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Den Dreh raus

Es ist 12.30 Uhr. Seit gut einer Stunde schlafen meine Jungs. Ich sitze am Laptop und lese „Nur eine Frage der Zeit“. Das tue ich häufig, alte Blogposts lesen. Meine Worte katapultieren mich einen Schritt zurück in unserer Geschichte und das finde ich wichtig. Ich mag die Erinnerungen, das Gefühl, das ich beim Schreiben hatte und die Betrachtung des Hier und Jetzt. Mir wird klar, wie viel sich verändert. Und wie häufig das noch der Fall sein wird.

Denn die Tatsache, dass ich am Laptop sitze bedeutet auch, dass D-Von alleine schläft. Er liegt in diesem riesigen 2,70m großen Familienbett, quer mit ausgestrecktem Popo und pennt. Ohne mich. Ohne zu Stillen. Er atmet ruhig, die Arme vor der Brust verschränkt und zuckt zwischendurch mal mit einem Zeh oder einem Finger. Nach Wochen und Monaten, in denen ich mittags neben ihm lag und innerlich schimpfend Blogposts tippte und hoffte, die Phase sei nun bald mal vorbei, mich immer wieder selbst tröstete und mir sagte, dass er das bald schon schaffen würde, ich müsste nur einfach entspannen und abwarten, hat er es nun endlich geschafft, mir zu vertrauen. Darauf zu vertrauen, dass ich um die Ecke komme, wenn er mich ruft – immer. Und dass er ruhig weiter schlafen kann, denn ich bin da, wann immer er mich braucht.

Mein kleiner großer Babyjunge ist nun ein Jahr alt und ich nehme einen schweren Atemzug.

Denn hier nebenan auf der Couch liegt Bubba Ray. Er liebt es, mitten im Getümmel zu schlafen. Am besten gefällt es ihm, wenn ich parallel koche und mit den Töpfen klappere und die Geräusche aus der Küche ins Wohnzimmer schwappen. Dann schläft er ausgeruht und glücklich, nimmt unterbewusst wahr, dass ich um ihn herum bin und sein Mittagessen zubereite. Er schläft so wild, wie er ist. Träumt, gestikuliert, spricht. Manchmal weint er, dann küsse ich seine Stirn und er haut mir – „Nein Mama!“ – brüllend – ganz romantisch eine Hand entgegen. Dann verdrehe ich die Augen, grinse in mich hinein und lasse ihn in Ruhe. Er schläft allein. Mittags braucht er das, will nicht mehr in den Schlaf begleitet werden und ich denke an die 2 Jahre zuvor, in denen ich Stunden mit ihm im Tragetuch oder lesend oder stillend oder singend oder erzählend zugebracht habe, um ihm beim Runterkommen zu unterstützen. Heute heißt es „Nein Mama, geh rüber! Ich will alleine einschlafen!“ Und die Sache ist geritzt. Ich sitze dann mit einem Kaffee in der Küche und warte, bis er wirklich schläft. Denn irgendwie ist dieses Zeitfenster gedanklich noch immer reserviert. Ich bin auf Standby, falls er es sich anders überlegt. Doch die Wahrheit ist: er ist groß und die Einschlafbegleitung vorbei. Er ist selbstständig und mutig und vertraut mir. Und noch mehr sich selbst! Er vertraut darauf, sich selbst beruhigen und in den Schlaf finden zu können und weiß, was gut für ihn ist.

Mein großer kleiner wilder Junge ist nun schon ein Jahr lang großer Bruder und ich atme noch einmal sehr schwer und sehr tief in mich hinein.

Es gibt Dinge, die werde ich nie vergessen. Das Gefühl eines frisch geborenen Babies auf der eigenen Haut. Die kitzelnden Fingerchen, die zaghaften Bewegungen der Beinchen und dieser Geruch, der mit nichts zu vergleichen ist. Ich werde nie vergessen, wie mein Mann zum ersten Mal unsere Kinder hielt und wie er dabei aussah. Wie verliebt er war, souverän und sicher. Wie aus ihm über Nacht ein erwachsener Mann wurde, ein verantwortungsbewusster Vater, ein ganz anderer Mensch, den ich plötzlich so sehr schätzte, zu dem ich aufsah, weil er Wunder vollbringen kann. Ich vergesse nie-, nie-, niemals, wie meine Söhne zum ersten Mal lauthals lachend miteinander spielten. Wie mein Kleiner nach 6 Wochen einfach so alles mitmachte, was ich und der Große über Jahre hinweg entwickelt hatten, ohne, dass es ihn gestört hätte. Wie sie zu Bubba Ray und D-Von wurden, mit ihren halsbrecherischen Aktionen und ihrer völlig angstfreien Art, miteinander umzugehen. Wie sich ihre Beziehung zueinander entwickelte, wuchs und nun ein Band besteht, das kein anderer zu Ihnen hat.

