Der Erste, der Einzige und der Letzte.

Der Erste, der Einzige und der Letzte

„Nie geht eine Beziehung so zuverlässig in die Brüche, wie nach der Geburt eines Kindes“ – Brigitte Schorr in „Hochsensible Mütter“

Ich sehe rüber auf das andere Ende der Couch. Da drüben sitzt ein Mann, der da schon sehr lange sitzt. Seine Bewegungsabläufe sind mir so vertraut, wie sonst kaum etwas. Auf seinem Schoß, die Beine leicht überkreuzt über die Couch gelegt, liegen Mamba. Also, nicht zwei oder drei, nein. Die Einzelpackungen einer kompletten Stange, aufgedröselt und verteilt. Er friemelt das Papier ab und starrt dabei weiter in den Fernseher. Seine Gesichtszüge sind die gleichen und doch haben sie sich verändert. Er kaut das gefühlt 374. Mamba und ich lächle in mich hinein. Selbst Mamba kauen sieht cool bei ihm aus.

Der Erste.

Er ist der erste Mensch in meinem Leben, der mir bedingungslos das Gefühl geben konnte, gut zu sein. Genau so, wie ich bin. Das ist kein Seitenhieb an meine Eltern oder sonstwen. Nein, es ist ein Kompliment an diesen Mann, den ich da vor 5 Jahren geheiratet und vor 10 Jahren zum ersten Mal geküsst habe.

Denke ich zurück an diesen Sommer nach unserem ersten Kuss, dann bekomme ich wieder eine Gänsehaut. Denn jede einzelne dieser kostbaren Erinnerungen tragen mich. Sie trugen mich in den letzten Jahren nach den Geburten unserer Kinder, nach Schwangerschaften, die mich fast das Leben kosteten, und in all den Verlusten, die ich habe ertragen müssen. Meine Erinnerungen sind so stark, so glasklar und so präsent, dass ich sie vor mir sehe wie einen Film, den ich mehr als einmal angesehen habe. Ich sehe ihn die Rolltreppe hinauf kommen, zitternd vor Aufregung, bei unserem ersten Treffen. Bei dem nichts klar war und er mich zur Begrüßung küsste. Weil er nichts anderes hätte aushalten können – weiß ich heute. Dieses Verliebtsein war nach wenigen Tagen so mächtig, so übergroß, so wichtig. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass es sich nicht gestellt, nicht dramatisch, nicht nach irgendwas anfühlte. Es war vielleicht überhaupt das erste Mal. 

10 Jahre später können es Zitate sein, Zeilen aus Songtexten oder Filmszenen, die nicht mal was mit uns zu tun haben müssen, und mich dennoch erinnern. Zurückerinnern an diese magische Zeit, in der dieser Mambakauende Traummann, von dem ich mir total sicher war, ihn niemals länger als 6 Monate halten zu können, sich Hals über Kopf in mich verliebte. 

Der Einzige.

Aber 10 Jahre weiter sitze ich eben auch noch hier. Trotz aller Strapazen. Und ich schwöre, da waren einige.Streit kommt in den besten Familien vor. Aber Flucht und Gespräche über mögliche Trennungen, wer zieht wann aus und wo bleiben dann die Kinder – die nicht. Wenn ich heute meine frisch verliebten, frisch verheirateten und ahnungslosen Freunde von ihren Plänen, Kinder zu bekommen, reden höre, dann läuft mir ein Schauer über den Rücken. Nichts hat unsere Beziehung je so ins Wanken gebracht, wie die Geburten unserer Kinder. Das ist nicht ihre Schuld, das wird jetzt hier auch nicht so ein Bereuen-Dings, nein. Ich wüsste gar nicht, was ich auch nur eine Minute ohne meine Kinder machen sollte. Aber ich sehe sie heute mit anderen Augen – und unsere Ehe auch.

Denn tatsächlich war unser Kind geboren und die Ansprüche und Weichen stellten sich neu ein. Keiner war mehr unabhängig, wir waren nicht mehr frei. Es gab Ungerechtigkeiten, Zuständigkeiten und Abläufe zu klären. So wie früher – einfach mal raus fahren oder was erleben – das war vorbei. Salsa tanzen war vorbei, das Haus verlassen war zeitweise vorbei. Meine persönliche Freiheit war… ja. Vorbei. Zumindest kurzfristig.

