Deine Gefühle sind dein gutes Recht!

Dein Nein, Mein Nein und wer ist hier eigentlich selbstbestimmt?

„Bitte hör auf, den Sand im Flur zu verteilen! Ich hab keine Lust gleich alles sauber zu machen!“, sage ich zu Bubba, der bäuchlings in der Matsche liegt und mit ausgebreiteten Armen dreckigen Sand, Regenwasser und Dreck in unserem Flur zu großen Kreisen auf dem Laminat verarbeitet.
„Ich male ein schönes Bild! Meeeeeeehr mach ich nicht!“, sagt er.
„Nee“, sage ich, „du machst das Laminat dreckig! Machst du es gleich dann auch bitte sauber?“ Ich gehe in die Küche, lasse warmes Wasser in den Eimer und wasche den Mob durch.
„Na klaaaaaar“, behauptet er und rudert weiter im Matsch.
D-Von wittert Party und kommt kichernd angekrabbelt. Zack. Er greift in die Matsche, verteilt sich erst einen Batzen im Gesicht, um dann laut lachend noch seine Haare einzuschmieren.
„Ich krieg die Krise! Hier ist alles dreckig! Ich möchte bitte, dass ihr das im Wintergarten spielt, oder im Hausflur! Oder draußen! Da könnt ihr euch einkleistern wie ihr wollt, aber HIER IM FLUR NICHT!“, meckermotze ich. Bubba lässt das kalt. Er und D-Von feuern sich gegenseitig an. Dee nimmt den nächsten Happen Sand und kaut genüsslich darauf rum. Er ist 11 Monate alt. Alles wird auf seine Essbarkeit getestet. Bubba Ray ist 30 Monate alt und es beschleicht mich das Gefühl, dass er alles darauf testet, wie schnell und wie effektiv er mich damit in den Wahnsinn treiben kann.

 

Keiner reagiert auf mein Nein.

 

Die Kinder sehen aus wie kleine Schoko-Osterhasen und ich stehe da, mit Mob und Eimer, neben meinen eigenen Kindern, die meiner Bitte, aufzuhören, woanders zu spielen oder es wenigstens selbst sauber zu machen, nicht nachkommen. Mein Nein verhallt, verstummt, verschwindet unter ihrem Gelächter.

Als beide keine Lust mehr haben, tragen sie den Dreck in die restliche Wohnung, bis ich irgendwann wirklich wütend bin, beide ins Spielzimmer bitte und sie umziehe. Bubba Ray fängt an zu weinen. D-Von steigt ein. Ich fühle mich echt verarscht. Ich meine – ich hab doch wirklich hier die rote Karte! Die Kinder suhlen sich im Dreck, spielen, haben Spaß, lassen mir den Flur zum Putzen und zeigen mir den Mittelfinger. Ich habe sie gebeten aufzuhören, ich habe Nein gesagt, ich habe nun selbst die Konsequenzen des Putzens zu Tragen. Worüber beschweren sie sich?

„ICH WILL MEIN T-SHIRT ANBLEIBEN!“, brüllt Bubba Ray. Und WIE IMMER sage ich: Okay. Dein Körper, deine Entscheidung. Lauf halt mit dem dreckigen T-Shirt rum! Er will auch die Hose und die Strümpfe an lassen und WIE IMMER sage ich: Okay. Dein Ding. Ich bitte ihn, sich den Dreck wenigstens mit dem Waschlappen abzuwaschen und er schreit: NEIN! Und WIE IMMER sage ich: Okay. Dann eben nicht.
„DU SOLLST DAS MACHEN!“, kommandiert er mich rum. Ich sehe die Wohnung vor mir, die wenigen Stellen, die gerade noch sauber sind, die er aber auch gleich mit seiner dreckigen Hose berühren wird und mache ihm die Hose mit dem Waschlappen sauber. D-Von spielt derweil mit einem Auto, das Umziehen lässt ihn völlig kalt. Übrigens auch sein eigenes, T-Shirt und Hose darf ich in Nullkommanichts wechseln.
Als die Kinder trocken und sauber sind, wische ich den Flur, das Wohnzimmer und das Bad. Ich rufe noch einmal herüber, ob Bubba und Dee mir denn nun auch mal helfen würden? „Naaaaheeeeiiiin!“, ruft Bubba gewohnt höflich zurück.

