Widmung meines absoluten Lieblingsbuches. Passt, irgendwie.

Das Wir-Gefühl des Selbstzerstörers

„Can’t take the kid from the fight – take the fight from the kid“
– Panic! At the disco, „Camisado“

Ich habe ein Buch geschrieben. Ein echtes Buch. Mit Wörtern, Kapiteln, Satzzeichen und Absätzen. Es war lang und es zu schreiben, das mochte ich sehr.
 Eines Abends, erst kürzlich, las ich eine Zeile. Dann übersprang ich einige Seiten und suchte eine weitere Stelle heraus. Dann wieder. In Bruchstücken durchsuchte ich mein Buch nach einer Passage, nach vielleicht sogar einem ganzen Kapitel, das ich gut fand.

Vergebens.


Ich verließ den Schreibtisch, holte mir einen Kaffee, ging zurück, setzte mich hin.

Und löschte alles unwiderruflich.

Es ist nur halb so schockierend wie es klingt, wenn man weiß, dass es nicht das erste Mal war, dass ich die Arbeit mehrerer Monate einfach in den Papierkorb warf. Gerade am Computer geht das schnell. Und damit ich ja keine Chance haben würde sentimental zu werden und Gefahr zu laufen, ein schlechtes Buch bei einem Verlag einzureichen, der mein Manuskript ablehnen und mich auslachen würde, leerte ich gleich den Papierkorb. Unwiderruflich. Kein Risiko eingehen.

Für wenige Sekunden fühlte sich das schmerzhaft an. Und falsch. Doch ich weiß: ein schlechtes Buch will keiner lesen. Und viel wichtiger noch: ich will es nicht schreiben.
 Ich möchte – wenn denn überhaupt – ein Buch schreiben, das ich liebe. Bei dem jeder Satz, jedes Wort stimmt. Das hervorragend recherchiert ist, einen fesselt und mitreißt und das überlebt, wenn ich schon lange, lange nicht mehr bin.
 Doch Fakt ist: ein Buch im Papierkorb meines Computers oder noch besser, in den unendlichen Weiten meines virtuellen Reißwolfs, das bringt so gar niemandem etwas. Nicht mir, außer das Gefühl, wieder mal unheimlich viel Zeit und Kraft in ein Projekt gesteckt zu haben, das mich wahnsinnig glücklich gemacht hat, aber jetzt tot ist. Nicht meinen vermeintlichen Lesern und Leserinnen, denn die können ja nichts lesen. Und ganz sicher nicht einem Verlag, der ein vielleicht ganz okayes Buch sogar noch abgedruckt und verkauft hätte.

 

Wer ich bin.

Das Bloggen ist eine Leidenschaft geworden, deren Platz keine andere Tätigkeit wird einnehmen können. In meinem WordPress-Dashboard bin ich unbeobachtet, die Worte die ich unsortiert und passioniert in die Tasten haue, gehören mir so lang ganz allein, bis ich entscheide, dass sie gut und groß genug sind, den geschützten Schoß zu verlassen. Ich drehe und wende meine Gedanken hier, wie einen kleinen Juwel, den ich auf einem Strandspaziergang gefunden habe. Ich sehe mir alle noch einmal genau an, nehme sie unter die Lupe und drücke erst den „Veröffentlichen“ Knopf, wenn diese innere Stimme sagt:

„Sie sind so weit. Lass sie frei“.

Ich bin hier, wer ich bin. Verstelle mich nicht, schminke mich nicht, verstecke mich nicht. Genau das ist, was mir das Bloggen zur Leidenschaft gemacht hat. Aber der Grund für meine andauernde Motivation ist eigentlich eine andere.

Sobald meine Wörter sich auf den Weg nach da draußen machen, ich sie auf meinen Social Media Kanälen verteile und aller Welt davon berichte, fließt Adrenalin durch meine Adern. Ich weiß: die Menschen sehen dich. Sie lesen dich. Und sie werden reagieren. Oft aktualisiere ich meine Seiten im Minutentakt, manchmal lege ich das Handy auch weit weg. Doch egal wie ich es drehe und wende; die da draußen sehen mich. Und das gibt mir was.

Gesehen werden, gelesen werden, angehört werden – das sind Momente, die wir nicht oft genießen dürfen. Es passiert schnell, dass sich Gespräche um die eigene Achse drehen, immer hin und her wie ein Pingpongball zwischen den Gesprächspartnern. Ich erzähle von mir, mein Gegenüber von sich, dann wieder ich und dann wieder er oder sie. Am Ende des Gesprächs habe ich nichts übrig. Meine Geschichten sind erzählt, die Worte verklungen. Und was der andere erzählt hat, hab ich irgendwie auch nicht so richtig behalten. Oder doch? Oder nicht?

