Deine Gefühle sind dein gutes Recht!

Dein Nein, Mein Nein und wer ist hier eigentlich selbstbestimmt?

„Bitte hör auf, den Sand im Flur zu verteilen! Ich hab keine Lust gleich alles sauber zu machen!“, sage ich zu Bubba, der bäuchlings in der Matsche liegt und mit ausgebreiteten Armen dreckigen Sand, Regenwasser und Dreck in unserem Flur zu großen Kreisen auf dem Laminat verarbeitet.
„Ich male ein schönes Bild! Meeeeeeehr mach ich nicht!“, sagt er.
„Nee“, sage ich, „du machst das Laminat dreckig! Machst du es gleich dann auch bitte sauber?“ Ich gehe in die Küche, lasse warmes Wasser in den Eimer und wasche den Mob durch.
„Na klaaaaaar“, behauptet er und rudert weiter im Matsch.
D-Von wittert Party und kommt kichernd angekrabbelt. Zack. Er greift in die Matsche, verteilt sich erst einen Batzen im Gesicht, um dann laut lachend noch seine Haare einzuschmieren.
„Ich krieg die Krise! Hier ist alles dreckig! Ich möchte bitte, dass ihr das im Wintergarten spielt, oder im Hausflur! Oder draußen! Da könnt ihr euch einkleistern wie ihr wollt, aber HIER IM FLUR NICHT!“, meckermotze ich. Bubba lässt das kalt. Er und D-Von feuern sich gegenseitig an. Dee nimmt den nächsten Happen Sand und kaut genüsslich darauf rum. Er ist 11 Monate alt. Alles wird auf seine Essbarkeit getestet. Bubba Ray ist 30 Monate alt und es beschleicht mich das Gefühl, dass er alles darauf testet, wie schnell und wie effektiv er mich damit in den Wahnsinn treiben kann.

 

Keiner reagiert auf mein Nein.

 

Die Kinder sehen aus wie kleine Schoko-Osterhasen und ich stehe da, mit Mob und Eimer, neben meinen eigenen Kindern, die meiner Bitte, aufzuhören, woanders zu spielen oder es wenigstens selbst sauber zu machen, nicht nachkommen. Mein Nein verhallt, verstummt, verschwindet unter ihrem Gelächter.

Als beide keine Lust mehr haben, tragen sie den Dreck in die restliche Wohnung, bis ich irgendwann wirklich wütend bin, beide ins Spielzimmer bitte und sie umziehe. Bubba Ray fängt an zu weinen. D-Von steigt ein. Ich fühle mich echt verarscht. Ich meine – ich hab doch wirklich hier die rote Karte! Die Kinder suhlen sich im Dreck, spielen, haben Spaß, lassen mir den Flur zum Putzen und zeigen mir den Mittelfinger. Ich habe sie gebeten aufzuhören, ich habe Nein gesagt, ich habe nun selbst die Konsequenzen des Putzens zu Tragen. Worüber beschweren sie sich?

„ICH WILL MEIN T-SHIRT ANBLEIBEN!“, brüllt Bubba Ray. Und WIE IMMER sage ich: Okay. Dein Körper, deine Entscheidung. Lauf halt mit dem dreckigen T-Shirt rum! Er will auch die Hose und die Strümpfe an lassen und WIE IMMER sage ich: Okay. Dein Ding. Ich bitte ihn, sich den Dreck wenigstens mit dem Waschlappen abzuwaschen und er schreit: NEIN! Und WIE IMMER sage ich: Okay. Dann eben nicht.
„DU SOLLST DAS MACHEN!“, kommandiert er mich rum. Ich sehe die Wohnung vor mir, die wenigen Stellen, die gerade noch sauber sind, die er aber auch gleich mit seiner dreckigen Hose berühren wird und mache ihm die Hose mit dem Waschlappen sauber. D-Von spielt derweil mit einem Auto, das Umziehen lässt ihn völlig kalt. Übrigens auch sein eigenes, T-Shirt und Hose darf ich in Nullkommanichts wechseln.
Als die Kinder trocken und sauber sind, wische ich den Flur, das Wohnzimmer und das Bad. Ich rufe noch einmal herüber, ob Bubba und Dee mir denn nun auch mal helfen würden? „Naaaaheeeeiiiin!“, ruft Bubba gewohnt höflich zurück.

Ich fühle mich wie seine Angestellte und alles andere als selbstbestimmt.

