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„Das Gefühl der Fremdbestimmung grenzt an Ohnmacht“ – Mo Zart bei #HochsensibleMütter

Schnallt euch an: Mo ist zu Gast. Ja, ganz genau, die (!) Mo. Mo Zart von 2kindchaos und das bedeutet mir aus mehreren Gründen sehr viel. Erstens natürlich, weil ich großer 2kindchaos-Fan bin. Zweitens, weil ich Mo, ihre Art zu diskutieren, zu fühlen und zu denken sehr schätze. Drittens, weil ich ihre Schreibe liebe. Und viertens weil Mo mit ziemlich großem Abstand zu den wertvollsten, liebevollsten, aufopferndsten und wärmsten Müttern gehört, die ich in meinem kurzen Jungspund-Leben *hust* kennen gelernt habe. Ihre Hochsensibilität betrifft die 38-jährige nicht allein, auch ihre Töchter Maple (4) und Coco (2), die ihr – aufmerksame, treue 2kindchaos-Leser, die ihr GANZ SICHER seid oder spätestens heute werdet – aus ihren brachial ehrlichen Blogartikeln kennt, sind „betroffen“. Zumindest sehr wahrscheinlich. Oder vielleicht doch nicht? Oder doch? Wie sie lebt, damit umgeht und welche inneren und äußeren Dämonen sie und ihre Familie begleiten, das lest ihr jetzt.

 

Vorhang auf für 2kindchas Mo bei #HochsensibleMütter


 

Du bist hochsensibel. Seit wann weißt du davon? Hast du einen Test gemacht und wenn ja welchen? Und woran bemerkst du deine eigene Hochsensibilität am Deutlichsten?

Ich war immer schon sensibel. Mit Beginn meiner ersten Schwangerschaft und noch mehr mit den Kindern wurde das immer heftiger. Das geht inzwischen so weit, dass ich als politischer und politisch interessierter Mensch nicht einmal mehr Nachrichten schauen kann. Ich bekomme keine Grenze gezogen zwischen dem Leid anderer und mir. Es war Frida, Chefbloggerin bei 2kindchaos und inzwischen gute Freundin, die meine Hochsensibilität erahnte, die mich vor 2 oder 3 Jahren fragte, ob ich den Begriff kenne. Nein, noch nie davon gehört. Schon in dem Moment, als sie mich mit diesem Begriff konfrontierte, wusste ich: Ja. Es war, wie die Frühlingskindermama in dieser Blogreihe schrieb: „Alles hatte endlich einen Namen“, endlich verstand ich, was da los war. Ich habe den Test von Zartbesaitet gemacht. Das Ergebnis war wenig überraschend. Sehr spannend finde ich, und auch das haben mir die Fragen im Test gezeigt, wie unterschiedlich Hochsensibilität ausgeprägt sein kann. Ich hatte nicht bei allen Fragen hohe Werte – bei anderen hätte die Skala bis 20 gehen müssen statt nur bis 7…

Am auffälligsten ist bei mir zweierlei  ausgeprägt: der, wenn man so will, hochempathische Teil, und das Leben ohne Filter. Ich kann nichts ausblenden, nehme alles wahr. Da habe ich mich in Deiner Selbstbeschreibung sehr wiedererkannt. Das ist Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite bekomme ich jede kleinste Befindlichkeit, jedes Bedürfnis meiner Kinder mit. Ich sehe, wie Maple vor mir das übernächste Puzzleteil nicht zuordnen können wird und überlege schon, welche Tricks sie dazu anwenden könnte, um sich selbst zu helfen, statt frustriert auszuflippen, während ich mitkriege, wie Coco schräg hinter mir fast vom Stuhl fällt (fange sie auf), und rufe Karl parallel zu, dass die Milch in einer Sekunde überkocht.

Diese Gabe ist ganz schön toll. Aber auch ganz schön anstrengend. Ich frage mich manchmal, wo die Grenze zu einer guten Auffassungsgabe verläuft. Alle Synapsen stehen auf Empfang, sind, wie bei einem Babyfon, maximal sensibel eingestellt, und alle funktionieren gleichzeitig. Aus demselben Grund stresst es mich aber auch erheblich, in einem Raum zu sein, wo viel passiert, wo mehrere Gespräche gleichzeitig stattfinden (und ich womöglich auch noch auf die Kinder achten soll).

Ein Großraumbüro wäre für mich der blanke Horror. Ich hasse, hasse, hasse es, unterbrochen zu werden (und das tun Kinder ja ganz gerne mal ab und zu). Ich mache alles gleichzeitig. Einen Text schreiben, die aufploppende Mail einschätzen und im Kopf priorisieren (ohne sie zu öffnen, das immerhin hab ich schon gelernt), ans Telefon gehen. Am liebsten habe ich RUHE. Am liebsten würde ich immer die Bürotür zumachen, um nicht an den Schritten auf dem Teppich erkennen zu können, wer gleich vorbeilaufen wird, wer im übernächsten Büro mit wem telefoniert und so weiter und so weiter.

