Bindungsorientierte Eingewöhnung. Teil 2: die Absprachen

Bindungsorientierte Eingewöhnung – Teil 2: Die Absprachen

Um es mal vorweg zu nehmen: ich bin sehr müde. Vor allem vom Kämpfen. Durch meine Arbeit, meine Haltung und auch diesen Blog hier, führe ich nahezu täglich Gespräche, die dazu dienen, diese Welt ein klitzekleines bisschen beziehungsorientierter zu machen, den Blick auf unsere Kinder zu verändern und auch die Gesellschaft neu zu prägen. Das ist alles nicht so romantisch und nicht so heldenhaft wie es klingt. Es ist vor allem sauanstrengend, immer und immer wieder zu erklären, wieso Kinder nicht grundsätzlich boshaft sind, wieso sie ihre Eltern nicht in den Wahnsinn treiben wollen, wieso sie nicht trotzen, nicht ständig versuchen ihren Willen durchzusetzen, nicht nicht schlafen und nicht nicht essen, nur um irgendjemandem irgendwas zu beweisen und – ach. Ich seufze tief und erspare euch weitere Aufzählungen. Ich bin müde von diesem Kampf, den ich dennoch nicht im Stande bin niederzulegen. Und nach der ersten Woche unserer Eingewöhnung in eine neue Kita erst Recht nicht mehr.

Vor gut einer Woche hatte ich euch nahegebracht, wie unerlässlich Trost für ein Kind in der Eingewöhnung ist und wieso dieser Trost maßgeblicher Bestandteil eines Bindungsaufbaus ist. Heute kann ich mit Gewissheit sagen, dass noch weitere Faktoren hinein spielen und dass ich in dieser einen Woche viel gelernt habe. Anhand unserer Erfahrungen schildere ich euch in den nächsten Tagen mal, was für mich als wichtige Punkte hinzu gekommen sind. Heute: ein Einblick in unsere Geschichte und die Erkenntnis, dass Absprachen alles sind.

 

Start der Eingewöhnung: Trennungsversuch ab Tag eins.

Es gab einen Tag zum Kennenlernen. Dann einen zum Schnuppern. Der nächste zur Vertragsunterschrift. Im Mai ein Frühlingsfest. Kurz vor Eingewöhnungsstart einen Hospitationstag. Und dann ging es los: die individuelle Eingewöhnung unseres Sohnes in die neue Kita. Ich gebe offen zu, dass unsere Hochsensibilität, also sowohl meine als auch die von Bubba, uns in dieser sensiblen Phase bisher bereits oft im Wege stand. Um es ihm und auch den neuen Bindungspersonen nicht zu erschweren, beschlossen wir frühzeitig, dass mein Mann (nicht hochsensibel) sie übernehmen würde. Als der Tag gekommen war, standen da also keine triefenden Emotionen in all ihrer Schwere zwischen uns – nein, der Mann packte Kind und Koffer und stiefelte frohen Mutes um 09.30 Uhr los.

Um 10.20 Uhr klingelte mein Handy, mein Mann. Er stand vor der Kita und erzählte mir fröhlich, dass er bereits raus gehen konnte, und dass Bubba das ganz großartig machen würde. Ich erspare euch die Details, aber vermerke, dass ich kurz darauf in eine Tüte atmen musste, um trotz des Hyperventilierens nicht in Ohnmacht zu fallen. Ein Trennungsversuch am ersten Tag glich dem vorher so häufig ausgemalten Horrorszenario.

 

Mitmachen und folgen – aus Unwissenheit und Vertrauen

Mein Mann aber hatte sich dabei nichts gedacht, vor allem nichts Böses. Wir sind zwar verheiratet, aber er ist ja keiner meiner Klienten. Ich coache ihn nicht und berate auch nicht – wir führen Gespräche. Dass die ErzieherInnen der Kita ihm nun vermittelten, sein Sohn sei kompetent genug ihn allein zu lassen, stellte er nicht in Frage. Wie so viele andere Familien es vielleicht auch nicht tun, weil man denen Vertrauen schenken möchte, die das Kind zukünftig betreuen werden. Er ging auch am zweiten Tag für wenige Minuten vor die Tür und lernte erst am dritten Tag daraus, als mein Sohn seine Grenzen vehement verteidigen musste und ihn unter Tränen anflehte, nicht zu gehen. Er blieb – und erntete Kritik.

