„Das essen wir nicht“ – Ethisch-moralische Werte in der Kinderernährung und wie wir sie vertreten.

Es steht die Anmeldung in Kitas und Kindergärten an. Eigentlich bin ich schon viel zu spät dran. Ich hätte mich schon in der Schwangerschaft damit befassen sollen, hab es aber nicht getan. Aus mehreren Gründen. Ich habe eine sehr genau Vorstellung davon, wie Betreuung aussehen sollte und bin deswegen vielleicht eher „streng“. Außerdem haben wir bereits schlechte Erfahrungen gemacht und es deswegen aktuell vielleicht auch nicht so besonders eilig. Ein weiterer Grund sind unsere ethischen Werte in Bezug auf unsere Ernährung und die unserer Kinder. Was in Waldorfkindergärten eine Voraussetzung ist, ist in anderen hart umkämpft: unsere Kinder essen keine Tiere.

Und um es direkt vorweg zu nehmen: ja. WIR haben das so entschieden. Ich und mein Mann, nach reiflicher Überlegung und vor allem Überzeugung. Wir kennen uns mit gesunder Ernährung aus, achten darauf, dass sie ausgewogen ist und haben hohe, moralische Werte unserer Umwelt, Mitmenschen und Mit-Lebewesen gegenüber. Das ist ein großer Teil unseres Familienlebens, wir vertreten unsere Überzeugung nach außen und natürlich auch vor unseren Kindern. Keiner von uns hat Interesse daran, unsere Kinder zu ausgegrenzten Exoten zu machen oder ihnen das Gefühl zu vermitteln, sie seien nicht richtig so.

Es sind nicht wir, die sich für uns verrückt anfühlen, sondern eine tierleidproduzierende Gesellschaft, die andere ethische Glaubenssätze als verrückt darstellt.

Ich überlasse anderen Menschen gern ihre eigene Denkweise. Es liegt mir fern zu missionieren. Unterstellt wird es mir trotzdem sehr häufig. Für gewöhnlich fühlen sich Eltern, die eine Sache gänzlich anders machen als andere, automatisch in ihrer persönlichen Entscheidung beleidigt und kritisiert, nur weil das Gegenüber es anders tut. Gerade in Unterhaltungen über die Ernährungsform der Kinder ist es Usus, sich als schlechtes Elternteil zu fühlen, weil ein anderer es anders macht – das geht beim Stillen schon los. Doch mir ist in gewisser Weise egal, ob sich jetzt nun jemand in seiner persönlichen Freiheit eingeschränkt fühlt, weil ich meinen Kindern einen anderen Umgang mit Ernährung und Speziesismus beibringe. Denn auch ich habe eine Entscheidung für meine Kinder getroffen, die ich nicht kritisieren lassen möchte, zumindest nicht destruktiv.

Und so wie ich gern anderen Menschen ihre – wenn auch in meinen Augen absolut nicht nachvollziehbare – Meinung lasse, so dürfen auch meine Kinder sie haben, selbstverständlich. Zum Beispiel lasse ich meinen Sohn seine tägliche Klamotte selber wählen und zwinge ihm nicht meinen Geschmack auf. Ich lasse ihn bestimmen, ob er das Gemüse nun mag oder nicht. Genauso ob er aufessen möchte oder satt ist.

Beim Veganismus ist das allerdings etwas ganz anderes. Ethische und moralische Werte und Grundsätze haben für mich als Mutter und Vorbild einen höheren Stellenwert als seine Geschmacksnerven oder die veraltete, antiquierte Ansicht anderer in Bezug auf „gesunde Kinderernährung“.

Gesundheit ist ein guter Nebeneffekt, aber absolut nicht meine einzige Motivation. Letztendlich ist es sein Körper, sein Stoffwechsel, sein Appetit. Er kann und wird eines Tages mit seiner Gesundheit machen, was er will.

Doch Ethik, die ist ein Wert, ein Ideal, ein Grundsatz, den ich meinem Kind als Stärke mit auf den Weg gebe.