Am liebsten Stille? Das hätte ich früher nie von mir gesagt. Ich war immer extrovertiert, (bis heute), bin immer gerne ausgegangen, auch in Discos sehr gerne, in Kneipen, auf Festivals. Heute ist mir alles zu laut und schnell alles zu viel. Ich mag nur noch ruhige Kneipen.

Und, was ich noch beobachte: Ich weiß oft, was mein Gegenüber eigentlich sagen wollte und aus welchen Gründen er es sich anders überlegt hat. Ein minimaler Gesichtsausdruck, ein Zucken, eine Minipause, ein ganz kurzes Stocken sprechen Bände über die Gedankengänge. Und fast immer wenn ich rate, hatte ich Recht mit meiner Intuition. Auch das ist meiner Auffassung nach eine Facette von Empathie. Ich kann mich unwahrscheinlich gut in andere Menschen hineinversetzen und tue das, ohne dass ich es verhindern kann. Ich hatte, solange ich denken kann, panische Angst davor, wenn jemand in meiner Nähe den SPIEGEL liest, dass er zufällig die großen Bilderseiten vorne aufschlägt und ich zufällig gerade hingucke. Zu schrecklich. Seit Kindertagen verfolgt mich eine versehentlich gesehene Filmszene. Horrorfilme? Da bekäme ich Alpträume und würde alles im Traum nacherleben.

Außerdem ausgeprägt ist bei mir eine sehr empfindliche Nase. Ich kann zum Beispiel Parfum überhaupt nicht ertragen. Wenn überhaupt nur Männerdüfte. Zwei Gerüche sind für mich am Schlimmsten: Zigarettenrauch und meine Mutter. Da könnte ich besser mitten in einer Müllhalde stehen. Das ist keine Übertreibung.

Und ich bin sehr temperaturfühlig. Mir ist sehr schnell zu heiß oder zu kalt. Ich habe da kaum einen Toleranzbereich. Ich kann beides nicht aushalten. Manchmal habe ich das Gefühl, was andere als 0 Grad empfinden, empfinde ich als minus 20, und was andere als 30 Grad empfinden, sind für mich 50.

 

Hochsensible Mütter schwanken, so Brigitte Schorr, eine Expertin auf dem Gebiet, besonders häufig zwischen Langeweile allein mit dem Kind und Überforderung im Alltag, ständig gepaart mit schlechtem Gewissen. Kannst du das bestätigen?

Das trifft für mich nicht aufs Babyalter zu. Überforderung ja, Langeweile nein. Abgesehen davon, dass in Maples Babyjahr wegen der Bauchgeschichte ohnehin keine Langeweile aufgekommen ist, gehe ich im Babykuscheln und -Tragen auf. Friedliche Zeit mit dem Baby macht mich glücklich. Ich bin ein sehr körperlicher, kuscheliger und emotionaler Mensch und tanke da sehr auf.

Ab dem Kleinkindalter würde ich das aber genau so bestätigen. Die Schlepperei wird scheißanstrengend, vor allem, wenn man, wie meine Kinder, nur auf dem Arm getragen werden will. Maximale Nähe und dabei maximale Bewegungsfreiheit, das bietet keine Trage der Welt. Runter, rauf, runter, rauf, runter rauf – auf das geht nur auf dem Arm. Und ich muss gestehen, ich finde Spielplatz todlangweilig und sehr anstrengend. Meine Kinder sind beide keine Auf-eigene-Faust-Entdecker-Typen. In Spielgruppen klammer(te)n sie stark, alles nur direkt mit Mama. Das ist überfordernd und langweilig.

 

Als Mutter ist man irgendwie ja auch fremdbestimmt durch das eigene Kind. Empfindest du das auch und wenn ja, an welchem Beispiel besonders? Und wie gehst du damit um?

Ich kann nicht aufhören zu lachen.

Geht gleich wieder.

So. IRGENDWIE FREMDBESTIMMT? Ach Quatsch, wieso denn?