Während ich da saß und meinem Mann dabei zusah, wie er – in meinen Augen – sein Leben ganz normal weiter lebte, musste ich Scheisse fressen. Es war immer alles zu viel und dafür zu wenig Zeit. Ich kämpfte mit mir, meinem Kopf und Herz, meiner inneren verkorksten Stimme und der Welt. Und leider auch mit ihm. Dem Traummann, den ich so geliebt hatte, der mir so viel geschenkt hatte, der nie – zu keinem Zeitpunkt – ungerecht, teilnahmslos, unfair, grosskotzig, traditionell oder distanziert war. Doch das war es, was ich empfand und plötzlich wackelten die Wände unter unseren Streits, plötzlich war da eine andere Dynamik. Plötzlich redeten wir von Ehetherapie. Von Trennung. Davon, räumlich getrennt zu leben oder es gleich ganz zu lassen. Wir redeten von Raum zum Atmen und von Sorgerecht, sprachen von Wochenenden, an denen er und an denen ich die Kinder hätte. Es war unwirklich und traurig. Der Traum von Mann und Kind war irgendwie kaputt gegangen. Es fühlte sich an, als würden wir das Schiff versenken und nie wieder festhalten können.

Ich schaue rüber auf die Couch, es ist wieder ein Jahr vergangen. Und er sitzt noch da. Er ist noch da. Ich bin noch da. Ich weiß jetzt ganz genau, dass er der einzige Mensch auf diesem Planeten ist, mit dem DAS überhaupt möglich war.

Der Letzte.

Weder die Therapie noch dieser Blog oder unsere Kinder waren der Grund dafür, dass der Hass endlich irgendwann auszog. Ich weiß heute, dass nichts weiter als der G L A U B E an uns und unsere Beziehung uns festgehalten und zusammen gehalten hat. Ich hätte gern Liebe geschrieben, aber die war nicht immer da. Wenn er so da sitzt, mit dem Schoß voller Bonbons, dann spüre ich sie. Ganz stark, ganz vordergründig. Aber nach monatelangen durchzechten Nächten mit Schreibaby, als selbst hochsensible Mutter, ohne Unterstützung und Aussicht auf Besserung – da nicht so. Da spürst du Überforderung und Traurigkeit und du schaust auf den Kalender und alles was du denken kannst ist, wann es nur endlich AUFHÖRT.

Aufhören, das war ein großes Thema. Etwas beenden, abschließen, aufhören. So laut war der Wunsch, aus diesem Kampf auszusteigen, Ruhe und Frieden zu erfahren und nicht mehr streiten zu müssen. Über unterschiedliche Erziehungsansichten, freie Zeiteinteilung, überhaupt die Aufteilung und Vereinbarkeit und Gefühle. Streiten über Gefühle. Die mal da waren – und mal nicht. Wir wollten zeitweise beide einfach nur ein Ende und irgendwie haben wir das auch geschafft.

Denn zu den traumhaft schönen Erinnerungen von damals sind neue hinzugekommen. Auch traurige und auch solche, die „Mahnmale“ in unserer Küche hinterlassen haben. Wir haben viele Jahre darauf verschwendet, diese Traurigkeit groß werden zu lassen und die positiven Erinnerungen zu weit weg geschoben. Und ja, das ist jetzt tatsächlich vorbei. Es ist vorbei! 

Heute, 10 Jahre nach diesem Kuss im Mai, berühre ich diesen Traummann nur kurz am Knie, an der Hand oder im Gesicht und er lächelt. Das sind keine extremen, frisch verliebten Gefühle mehr. Neenee, das ist es nicht. Was uns verbindet, hier auf dem Sofa, in dieser Wohnung und nach diesen wirklich schrecklichen Jahren, das ist vor allem Glaube, ach – eigentlich Wissen: der da. Der ist der Letzte.

Da kommt keiner mehr. Egal, wie hart es noch wird und welche schweren Aufgaben dieses Leben noch für uns bereit hält.
Da kommt keiner mehr. Kein Anderer.

Ich verneige mich vor ihm und mir, denn diese Jahre voll fliegender Gegenstände, traurigen Wochen, Tränen, Streit, Überforderung und Anstrengung haben was mit uns gemacht. Alles macht was mit dir. Die guten und die schlechten Tage. Sie alle haben ihre Berechtigung, auch wenn du mitten in der Situation auf deinen Kalender schaust und dich fragst, wann du nur endlich erlöst wirst.

Und manchmal ist die Erlösung eben auch nicht weniger als die Erkenntnis: Der Typ da drüben, der ist mein erster, mein einziger und mein letzter Mann. 

Vielleicht war es das alles eben auch wert.

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