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Blogparade: Eltern in der (Auf)-Opferungsrolle – elterliche Grenzen vs. kindliche Bedürfnisbefriedigung

Bindungsorientierung… Bedürfnisorientierung… Was ist das denn eigentlich? Und warum ist das, gerade in der Bloggerlandschaft, so ein riesiges Ding? Frau Chamaillion jedenfalls hat heute gefragt und um Mitsprache gebeten: ist bedürfnisorientierte Elternschaft gleichzeitig nur durch Aufopferung möglich?

Wie verhalte ich mich als bindungs- oder bedürfnisorientiertes Elternteil?

„Reicht“ es, zu stillen, zu tragen, co-zu-sleepen und die Sache ist durch? Darf ich mich dann automatisch bindungsorientiert nennen?
Und wenn ich nach Bedarf und nicht nach Uhr stille, nie den Kinderwagen benutze und 95 verschiedene Bindeweisen mit meinen Tragetüchern in 26 verschiedenen Längen drauf hab und das Kind so lang im Elternbett schlafen lasse, bis es schließlich von allein auszieht, darf ich mich dann bedürfnisorientiert nennen und die Sache ist durch?
Denn, wenn das so ist, dann ist ja theoretisch alles drumrum egal. Ich könnte mein Kind stillen, wenn es eben hungrig ist und es ansonsten im Laufstall liegen lassen.
Ich könnte es tragen und keinen Kinderwagen benutzen, auch wenn ich eigentlich Rücken hab und vor dem Bauch gebunden auch nie die Hände frei für meinen großen Kleinen.
Ich könnte die Kinder lange im Familienbett schlafen lassen und sie ansonsten trotzdem den ganzen Tag anschnauzen und in Wirklichkeit total unzufrieden sein, weil ich mir endlich wieder eine Nacht allein mit meinem Mann oder meiner Kuscheldecke wünsche.

Aber so funktioniert bedürfnisorientierte Elternschaft nun mal nicht. Zumindest nicht, ohne dass zwangsläufig einer daran zerbricht.

Bedürfnisorientierung bezieht sich eben NICHT nur auf unsere Kinder. Klar, die grundsätzlichen Säulen sind klar: die Bedürfnisse des Kindes zum aktuellen Lebenszeitpunkt stehen im Mittelpunkt des Handelns, des Umgangs und der Erziehung. Diese Bedürfnisse können eine ganz unterschiedliche Gewichtung haben, nicht nur unter Kind A und Kind B sondern auch bei nur einem Kind von Woche zu Woche. Im Entwicklungsprozess eines Babys und Kleinkindes ist das – so meine Erfahrungen – eben normal.
Werden diese Bedürfnisse erfüllt, so ist – auf dem Papier – von einem glücklichen Kind auszugehen. Leider sieht die Realität hin und wieder ein wenig anders aus. So gibt es nun mal Kinder, die aus verschiedensten Gründen größere Bedürfnisse haben und wieder welche, die sich schnell an Situationen anpassen können und eben auch schneller zufrieden sind. Auch hier gibt es Antworten: gewaltfreie Kommunikation, Emotionen begleiten, Attachment Parenting. Irgendwann, gewiss nicht immer sofort, wird man die Früchte dieser Erziehungsform sicher ernten. Ich zumindest, Mutter eines vermutlich hochsensiblen Kindes, das auf jeden Fall weiß, wie es mich 24-Stunden beschäftigen kann und eines 5-Monate-alten Babys, das sich (zurecht!) für die Bedürfnisse anderer jetzt noch nicht so sehr interessiert, kann sie tatsächlich hin und wieder ernten, diese Früchte und mein Herz tanzt dann vor Freude.

