Baby Led Weaning

BLW – Baby led weaning – grob übersetzt: Die vom Baby geführte Entwöhnung

Was ist BLW?
Idee des BLW ist es, dass das Baby die Entwöhnung von Brust / Muttermilch oder Flasche / Pre-Nahrung sozusagen selbst steuert und vor allem im eigenen Tempo. Der Start zum BLW geht daher nicht kalendarisch (also nach 6 oder gar 4 Monaten) los, sondern dann, wenn das Baby „beikostreife Zeichen“ zeigt (dazu gleich mehr). BLW wird auch häufig als „Breifrei“ betitelt, was es nicht zwangsläufig sein muss. Vielmehr geht es darum, dem Baby eine Vielzahl an Lebensmitteln zu bieten und es selbst entwickeln zu lassen, was es will. Wenn also zeitweise der Löffel spannend ist und es „einwilligt“ spricht nichts gegen den Brei. Wichtig: im ersten Lebensjahr ist die Milch (wird hier der Einfachheit halber stellvertretend für Muttermilch UND Pre-Nahrung verwendet) Hauptnahrungsmittel! Reduziert werden Still- bzw. Milchmahlzeiten nur dann, wenn das Baby eine Mahlzeit am Tisch selbstständig komplett ersetzt oder dies verlangt, indem es sich am Tisch satt isst und anschließend nicht mehr stillen will. Die Milch wird dennoch weiterhin angeboten und zwar gerne auch nach jeder Mahlzeit. Das Baby wird ganz souverän anzeigen, wenn es nicht mehr mag und die Milch dann ablehnen. Allerdings kann nur so gewährleistet werden, dass es alle notwendigen Nährstoffe bekommt, auch wenn die Portionen am Tisch noch relativ klein sind.
Wenn das Baby die Führung übernimmt, so bedeutet das auch, dass Mama und Papa ein wenig Kontrolle abgeben müssen. Wenn Baby etwas nicht will, dann sollte es auch keinen Zwang geben. „Until one food’s for fun“ (Bis zum ersten Geburtstag ist Essen zum Spaß da) – also habt Geduld und lasst euer Baby machen. Das heißt: nichts in die Hand legen, nicht die Hand führen, nicht wieder und wieder etwas in den Mund stecken, wenn das Baby schon gezeigt hat, dass es keinen Bock drauf hat.

Beikostreife Zeichen:
1. Es kann den Kopf ohne Hilfe halten und ist in der Lage, aufrecht zu sitzen, kippt nicht mehr um. Manche Babys zeigen beikostreife Zeichen schon, bevor sie zuverlässig im Stuhl sitzen können, dafür ist das „Picknick auf dem Boden“ für den Anfang (später mehr). Das Sitzen und Kopf-halten ist unerlässlich, da das Baby eben keine pürierten Lebensmittel bekommt und sich auf den Würgereflex verlassen muss. Ist der Kopf noch zu schwer oder das Sitzen klappt nur mit Mühen oder im Zwergensitz selbstständig, solltet ihr unbedingt noch eine Weile warten, damit es nicht zum Verschlucken / Atemnot kommt!
2. Es zeigt starkes Interesse an der Nahrungsaufnahme anderer. Und zwar nicht nur Zuschauen, sondern ihr solltet schon das Gefühl haben, dass euer Baby „Bock hat“ also deutlich dem Löffel / der Gabel / dem Brot folgt und euch anstarrt, sabbert, Bereitschaft zum Kauen zeigt (auch ohne Zähne) etc. Am Anfang wird euer Baby nur mit dem Essen spielen. Es sollte ihm also von Anfang an als etwas „wissenswertes“ vorkommen. Also lasst es im Zweifelsfall lieber noch ein wenig „zappeln“ um das Interesse zu steigern 
3. Es öffnet den Mund weit, wenn man einen Löffel oder etwas zu essen anbietet und „probiert“ (leckt daran mit der Zunge oder fährt mit den Lippen darüber). Wenn etwas auf dem Tisch oder in direkter Nähe liegt, greift das Baby danach.
4. Der Zungenstreckreflex ist weitestgehend weg. Es ist kein Problem, wenn noch vorhanden, dann sollten aber alle anderen Zeichen passen. BLW ist auch Kontrollabgabe an das Baby – also verlasst euch auch auf seine Instinkte.