 

Ich schwöre euch; in Bubba Ray’s Leben gab es nichts, was er nicht selbst bestimmt hätte. Ihn zu zwingen wäre unmöglich gewesen. Es gab genau eine einzige Sache, als er die Influenza hatte, dehydriert war, man ihm Blut abnehmen und an eine Infusion klemmen musste. Da war mir seine Gesundheit und das Leben meines Kindes wertvoller als sein Nein. Doch ansonsten… Er schlief als Baby nur dann und auch nur dort, wann und wo er es wollte. Er hatte keine Lust auf Brei und es hätte keinen Weg, kein Schummeln, kein Tricksen geben können, ihm den Brei irgendwie doch aufzuzwingen. Nein, Bubba Ray weiß was er will und noch viel besser, was er nicht will.

Sein Nein war hier also auch schon immer ein Nein.

Handelt der Mann mal zu schnell und nimmt ihn einfach so hoch, ist Bubba stundenlang ob dieser übergriffigen Handlung beleidigt. Verleihe ich seine Schaufel auf dem Spielplatz an ein befreundetes Kind, wird er garantiert seine Wut an mir auslassen. Und ein „Geh weg!“ Oder „Ich will meine Ruhe!“, das wir nicht respektieren, kann das eine oder andere Möbelstück kosten.

Ich habe wirklich die Hoffnung, dass die Tatsache, dass wir sein Nein und seine Gefühlswelt so respektieren, eines Tages dazu führen wird, dass auch er das Nein seiner Mitmenschen annimmt, respektiert und akzeptiert. Dass Nein eben unwiderruflich und kompromisslos Nein bedeutet. Doch sehr oft stehe ich da, vor meinem eigenen Leben als Mutter und werde damit konfrontiert, dass mein Nein nichts bedeutet. Dass mein Nein nicht respektiert wird. Dass geschummelt, getrickst und vorgeschoben wird, obwohl ein Nein in dieser Familie doch einen Stellenwert hat!

Wir verbieten nicht die Menge der Süßigkeiten, wir reglementieren nicht die Fernsehzeit, wir geben keine Kleiderregeln vor und lassen unsere Kinder sehr häufig in sehr vielen Punkten selber wählen. Hier gibt es nicht das klassische Machtgefälle zwischen Eltern und Kindern. Doch wer mir heute den Vorwurf machen würde, ich ließe meinem Kind ganz schön viel durchgehen, der hätte womöglich Recht. Denn viel zu oft bitte ich meine Kinder, meine Wünsche und Bedürfnisse zu respektieren und laufe ins Leere. Zum Beispiel, weil ich mir wünsche, nicht 6 Mal am Tag aufräumen zu müssen, den Flur nicht putzen zu müssen (schon gar nicht, wenn ich nicht verbiete sondern lediglich um einen Umzug bitte oder darum, mir beim Putzen zu helfen) oder meine Kinder nicht noch einmal umziehen zu müssen. Mein Bedürfnis, keinen neuen Laminatboden zu kaufen, weil die kleinen Steinchen ihn vermutlich gerade zerkratzen, wird nicht gehört. Mein Bedürfnis nach Ordnung, wird nicht gehört. Mein Bedürfnis, den Spielplatz in einen anderen Raum, der deutlich einfacher zu reinigen ist und kein Chaos mit sich bringen würde, zu verlagern, wird nicht gehört.

Mein Nein wird ignoriert.

Nein heißt Nein und zwar immer- ich stimme zu. Meinen Kindern bringe ich dies bei und lege großen Wert darauf, dass sie Selbstbestimmung erfahren. Ich lege Wert darauf, dass sie nur gewickelt werden, wenn sie das zulassen, nur umgezogen werden, wenn sie es möchten und zu dem Zeitpunkt die Zähne geputzt bekommen, an dem sie bereit sind. Nein heißt NEIN – es sind ihre Körper.

Und doch frage ich mich, was das aus Ihnen und aus mir macht, wenn das Nein, das ich ohnehin schon selten und mit Bedacht wähle, ihnen nichts bedeutet. Wenn das Nein ihrer Mutter ignoriert werden darf. Wenn es – unserer Philosophie entsprechend – dafür keine Konsequenzen, keine Strafen, keine Machtausübung gibt sondern eben nur ein authentisches „Find ich jetzt aber kacke, dass ich alleine aufräumen muss!“. Wenn mein Bedürfnis nach Sauberkeit weniger wert ist, als ihr Bedürfnis zu spielen. Wo sich beides doch eigentlich gut kombinieren ließe.