Erst vorhin habe ich meinem großen Kleinen voller Stolz über seine Fortschritte und seine Entwicklung beim Spielen mit Papa zugesehen, dann beim anschließenden Zähneputzen und Zu-Bett-Bringen. Na gut, er wird nächste Woche zwei Jahre alt. Er steht mit beiden Beinen im Leben (= will heißen, er wird autonom), so fühlt er sich zumindest. Er läuft, springt, klettert, die Kondition steigert sich täglich, er wird schneller und stärker (= er läuft weg, freut sich, dass es nun etwas dauert bis ich ihn eingefangen habe und motzt, wenn ich es dann tue). Er spricht ganze Sätze und da er gelernt hat, dass seine Bedürfnisse hier etwas bedeuten, kann er die auch formulieren (= „Ich will“, „Nein“, „Aber“ 😉 ). Er testet Grenzen und was passiert, wenn er diese überschreitet (= Regeln sind hier gerade ein dehnbarer Begriff).
Dabei beobachte ich nicht einen trotzenden, kleinen Jungen, der auf-Teufel-komm-raus hier seinen Willen durchsetzen will (die Phase haben wir bereits hinter uns gebracht… Aber dazu an anderer Stelle mehr), sondern einen in der Tat autonomen kleinen Buben, der etwas gelernt hat: ich hab hier ein Mitspracherecht. Ich laufe nicht einfach so mit, ich darf mich beteiligen! Ich werde gehört und gesehen, ich darf und soll „Nein“ und „Aber“ sagen und wenn ich nun mal nicht möchte, dass mein Papa mein Kuscheltuch wäscht, weil ich den Geruch (und Schnodder) so mag, dann sage ich das und es wird akzeptiert. Was er auch gelernt hat, sind Deals und Kompromisse. Rituale. Strukturen. Abläufe.
Ja, er ist autonom, aber er boykottiert nicht. Das ist ein Unterschied. Wir fechten das aus.

Ja – was denn eigentlich?

Ist es denn in einer bedürfnisorientierten Familie nicht eigentlich so, dass das Kind einfach immer seinen Willen bekommt?

Diesen Vorwurf höre ich häufig und mag ihn nicht besonders.
Ein Beispiel.
Wenn es auf die 17 Uhr zugeht, flacht die Leistungskurve meiner Kinder extrem ab. Beide werden müde, der kleine Kleine meckert und weint, der große Kleine wird nörgelig und quengelig und will nicht mehr laufen. Ich trage ihn, wenn das Baby mal geschoben wird und wenn es nur ein kurzes Stück ist, dann sogar manchmal auch beide. Allerdings ist meine Schulter aktuell ziemlich kaputt, weshalb das nicht geht. Es ist trotzdem weiterhin sein Wunsch und Wille, dass ich „beide trage“, doch mein Bedürfnis, keine Schmerzen zu empfinden, siegt. Und so schlagen wir den Bogen zur Eingangsfrage: Nein, so ist es nicht.

Bedürfnisorientierung, die stellt vielleicht eine Hierarchie auf (Beispiel: ein Säugling benötigt Nahrung von den Eltern und da es eine Rolle spielt, in welchem Tempo und was es dafür tun muss, resp. wie laut es dafür brüllen muss, damit es diese bekommt, gehen nun mal die aktuellen Bedürfnisse des Babys vor, auch wenn Mamas Abendbrot sich entweder um 15 Minuten verschiebt oder Papa es ihr zur Couch bringen muss) und ist vielleicht auch nicht immer so ganz ausgewogen und fair, aber eins ist sie ganz bestimmt: eine Regel, an die sich alle Beteiligten der bedürfnisorientierten Gemeinschaft zu halten haben.

Für mich ist es ganz selbstverständlich, dass Babies und Kleinkinder nicht durchschlafen. Auch, dass es einfach eine gewisse Zeit dauert, bis sie es tun. Das heißt aber nicht, dass ich mich freue und gesegnet fühle, seit nun – Schlaflosigkeit in der ersten Schwangerschaft mit einbezogen – fast 3 Jahren nicht mehr durchgeschlafen zu haben. Meine Kinder sind mit 19 Monaten Abstand nah beieinander und auch wenn das vielleicht in ein paar Jahren ein Segen sein wird, so heißt es im Moment hauptsächlich, dass meine Bedürfnisse hier ein klitzekleines bisschen weniger bedeuten, so im Verhältnis gesehen, als die der anderen.

Mache ich deshalb was falsch? Funktioniert unser Erziehungs-, unser Familienmodell deshalb nicht?

Ich glaube nicht. Der Altersabstand sorgt dafür, dass ich ein alle-zwei-Stunden-stillendes Baby bekam, als mein großer Kleiner gerade mal anfing, mich nachts nicht mehr zu wecken. Er sorgt auch dafür, dass ich am Fließband Windeln wechsle und immer mindestens einen der beiden mit zur Toilette nehmen muss. Er sorgt auch dafür, dass eben immer einer Hunger hat aber keiner groß genug ist, um sich mal eben an irgendetwas selbst zu bedienen und dass ich deshalb – wenn ich überhaupt mal zum Essen komme – immer mit einem Kind auf dem Schoß oder im Tragetuch eine Mahlzeit zu mir nehme. Oder stillend. Ich bin gerade mal soweit, meine Grundbedürfnisse zu befriedigen.

Und so kommen wir zur Frage, die Frau Chamaillion sich und uns gestellt hat.