Auf meinem Blog rede ich aus.

Und mehr noch: ich nutze – ein schöner Satz, den mein Mann mal prägte – die „Tiefe meiner Intelligenz“. Ich – impulsiv, vorlaut, schnell, frech, spontan, schlagfertig, wortgewandt – muss hier überlegen, wie ich die Dinge in Szene setze. Während ich diesen Satz abtippe, was nun mal wenige Sekunden in Anspruch nimmt, höre ich im Inneren meines Hirns bereits den zweiten Teil des Satzes und seinen Nachfolger. Nicht selten ist ein Text in meinem Kopf fertig, bevor ich überhaupt auch nur die Einleitung geschrieben habe. Dann denke ich an Euch. An die da draußen, die mich lesen werden, die verstehen, was ich sagen will. Ich hüpfe an meine Tastatur, mit diesem Wir-Gefühl in der Magengegend und will abtippen, was dort in meinem Kopf liegt. Ich setze an, schreibe den ersten Satz…. und höre auf.

Lösche unwiderruflich. Klingt scheisse.

„So gut wie das vorhin, da in deinem Kopf, das was du gedacht hast schreiben zu wollen, so, wie der Satz eigentlich hätte klingen sollen – DAS war gut. Aber das hier? 20 Minuten später? Das ist scheisse. Es klingt scheisse. Es ist nicht schön.“ Mir fällt die ursprüngliche Formulierung nicht mehr ein. Mist. Schlecht. Nicht gut. Nicht gut genug.

Delete.

In einem selbstzerstörerischen Akt lösche ich also neuerdings nicht mehr nur ganze Werke (wie ein melodramatischer Künstler aus einem Hollywood-Film) sondern auch meine verdammten Entwürfe für diesen Blog, der mir so viel Leben und Liebe gegeben hat. Ich hab nach dem Grund dafür gesucht, dass mir meine eigenen Worte urplötzlich keinen Spaß mehr machen. Dass mir diese Selbstzerstörung aktuell mehr zusetzt, als mir das innere Wir-Gefühl geben kann. Und merkt ihr was? Der letzte Satz war zu nah an der Überschrift. Zu offensichtlich. Schlecht gemacht, nicht um die Ecke gedacht, stilistisch unterste Schublade, keine Spannung. Das kann sogar E.L. James besser.

Aus Respekt vor den vielen liebevollen Menschen meines Online-Wir’s lösche ich das hier nicht. Obwohl ich es gern täte.

Und jetzt? Es wird immer schlimmer. Vor der Veröffentlichung eines Textes stehen oft bis zu 13 Revisionen an. Hier noch mal korrigiert, da nochmal umgestellt. Checken die was du sagen willst? Manche Texte lese ich in unterschiedlichen Tonlagen, um die aus anderen Lesestimmen zu hören. War das jetzt beleidigend? Oder doch anklagend? Rechtschreib- und Tippfehler können echte Dramen hervorrufen. Diese ständige Änderung der deutschen Rechtschreibung macht mich fertig! Ich bin zwanghaft und verkopft, tippe meine Gefühle und mein Herz ab, lege mein Innerstes auf den Tisch um Menschen zu erreichen, um mit euch in Beziehung zu gehen, lese mein Gejammere und lösche es. Lösche es!!! „Das will doch keiner lesen. Wem bringt das was?“

Ich lösche Texte, die ich super finde. Die ich auf meinen Lieblingsblogs feiern und teilen würde. Weil ich denke: das braucht kein Mensch.

Nun sind wieder viele Woche vergangen. Mein Entwürfe-Ordner füllt sich und nicht ein Text hat es in den letzten Wochen an die Oberfläche geschafft. Bzw. kein aktueller. Die letzten veröffentlichten Texte sind Monate (!) alt. Und ich schreibe täglich. Das mal so nebenbei.

Im Raum steht nun die Frage, ob das Bloggen noch Sinn machen kann, wenn es ein solcher Stressauslöser ist. Und auch, wie ich diesen Krampf löse und wieder genieße. Woher der überhaupt kommt.

Nun ja. Ihr wisst nun, wieso die Schlagzahl meiner Artikel so runter gegangen ist. Es liegt nicht an euch 😉 Es liegt an mir.

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