Das Baby zeigt also an, dass es Lust hat, etwas neues auszuprobieren. Wieso sollte ich jetzt BLW machen und was sind die Vorteile?
1. Es ist praktisch, denn man kann selbst auch essen  Während deine Freundin im Café erst den Brei warm machen (lassen) muss und dann das Baby füttert, haben du und dein Zwerg eure Dinkelkekse oder das Obst schon gemeinsam verputzt
2. Das Baby lernt Lebensmittel in ihrer ursprünglichen Form kennen und nicht püriert, zermatscht. Vor allem auch isoliert und nicht vermengt, d.h. es kann sehr früh einen Apfel von einer Birne und eine Möhre von einem Kürbis unterscheiden, da es die Geschmäcker einzeln trainiert hat.
3. Dein Kind lernt sehr früh Familientisch. Sobald es sitzen kann und sein Fingerfood am Tisch einnimmt, werdet ihr gemeinsam essen. Anfangs spielt dein Baby mehr aber es wird euch monatelang beobachten und am Modell lernen können.
4. Es muss nichts extra angeschafft werden. Ausser vielleicht ein Dünsteinsatz für den Kochtopf, sofern noch nicht vorhanden 
5. Es ist die ideale Fortführung des nach-Bedarf-fütterns oder –stillens
6. Es schult das Gehirn. Die Mundregion und vor allem die Lippen sind die sensiblesten Stellen am Baby-Körper, hierüber wird „programmiert“. Je mehr verschiedene Konsistenzen und Formen dein Baby kennenlernt, umso mehr kann es sein Gehirn trainieren.
7. Es schult die Mundmotorik, die später – bei besserer Ausprägung – eine bessere Aussprache bringt und das Sprechen lernen erleichtert.
8. Es schult die Feinmotorik und die Koordination. Wenn z.B. mittags rohe Gurke und gedünsteter Spinat auf dem Tisch liegen, wird dein Baby wahrlich zwischen diesen so unterschiedlichen Lebensmitteln tricksen müssen 
9. Es gibt keine Machtkämpfe beim Essen. Das Baby nimmt was es will von dem, was auf den Tisch kommt. Also ein toller Kompromiss!
10. Kein extra Kochen- dazu später mehr.
11. Es macht riesen Spaß und zwar nicht nur dem Baby  Die Fortschritte, die dein Baby macht, werden dich begeistern!

Ok. Und wie fange ich jetzt an?
1. Du wartest, bis dein Baby soweit ist und wählst dann eine Tageszeit, zu der dein Baby sich als besonders gut gelaunt gezeigt hat. Ausserdem solltest du vorher stillen / füttern und das Baby keinesfalls hungrig in den Stuhl oder zum Picknick setzen.
2. Du bereitest das Mittagessen / Abendbrot / whatever so zu wie immer, nur mit dem Unterschied, dass das Baby einen eigenen kleinen Topf bekommt, indem die Mahlzeiten entsprechend vorbereitet werden.

Was muss ich beachten?
– Euer Essen entspricht den Grundsätzen gesunder Ernährung (was ich hier bei uns allen mal voraussetze  ). Konkret heisst das: Salz- und Zuckergehalt im Auge behalten, Zusatzstoffe und gehärtete Fette am Besten gar nicht. Fertiggerichte, Fast Food und Fix-Produkte sind nicht BLW-geeignet
– Gemüse sollte für das Baby am Besten gedünstet werden, aber nicht zu weich. Es sollte idealerweise kein Salz bekommen. Nüsse, Honig, kleine runde Früchte an denen man sich verschlucken kann, Kleie- und Frischkornprodukte und salzhaltiges sollte absolut vermieden werden.
– Das Essen eignet sich, wenn es zu nicht zu kleinen Sticks geschnitten wird. Dein Baby kann so gut greifen und lutschen / kauen / abbeissen.
– Wenn kein erhöhtes Allergierisiko besteht, kann dem Baby nach dem 6. Monat theoretisch alles gegeben werden, was es am Famlientisch auch gibt (Voraussetzungen siehe oben). Es gibt Theorien, dass BLW-Kinder sich aus den angebotenen Lebensmitteln auch nur jene nehmen, die nicht zu Unverträglichkeiten führen und sich auch hier gänzlich auf ihren Instinkt verlassen.
– Satt wird dein Baby nach wie vor durch die Milch. Also sollte nach jeder „Mahlzeit“ auch noch mal die Brust oder eine kleine Milch angeboten werden, just to be sure.