Die Fremdbestimmung ist bei mir DAS dominierende Thema, das mir am meisten zu schaffen macht. Das Gefühl grenzt bei mir an Ohnmacht. Ich kann furchtbar schlecht mit Zwang umgehen. Und meine Erfahrungen als Baby- und Kleinkindmama waren die, dass die normalsten Dinge nicht mehr möglich waren. Von A nach B gelangen. Ich kann mich an einen Tag erinnern, als Maple knapp 9 Monate alt war. Wir wollten soooo gern auf einen Weihnachtsmarkt gehen. Auf einen leeren. Nix Aufregendes. Und nein, es ging nicht um Überforderung auf dem Markt selbst. Denn wir konnten erst gar nicht losgehen. Weil Maple schlicht in keinen Schneeanzug zu bekommen war. Sie lehnte jede Form von Jacke ab. Zu einzwängend. Sie wollte nicht auf den Arm, sie wollte nicht runter, sie wollte in keine Trage, und in den Kinderwagen … *hysterisches Lachen einfügen* ja … lassen wir das Thema. Wir haben drei Versuche gemacht, danach war der Tag um und ich reif für die Klapse.

Ich sehne mich nach nichts mehr als nach Selbstbestimmung. Mal das machen, was ich möchte oder was mir in dem Moment gerade gut tun würde, wenn alles zu viel ist. Es kommt langsam wieder, dass das mal möglich ist, und das ist das größte Geschenk dieses Jahres.

 

Ist deine eigene Mutter oder dein Vater hochsensibel? Erkennst du sie in dir wieder? Was schätzt du an deinem hochsensiblen Elternteil? Und was gar nicht?

Nein. Meine Eltern sind nicht hochsensibel, garantiert nicht. Zu allererst mal nicht in der Art Ausprägung, also in die Richtung, in die ich es bin. Wenn überhaupt, könnte ich mir bestimmte Züge bei meinem autoritären Vater vorstellen (ausgerechnet!), der auch sehr feine Antennen für Zwischentöne hat. Aber nein, Richtung zu viele Reize – nein. Alle beide definitiv nicht. An dieser Stelle, Kathrin, würde mich interessieren, ob Hochsensibilität ausschließlich oder nur auch vererbt werden kann.

 

Ist dein Kind hochsensibel? Prallt ihr oft aneinander?

Tja. Gute Frage. Inzwischen bin ich da total unsicher. Früher hätte ich geschworen: Maple ja. Und dann fragte die Frühlingskindermama mal en passant in einer Twitter-Reply: „Wer weiß, wenn Maple die krassen Bauchschmerzen nicht hätte durchmachen müssen, vielleicht wäre sie dann ein ganz unkompliziertes Kind gewesen?“ Bäm. Ich habe keine Antwort darauf. Vielleicht ist es so. Ich kann es nicht beurteilen, weil eines zum anderen führte.

Ja, sie ist mit Materialien empfindlich und sehr empathisch, emotional und impulsiv. Aber hochempfindlich? Ich überlege.

Coco hingegen habe ich zunächst als unkompliziertes Kind erlebt, und auch das hat sich gewandelt. Beide sind bei vielen Reizen, vor allem bei Lautstärke und vielen verschiedenen Geräuschen (Gesprächen, Krach, Musik) schnell überfordert, Coco inzwischen mehr als Maple.

Vor 6 oder 7 Wochen habe ich meinen Geburtstag gefeiert in einem wirklich großen Raum mit vielleicht 20 Menschen. Es gab Musik, aber nicht laut. Die Menschen unterhielten sich. Coco weigerte sich, und zwar deutlich aus Angst, Bedürfnis und Überforderung erkennbar, in diesem Raum zu sein, und verbrachte lange Zeit in einem stillen, separaten Raum und baute mit ihrer Oma oder mir mit Duplosteinen. Es brauchte lange, bis sie wieder dazu kommen konnte, und wir mussten das Licht löschen, sodass nur noch Lichterketten an waren.

Noch heute, Wochen später, wenn sie den Raum sieht, sagt sie „Laut!“ und fühlt sich unwohl.

Ich kann es nicht abschließend beurteilen. Aber beiden wird schnell etwas zu viel. Maple hat schon gute Strategien, um aus einer sie überfordernden Situation herauszukommen, was ich echt toll finde.

 

Welches Kind empfindest du als pflegeleichter?

Inzwischen Maple, was aber schlicht am Alter liegt. Ich kann mich in beide Kinder sehr gut einfühlen, ich würde sogar sagen, unglaublich gut. Wo Karl noch rätselt, weiß ich sofort Bescheid. Ich weiß nicht, ob das ein Mutter-Ding ist. Aber eine hochsensible Mutter ist vermutlich im Vorteil, ein hochsensibles Kind zu verstehen. Und verstehen macht pflegeleicht(er). Nicht wissen, wie man helfen kann, ist das Schlimmste. Für Mütter immer. Aber eine hochsensible Mutter, die einem massiv leidenden (damals) hochsensiblen Kind nicht helfen kann, ist die schlimmste Kombination. Darin hab ich die Platin-Card. Das ist meine Prägung.

 

Stressabbau und Selbstregulationsmechanismen: würdest du sagen, du lebst gut mit deiner Hochsensibilität? Welchen Strategien hast du, um dich selbst zu beruhigen und deinen inneren Stress abzubauen?