Genauso wie ich ihm lehre, dass wir zwischen Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern keinen Unterschied machen, dass es „schwul und lesbisch“ als unterschiedliche Ausprägung der eigenen Sexualität gibt und dass nichts Krankes oder Falsches daran ist und dass wir unseren Müll trennen, Wasser nicht verschwenden, die Umwelt nicht verschmutzen und eher zu Fuß gehen, als mit dem Auto zu fahren. Über all diese Werte wird unterschiedlich hitzig diskutiert und dennoch – unser Entschluss steht fest. Bis er eines Tages eine fundierte, logische und vertretbare Entscheidung treffen kann, die auf Informationen und Zusammenhängen basiert und die für IHN eine Entscheidung aus freien Stücken überhaupt möglich macht, bis dahin übernehme ich als seine Mutter die Entscheidung, so wie ich es eben sonst auch tue.

Aber: Das Kind soll mal selbst entscheiden, was es essen will.

Auch das haben wir einstimmig entschieden und alles andere wäre ja auch gegen sämtliche Grundsätze unserer „Erziehung“. Mein Kind soll auch mal selbst entscheiden, ob es aus einem Flugzeug in die Tiefe springen will und wenn es eines Tages alt genug dazu ist, dann darf es das auch. Bis dahin treffe ich die Entscheidung. Es soll auch entscheiden, ob es sich tätowieren lassen möchte – wenn die Zeit reif ist. Bis dahin treffe ich die Entscheidung. Der Unterschied zwischen mir und meinem Kind sind ein paar Jahre Lebenserfahrung. Nicht mehr und nicht weniger. Ich möchte ihn daran teilhaben lassen und ich will das Beste für ihn rausholen. In meinen Augen ist eine pflanzliche Vollwertkost also das Beste.

Ich lebe Veganismus. Wir essen, backen, kochen vegan, tragen kein Leder, keine Wolle, keine Seide usw. Wir nutzen nur vegane, tierversuchsfreie Kosmetik. Unsere Haustiere sind adoptiert. Wir unterstützen Organisationen. Kaufen nur vegan gelabelte oder als vegan getestete Produkte. Konsequent. Aus tiefer, tiefer Überzeugung.

Ich trage stinknormale Jeans, kette mich nicht an Bäume, habe keine Blumen im Haar und sage oft „Scheiße“. Ich bin kein Hippie aber wäre mir auch egal, wenn ich einer wäre. Ehrlich gesagt fühle ich mich ganz normal. Nicht gesellschaftlich ausgegrenzt, nicht exotisch. Ich mag es so wie es ist, bin stolz darauf und sehe es als authentisch an, so zu leben, weil ich es liebe und vertrete, aus Überzeugung.

Es wäre doch aber vollkommen unauthentisch, den Veganismus durch und durch zu leben und dann meinem Kind unvegane Dinge vorzusetzen. Für mich ganz persönlich macht Speziesismus keinen Sinn. Wie erkläre ich ihm, dass wir unsere Hündin nicht essen, das Schwein vom Bauernhof in der Nähe, das er genauso gestreichelt hat, aber? Er ist ein Kind ohne speziesistische, anerzogene, übergestülpte Glaubenssätze. Für ihn gibt es keinen Unterschied zwischen einem Schwein und einem Hund. Er mag beide, beide verdienen seine Streicheleinheiten, er hat beide lieb. Für ihn ist es selbstverständlich, beide nicht zu verletzen. End of Story.

 

IMG_3417Würde ich ihm nun also den einen zum Essen vorsetzen und bei dem anderen ein Verletzen verbieten, wären das gemixte Botschaften. Und ich denke, dass diese gemixten Botschaften negativere Konsequenzen haben als ein erklärtes Nein.

