ansage und mein Bewusstwerden darüber, dass mir meine Feinfühligkeit selbst den Blick vernebelte. Mir war es schwer gefallen, das zu sehen, weil man selbst viel zu tief drin steckt.

 

Der Gamechanger in diesem Krimi

Doch was ich getan hatte, als ich trotz ordentlicher Selbstreflexion und tief durchatmen morgens noch immer ein trauriges Kind hatte, war, mir Hilfe zu holen. Ich hatte mittlerweile begriffen, dass mir meine feine Antennen selbst im Wege standen – okay. Fortan hatte ich mich selbst getröstet, mich beruhigt und mich, so wie ich war, einfach angenommen. Aber es brachte nichts. Zumindest nicht direkt. Morgens weinte Bubba und ich konnte mich kaum konzentrieren. Mittags holte ich ein glückliches, völlig erfülltes Kind ab. Obwohl man es sich anders gewünscht hatte, hatten wir erst an Tag 12 den ersten wirklichen Trennungsversuch gestartet, der gut getröstet werden konnte. An einer zu kurzen Eingewöhnung konnte es auch nicht liegen. Und mittlerweile fragte auch er selbst an den Wochenenden nach dem Kindergarten und wann er wieder hin „dürfte“ – er fühlte sich also wohl. Warum dann morgens diese Trauer? Ich brauchte jemanden, der mir helfen konnte, die Situation emotionslos zu betrachten und fragte Nora Imlau.

Ich bin kein Groupie und frage für gewöhnlich auch erstmal Freundinnen oder Mama, aber erstens spricht Nora im November auf meiner FEBuB, weshalb wir eh in Kontakt stehen und zweitens schrieb sie parallel über die Eingewöhnung ihres eigenen Sohnes, die gänzlich anders ablief. Ich traute mich also, zu fragen und erhielt eine Antwort, die alles – aber auch wirklich alles – veränderte. Und das, obwohl es so einfach war…

 

Übergänge

Im Sinne der Leserfreundlichkeit kürze ich mein Geschwafel mal ab:

Ich: „Ach Mensch Nora, ich weiß doch auch nicht… Bubba weint morgens, ist mittags aber glücklich und ich fühle mich schlecht und bin unsicher und mimimimimi. Was soll ich tun?“

Nora Imlau daraufhin:

„{…} Aus meiner Sicht ist es jedoch wirklich so, dass viele Kinder – gerade sehr Sensible – einfach ein Problem mit Übergängen und Abschieden haben. Das klingt mir auch bei Bubba Ray danach. Und es ist wirklich nicht selten, dass Kinder bei solchen Übergängen kurz weinen, sich dann aber beruhigen (nicht resignieren!) und sich wirklich wohl fühlen. Für mich klingt das als wäre Bubba Ray auf dem besten Weg, sich gut einzuleben im Kindergarten. Ich glaube es würde ihm gut tun, wenn Du ihm morgens sagen würdest: „Ich kenne das auch, dass ich manchmal wo nicht hinwill, wo es mir eigentlich gut geht. Und dann gehe ich doch, und dann ist es schön. So ist es bei Dir sicher gleich auch!“

Mein Gedanke ist auch, dass seine Schwierigkeiten beim Abschied nach wie vor auch mit der Sorge um Dich und Dein Wohlergehen zusammen hängen könnten. Dass er Angst hat, Dir könnte es nicht gut gehen ohne ihn. Warum lässt Du ihn nur eine Stunde dort? Das sendet ihm vielleicht unterbewusst die Botschaft aus, länger könntest Du es nicht aushalten ohne ihn zu sein. Dabei freut er sich doch offensichtlich über mehr Zeit zum Spielen.

Noch mal konkret: ich würde sein Signal morgens nicht übergehen oder ignorieren, aber einordnen. ‚Ja, du willst jetzt nicht, dass ich gehe. Aber als Deine Mama weiß ich, dass es Dir gut gehen wird sobald Du erstmal da bist – und mir wird es auch gut gehen, versprochen!‘ {…}“

 

Von jenem Tag an sprach ich Noras Worte jeden Morgen, wenn Bubba sich schwer damit tat, sich abzuschnallen, durch die Tür oder in die Gruppe zu gehen oder an sonst irgendwelchen Stellen sagte, dass er nicht gehen wolle.