Nein sollte Nein heißen und doch werden wir AP-Eltern dazu angehalten, eine „Ja-Umgebung“ zu schaffen. Ich tue das herzlich gern!

Aber was wird aus meinem Kind, wenn es niemals oder zu selten, das Nein seiner Mutter, seiner größten Bindungsperson, akzeptiert und nichts weiter als ein bisschen schlechte Laune erntet? Was ist der Lerneffekt? Sollte ich darauf vertrauen, dass das Vorleben, dass sein Nein wirklich Nein heißt, ihn eines Tages erreicht und er es uns gleich tut? Wird er nicht vielleicht denken können, dass Nein gar nicht immer Nein heißt? Schließlich macht Mama den Boden ja trotzdem sauber. Ist sein Nein wertiger als meines?

Ähnliche Situationen erleben wir bald täglich abends zum Einschlafen. Unsere Situation hat sich sozusagen selbst verfahren. Nach der lang andauernden Krankheitsperiode von Bubba Ray im März und April kam es von einem Tag auf den Anderen: er wollte alleine einschlafen. Die Einschlafbegleitung lehnte er rigoros ab. Mittags nahm er nun nur noch in Anspruch, dass ich ihm seine Decke, sein Kissen und sein Tuch zum Sofa bringe, ihn einkuschle, verabschiede und rausgehe. Den Rest wollte er allein verbringen. Auch abends verlangte er nach Alleinsein und Ruhe, was ich nach 2,5 Jahren Einschlafbegleitung natürlich hinnahm. Ich verließ also auch abends den Raum und was anfänglich gut klappte, entpuppte sich bald zu einer familiären Katastrophe.
Denn plötzlich waren die Abende hier nicht wie 2,5 Jahre zuvor um 21 Uhr beendet, was sowieso schon einen 15 Stunden-Tag für uns Eltern bedeutete, nein, er stand wieder auf und behauptete, nicht müde zu sein und nicht schlafen zu können. Und WIE IMMER – ihr erkennt das Muster – sagten wir zunächst: Okay. Deine Entscheidung. Wir wollen dich ja nicht zum Schlafen zwingen. Ich gab dem Ganzen wenige Tage und war mir sicher, spätestens die Müdigkeit nach einigen Tagen mit weniger Schlaf würde schon dafür sorgen, dass er eher schlief. Doch dies blieb aus. Seit Mai also turnt unser Sohn hier allabendlich bis 23 Uhr durch die Wohnung. Und das ist – vor dem Hintergrund der Selbstbestimmung und freien Entscheidung – auch erstmal in Ordnung. Doch er ist nicht gern wach. Er schafft den Absprung vom Tag in die erholsame Nacht nicht allein. Und noch dazu zehrt es an den Kräften der gesamten Familie.

Zum Einen haben mein Mann und ich viele wichtige Dinge zu besprechen, denn ein Umzug steht zum Ende des Monats an. Aktuell wird unsere Wohnung renoviert. Ständig müssen Entscheidungen getroffen werden, die wir nur abends in Ruhe besprechen können, wenn er von der Arbeit zurück ist. Ich weiß nicht, wie es euren Kindern geht, aber meine langweilen sich zu Tode wenn Erwachsene sich unterhalten und diese Langeweile führt dazu, dass D-Von heult und Bubba Blödsinn macht um Aufmerksamkeit zu kriegen. Letztendlich werden wir also ständig gestört und kommen nicht zur Ruhe. Alle anderen Dinge, die man als Paar vielleicht gern täte, es mit wachem, anwesenden Kind aber nicht tut, mal außen vor gelassen. Noch dazu D-Von, der wirklich leidenschaftlich gern ab 19 Uhr schläft und auch das hat sich selbstbestimmt eingependelt. Große Herausforderung ist aber, dass Bubba ihn regelmäßig durch Toben, Spielen, Lachen etc. weckt. Kurzum: die Selbstbestimmung eines Einzelnen führte hier zu haufenweise Fremdbestimmung aller Anderen. Und das kann nicht die Lösung sein.

Ich denke nicht, dass Bubba Ray so spät schläft, weil er vielleicht nicht darauf vertraut, es wirklich selbst in die Hand nehmen zu dürfen, denn dafür gibt es überhaupt keinen Indikator.

