Meine Hochsensibilität spielt mir eine Streich - und macht eine bindungsorientierte Eingewöhnung gerade wahnsinnig schwer

Bindungsorientierte Eingewöhnung – Teil 3: wie Hochsensibilität es erschwert

Hochsensibilität ist – das wird treue Leser/-innen dieses Blogs nicht überraschen – ein zentrales Thema unseres (Familien-)Alltags. Ich habe sie eines Tages wohlwollend umarmt und in mein Leben integriert, wie auch meine Sojaallergie oder meine Angst vor Ohrenkneifern. Sie beherrscht mich nicht, sie dominiert mich nicht, sie ist einfach da. Ich mag sie mittlerweile sogar ganz gern und manchmal – nicht zuletzt durch tägliche Meditationen und das gezielte Lernen, in Situationen auch mal nur Betrachter meiner Gedanken zu sein – stelle ich eine hochsensible Situation fest und lache darüber. Dann frage ich meinen Mann, wie er eigentlich mit einer so verrückten Frau verheiratet sein kann, dann sagt er etwas charmantes, dann freue ich mich und lebe weiter. Ich hab sie im Griff, diese kleine von hinten attackierende Ratte – und nicht umgekehrt.

Außer, es geht um die Eingewöhnung in ein Betreuungsmodell meiner Kinder. Dann habe ich nichts mehr im Griff und sie steht sowas von präsent im absoluten Vordergrund, macht sich breit und dick und versperrt den Weg, dass keiner mehr durch kann. Nicht die neuen Bindungspersonen, nicht die Freude meines Kindes, nicht der Mut und das Abenteuer und die Lust auf den Vormittag mit anderen Kindern. Aber fangen wir ein wenig weiter vorn an.

 

Nach dem Gespräch ist vor dem Gespräch

Nachdem wir festgestellt hatten, dass die Kita grundsätzlich eine so ganz andere Vorstellung davon hatte, wie Eingewöhnung ablaufen soll, als wir, gab es ein Gespräch. Auf die Details gehe ich nicht näher ein, ich möchte nur betonen, dass es sehr gleichwürdig war, kein Streit und niemand vom Tisch aufstand und sauer auf den Anderen war. Ich hatte das Gefühl, dass man uns ernst nahm, dass man unsere Bedenken sah und dass es einen Kompromiss geben musste. Denn für die Kita kam weiterhin nicht in Frage, die Eingewöhnung gänzlich so zu gestalten, wie sie in unseren Träumen aussah.

In besagten Träumen wäre ich nämlich so lang mit in die Gruppe gekommen, bis mein Sohn eines Tages gesagt hätte „So Mama, du kannst jetzt gehen!“. Heute, nur wenige Tage nach dem Gespräch weiß ich, dass dieser Zeitpunkt niemals gekommen wäre und dass die Erzieherinnen meines Bubba das schon viel eher begriffen hatten, als ich.

 

Ein gemeinsamer Weg zu Beziehung

Wir verabredeten einen genauen Plan, der vorsah, wann ich mit Bubba in die Kita kam, an welchen Tagen ich noch würde da bleiben dürfen und ab wann nicht mehr. Ich blieb noch einen gesamten Tag mit ihm zusammen und verließ am Tag darauf die Gruppe. Er weinte, war traurig. Ich übergab ihn in die Arme der Frau, der ich dort am meisten vertraue und ging. Es zerriss mir mein Herz und ich saß auf dem Flur vor der Gruppe und weinte in mich hinein. Wieder saß ich hier, ohne Kind und wieder war mir eigentlich nicht so richtig klar, wieso. Der Grund, dass mein Universum mich vor diese Tür gesetzt hatte, wurde mir erst später klar.

Was geschah war, dass eine Erzieherin nach 10 Minuten heraus kam und mich informierte. Und eine andere nach weiteren 10 Minuten. Ich war im Bilde, ich war da, ich wusste, was mit meinem Kind geschah. Und: er hatte jederzeit die Chance, nach draußen zu kommen und zu schauen, ob ich wirklich da sitzen würde. Doch er nahm es nicht in Anspruch, denn stattdessen spielte er und war zufrieden. Der ausgehandelte Kompromiss (ich sitze vor der Tür aber nicht in der Gruppe) war plötzlich für alle okay und ich spürte, wie auch die andere Seite sich um Beziehung bemühte. Während die eine mein Kind tröstete, tröstete die andere mich, indem sie mich auf dem Laufenden hielt und in einen Smalltalk verwickelte. Zum ersten Mal nach Eintreten in die Kita hatte ich das Gefühl, dass hier Bindung eine echte Chance hätte.