Um ehrlich zu sein, ist Maple darin besser als ich. Sie hält sich die Ohren zu, verlässt den Raum, rollt sich an ihrem Zufluchtsort ein und nuckelt. (Eine offene Frage für mich, welches Recht ich habe, ihr diese Beruhigungsstrategie, nämlich nuckeln, abgewöhnen zu wollen. Neulich sagte sie, als ich das Thema vorsichtig ansprach: „Und außerdem darf ich immer nuckeln, wenn ich will.“ Da hatte sie mich mit ihrer Kompetenz und ihrem beneidenswerten Selbstbewusstsein. Hatte ich nun echt alles richtig gemacht oder mir ein Eigentor geschossen? Ich entschied mich für: alles richtig gemacht.)

Wenn ich die Wahl hätte, hätte ich dieselben Strategien wie Maple. Flucht, Stille, Embryohaltung. Aber in der Elternrolle kann man nicht so einfach abhauen. Ich bin leider auch schlecht darin, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen. Ich reagiere immer erst dann, wenn ich keine Wahl mehr habe, wenn alles so massiv zu viel ist, dass ich nicht mehr Herrin meiner Reaktionen bin. Dass ich so spät die Reißleine ziehe, zu wenig auf meine Bedürfnisse achte, liegt an diesem hochempathischen Ding. Ich bin dann mehr beim Gegenüber als bei mir. Ich spüre so überdeutlich, was das Kind gerade braucht, was in ihm vorgeht, dass es irgendwie schwerer wiegt als das, was ich brauche. Das läuft nicht reflektiert ab, sondern automatisch.

Ich weiß auch nicht, wie ich mein Fühlen abstellen soll. Und ich bin sehr unsicher, ob ein natürliches Gefühl, das ich habe, abtrainiert werden soll. Es fühlt sich falsch an, wie Selbstverleugnung. Meine ganze Kindheit und Jugend war geprägt von der deutlichen Botschaft, dass ich so, wie ich bin, falsch bin, und dass ich anders sein soll. Alles in mir widerstrebt sich, das zu tun. Ich will nicht anders sein. Ich will MIT meinem ausgeprägten Mitfühlen auf mich achten lernen.

 

Welchen Rat würdest du anderen hochsensiblen Müttern geben? Und wenn du Literatur zu dem Thema gelesen hast, möchtest du etwas empfehlen?

„Lies diese Blogreihe.“ Ich habe erst ein Buch dazu gelesen, darin sind eher Erfahrungsberichte, aber da in allen Berichten die Ausprägung der Hochsensibilität anders ist als bei mir, fand ich mich nicht so darin wieder. Hier hingegen schon. Mir tut auch vor allem der Kontakt zu anderen Hochsensiblen gut.

 

Ein Ausblick in deine Zukunft: Welche Eigenschaft darf wachsen, was willst du so bewahren wie es ist und woran möchtest du gezielt arbeiten?

Unbedingt möchte und muss ich lernen, mich wieder besser selbst zu fühlen. Dann kann ich nämlich auch wesentlich besser auf mich aufpassen. Ich kenne diesen sehr guten Draht zu mir selbst, verbinde ihn vor allem mit meinen 20er-Jahren. Ich habe das wie einen Rausch erlebt. Das pure Glück, ganz bei sich selbst zu sein. In sich hineinspüren zu können. Das fehlt mir derzeit deshalb, weil ich nie, nie, nie, einfach so gut wie NIE mein eigenes Tempo machen kann. Mein Familienleben ist so fordernd, wie die Arbeitsstelle, die ich wegen physiopsychischer Erschöpfung verlassen habe. Aber hier gibt es keine Krankschreibung, keine Auszeit, keinen neuen Job. Das Gute ist, dass es tatsächlich besser wird. Coco klebt weniger an mir, Karl wird akzeptiert, ich kann mich definitiv auch mal rausziehen. Es ist nur so viel zu tun (und damit meine ich wirklich nur das Allernötigste), dass die Zeit einfach nicht ausreicht, um Zeit nur mit mir zu haben. Dazu kommt, dass das nicht auf Knopfdruck geht. Ein gutes Gefühl für mich selbst kann ich nicht anknipsen, weil ich jetzt 20 Minuten Zeit habe. Es muss ständig und dauerhaft Platz haben. Das ist auch der Grund, warum ich so viel twittere: Dort gelingt es mir am besten, die Kontinuität zu halten. Das Bloggen tut mir noch viel besser, aber dafür brauche ich viel Zeit am Stück, die ich selten habe.

Was bleiben darf und soll, ist das intensive Fühlen, was ich wirklich als Geschenk erlebe.


Alle anderen Interviews meiner Reihe #HochsensibleMütter findet ihr hier

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