 

Und siehe da: Raum für Rituale, Trost und Beziehung

Ich erinnere mich daran, wie ich zum ersten Mal Bubba’s Emotionen spiegelte – er war ca. 1 Jahr alt – und altersgerecht mit ihm kommuniziert hatte. Er sah mich an als wolle er sagen: „Endlich hat die Alte mal gecheckt, worum es mir geht!“ Eine Mischung aus Erleichterung und Aufhorchen, denn endlich waren Sätze gefallen, die auch er verstand. Und genau den gleichen Blick sah ich in den Augen meines Kindes, als ich zum ersten Mal auf genau diese Übergänge einging. Er fühlte sich verstanden, nicht mehr gedrängt und gezwungen und schon allein dieses Annehmen seines morgendlichen Frusts schien ihm wahnsinnig viel Last zu nehmen. Ständig erzähle ich allen, sie sollen Eltern mit Leidensdruck nicht noch mit Ratschlägen und Bevormundungen kommen, sondern einfach mal anerkennen, dass das Leben mit Kind scheisseanstrengend ist. Und neben meinem eigenen Kind war ich 16 Tage her gelaufen, ohne einfach mal zu sagen: „Ey, klar. Ich hab auch mal keinen Bock zu abreiten. Morgens ist echt kacke, find ich auch. Verstehe ich gut!“ Wie festgefahren ich war!

Schon zwei Tage danach entwickelten wir ein gemeinsames Ritual, das ausgiebiges Füße putzen in der Garderobe beinhaltete und jeden Morgen einen Lachkrampf beim Kind auslöste. Durchgeschüttelt von positiver Energie hüpfte Bubba plötzlich fröhlich wie ein Flummi in die Gruppe, schmiss mich raus und wenn es doch mal Tränen gab, dann konnte er kommunizieren, von wem er getröstet werden wollte. Nur ein einziges Mal habe ich seither von unterwegs angerufen um mich zu erkundigen, dass er nicht mehr weint. Was er übrigens bereits 5 Sekunden nach dem ich weg war nicht mehr getan hatte.

 

Das Ende

Somit sind wir am Ende unseres #Eingewöhnungskrimi angekommen und ich bin mehr als glücklich. Mir hat der wirklich holprige Start und der Umgang der Gruppenleiterinnen damit wirklich viel Vertrauen gegeben. Ich habe erlebt, wie eine von uns geäußerte Kritik ernst genommen und ein Kompromiss gefunden werden konnte. Unsere Gespräche hatten keinen negativen Beigeschmack hinterlassen und nicht ein einziges Mal habe ich im Gesicht einer der Erzieherinnen etwas gesehen, das hätte aussehen können wie „Oh Gott, da kommt die Gluckenmutter wieder“ oder „Oh je Bubba kommt… den müssen wir wieder minutenlang trösten..“ Nichts dergleichen, nein. Morgens bekommen wir ein verständnisvolles Lächeln und mein Sohn einen Platz auf dem Schoß einer der Frauen angeboten. Manchmal nimmt er ihn an, manchmal auch nicht. Aber jedes Mal verlasse ich die Kita mit einem guten Gefühl.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich auch an dieser Stelle bei Nora zu bedanken, die mich verstand und mir die Augen öffnete, als ich selbst zu sehr festsaß. Und das ist auch, was ich allen anderen Müttern raten möchte: sprecht mit jemandem, dem ihr vertraut und der eine vergleichbare Situation beurteilen könnte. Facebook Gruppen mögen dafür weniger gut geeignet sein, übrigens.

 

Der Kampf um Bindung ist nie vergebens!

Für mich steht außerdem fest, dass ein Kämpfen darum, Bindung in den Fokus zu stellen, sich immer lohnt und ich werde – vor allem nach dieser Erfahrung – nie damit aufhören. Denn wären wir hier nicht in die Diskussion gegangen, sondern in unserer Empörung stecken geblieben und hätten nicht um die Zeit der Eingewöhnung unseres Sohnes gekämpft, hätte dieses Ende vielleicht ganz anders ausgesehen.

Und bevor ich diesen wieder mal übertrieben langen Text abschließe möchte ich euch ermutigen, es genau so zu tun. Steht für eure Kinder ein und auf und selbst, wenn es nicht so ausgeht wie bei uns, dann seid euch sicher, dass ihr Spuren hinterlasst. Dass all eure Gespräche  irgendetwas auslösen. Euer Gegenüber sammelt Erfahrungen und denkt darüber nach und wer weiß – vielleicht rettet ihr damit ja auch die Eingewöhnungszeit weiterer Kinder.

Auch wenn ihr euch genau so oft als Alien fühlt wie ich, möchte ich euch sagen: MACHT WEITER. Ich glaube ganz fest, dass es sich lohnt. Vielleicht nicht immer, wie bei uns, nach 16 Tagen – aber zumindest für unsere Kindeskinder. In 16 Jahren.

Achso, und morgen wählen gehen nicht vergessen, bitte. Das kann die Welt auch noch ändern 🙂

 

 

 

 

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