Und ich vergesse nie, wie Bubba litt. Darunter, mich teilen zu müssen. Seine Gefühle noch nicht einsortieren zu können. Irgendwas zwischen Liebe zu diesem Baby und alles überschattender Eifersucht zu fühlen. Ich vergesse niemals dieses eine Jahr, D-Von’s erstes Jahr, einen Winter lang voll Wut, Frust, Trauer, Aggression und sehr viel Liebe. Ich erinnere mich gut an die ersten Wochen, in denen an einen erholsamen Schlaf von Bubba nicht zu denken war. In denen jede noch so kleine Regung seines Baby-Bruders ihn aufschrecken ließ, als fühlte er sich in der Verpflichtung, sich um dieses kleine Wesen zu kümmern. Die erste Frage nach dem Aufwachen: „Wo ist D-Von?“ und die monatelangen Kämpfe um gleich viel Liebe, gleich viel Zuwendung, gleich viel Aufmerksamkeit. Ich werde noch lange denken an die Mittage, an denen ich das Baby stillte. Mit Kleinkind auf dem Schoß, manchmal weinend, manchmal stoisch seine Hafermilch trinkend. An all diese langen Wochen, in denen Bubba nicht sagen konnte, was er fühlte und welch unerträglich große Angst er gehabt haben muss, mich an seinen kleinen Bruder zu verlieren. Ich sehe sie vor mir, die vielen kleinen Tränen und großen Wutanfälle, höre sein Schreien und Toben, sein sich Aufbäumen, nicht anpassen, nicht dazu gehören wollen. Und ich sehe mich. Schreiend. Weinend. Flehend. Zu Beginn, als noch alles so frisch war, nahm ich gar nicht wahr, dass es eine regelrechte Wut auf die Welt und seinen kleinen Bruder war, die ihn so aus der Haut fahren ließ. Zunächst sah ich einen boykottierenden Zweijährigen in der Trotzphase. Doch das war nicht einfach nur ein bisschen Trotzen, nein. Die Wut war gekommen und hatte meinen Sohn mitgenommen. Ich erinnere mich, wie ich das Gefühl hatte, all seine Fröhlichkeit sei verschwunden. Ich sah, wie schwer es ihm fiel, zu lachen und sich auf all das einzulassen. Ich konnte fühlen, wie er sich zurückgestellt fühlte, egal was ich tat. Wie er nicht kooperieren oder mitmachen wollte, wie er einfach nur wieder zurück wollte an den Punkt, an dem er mich für sich alleine hatte. Es vergingen Wochen ohne Schlaf, ohne auch nur einen sonnigen Tag. Wochen, in denen ich meine ganze Kraft aus dem glucksenden, grinsenden Baby zog, für den nichts eine Schwierigkeit zu sein schien. Dieser kleine, unbeschwerte D-Von der bloß da lag, egal wie laut sein Bruder auch schrie, mich anhimmelte und meine Angst weg lächelte. Ich erinnere mich, wie ich oft das Gefühl hatte, er würde zu mir sprechen. Gute Gedanken schicken. Sagen: „Mama, Kopf hoch! Ich verspreche dir, es wird gut!“

 

Ich vergesse nicht, wie in den ersten Monaten einfach alles eine Herausforderung war.

 

Alltägliche Dinge wie Einkaufen und Haushalt empfand ich mit zwei Kindern unter zwei und einem davon in der beginnenden Autonomiephase als überfordernd. Und so knallte es regelmäßig. Mein Bubba, der seine sensiblen Fühlerchen in alle Richtungen ausstreckte und dem ich nichts vormachen konnte, spürte, wie oft ich dachte, dass ich „das alles“ so nicht will. Er spiegelte mich auf eine grässliche Art. Ich sah in ihm meine Verzweiflung, Müdigkeit und Überforderung. Und ich wollte ihn doch so gern glücklich sehen. Nach 4 Monaten hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, der Stress würde nachlassen, kurz bevor es erst noch einmal schlimmer wurde, um besser zu werden. Wir drei, Bubba Ray, D-Von und ich, wir rauften uns zusammen.