Von Anfang an war sein Nein ein Nein und sein Körper sein Körper und seine Entscheidung seine Entscheidung. Und dennoch überfordert ihn Selbstbestimmung häufig.

Ich denke, dass die Situation mit einem hochsensiblen Kind nun mal ein wenig anders ist. Ihm fehlt der Filter, der für sein Gehirn Wichtiges von Unwichtigem trennt und somit sind alle Tätigkeiten am Abend, alles was wir erzählen, alles was er meint noch tun zu müssen, gleichermaßen wichtig. Manchmal sitzt er auf dem Küchenboden und übt, den Mob von meinem Wischer abzuziehen oder hilft Papa dabei, die Geschirrspülmaschine auszuräumen, einfach weil sein Hirn das gerade als genauso wichtig empfindet, wie bei uns zu sein. Ist es aber nicht.
Noch dazu fehlt ihm die Fähigkeit, sich selbst vernünftig zu regulieren. Das bedeutet nicht, dass er doof oder unfähig ist, sondern einfach, dass sein Kopf keine Pausen machen kann. Ständig tobt dort eine Art Gewitter, die ihn nicht ruhen lässt. In meinem Kopf ist es ähnlich und ich habe Jahre gebraucht, damit umgehen zu lernen. In seinem Kopf ist es also in allererster Linie mal laut, wenn er sich hinlegt und im Bett zur Ruhe kommen soll. Gedanken schießen wie Blitze und es fällt schwer, sich zu fokussieren. Ihm fallen Dinge ein, er denkt nach und die innere Unruhe führt dazu, ständig wieder aufzustehen, um nochmal eben….

Freie Entscheidungen zu treffen, sich selbst bestimmt zu fühlen und es auch zu sein, im Großen (wie das Wahren der eigenen physischen und psychischen Grenzen) und im Kleinen (wie selbst entscheiden zu dürfen, was und wie viel man isst) und eine innerfamiliäre Gleichwürdigkeit zu schaffen, ist sowohl unser Prinzip im Umgang miteinander als auch unsere Einstellung.

Und doch bin ich der festen Überzeugung, dass wir diese freie Entscheidung beim Schlafen ausklammern müssen.

Schlaf ist für hochsensible Kinder unersetzbar wichtig. Es ist fast die einzige Möglichkeit, dem schwer arbeitenden Hirn mal eine Auszeit zu verschaffen. Eine Insel der Ruhe. Jedwede Manipulation daran führte – zumindest bei meinem Kind – nur dazu, dass es schlimmer wurde, bis es in chronischen Schlafstörungen endete. Ich zwinge mein Kind abends nicht dazu, zu schlafen. Es gibt keine Tränen und ausnahmslos immer ein versöhnliches Tagesende. Doch ich sehe es auch als meine Aufgabe, ihm beizubringen, wie wichtig es ist, seine Bedürfnisse ernst zu nehmen und darauf zu hören und genau das schaffe ich nicht damit, ihn abends einfach machen zu lassen, so gern ich das hätte. Mit einem Impuls unsererseits („Der Tag schläft ein“/ „Du bist doch schon so müde, schau, dir Augen fallen schon zu!“) versuchen wir, ihm die Ruhe des Abends nahezubringen. Ohne Stress, Tränen und Ärger.

Aber auch ohne uns als Familie zu verbiegen, nur um ihm eine Selbstbestimmung zu geben, die ihn schlichtweg überfordert.

Zu viele freie Entscheidungen bringen Unsicherheit hervor und überfordern Kinder, zumindest ist das meine Erfahrung. Und trotz aller Selbstbestimmung, Ablehnung jeder Form von Unterdrückung, Machtausübung und Gewalt und der allgemeingültigen Formel, dass Nein immer auch Nein heißt, kann ich das gut nachvollziehen.

Wer mag das nicht, mal keine Entscheidung treffen zu müssen, sich treiben zu lassen und die Verantwortung auf jemand anderen schieben zu können?