Ich fühle mich wie seine Angestellte und alles andere als selbstbestimmt.

 

Ich schwöre euch; in Bubba Ray’s Leben gab es nichts, was er nicht selbst bestimmt hätte. Ihn zu zwingen wäre unmöglich gewesen. Es gab genau eine einzige Sache, als er die Influenza hatte, dehydriert war, man ihm Blut abnehmen und an eine Infusion klemmen musste. Da war mir seine Gesundheit und das Leben meines Kindes wertvoller als sein Nein. Doch ansonsten… Er schlief als Baby nur dann und auch nur dort, wann und wo er es wollte. Er hatte keine Lust auf Brei und es hätte keinen Weg, kein Schummeln, kein Tricksen geben können, ihm den Brei irgendwie doch aufzuzwingen. Nein, Bubba Ray weiß was er will und noch viel besser, was er nicht will.

Sein Nein war hier also auch schon immer ein Nein.

Handelt der Mann mal zu schnell und nimmt ihn einfach so hoch, ist Bubba stundenlang ob dieser übergriffigen Handlung beleidigt. Verleihe ich seine Schaufel auf dem Spielplatz an ein befreundetes Kind, wird er garantiert seine Wut an mir auslassen. Und ein „Geh weg!“ Oder „Ich will meine Ruhe!“, das wir nicht respektieren, kann das eine oder andere Möbelstück kosten.

Ich habe wirklich die Hoffnung, dass die Tatsache, dass wir sein Nein und seine Gefühlswelt so respektieren, eines Tages dazu führen wird, dass auch er das Nein seiner Mitmenschen annimmt, respektiert und akzeptiert. Dass Nein eben unwiderruflich und kompromisslos Nein bedeutet. Doch sehr oft stehe ich da, vor meinem eigenen Leben als Mutter und werde damit konfrontiert, dass mein Nein nichts bedeutet. Dass mein Nein nicht respektiert wird. Dass geschummelt, getrickst und vorgeschoben wird, obwohl ein Nein in dieser Familie doch einen Stellenwert hat!

Wir verbieten nicht die Menge der Süßigkeiten, wir reglementieren nicht die Fernsehzeit, wir geben keine Kleiderregeln vor und lassen unsere Kinder sehr häufig in sehr vielen Punkten selber wählen. Hier gibt es nicht das klassische Machtgefälle zwischen Eltern und Kindern. Doch wer mir heute den Vorwurf machen würde, ich ließe meinem Kind ganz schön viel durchgehen, der hätte womöglich Recht. Denn viel zu oft bitte ich meine Kinder, meine Wünsche und Bedürfnisse zu respektieren und laufe ins Leere. Zum Beispiel, weil ich mir wünsche, nicht 6 Mal am Tag aufräumen zu müssen, den Flur nicht putzen zu müssen (schon gar nicht, wenn ich nicht verbiete sondern lediglich um einen Umzug bitte oder darum, mir beim Putzen zu helfen) oder meine Kinder nicht noch einmal umziehen zu müssen. Mein Bedürfnis, keinen neuen Laminatboden zu kaufen, weil die kleinen Steinchen ihn vermutlich gerade zerkratzen, wird nicht gehört. Mein Bedürfnis nach Ordnung, wird nicht gehört. Mein Bedürfnis, den Spielplatz in einen anderen Raum, der deutlich einfacher zu reinigen ist und kein Chaos mit sich bringen würde, zu verlagern, wird nicht gehört.

Mein Nein wird ignoriert.

Nein heißt Nein und zwar immer- ich stimme zu. Meinen Kindern bringe ich dies bei und lege großen Wert darauf, dass sie Selbstbestimmung erfahren. Ich lege Wert darauf, dass sie nur gewickelt werden, wenn sie das zulassen, nur umgezogen werden, wenn sie es möchten und zu dem Zeitpunkt die Zähne geputzt bekommen, an dem sie bereit sind. Nein heißt NEIN – es sind ihre Körper.

Und doch frage ich mich, was das aus Ihnen und aus mir macht, wenn das Nein, das ich ohnehin schon selten und mit Bedacht wähle, ihnen nichts bedeutet. Wenn das Nein ihrer Mutter ignoriert werden darf. Wenn es – unserer Philosophie entsprechend – dafür keine Konsequenzen, keine Strafen, keine Machtausübung gibt sondern eben nur ein authentisches „Find ich jetzt aber kacke, dass ich alleine aufräumen muss!“. Wenn mein Bedürfnis nach Sauberkeit weniger wert ist, als ihr Bedürfnis zu spielen. Wo sich beides doch eigentlich gut kombinieren ließe.

