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Be like the cool kids.

„Kann ich… Kann ich in euerm Verein mitmachen?“ – „Nein, verpiss‘ dich!“ {aus: Das Leben des Brian}

Der 13. Januar. Die 13 kommt nach der 12. An der 12 ist „12von12“. Ich weiß also, dass ich heute wieder jede Menge Zugriffe und Besucher haben werde. Ich gucke in meinen Kalender: welchen Beitrag hast du geplant? Ach den. Ok. Doch dann: ne. Echt nicht. Ich hab keinen Bock.

Bloggen ist meine Leidenschaft. Und Seelenhygiene. Und ich bräuchte keine Follower um für mich selbst zufrieden mit dem zu sein, was ich hier so vom Stapel lasse. Ich weiß, dass das hier „mein Ding“ is‘ und ich verbringe viele Stunden pro Woche damit, meine Beiträge zu schreiben und zu veröffentlichen. Aber ich hab eine Flaute. So richtig keinen Bock mehr.
Ich hab jetzt wirklich keinen Bock mehr, eine Idee zu haben und sie dann einen Tag später zu verwerfen, weil irgendwer das schon gemacht hat. Nicht so gut wie ich vielleicht, aber das ist egal. Der hat soundso viele Follower, wenn du das schreibst, sieht’s aus, als hättest du geklaut. Ich hab keinen Bock mehr, Beiträge in schlechtem Design in der Onlineversion des Blogs zu lesen, ich hab überhaupt keine Lust einen Blog zu lesen, der auf dem Handy oder Tablet scheiße aussieht, ich hab keinen Bock mehr auf Rechtschreibfehler und Autokorrektur, die nachlässig NICHT zurück korrigiert wurde, weil es schnell gehen muss und es die Leser ja eh nicht interessiert.

Wirklich. Ohne Witz. Interessiert es euch nicht?
Oute ich mich als Grammatik-Nazi, wenn ich sage, dass mich Blogs mit verschachteltem oder langweiligem Satzbau abschrecken? Bin ich penibel, wenn ich bei einer bestimmten Anzahl an Rechtschreibfehlern versucht bin, eine Mail zu schicken, und Korrekturlesen anzubieten? Ist es denn so egal, Hauptsache jede Woche ein Gewinnspiel?
Nee. Tut mir leid.

Sprache ist mein Instrument, mein Werkzeug. Und jeder gute Koch schärft sein Messer vor der Arbeit, schmeckt sein Gericht ab bevor es an den Tisch geht, garniert den Tellerrand. Kein Musiker nimmt „irgendeine Gitarre die da gerade so rumsteht“. Jeder Goldschmied poliert sein Werk, bevor es seine Hände verlässt. Also wirklich – wieso ist es denn dann eben KEIN Unterschied, ob die Beiträge gut recherchiert, die Sätze mit Bedacht gewählt, die Wörter klangvoll, die Texte frei von Fehlern sind? Kriegt man seine Follower, Fans und Freunde also tatsächlich nur über Gewinnspiele und Verlosungen? Scheinbar ja.

Tja. Was soll ich euch sagen? Eher lösche ich den Follow-Button und das Jetpack-Plugin, das mir Informationen über Besucher, Seitenaufrufe, beliebteste Beiträge und Suchbegriffe gibt, als ein Gewinnspiel zu machen, hinter dessen Sache ich nicht stehe und mir eine Geschichte auszudenken, wieso das jetzt genau zu mir und meinem Wort passt. So weit bin ich noch nicht, aber ich weiß, dass es geht.
Dass man jemand sein kann, auf dessen Wort Menschen sich verlassen. Dessen Beiträge einen Unterschied machen. Die helfen und Horizonte erweitern können. Ich bin eine Blogleserin, ihr könnt auf meiner Blogrolle die Blogs und Seiten finden, die genau das in mir ausgelöst haben. Und ich habe bisher an keinem einzigen Gewinnspiel in meinem Leben teilgenommen.

Also wieso triggert mich das denn jetzt so?
In Bloggerhausen hängen halt nur die Cool Guys ab. Genauso wie auf Twitter. Da kannste dich in jede Unterhaltung einmischen – wenn du nicht cool bist, biste nicht cool. Ich bezweifle, dass die Mamablog-Riesen hier mal einen Blick auf meine Texte geworfen haben und finden, dass es wert wäre, weiterzulesen. Größere Reichweite, neue Leser, neue Follower – bleiben also aus. Ich schreibe weiter für meine kleine Stammleserschaft, die hier ist, weil sie lesen wollen was ich schreibe und für euch Leute bin ich sehr dankbar!

Ich bekomme Feedback. Ehrliches, liebenswürdiges Feedback. In den Kommentaren, per Mail und sogar von Freunden und Bekannten im engeren Kreis. Aber macht mich das mal zu „einer von den großen“?
Nö.

Ich bin ein Mensch mit hohen Idealen und ich strenge mich an und liefere ab und ja – es foppt mich ungemein, dass das keine Sau „fördert“. Ich mein, wär‘ ich cool – dann schon. Oder vielleicht sogar, wenn ich was verlosen würde. Ich könnte ja auch mal testen, die Autokorrektur meinen Text schreiben zu lassen. Moment, ich muss erst ans Handy, am Laptop laufe ich noch Gefahr, alles richtig zu schreiben…

„Die beiden anderen Ländern der Erde ist ein sehr guter Zustand des Tages ist das ein bisschen zu spät und fuhr ich nach Hause zu kommen.“
Das nenne ich Effizienz: einen 26-Wort-Satz geschrieben und nicht einmal das Hirn eingeschaltet.