Kinder müssen Kinder sein dürfen. Und auch mal sagen können: „Ich weiß nicht was ich tun soll. Entscheide du!“

47 comments

  1. Hallo!
    Ja, genau das Dilemma mit dem Nein der Kinder, das stets respektiert werden soll und dem eigenen Nein, das von diesen so gut wie nie respektiert wird, sehe ich auch als ein großes Problem der ganzen Selbstbestimmungs-Sache. Bei meinen (normal sensiblen) Kindern die ja auch „erzogen“ werden (Orr. Aber wie soll mans sonst nennen, nech?) habe ich mir früh angewöhnt, in solchen Situationen wie du sie beschreibst, zwei für mich akzeptable Alternativen mit direktem Bezug zur Situation anzubieten. Also so in etwa: Ihr könnt entweder den Matsch selber in den Hausflur bringen und da weiter spielen oder ich bringe ihn raus. Bei uns funktioniert das hmmmm, oft, würde ich sagen. Genauso machen wirs beim Zähne putzen: vorm oder nach dem Umziehen? Medienzeit hat Michel 30 Minuten, wann er die nimmt (Ausnahme: beim Essen) ist uns egal. Insofern bin ich wohl Team: ‚Selbstbestimmung im von uns vorgegebenen Rahmen‘, ähnlich auch wie es Frühlingskindermama so treffend schrieb.
    Grade arbeite ich übrigens an der Wahrung meiner Grenze: ich will nicht (von Pippi) gekniffen werden. Mal sehen, wieviele Nerven dafür noch draufgehen.
    Ach ja. Wenn das mit dem Kinder groß kriegen ohne dabei draufzugehen doch so einfach wäre, wie man sich das vor den Kindern vorgestellt hat, gell?
    Liebe Grüße –
    R.

  2. Danke für diesen Text! Ich finde ihn erstens sehr interessant komponiert und aufgebaut und zweitens in seiner Selbstkritik unheimlich klug und bereichernd. Es ist sehr wertvoll, wenn man erkennt, dass Ansätze, die man grundsätzlich für richtig hält und gern praktiziert, aufgrund individueller Gegebenheiten in einigen Fällen nicht funktionieren. Ich stimme Dir in allem zu, was die Bedürfnisse eines hochsensiblen Kindes angeht und wie wichtig dabei die Rolle der Eltern ist. Auch mein Großer hat entgangenen Schlaf NIE nachgeholt, wie uns immer wieder von Außenstehenden prophezeit wurde, sondern wurde immer gereizter oder erschöpfter. Hier müssen wir Eltern eingreifen, zum Wohl des Kindes. Alles andere wäre fahrlässig.
    Übrigens, wie Du das Sofaeinschlafen beschrieben hast, ist das für mich begleitetes Einschlafen: Kissen bringen, einkuscheln, verabschieden sind in meinen Augen klassische Einschlafsignale. Dann ist der Ort tatsächlich egal. Mein Großer ist SEHR an sein Bett gebunden, er hat selbst MIT Signalen nie auf unserem Bett im Garten mittags geschlafen. Aber das, was Du beschreibst, ist für mich nicht das von mir etwas kritisierte Erschöpfungseinschlafen.
    Mein Großer braucht sehr viel Unterstützung bei der Wahrnehmung seiner Bedürfnisse und dabei kommt uns Eltern, besonders mir als seiner hochsensiblen Mama, eine wichtige Rolle zu. Mittlerweile glaube ich auch aus meiner Erfahrung mit ihm heraus, dass hochsensible Kinder mit zuviel Selbstbestimmung überfordert sind, weil sie Prioritäten schlecht setzen können und so einen Rattenschwanz an Überlegungen anstellen, dass sie schlicht zu keiner Entscheidung kommen können (geht mir bis heute oft so). Mein Großer sagt jetzt ganz oft, wenn ich ihm zwei Auswahlmöglichkeiten gebe: „Entscheidet ihr!“ oder „Mama, das sollst Du entscheiden!“ (früher hätte er getobt, wenn ich ihm eine Entscheidung weggenommen hätte oder habe). Diese Entwicklung finde ich sehr spannend.
    Ich wünsche euch, dass ihr einen guten Weg findet, der all euren Bedürfnissen Rechnung trägt. Man kann es nur herausfinden, indem man sich selbst immer wieder hinterfragt und korrigiert. Und weißt Du, als mein Großer im Alter von Bubba war, bin ich noch blind umhergeschwommen und wusste überhaupt nicht, wie ich dieses Kind nehmen soll. Insofern seid ihr tausendmal weiter als ich damals war und das wird ihm zugute kommen.
    Liebe Grüße!