Nein sollte Nein heißen und doch werden wir AP-Eltern dazu angehalten, eine „Ja-Umgebung“ zu schaffen. Ich tue das herzlich gern!

Aber was wird aus meinem Kind, wenn es niemals oder zu selten, das Nein seiner Mutter, seiner größten Bindungsperson, akzeptiert und nichts weiter als ein bisschen schlechte Laune erntet? Was ist der Lerneffekt? Sollte ich darauf vertrauen, dass das Vorleben, dass sein Nein wirklich Nein heißt, ihn eines Tages erreicht und er es uns gleich tut? Wird er nicht vielleicht denken können, dass Nein gar nicht immer Nein heißt? Schließlich macht Mama den Boden ja trotzdem sauber. Ist sein Nein wertiger als meines?

Ähnliche Situationen erleben wir bald täglich abends zum Einschlafen. Unsere Situation hat sich sozusagen selbst verfahren. Nach der lang andauernden Krankheitsperiode von Bubba Ray im März und April kam es von einem Tag auf den Anderen: er wollte alleine einschlafen. Die Einschlafbegleitung lehnte er rigoros ab. Mittags nahm er nun nur noch in Anspruch, dass ich ihm seine Decke, sein Kissen und sein Tuch zum Sofa bringe, ihn einkuschle, verabschiede und rausgehe. Den Rest wollte er allein verbringen. Auch abends verlangte er nach Alleinsein und Ruhe, was ich nach 2,5 Jahren Einschlafbegleitung natürlich hinnahm. Ich verließ also auch abends den Raum und was anfänglich gut klappte, entpuppte sich bald zu einer familiären Katastrophe.
Denn plötzlich waren die Abende hier nicht wie 2,5 Jahre zuvor um 21 Uhr beendet, was sowieso schon einen 15 Stunden-Tag für uns Eltern bedeutete, nein, er stand wieder auf und behauptete, nicht müde zu sein und nicht schlafen zu können. Und WIE IMMER – ihr erkennt das Muster – sagten wir zunächst: Okay. Deine Entscheidung. Wir wollen dich ja nicht zum Schlafen zwingen. Ich gab dem Ganzen wenige Tage und war mir sicher, spätestens die Müdigkeit nach einigen Tagen mit weniger Schlaf würde schon dafür sorgen, dass er eher schlief. Doch dies blieb aus. Seit Mai also turnt unser Sohn hier allabendlich bis 23 Uhr durch die Wohnung. Und das ist – vor dem Hintergrund der Selbstbestimmung und freien Entscheidung – auch erstmal in Ordnung. Doch er ist nicht gern wach. Er schafft den Absprung vom Tag in die erholsame Nacht nicht allein. Und noch dazu zehrt es an den Kräften der gesamten Familie.

Zum Einen haben mein Mann und ich viele wichtige Dinge zu besprechen, denn ein Umzug steht zum Ende des Monats an. Aktuell wird unsere Wohnung renoviert. Ständig müssen Entscheidungen getroffen werden, die wir nur abends in Ruhe besprechen können, wenn er von der Arbeit zurück ist. Ich weiß nicht, wie es euren Kindern geht, aber meine langweilen sich zu Tode wenn Erwachsene sich unterhalten und diese Langeweile führt dazu, dass D-Von heult und Bubba Blödsinn macht um Aufmerksamkeit zu kriegen. Letztendlich werden wir also ständig gestört und kommen nicht zur Ruhe. Alle anderen Dinge, die man als Paar vielleicht gern täte, es mit wachem, anwesenden Kind aber nicht tut, mal außen vor gelassen. Noch dazu D-Von, der wirklich leidenschaftlich gern ab 19 Uhr schläft und auch das hat sich selbstbestimmt eingependelt. Große Herausforderung ist aber, dass Bubba ihn regelmäßig durch Toben, Spielen, Lachen etc. weckt. Kurzum: die Selbstbestimmung eines Einzelnen führte hier zu haufenweise Fremdbestimmung aller Anderen. Und das kann nicht die Lösung sein.