Mehr noch; wir lernten von einander. Vor allem jeder über sich selbst.

Heute weiß ich, wann Schluss ist. Wann ich Hilfe brauche, Ruhe, ein Bad oder eine Stunde Texte schreiben. Es war ein langer und harter Prozess, herauszufinden, welche Bedürfnisse ich neben dem, meine Kinder glücklich zu sehen, hatte. Doch ich respektiere mich und meine Grenzen und kann aufhören, bevor es zu spät ist. Zumindest bin ich auf einem guten Weg.

Bubba Ray weiß heute, wann Schluss ist. Er erkennt meine Warnsignale und geht Provokationen aus dem Weg. Er ist eine Million Mal klüger als ich und meidet jede Form von ungesundem Stress. Er besteht auf seine Rituale, fordert sie ein und hält an seinen Säulen fest, die wir über Monate hinweg in mühevoller Kleinstarbeit geschaffen haben. Er ist beleidigt, wenn ich ihn aus Versehen versuche zu erziehen, ist selbstständig und beweist sich selber dauernd, was er alles bereits alleine kann. Wir kennen die Methode, seinen Liebesspeicher aufzufüllen und tun dies, wann immer wir können. Er formuliert seine Bedürfnisse, sehr klar sogar. Er ist ein Wunder.

Und D-Von – naja, der ist jetzt ein Jahr alt und weiß natürlich noch nicht so richtig wann Schluss ist. Er isst bis er satt ist, ohne zu wissen, was das ist. Er schläft bis er aufwacht und wann immer er müde ist, ohne zu wissen, wie viel Uhr es ist. Er schreit und motzt, klaut seinem Bruder jedes Spielzeug aus der Hand, weint aber, wenn es ihm andersherum widerfährt. Er ist eine besonnene Frohnatur, der in seinem Leben mehr gelacht als geweint hat und den absolut nichts aus der Fassung bringen kann. Er krabbelt durch die Wohnung, in jedes Zimmer und sucht seinen Bruder, wenn der mal nicht da ist, weil ihm nichts auf der Welt so wichtig ist, wie dieser kleine Mann, der nur eine Kleidergröße größer ist als er. Er lacht, dass die Wände wackeln, schläft eine Million Mal besser, isst eine Million Mal besser, beschwert sich eine Million Mal weniger. Er hat mir in einem Jahr mehr beigebracht als jeder andere Mensch auf dieser Erde. Mit ehrlichen Tränen, ehrlichem Lachen und diesen stahlblauen Augen, mit denen er mich ansieht und immer wiederholt, wenn ich zweifle: „Vertrau mir, Mama. Das hier wird gut!“ Er ist ein Wunder.

 

Ich bin heute ganz sicher, dass – ganz egal wie sehr ich diesen Abstand im vergangenen Jahr verflucht habe – alles genau so sein sollte. Dass die beiden Jungs mit 19 Monaten schon lang genug getrennt waren und sich brauchen. Ja, richtig brauchen. Sie sind charakterlich wie schwarz und weiß und doch so nah, wie niemand sonst. Und ohne D-Von wüsste ich heute vieles nicht über Bubba Ray. Ich denke, dass diese Familie sich in dieser Konstellation brauchte, denn nur so weiß jeder alles über sich selbst und hat sein perfektes Gegenstück.

 

Heute stressen mich alltägliche Situationen nicht mehr ständig, auch oder vor allem, weil sie die Jungs nicht stressen. An unseren täglichen Ritualen gibt es nichts zu rütteln. Keiner boykottiert. Ich habe keinen trotzenden Zweijährigen, der Abläufe durcheinander bringt oder seinen Willen durchsetzen will. Ich habe kein Kleinkind, das die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen will, weil er der Kleinere ist. Nichts dergleichen. Ich habe zwei Kinder, zwei Brüder, zwei Menschen, die ich respektiere, die mich respektieren und die sich respektieren. Wir haben den Dreh raus und sind uns so nah, wie wir es nur sein können.

Und daran halten wir nun, nach all dem Loslassen, ganz doll fest.

 

„Man muss bereit sein, sich von dem Leben zu lösen, das man geplant hat, damit man das Leben findet, das auf einen wartet.“

Verfasser unbekannt

 

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