Grundsätzliches…
BLW dauert. Während die „Breikinder“ bereits nach 2 Monaten mehrere Milchmahlzeiten ersetzt haben, übt dein Baby vielleicht immer noch die Gurke zum Frühstück. Man muss also unfassbar viel Geduld aufbringen.
BLW macht Dreck. Nach jeder Mahlzeit sieht die Küche aus wie Sau. Du brauchst Lätzchen, Klamotten, Waschlappen ohne Ende. Und eigentlich immer einen Wischer in der Ecke. Diesen hier möchte ich an der Stelle auch direkt mal lobend erwähnen: http://www.amazon.de/Vileda-133346-Spray-Bodenwischer-Zwischendurch/dp/B004X5IA2I/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1411678429&sr=8-1&keywords=vileda+spr%C3%BChwischer
BLW ist schwer nachzuvollziehen. Klar, du siehst am Boden, ob das ganze Brot dort gelandet ist oder nur zwei Stücke. Aber genaue Gramm- und Nährstoffangaben wirst du hier nicht bekommen. Wenn du allerdings darauf Wert legst, dann solltest du es doch mit Brei versuchen
BLW stärkt das Selbstvertrauen deines Kindes. Und das nervt auch manchmal  Denn vielleicht hast du gerade 3 Wochen lang morgens nicht mehr gestillt, weil dein Baby das Brot mit Aufstrich so spannend fand und plötzlich hat es genau darauf so gar keine Lust mehr. Phasenweise wird es also immer noch mal wieder „zurück“ wollen. Erkenne dies nicht als Rückschritt, sondern als eine neue Qualität deines Kindes: zuverlässig anzuzeigen, was es nicht möchte 

Verschluckt sich mein Baby denn nicht?
Doch. Das tut es. Und dann ist es wichtig, dass du NICHT SOFORT EINGREIFST! Du hast das Gemüse weich gedünstet und in gut greifbare, nicht zu kleine Stücke geschnitten. Nun muss dein Baby lernen, damit umzugehen. Eigentlich droht hier keine akute Gefahr. Sehr viel gefährlicher ist es, das Baby beim ersten Verschlucker panisch aus dem Stuhl zu reißen, zu drehen und auf den Rücken zu hauen. Du und dein Baby müsst euch darauf verlassen können, dass es das „kann“ und dazu muss es lernen. Nach einigen wenigen Trainingseinheiten wird dein Baby wissen, was es kann und was nicht und auch nach eigenem Tempo steigern. Wieder das Beispiel Gurke: beim ersten Mal verschluckt, die nächsten 3 Wochen probiert und dann – mit mühevoller, schweißtreibender Arbeit – endlich ein Stück abgebissen, klein gekaut, geschluckt. DAS ist echter BLW-Erfolg!!!
Das Verschlucken sollte aber kein Ausschlusskriterium sein. Auch Babys, die nach Monaten mit Brei auf „stückige“ Kost umstellen, verschlucken sich. Und da wird eure Zeit kommen! 

Mein Baby hat riesen Bock, kann aber noch nicht im Stuhl sitzen.
Nach eigener Erfahrung (später mehr) würde ich immer zum Abwarten raten. Wenn dir dein Baby aber während der Mahlzeiten auf’s Dach steigt, weil ihr euch die leckeren Sachen reinschraubt und es zugucken muss, gibt es noch das „Picknick auf dem Boden“. Sofern dein Baby also schon eine Minute relativ selbstständig sitzen kann (nicht im Zwergensitz, also sich abstützend, sondern schon selbst, wenn auch wacklig), dann könntest du dich mit ihm auf den Boden setzen. Das Stillkissen zu einem Halbmond formen und hinter das Baby legen (an dieser Stelle sei auch gesagt, dass das Baby dort bitte nicht eingekeilt werden soll um die Entwicklung der Wirbelsäule nicht dem BLW-Start zu Liebe zu gefährden!), sodass es weich und vor allem nicht so tief fällt, wenn es doch mal kippt. Bleib unbedingt dabei und lasse es nie unbeaufsichtigt. Und wähle für diese Situationen Dinge, die einfach sind (z. B. reife, weiche Banane, Hirsekringel etc.) Das Ganze geht natürlich auch auf dem Schoß und ist vermutlich noch sicherer.

Babys haben einen erhöhten Fettbedarf. Wie löse ich das?
Gedünstetes Gemüse mit Öl einreiben oder einsprühen. Fertig  Auch Brotaufstriche aus Avocado z.B. können hier helfen. Bedenkt immer, dass es sich hierbei um einen Lernprozess handelt, der in erster Linie Spaß mit sich bringen soll. Das wichtige und somit auch die Deckung des Fettbedarfs kommt über die Milch!