Den Menschen, denen er in den Tagen zuvor seinen Sohn anvertraut hatte, passte es nicht, dass er sich „dem Plan“ so widersetzte. An Tag drei und vier, wohlgemerkt, war für sie vorgesehen, die bereits geübte Trennung auszubauen. Man wisse schließlich aus Erfahrung, dass ein eher kurzes Eingewöhnungsmodell bei den Kindern besser funktioniere. Mein Mann, in den ersten zwei Tagen unvoreingenommen und vertrauensvoll, stutzte. Die einzige Alternative, diesen Weg zu gehen wäre gewesen, unser Kind weinend und protestierend an – für ihn völlig fremde – Menschen zu übergeben. An wen würde er sich wenden, wenn er sich verletzte? Oder einen Konflikt mit einem anderen Kind hätte? Wenn er Angst hätte, weil Papa weg ist und er nicht weiß ob und wann er wiederkommt? Aus dem Stutzen wurde ein deutliches Nein: mein Mann ließ unseren Sohn nicht weinend zurück, sondern blieb. Und bat um ein Gespräch.

 

In Beziehung gehen und das Gespräch suchen

Am folgenden Tag, Tag vier also, folgte ein Gespräch mit der Gruppenleitung auf dem Fuße – mit enttäuschendem Ausgang. Mein Mann, der im Übrigen der beste Vater für diese Kinder ist, den ich mir jemals hätte vorstellen können und der ganz sicher nichts falsch oder kaputt gemacht hatte bisher, war den ganzen Tag grübelnd neben uns her gelaufen. Tief drinnen spürte er, dass das nicht richtig war, was man plante, dass es nicht zu unserem Sohn passte und sicher auch, dass es so nicht weitergehen könnte. Während ich – vielleicht aufgrund meines Berufes, sicher aber aufgrund der Entscheidung, welche Mutter ich sein will – ziemlich klar war, den Hörer in die Hand nehmen und da anrufen wollte, bat er mich, ihm das Gespräch zu überlassen. Und natürlich war das okay. Er äußerte unsere Bedürfnisse und Wünsche, ohne zu fordern, schilderte unsere Erfahrungen, ohne Druck auszuüben und führte unsere Beobachtungen auf, ohne mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Mein Mann war zufrieden, hatte das Gefühl, das Gespräch sei gut verlaufen. Nur sein Ende nicht.

Eine unter Umständen lange Eingewöhnung sei man nicht bereit mit zu tragen. Man verstünde nicht, dass wir dem Kind die Freiheit ließen, morgens zu entscheiden, ob es gehen oder Zuhause bleiben möchte (wobei wir tatsächlich schon sehr gut unterscheiden können, ob es sich nur nicht aufrappeln kann oder z.B. überstimuliert ist und eine Pause braucht) und deute unsere Entscheidung, ihn noch nicht allein da zu lassen als ein Problem, denn mit uns dabei könne man keine Beziehung zum Kind aufbauen. Es sei in Ordnung, wenn wir diese Woche (also nur noch heute und morgen) dabei blieben, doch ab nächste Woche müsse es einen „Fortschritt“ geben.

 

Bindungsorientierte Eingewöhnung. Teil 2: die Absprachen
Bindungsorientierte Eingewöhnung. Teil 2: die Absprachen

 

Absprachen sind das A & O – vor allem jene im Vorfeld.

Mein Mann war freundlich und respektvoll, aber auch klar. Er sagte sehr deutlich, dass wir unserem Sohn nicht seine Chance auf (Ver-)Bindung nehmen würden, indem das Ganze zeitlich künstlich verknappt würde, obwohl wir (tatsächlich!) absolut keinen zeitlichen Stress haben. Und dass es für uns die Basis ist. Soll heißen: ohne Fundament kein weiterer Ausbau. Wir würden ihn eher aus der Kita nehmen, als ihm (wieder, muss man ja leider sagen) diesem Stress auszusetzen.

Das fände man sehr schade. Man schätze Bubba ganz anders ein. Aber einen Kompromiss gäbe es nicht. Heute Morgen war es dem Mann wichtig, noch einmal zu gehen. Ich denke, er wollte testen, ob sich nach dem Gespräch am gestrigen Tage in den Erwartungen der ErzieherInnen etwas geändert habe. Er hat noch Hoffnung. Im Gegensatz zu mir.

Für mich ist es eigentlich gelaufen. In den vielen vielen Vorgesprächen war die Rede davon, eine Eingewöhnung liefe im Tempo des Kindes ab. Irgendwann müssten wir dem Personal dann zwar mal vertrauen aber generell gäbe es kein Modell. Das waren die Worte. Ein Modell gibt es tatsächlich nicht, das wissen wir jetzt. Doch die Aussage, man richte sich nach dem Tempo des Kindes, war vorgeschoben. Das macht mich wütend und ich fühle mich verarscht und belogen, denn dieser Punkt macht jegliche vorherige Absprachen praktisch zunichte. Diese vielen Treffen, die wir im Vorfeld haben durften und die Beobachtungen, die ich dort festhalten durfte, stimmten mich absolut positiv. Und tatsächlich bin ich weiterhin der absoluten Meinung, dass die ErzieherInnen dort liebevoll, achtsam und aufgeschlossen sind. Ich kann sehen, wie sie sich um Beziehung bemühen und auch ihr Umgang mit den Kindern war an den Tagen unserer Besuche nicht gespielt, weil da gerade eine Mutter dabei sitzt. Nein, ich denke, ich habe genügend Menschenkenntnis um zu erkennen, wer gern mit Kindern arbeitet und wer warm ist. Und auch, wer nicht.