 

…wäre da nicht die Hochsensibilität

Das Gefühl war gut, ich genoss es und doch zweifelte ich fast die ganzen 45 Minuten hindurch an der Entscheidung, ihn überhaupt einer Betreuung überlassen zu haben. Schließlich hatte er geweint, ein deutliches Zeichen gesendet. Auch wenn mir nicht klar war, warum er so weinte und wieso der Abschied jedes Mal so eine Katastrophe für ihn war. Es musste sein, weil ich es einfach in den ersten zwei Jahren mit ihm so ordentlich versemmelt hatte, weil wir so um Bindung hatten kämpfen müssen und weil er so extrem fühlte. Ganz klar.

Schließlich ging ich wieder rein und auch wenn man mir rückgemeldet hatte, dass er glücklich war und alles gut, hatte ich eigentlich bereits beschlossen, ihn abzumelden. Ich kam durch die Tür und sah ihn auf dem Schoß einer anderen Erzieherin. Um ihn herum saßen einige Kinder, die „extra für ihn“ etwas gebaut hatten. Eine weitere Erzieherin stand daneben und spielte mit ihm. Alle waren hier wirklich ehrlich und aufrichtig um Beziehung bemüht. Ich unterdrückte Tränen, denn zumindest für mein Gefühl waren wir hier gerade mindestens einen Monat getrennt gewesen.

Er stand auf und kam zu mir. „Hey Mama, das war ja gar nicht so lang! Ich hab das gut geschafft!“ – das waren exakt seine ersten Worte und ich hatte Mühe, nicht zu weinen. Mein Kind ist hochsensibel. Keine Chance, eine Rolle zu spielen. Dass ich mit den Tränen kämpfte, sah er hundertprozentig. „Aber Mama, ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht“, sagte er dann. „Ich hatte solche Angst, dass du dir weh tust oder Angst hast. Oder weinst“.

Und von allen Gesprächen, die wir in den letzten Wochen geführt hatten, saß das am Tiefsten.

 

„Das hast du heute gut gemacht ohne mich“

Ich atmete durch die Nase ein, dann durch den Mund aus und schluckte herunter, was ich sagen wollte. Stattdessen sagte ich, wie so eine völlig normale Mutter „Ich bin erwachsen, Bubba, ich passe schon auf mich auf. Du brauchst dich um mich nicht sorgen!“. Ich hätte gern jemanden angerufen und gefragt, was das nun wieder heißen und was ich nun tun sollte und ob wir denn jetzt nun, oder nicht. Aber ich nahm mein Kind, feierte ihn den ganzen Weg bis nach Hause dafür, dass er allein geblieben war und betonte immer und immer wieder, wie sehr er sich darüber gefreut hatte. Und er tat es mir gleich.

Zuhause angekommen gab seine Verabschiedung vorm Mittagsschlaf mir den Rest. Er hatte seine Schlafhose angezogen und war noch einmal ins Wohnzimmer gestürmt um mich zu umarmen. Er schlang seine Arme um mich und sagte:

 

„Gute Nacht, Mama. Das hast du heute gut gemacht, ohne mich“.

 

Meine Hochsensibilität spielt mir eine Streich - und macht eine bindungsorientierte Eingewöhnung gerade wahnsinnig schwer
Meine Hochsensibilität spielt mir eine Streich – und macht eine bindungsorientierte Eingewöhnung gerade wahnsinnig schwer

 

Tränen und Gespräche, Gespräche und Tränen

Was ich bereits beim Abholen gespürt hatte, bestätigte sich jetzt. Seine Sorgen beim Abschied galten nicht ihm. Und nicht der Situation in der Gruppe. Nein, ich denke, er war sich genau so sicher, das Abenteuer Kindergarten machen zu wollen, wie er es uns mehrfach gesagt hatte. Seine ganzen Sorgen galten mir und der Tatsache, dass ich wahrscheinlich in all der Zeit das völlig falsche Signal gesandt hatte.