  3. Ich musste sehr schmunzeln beim Lesen deines Textes. Er macht dich auf jeden Fall sehr sympathisch. Ich hätte allerdings ein paar kleine Anmerkungen, wenn du magst. Möchtest du sie hören?
    LG, Snowqueen

    1. Bitte gerne. Bin gespannt 🙂

      1. Dein Bubba Ray ist 30 Monate alt. Es ist zu
        viel verlangt, mit dem Matschen im Flur aufzuhörem, weil du das doof findest und dir das Arbeit macht. Um das nachvollziehen zu können, müsste er schon einen Perspektivenwechsel einnehmen und sich empathisch in die Situation eines anderen hereinversetzen können. Beides gelingt Kindern aber erst mit etwa 4 Jahren und da auch nur ansatzweise. Um empathisch nachempfinden zu können, wie scheiße die Situation für dich war, hätte er nämlich schon mal selbst eine ähnliche Situation aus deiner Position heraus erlebt haben müssen (also dass jemand ewas von ihm dreckig macht und er dann selbst hinterher die Arbeit hat), er hätte in der jetzigen Situation aus deinen Augen sehen können müssen und sich an seine Situation erinnern und erahnen können müssen, dass du dich so fühlst, wie er damals. Und dann hätte es damals eine Lösung für sein Dilemma geben müssen, damit er diese Lösung auch auf dich anwenden kann. Das bedeutet, er müsste sich erinnern, dass er sich damals gewünscht hat, dass der Dreckigmacher ihm beim Saubermachen hilft und hätte daher erkennen müssen, dass du dir vermutlich wünscht, dass er dir beim Saubermachen hilft. Ich denke, wenn du das so liest, fällt dir selbst auf, dass solche Gedankengänge für einen nicht mal Dreijährigen viel zu hoch sind. Du hast dir also etwas von ihm gewünscht, was er rein kognitiv noch nicht leisten kann. Du hast ihn überfordert.

        Du hast allerdings Recht, wenn du sagst, es ist schwierig, wenn er dein Nein andauernd übergehen darf. Dass dein Nein nicht zählt. Richtig, das ist genauso problematisch, wie wenn ein Erwachsener andauern das Nein des Kindes übergeht. Es muss immer eine Balance gefunden werden zwischen den Bedürfnissen der Mitglieder der Gruppe. Und wenn es dir ein Bedürfnis ist, dass nicht im Flur mit Matsch gemalt wird, sondern lieber im Wintergarten, dann ist das ein valides Bedürfnis. Bubbas Bedürfnis, mit Matsch zu malen, kann auch dort drüben ausgelebt werden. Wichtig ist, WENN du schon Nein sagst (und das hast du ja in Bezug auf das Matschen im Flur), dann musst du es dringend auch durchsetzen. Das muss ja nicht harsch und böse geschehen. Sicherlich hätte Bubba gemotzt, wenn du darauf bestanden hättest, dass er da aufhören soll, aber das ist ja nicht schlimm. Es geht ja nicht darum, immer nur Friede, Freude, Eierkuchen zu haben (war es ja eh nicht, denn du warst sauer und dementsprechend grumpelig mit ihnen). Es war deine persönliche Grenze, über die er nicht hinwegwalzen darf. Wenn er das darf (du hast ihn gelassen), lernt er nur, dass er nicht auf andere Menschen achten muss. Dass er auf ihr Nein nicht hören muss…. Bedürfnisorientiert heißt, auf die Bedürfnisse aller zu achten. In dem Moment, den du hier beschrieben hast, achtest du nur auf die Bedürfnisse der Kinder. Ich hatte darüber in meinem letzten Artikel geschrieben, ich glaube, du hattest ihn gelesen: An einigen (wenigen) Stellen ist es wichtig, sein Nein als Erwachsener auch zu vertreten, sonnst kann der präfrontale Cortex der Kinder sich nicht richtig ausformen. Du kannst ihn natürlich im Flur matschen lassen – das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass du Nein zum Matschen gesagt hast und ihn dann aber weitermachen hast lassen. Da ist der Punkt, der vielleicht nicht so ganz gut war, denn da hast du deine eigene Grenze überrennen lassen. Ist da deine Grenze? Dann zeig sie auf. Wenn nicht, lass ihn da matschen und sag nichts dazu.