 

Aus jeder Erfahrung lernen

Was das Ergebnis meines Mannes heute an Tag sechs unserer Eingewöhnung sein wird, das weiß ich noch nicht. Ich werde euch auf dem Laufenden halten. Ich weiß nur, dass er zum Zeitpunkt dieser Worte im Garten der Kita sitzt und sich nicht weiter weg vom Ort des Geschehens bewegt, als es für unseren Bubba okay ist. Es ist schließlich erst Tag 6 und nicht WOCHE sechs. Und selbst dann… ach, naja. Ihr wisst es ja.

Was bedeutet das für mich? Als Mutter steht ein weiterer Kampf an, denn es wird morgen Nachmittag ein Gespräch geben, in dem wir wieder einmal für die Grenzen unseres Kindes einstehen müssen und in dem wir Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein müssten, wieder en Detail besprechen. Ich lege nicht sehr viel Vertrauen hinein, das gebe ich direkt zu, denn schließlich wurden schon mal sämtliche Absprachen mit Füßen getreten (habe ich schon erwähnt, dass ich darüber sehr verletzt bin und mich wirklich betrogen fühle? Ja? Dann ist gut). Was also sollen weitere Absprachen bringen? Und wie viel Vertrauensvorschuss bin ich noch bereit zu geben, wenn genau das, mein Vertrauen, so behandelt wurde? Und wie viele gescheiterte Eingewöhnungen und wie viele Wechsel unterschiedlicher Betreuungsmodelle, Kitas und Tagesmütter kann so ein Kind eigentlich vertragen? Hm? Ja. Keine Ahnung.

Für mich als Elterncoach heißt das, meine Listen und meine Skripte für Kurse und Beratungen zu überarbeiten und diesen wichtigen Punkt der VERBINDLICHEN Absprachen mit ein zu arbeiten. Nur weiß ich noch nicht, wie man Eltern einen Leitfaden geben kann, der für Verbindlichkeit auf Seite jener Menschen schafft, die die eigenen Kinder betreuen. Jemand eine Idee? Lasst uns doch mal sammeln. Denn…

 

Mein Fazit

…selbst, wenn es meinen Kindern nun nicht mehr zu Gute kommen wird, so wird es anderen Kindern helfen. Und wenn nur ein einziges Kind dadurch eine angenehmere Eingewöhnung hat, dann.hat.es.sich.GELOHNT.

Ich habe noch ein anderes, etwas pathetischeres Fazit, dennoch ist es mir wichtig, es hier zu lassen. Ich habe in dieser einen, verschenkten und doch so kostbaren Lebenswoche meines Kindes gelernt, wie unerlässlich es immer wieder sein wird, die Grenzen unserer Kinder zu schützen und zu beschützen, bis sie es selbst so klar und deutlich tun können, dass ihr Umfeld sie ohne Übersetzung versteht. Wisst ihr, sie tun das früh, ihre Grenzen beschützen. Sehr, sehr früh, wir verstehen es nur vielleicht nicht gleich. Doch jedes Schreien und Weinen und gewaltvolle Weggezerrtwerden von der Familie heißt: „Ich kann / will das nicht. Hier ist meine Grenze erreicht“.
Ich wünsche mir wirklich, dass es für unsere Gesellschaft irgendwann einfach S E L B S T V E R S T Ä N D L I C H wird, diese Zeichen nicht mehr zu übergehen. Auch wenn ich weiß, dass nicht jede Familie reagieren kann, dass es gemeine Umstände und komplizierte Situationen gibt, die eine lange Eingewöhnung tatsächlich unmöglich machen. Und ich wünsche mir, dass es eines Tages die Einrichtungen selbst und die Menschen dahinter sind, die hinter diese Grenze keine weitere setzen, kein Ausrufezeichen.

Sondern ein Fragezeichen – oder eine Leertaste. Die Frage danach, was jetzt, individuell und speziell, helfen kann. Und Raum für Beziehung.

Oh, wie viel wärmer wäre dieser Ort für meinen Bubba Ray, wie glücklich wären wir über die Chance, einen Raum zu haben, in dem er geschützt und geborgen neue Erfahrungen machen könnte – ohne Angst. Und ohne Sorgen auf unserer Seite.

Ich will nicht vorgreifen und den morgigen Tag abwarten, aber… tjanun. Vielleicht bin ich schneller wieder Selbstbetreuer, als mir lieb ist.

 

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