Sein Vater isst gerne Süßigkeiten, die nicht immer vegan sind. Die isst er mit. Genauso wie ganz selten mal Käse. Aus dem selben Grund: ich verbiete meinem Mann nicht, seine eigene, freie, informierte Entscheidung zu treffen und es ist auch sein Kind. Wenn er also Käse und Süßigkeiten in vegetarischer Form ok für unsere Kinder findet, dann wäre es nicht nur missionieren sondern auch eine Grenzüberschreitung, meinem Mann dies zu verbieten. Wir diskutieren darüber, ich äußere meine Bedenken und kritisiere und bitte darum, es soweit es geht als Ausnahme zu betrachten – wir finden Kompromisse und nähern uns konstruktiv im Sinne aller Überzeugungen und Bedürfnisse an. In Bezug auf vegetarische Ausnahmen kann ich das ganz gut, mal davon abgesehen, dass es spätestens mit außerfamiliärer Betreuung sowieso so war, dass der große Sohn hin und wieder vegetarisches Mittagessen aß. Ich gehe auch davon aus, dass das in den nächsten Jahren immer wieder so sein wird und wir immer weniger Einfluss nehmen können. Und da sind wir wieder beim Ziel und unserer Intention: unserem Sohn unsere Werte für SEIN Leben mitzugeben und ihm zu vertrauen, dass er daraufhin seine eigenen, kompetenten Entscheidungen mit gutem Gefühl trifft – welche das auch immer sein mögen.

 

Wir treffen doch tagtäglich Entscheidungen für unsere Kinder, die meistens weit weniger andere Lebewesen mit einbeziehen bzw. ihnen den Kopf kosten. Buchstäblich.

Zum Beispiel sind unsere Kinder nicht getauft. Werden sie sich eines Tages für den Glauben und die Kirche interessieren, tja, dann weil sie sich eben informiert und eine fundierte Entscheidung getroffen haben. Dann übernehme ich die Verantwortung dafür, dass die ersten Lebensjahre ungetauft und ohne Glauben stattfanden. Aber wir schaden damit niemandem. Keinem anderen Menschen, keinem anderen Lebewesen. Und so wähle ich auch den Kindergarten, die Schule, aktuell sogar noch die Spielpartner für meine Kinder aus – ganz einfach weil sie noch nicht fähig sind mir mitzuteilen, mit wem sie spielen möchten, ob ihnen Kindergarten A oder B besser gefiel oder sie katholisch, evangelisch oder gar nix sein wollen. Der Unterschied liegt darin, dass wir mit einem veganen Leben bis dahin keinem schaden und sogar noch einen entscheidenden Beitrag für einen gesunden Planeten und eine gesunde Umwelt leisten können – Win-Win sozusagen.

Eines Tages werden meine Kinder dann eine Entscheidung für ihre Zukunft als entscheidunsfähiger Mensch treffen und mir diese mitteilen. Entscheiden Sie sich, so weiter zu machen, dann wird es gut sein, dass sie vegan/vegetarisch gelebt haben. Wenn nicht, wird es ihnen nichts ausmachen, vegan/vegetarisch gelebt zu haben.

Sie lernen hier schließlich einen Wert, werden nicht dressiert, nicht gezwungen.

Deswegen würde es mir tatsächlich auch sehr schwer fallen, wenn sie dieser Ernährungsform eines Tages den Rücken kehren und Fleisch äßen. Ich hätte nämlich nicht das Gefühl, meine Kinder wären schlechtere Menschen weil sie nun doch Fleisch essen, sondern schlichtweg den Gedanken, meine Werte nicht transportiert zu haben. Sie nicht bindungsorientiert für ihr Leben gestärkt zu haben.

Dass ich mit 14 Jahren aus freien Stücken Vegetarier und ein paar Jahre später Veganer wurde, empfinde ich nicht als Rebellion gegen meine omnivoren Eltern sondern eher als ein Ergebnis ihrer Erziehung. Sie haben mich Gerechtigkeitssinn, Empathie, Reflexion, Hinterfragen und Entscheiden gelehrt. Und an diesem Punkt war nun also klar, dass ich keine Tiere mehr essen wollte. Dabei ist es geblieben. Ich verrate an dieser Stelle nicht mein wahres Alter, aber wir reden hier von mehr als einer Phase. Weit mehr, wie man sieht.

Es wird wohl leider mal dazu kommen, dass meine Söhne schneller etwas im Mund haben, als ich gucken kann. Dann ist das leider so. Aber solange ich kann, vermeide ich es. Ohne Verbote, ohne ihre Bedürfnisse oder Grenzen zu ignorieren. Der Große ist 2 Jahre alt, der kleine 6 Monate… „Brenzlige“ – oder sagen wir unangenehme Situationen sind schon alleine aufgrund dessen noch nicht entstanden.