        Zum Selbstbestimmten Einschlafen habe ich bei Frühlingskindermama schon geschrieben. Bedürfnisorientierte Erziehung heißt genau das: Am Bedürfnis (des Kindes) orientiert. Will heißen: Hat das eine Kind das Bedürfnis, dass ihm ein Erwachsener Orientierung gibt (zb, wann er ins Bett gehen soll), dann sollte der Erwachsene das tun und ist damit ein feinfühliger Bindungspartner. Hat das Kind das Bedürfnis, selbstbestimmt zu entscheiden, wann es ins Bett geht, dann sollten die Erwachsenen im die Freiheit geben, genau das zu tun und sind damit ebenso feinfühlig in der Beziehung, wie der Erwachsene oben.

        LG, snowqueen

        1. Meine Liebe,
          nun habe ich mal ein paar Minuten mehr Zeit. Ich danke dir sehr, für die viele viele Zeit, die du dir für mich genommen hast. Es ist wirklich toll, mal so eine 1:1 Beratung zu kriegen 🙂 Und du hast Recht. Im Alltagsstress geht das sich-selbst-von-außen-betrachten hier im Moment sehr häufig unter und unfehlbar bin ich auch nicht. Es tut gut, sich darauf mal wieder zu besinnen.
          Besonders spannend in diesem Zusammenhang: ich erinnere unsere Umwelt oft daran, dass Bubba schließlich erst 2,5 Jahre alt ist. Alle um uns herum vergessen das oft, gerade WEIL er sprachlich und kognitiv so unglaublich weit ist. Und nun habe ich es, obwohl ich es doch immer wieder allen predige, mal einfach selbst vergessen.
          Danke fürs Erinnern <3

  4. Wenn man das Nein des Kindes immer akzeptiert, aber zulässt, dass das eigene Nein nicht akzeptiert wird, lernt das Kind daraus, dass das eigene Nein höher zu bewerten ist als alle anderen Wünsche. Alle müssen sich nach ihm richten, es selbst muss aber nichts respektieren.

  5. Mir ist es immer wichtig, meine „Neins“ zu erklären. Und ich hoffe, dass so mein Kind (1,5 J.) lernt zu verstehen, dass „Nein“ ein wichtiges Wort ist. Das Wort sollte von anderen respektiert und akzeptiert werden und ein Nein anderer ist genauso wichtig zu beachten. Aber mein Kind soll auch verstehen lernen, dass es nun mal Dinge gibt, die nicht gehen. Wie auch bei dir. wäre das für mich z.Bsp. Spielen mit Matsch im Flur. Es gibt halt auch „diese Eltern“, die nutzen das Wort „Nein“ inflationär, weil sie einfach keinen Bock darauf haben, dass das Kind irgendwas macht. Doch es gibt eben auch diese Dinge, die echt scheiße sind und eine Begründung dafür haben. Der Matsch macht den Boden kaputt z.Bsp.

    Und da jeder Mensch ein Recht darauf hat, dass sein Nein akzeptiert wird, finde ich es ok zu sagen, mein Nein hat genauso Wert wie das meines Kindes. Natürlich mit Begründung, die Kinder sollen ja lernen zu reflektieren und nicht einfach nur zu allem Nein (oder auch Ja) zu sagen. „Weil ich es sage!“, als Antwort auf die Frage warum etwas nicht geht ist natürlich keine vorbildliche Antwort. 😉

    Ich denke auch, dass deine Kids noch so klein sind, dass du gewisse Dinge einfach noch nicht erwarten kannst. Wie, dass dein Nein genauso abzeptiert wird. Die Dimension des Putzen nach dem Spielen mit dem Matsch z.Bsp., um wieder das Bsp. zu nehmen. 😉
    Lass ihnen einfach noch Zeit, später könnt ihr noch lange und genug über das Pro und Contra eines Neins diskutieren. 😉

  6. Nun würde mich aber noch interessieren wie das ganze bei euch Abends aussieht? Wie bringt ihr ihn zum schlafen abends? Wir sind nämlich gerade in derselben Situation, er ist ständig müde tagsüber und diese Müdigkeit zusammen mit seiner Hochsensibilität bringen mich an den Rande eines Nervenzusammenbruchs. Er findet alles anstrengend, körperlich mag er gar nicht mehr, ist blass und hat Augenringe. Trotzdem dreht er abends nochmals so richtig auf, es treibt mich zur Weissglut denn die Tage mit einem ständig jammernden, übermüdeten 3.5-jährigen sind sooo kräftezehrend.

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