Wie hatte ich nur eine Sekunde lang denken können, meinem Kind würde entgehen, dass ich in Wirklichkeit NICHT vertraute? Dass ich voller Zweifel war, voller Angst und Sorge um ihn? Und wie hatte ich auch nur kurz geglaubt, er würde nicht MICH spiegeln, sondern diese Ängste haben, weil ich irgendwas vor gefühlten hundert Jahren mal total verkackt hatte? Die Wahrheit ist: nicht Bubba Ray litt noch unter unseren anfänglichen Bindungsschwierigkeiten, der Angst nach einer erzwungenen Trennung und all diesen fiesen, grenzüberschreitenden Situationen, die ich in seinem Leben zugelassen hatte, weil ich nicht die Mutter gewesen war, die ich heute bin.

 

Sondern ich.

Was ich getan hatte, in diesen letzten Wochen war, ihm zu signalisieren, dass sich zu trennen etwas ganz Fürchterliches ist. Dass es Gefahren und Traurigkeit mit sich bringt. Und es musste erst wieder mein kleiner kluger, sensibler Sohn mich mit der Nase darauf stoßen. Wie so oft habe ich von ihm gelernt und leider nicht anders herum. Aber dafür ist es jetzt zum Glück noch nicht zu spät und es ist ein schönes Gefühl sagen zu können: bis hierher ist nichts kaputt gegangen. Wir können das Blatt noch wenden.

Denn, das ist alles ganz schön viel Verantwortung für einen 3,5-jährigen. Verantwortung, die ich ihm gar nicht übertragen möchte. Wenn ich erreichen will, was ich mir so sehr wünsche – nämlich, dass er morgens freudestrahlend in die Kita geht und den Tag genießt – dann wird das nur funktionieren, wenn ICH mich wieder mit mir verbinde. Wenn ich im HIER UND JETZT bleibe und nicht mehr an den Situationen knabbere, die lang her sind. Wenn ich nicht länger ihm die Verantwortung übertrage, sich um mich und meinen Abschied zu kümmern, sondern ihm den Raum lasse, SEINEN Abschied selbst zu entwickeln – und zwar so, wie ER ihn braucht. Und nicht so, wie ICH ihn brauche. Übrigens genau das, was die Erzieherinnen uns bereits im Gespräch in der letzten Woche sagten. Ich hatte das weit weggeschoben, in der festen Überzeugung, die hätten keine Ahnung, weil die ja mein Kind niemals so gut kennen würden, wie ich…

 

Loslassen. Aber jetzt wirklich.

Für mich nimmt jetzt gerade die Eingewöhnung eine entscheidende Wende. Denn meinem Kind, das sich sein Abenteuer Kindergarten wirklich so sehr wünscht, möchte ich nicht länger eine morgendliche Belastung sein. Doch wenn ich ehrlich bin, klopft MEIN Herz schon morgens nach dem Aufwachen, weil ich weiß, dass ich ihn gleich zurücklassen muss. Meine Ängste, meine Antennen, mein fehlender Filter ließen aus dieser alltäglichen Situation niemals etwas Ungezwungenes werden. Ich blockiere mich selbst, weil ich den vielen Emotionen beim Abschied zu viel Raum gebe. Weil ich meiner Hochsensibilität zu viel Präsenz gebe, eine schützende Wand hoch ziehe, wo ich Beziehung zulassen müsste. Und mein Kind, verwirrt durch meine zwei Gesichter und die nicht eindeutigen Signale, die ich schickte, suchte mich in all diesem Chaos. Ich war nur zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um das zu verstehen.

In diesem Eingewöhnungskrimi nehme ich mir also wieder vor, SEINE Hochsensibilität zu sehen – und nicht meine. Ich brauche auch Trost, überhaupt keine Frage. Aber nicht von meinem Kind. Ich tröste in dieser Situation ihn und nicht umgekehrt. Er sollte nicht morgens beim Schuhe ausziehen schon das Gefühl haben, mir meine Angst nehmen und meine Traurigkeit trösten zu müssen. Das ist falsch und ein Signal, das er schon zu lang hat aushalten müssen.

Wie ich das nun schaffe, mich zu lösen – UND ZWAR WIRKLICH – das weiß ich noch nicht. Ich weiß nur: es ist AB SOFORT nicht länger Bubba’s Aufgabe.

So viel ist sicher.

 

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