Jetzt noch schnell Keywords einfügen:
GEWINNSPIEL
VERLOSUNG
ZU GEWINNEN
KOSTENFREI
UMSONST
ALL YOU CAN EAT

Zack. 30 neue Follower. So einfach kann es sein. Und so schön. Fast wie Fernsehen, dafür braucht man auch kein Gehirn. Aber wartet mal. Wieso schaue ich denn kein fern, sondern blogge?

Und ich erinnere mich. Ich schreibe, weil ich nämlich jede verdammte Woche seit fast zwei Jahren in Krabbelgruppen, auf Spielplätzen und in irgendwelchen anderen Orten, an denen man nun mal Mütter und Kinder trifft, auf Frauen treffe, die die Gesellschaft so richtig schön verunsichert hat. Die nicht stillen. Die nicht tragen. Die das Kind ins eigene Bett stopfen. Mit Licht aus, Schnuller rein. Die mit 17 Wochen mit Beikost anfangen. Klar, mit Fleisch, wegen Eisen und so. Die noch nie was von gesunder Ernährung gehört haben und denen der Arzt mit so verantwortungsvollen Sachen kommt wie Unterversorgung und Perzentilen. Die eine neue Gesellschaft brauchen, die faktisch GERADE EINE NEUE GESELLSCHAFT groß ziehen!
Und ich, ich hab noch Träume, ich dummer Öko-Hippie.
Vorstellungen einer Welt, in der Kinder kleine Menschen sind und nicht Wesen, die möglichst gut funktionieren, um zu arbeiten und meine Rente zu sichern. Welch ein Hohn. Rente.
Die Bedürfnisse erfüllt bekommen, deren Werte, Moral, Gefühle mehr wert sind als die Eins in Mathe.
Die Meinungen und einen freien Willen haben.
Die selbst die Veränderung sind.
Ich habe Bilder im Kopf von einer Welt, in der meine veganen Kinder nicht belächelt werden für ihren Gerechtigkeitssinn und Ihr Verständnis für einen würdevollen Umgang mit anderen Lebewesen und unserer Umwelt, für Ihre Ethik. In der ihre moralischen Grundsätze mehr zählen als ihr Hunger oder Kleidunsstil.
Ich denke an einen Ort, an dem Worte und Inhalt viel mehr bedeuten, als einen persönlichen Vorteil aus irgendwas zu ziehen.

Ich meine, was macht ihr hier? Hand auf’s Herz. Meine „Ich bin’s nur“-Seite wird im Schnitt 30-50 Mal am Tag geklickt. Mich würde mal interessieren, was dann passiert. Verdreht ihr die Augen und haut wieder ab, weil ich naiver Hippie keine Ahnung habe von der Welt da draußen? Oder wie die Cool Guys auf Twitter sagen würden: vom „RL“ (= Real Life, für alle die auch nicht so cool sind wie ich).
Oder wollt ihr was lesen von Bindungsorientierung und Bedürfnisorientierung, von einer Familie, in der Beziehung vor Erziehung steht, in der ich jeden Tag von meinen Kindern lerne wie die Welt funktioniert?
Worum geht’s euch? Lest ihr Blogs für den Mehrwert oder auf’m Klo? Ok. Das schließt sich nicht aus. Aber letztendlich will ich sagen: es gibt gute Blogs mit ordentlich Content. Mit Menschen, die über ein Leben mit Kindern schreiben, über vegane Ernährung oder sogar beides schreiben, über ein Leben, das UNS ALLEN eine bessere Gesellschaft bescheren kann. Eines Tages. Was ist jetzt wichtiger – der nächste Kinderwagen- oder Kinderbuch- oder Nachtlicht-Test und das nächste Gewinnspiel? Falls ja: schön, dass ihr hier wart. Macht’s gut und danke für den Fisch.

Ja. Auch ich hatte vor, aus dem Ding hier was Großes zu machen. Aber anderen Beispielen folgend. Ich bin zum Beispiel großer Susanne Mierau – Fan. Großer Graslutscher – Fan. Klar, Frau Mierau verlost hin und wieder was, aber die darf das auch. An Content macht der Frau nämlich keiner was vor. Und ja. Sowas ist „Vorbild“. Man sieht nämlich worum es geht, auch beim Graslutscher. Um Meinung. Um Themen. Um uns.

Ich hab kein Dipl.-irgendwas vorm Namen und das werd‘ ich auch nie haben. Aber muss ich jetzt ’ne Qualifikation vorweisen um mitreden zu dürfen? Muss ich Pädagogik studieren um Kinder zu kriegen, oder Veterinärmedizin um Haustiere zu haben oder Ernährungsphysiologie um Veganer sein zu dürfen? Und dann auch darüber schreiben zu dürfen?

Dann plädiere ich aber auch für ein Literatur- und / oder Germanistikstudium für jeden Blogger. Die Rechtschreibfehler empfinde ich nämlich als persönliche Beleidigung des Lesers. Aber was mische ich mich ein. Wenn’s hier nix zu gewinnen gibt, liest doch eh keiner die ü1000 Wörter. Und andere Blogger? Ne. Bin ja kein cooler Typ.


 

 

EDIT

Nach konstruktivem Austausch und einer kurzen Blogpause, gab es eine Woche später mein Fazit und eine Zusammenfassung dessen, was ich für mich gelernt habe: „Content is King“

 

 

 

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