Opfert man sich automatisch auf, wenn man eine bedürfnisorientierte Elternschaft anstrebt, wenn man bedürfnisorientiert „erzieht“?

Ein bisschen ja. Aber tut das nicht jede Mutter? Ausgewogen und gut ist es, wie in jeder zwischenmenschlichen Beziehung, wie in jedem Sozialgefüge aus mehreren Individuen, ja – KANN – es nur sein, wenn respektvoll und rücksichtsvoll mit den Bedürfnissen jedes Einzelnen umgegangen wird. Doch heißt das niemals, dass es nur ein „entweder oder“ gibt.
Wir können hier trotz Familienbett alle schlafen, legen es aber manchmal phasenweise in Pause. Wenn der große Kleine zahnt und nachts unruhig ist, zum Beispiel. Dann zieht er mit Papa in ein großes Bett im Kinderzimmer, während Mama und Baby in gewohnter Umgebung bleiben. Papa kriegt dann ein paar Wochen ein bisschen weniger Schlaf, dafür übernimmt Mama dann nach Einzug ins Familienbett wieder die nächtlichen Sorgen wie gehabt – das nenne ich Arbeitsteilung. Unsere Kinder lernen dadurch nicht, dass sie nachts rumtoben und uns wach halten dürfen, sondern, dass wir da sind wenn sie uns brauchen und ja, es ist wirklich so – sie schlafen deswegen tatsächlich besser. Und nach 13 Monaten mit schlafgestörtem Kleinkind, in denen wir wirklich buchstäblich ALLES probiert haben, weiß ich, wovon ich spreche. Es macht frühzeitig einen Unterschied, einem Kind seine Bedürfnisse (nochmal, für’s Protokoll: NICHT seinen Willen!) zu befriedigen, bevor es selbst in die schwierige Phase kommt, lernen zu müssen, was Bedürfnisse sind, wie man sie formuliert und wieso die einem das Herz manchmal so schwer machen.

Ich jedenfalls liege nach einem wirklich anstrengend, harten Tag mit einem schubenden Baby und einem Kleinkind-Revoluzzer in der Badewanne und stille mein Bedürfnis nach Wärme, Ruhe und Schreiben. Und auch wenn ich darauf den ganzen Tag habe warten und „malochen“ müssen, so schließe auch ich diesen Tag positiv ab:

Meine Bedürfnisse werden gehört, gesehen und gestillt.

Kompromisse machen unser Leben aus und sie machen es bunt und abwechslungsreich. So hört mein Kind schon hin und wieder mal ein „Ja, das machen wir gleich, aber JETZT trinke ich erst meinen Kaffee!“
Wieso auch nicht? Ich brauche auch Pausen und genieße einen gemütlichen Kaffee am Nachmittag genauso sehr, wie er seinen Becher warme Mandelmilch. Er hört, dass sein Bruder jetzt gerade dran ist und ruft dann vom Wickeltisch seinem motzenden Bruder wiederum zu, dass er jetzt schließlich dran sei, wenn er es ist.

Es geht, es funktioniert. Ganz ohne Ferbern, Aggressionen, Gewalt, Strafen, Verbote oder Erpressungen.

Wichtig ist, so denke ich, seine Bedürfnisse, aber auch seine Grenzen, zu kennen und wirklich offen und authentisch formulieren zu können. Nur so kann ich persönlich, als Beispiel, sicherstellen, trotz des so geringen Abstandes, genügend Schlaf zu bekommen und meinem Stillkind genügend Milch zu bieten, weil ich zum Essen und Trinken komme. Nur so kann ich meinen Kindern vorleben, dass sie etwas wert sind, dass man sich selbst Wertschätzung entgegen bringen muss, dass man eben nicht nur „Ja gerne“, „Ja bitte“, „Ja danke“ sagen darf, sondern auch mal ein

„Nein, jetzt nicht.“

Vor dem Ziel, jedermanns Bedürfnisse hier in den perfekten Einklang zu bringen, kommt es dann und wann vor, den einen vorzuziehen oder zu vertrösten, jedoch nie, ihm seine Bedürfnisse zu verwehren. Und ich denke, letztendlich ist das der Schlüssel, damit es funktioniert.

Wie läuft euer Alltag ab? Wo macht ihr Kompromisse, wo fühlt ihr euch verstanden oder auch zurück gestellt? Klappt es, dass eure Bedürfnisse gleichwertig sind? Fühlt ihr euch als Eltern gesehen, verstanden, respektiert oder überfordert, aufgeopfert, müde? Ich freue mich auf eure Beteiligung an dieser Diskussion!

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