Ich denke nicht, dass Bubba Ray so spät schläft, weil er vielleicht nicht darauf vertraut, es wirklich selbst in die Hand nehmen zu dürfen, denn dafür gibt es überhaupt keinen Indikator.

Von Anfang an war sein Nein ein Nein und sein Körper sein Körper und seine Entscheidung seine Entscheidung. Und dennoch überfordert ihn Selbstbestimmung häufig.

Ich denke, dass die Situation mit einem hochsensiblen Kind nun mal ein wenig anders ist. Ihm fehlt der Filter, der für sein Gehirn Wichtiges von Unwichtigem trennt und somit sind alle Tätigkeiten am Abend, alles was wir erzählen, alles was er meint noch tun zu müssen, gleichermaßen wichtig. Manchmal sitzt er auf dem Küchenboden und übt, den Mob von meinem Wischer abzuziehen oder hilft Papa dabei, die Geschirrspülmaschine auszuräumen, einfach weil sein Hirn das gerade als genauso wichtig empfindet, wie bei uns zu sein. Ist es aber nicht.
Noch dazu fehlt ihm die Fähigkeit, sich selbst vernünftig zu regulieren. Das bedeutet nicht, dass er doof oder unfähig ist, sondern einfach, dass sein Kopf keine Pausen machen kann. Ständig tobt dort eine Art Gewitter, die ihn nicht ruhen lässt. In meinem Kopf ist es ähnlich und ich habe Jahre gebraucht, damit umgehen zu lernen. In seinem Kopf ist es also in allererster Linie mal laut, wenn er sich hinlegt und im Bett zur Ruhe kommen soll. Gedanken schießen wie Blitze und es fällt schwer, sich zu fokussieren. Ihm fallen Dinge ein, er denkt nach und die innere Unruhe führt dazu, ständig wieder aufzustehen, um nochmal eben….

Freie Entscheidungen zu treffen, sich selbst bestimmt zu fühlen und es auch zu sein, im Großen (wie das Wahren der eigenen physischen und psychischen Grenzen) und im Kleinen (wie selbst entscheiden zu dürfen, was und wie viel man isst) und eine innerfamiliäre Gleichwürdigkeit zu schaffen, ist sowohl unser Prinzip im Umgang miteinander als auch unsere Einstellung.

Und doch bin ich der festen Überzeugung, dass wir diese freie Entscheidung beim Schlafen ausklammern müssen.

Schlaf ist für hochsensible Kinder unersetzbar wichtig. Es ist fast die einzige Möglichkeit, dem schwer arbeitenden Hirn mal eine Auszeit zu verschaffen. Eine Insel der Ruhe. Jedwede Manipulation daran führte – zumindest bei meinem Kind – nur dazu, dass es schlimmer wurde, bis es in chronischen Schlafstörungen endete. Ich zwinge mein Kind abends nicht dazu, zu schlafen. Es gibt keine Tränen und ausnahmslos immer ein versöhnliches Tagesende. Doch ich sehe es auch als meine Aufgabe, ihm beizubringen, wie wichtig es ist, seine Bedürfnisse ernst zu nehmen und darauf zu hören und genau das schaffe ich nicht damit, ihn abends einfach machen zu lassen, so gern ich das hätte. Mit einem Impuls unsererseits („Der Tag schläft ein“/ „Du bist doch schon so müde, schau, dir Augen fallen schon zu!“) versuchen wir, ihm die Ruhe des Abends nahezubringen. Ohne Stress, Tränen und Ärger.

Aber auch ohne uns als Familie zu verbiegen, nur um ihm eine Selbstbestimmung zu geben, die ihn schlichtweg überfordert.

Zu viele freie Entscheidungen bringen Unsicherheit hervor und überfordern Kinder, zumindest ist das meine Erfahrung. Und trotz aller Selbstbestimmung, Ablehnung jeder Form von Unterdrückung, Machtausübung und Gewalt und der allgemeingültigen Formel, dass Nein immer auch Nein heißt, kann ich das gut nachvollziehen.

Wer mag das nicht, mal keine Entscheidung treffen zu müssen, sich treiben zu lassen und die Verantwortung auf jemand anderen schieben zu können?

Kinder müssen Kinder sein dürfen. Und auch mal sagen können: „Ich weiß nicht was ich tun soll. Entscheide du!“

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