Was wir hier tun ist für ihn Normalzustand.

Damit, dass es auf Kindergeburtstagen oder anderen Treffen Bockwurst gibt, die „wir nicht essen“, wird er leider früh genug und hoffentlich zunächst durch mich begleitet konfrontiert. Denn dann werde ich in die Situation kommen, ihm plausibel erklären zu können, wieso „wir das nicht essen“ und ihm die Entscheidung lassen, ob er es dennoch tun oder genau wie wir aus freien Stücken und Überzeugung verzichten möchte. Ich möchte und werde meinem Kleinkind-Sohn dann nicht eine so große Verantwortung aufladen, ihm von Massentierhaltung und schrecklichen Bedingungen zu erzählen – ich denke, der Grund, dass Tiere leider sterben müssen, damit Mensch Wurst essen kann und wir keinen Tieren wehtun möchten, sollte zunächst für den Einstieg reichen. Schließlich wachsen mit den Jahren auch seine Erfahrungen, Kompetenzen und damit auch sein Verständnis für größere Zusammenhänge.

Tja, Kathrin Rabenmutter – und wat machse, wenn dein Kind Wuass‘ essen will?

Nachdem ich eine ganze Weile an mir und meinen mütterlichen Fähigkeiten, Werte, Ethik, Moral und Stärke an mein Kind weiterzugeben, gezweifelt habe, setzen wir uns zusammen, stecken Bedürfnisse, persönliche Grenzen und was innerhalb dieser vertretbar ist ab, stellen fest, dass ich niemals Fleisch zubereiten oder in meinem Kühlschrank lagern werde und dass er entweder selber kochen oder auswärts essen muss, was er möchte. Kurzum: wir werden einen Kompromiss finden. Das macht eine Familie schließlich aus, oder?

Inspiriert von 2kindchaos Mo’s Frage auf Twitter, wie wir unseren Kindern erklären, wieso wir sie vegan oder vegetarisch ernähren, wollte ich zuerst eine Blogparade aus diesem Beitrag machen. Aber das Thema ist erstens absolut zeitlos und zweitens ist mein Text jetzt doch irgendwie Monolog und weniger Fragestellung geworden. Hier hat Mo sich übrigens selbst geäußert – ein wundervoller, empathischer und unzensierter Text, wie wir ihn viel häufiger gebrauchen könnten! *klick*

Aber bitte fühlt euch frei, die Kommentare so lang und ausführlich zu schreiben, wie ihr nur mögt und schildert mir, wie IHR es EUREN Kindern nahebringt:

  • Was sind eure Ansätze und Gedanken?
  • Wovor habt ihr vielleicht Angst?
  • Wie reagiert euer Umfeld?
  • Habt ihr vielleicht mit euren Kindern sogar schon konkrete Erfahrungen gesammelt?
  • Habt ihr ein oder mehrere Kinder, die sich tatsächlich entgegen eurer Überzeugung für oder gegen Fleisch entschieen haben?
  • Seid ihr euch mit eurem Partner einig? Ziehen alle an einem Strang?
  • Seht ihr in der veganen Lebensweise auch eine ethische Grundeinstellung oder findet ihr, ich mache zu viel Bohei?
  • Habt ihr euch, vielleicht selbst vegan lebend, eventuell sogar dagegen entschieden, euer Kind / eure Kinder vegan oder vegetarisch zu ernähren?
  • Oder seid ihr selbst omnivor und habt Kinder, die sich dagegen entschieden haben, Fleisch zu essen?

Ein tolles Beispiel für den letzten Punkt ist der Lieblingsbub, Sohn der Berlinmittemom, die in ihrem Blogpost „Meet the veggie boy – mein Kind will Vegetarier sein“ erst vorgestern berichtete, wie ihr Sohn plötzlich keine Tiere mehr essen möchte.

Setzt eure Blogbeiträge in die Kommentare oder schreibt mir gern auch, wenn ihr keinen Blog habt, euch aber eine Veröffentlichung hier bei mir wünscht. Oder eben als Kommentar.

Ich freue mich auf einen konstruktiven, fairen und interessanten Austausch!

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