Und die anderen Nährstoffe….
…kommen ebenfalls noch über die Milch. Sobald das Baby anfängt, Mahlzeiten ersetzen zu wollen, gilt wieder das oben Beschriebene: mit gesunder, vollwertiger Ernährung erhält das Baby alles, was es braucht.

Aus dem Nähkästchen.
Mein Sohn war 5,5 Monate alt, als die ersten 2 Zähne durch kamen. Das alte Ammenmärchen, das Baby müsste an feste Nahrung gewöhnt werden, sobald die Zähne durch kommen, hatte mich erwischt. Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich also dazu bewogen, mit dem Brei anzufangen. Ich hatte schlaue Bücher gelesen und mir alles so wunderbar ausgemalt, wie ich also mit dem Brei beginne und wann ich lecker koche und wie toll er essen würde.
An einem Mittag fingen wir also an mit gedünsteten, pürierten Möhren. Rapsöl dran, rühren, abkühlen lassen, fertig. Er konnte nur auf dem Schoß sitzen zu diesem Zeitpunkt und hatte ehrlich gesagt nur ein einziges Mal auf meinen Kohlrabi gestarrt und dann daran geleckt, unser Essen ansonsten aber einfach ignoriert. „Ach ich fang einfach mal an“, dachte ich mir.
„Ganz sicher nicht“, dachte sich mein Kind. Er verweigerte. Spuckte mir alles entgegen, würgte, weinte, schlug mir den Löffel aus der Hand. Also war ich bei Muttern, bei der Hebamme, beim Kinderarzt. „Mit meinem Kind stimmt was nicht, der will nicht essen“, lautete meine Diagnose. „Mach eine Pause und dann versuch es wieder!“. Gesagt Getan. 2 Wochen später – gleiches Theater. Wieder 2 Wochen später – gleiches Theater. In der Zwischenzeit hatten wir so ziemlich jedes Gemüse gedünstet und püriert, das wir je gesehen hatten.
Irgendwann – endlich – traf es mich wie ein Geistesblitz. Der kleine Mann lag in seiner Wippe, ich saß vor ihm und aß ein grobes Vollkornbrot mit Paprika-Chilli-Aufstrich. Und er quengelte wie verrückt. Ich führte also mein Brot langsam an seinen Mund, den er weit aufriss und am Brot leckte. Nun eignet sich Vollkornbrot und Chili sicher nicht für ein 6 Monate altes Kind, also dünstete ich die Möhren und pürierte sie nicht mehr und auch nicht die Pastinaken oder die Zucchini oder die Paprika. Er hatte Spaß, ließ uns kommentarlos essen, fühlte sich gefordert und ernst genommen und machte mit.
Wir saßen 4 Wochen zum Abendessen auf dem Boden, mit Stillkissen als Dämpfer, falls er gleich mal wieder kippt. Das war Stress und im Nachhinein würde ich vielleicht diese paar Wochen auch lieber abwarten aber ganz ehrlich? Er war sauglücklich und arbeitete hart.
Mittlerweile, 3 Monate später, will er schon manchmal Mahlzeiten ersetzen. Er ist ehrgeizig. Da ich absoluter Still-Fan bin, fällt es mir sehr schwer, mein Baby sich entwöhnen zu lassen, aber ich hab gelernt, ihm die Kontrolle zu übergeben und ihm den Spaß nicht zu nehmen. Er isst Oliven, die ich erst mit 19 Jahren zu essen begonnen habe, er liebt Obst und Gemüse und nimmt aktuell sogar gern mal was vom Löffel (bei uns hat die Suppenzeit begonnen und da wir nun auch öfter vom Löffel essen scheint es für ihn in Ordnung zu sein). Durch BLW haben mein Mann und ich unsere Ernährung auch nochmal verbessert, da wir unserem Sohn ein gutes Vorbild sein wollen.
Womit wir beim Fazit wären:
BLW macht glücklich. Mein Sohn ist vom absoluten Essens-Muffel zum Genießer geworden, hat sein Selbstvertrauen durch die vielen kleinen und großen Erfolgserlebnisse unglaublich trainiert und bereits jetzt Spaß an Gesundem. Für mich ist Essen keine Erziehungssache mehr sondern Lernen am Modell. Das Kind trainiert seine Fähigkeiten und Geschmacksnerven und aufgrund der großen Bandbreite, die er jetzt schon isst, verliere ich sehr schnell die Angst davor, Neues zu probieren. Und unsere Mahlzeiten verbringen wir alle gemeinsam, in Ruhe und mit viel Spaß. Perfekte Voraussetzungen 

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