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Der kleine Luisa

D-Von ist ein Junge. Das wussten wir bereits in der Schwangerschaft, ungefähr um die 21. Woche herum. Wir waren bei meiner Gynäkologin, mein Mann und ich, und hatten uns entschieden, uns das Geschlecht unseres Kindes mitteilen zu lassen. In unserem Fall ging es nicht um Vorlieben oder Präferenzen, sondern um zwei pragmatische Gründe: erstens wollte ich, dass das Baby bereits im Bauch seinen Namen bekommt, dass es angesprochen werden und sein Bruder vorbereitet werden kann. Und zweitens hatten wir aufgrund des ersten Kindes, Bubba Ray, also ein Junge, unendlich viel Jungsklamotten und mussten wissen, ob wir Neues kaufen müssten. Rückblickend ist das in Anbetracht der bis dato völlig unisex gestalteten Klamotten Blödsinn aber naja.
Jedenfalls liege ich dort auf dem Stuhl und lasse den Ultraschall über mich ergehen, als meine Ärztin mich fragt, was wir doch gleich nochmal Zuhause hätten (damit meinte sie nicht etwa unser Haustier, nein. Sie meinte unser Kind).

 

„Junge“, sagte ich und sie lachte.

„Ja, und so einer wird das auch nochmal.“

 

Ich sah rüber zu meinem Mann, der lächelte. Ich sagte nichts.

Das Kind in mir war bis zu diesem Zeitpunkt ein Mädchen gewesen.

Sie hieß „Luisa“. Wir nannten „sie“ liebevoll so, brachten Bubba bei, „Lulu“ zu sagen und streichelten den Bauch, ihn liebevoll bei „ihrem“ Namen nennend. Ich hatte eine enge Bindung zu meinem Baby, fühlte mich so verbunden, wie zum ersten Kind. Mein kleines Mädchen.
Als aus „Luisa“ in diesem Augenblick ein Junge wurde, spürte ich erstmal nichts. Ich nahm den namenlosen Bauch mit nach Hause und sortierte Gedanken und Gefühle. Wie konnte ich mich so geirrt haben? Was stimmte da mit unserer Bindung nicht? Und würde ich die Kurve kriegen, und nach über der Hälfte dieser Schwangerschaft noch die gleichen Gefühle für einen weiteren Jungen entwickeln? Würde mir etwas fehlen? Würde ich eines Tages meine kleine Lulu vermissen? Und würde jetzt, wo ich doch wirklich kein drittes Kind wollte, vielleicht eine Sehnsucht erwachen, von der ich mich niemals würde erholen können?

Einige Tage lang nahm ich diese Gefühle bewusst wahr. Ich sprach mit meinem Mann, auch das Wort „Enttäuschung“ fiel dann und wann. Mein Mann hatte nicht das gleiche gespürt. Für ihn war ein Kind einfach ein Kind, ihm war wichtiger, dass es überhaupt geklappt hatte, dass wir alle glücklich und gesund waren und dass dieses Baby sich trotz meiner Schwangerschaftskrankheit gut entwickelte. Er belächelte es jedes Mal wenn ich sagte, ich hätte Angst, ihn nicht so lieben zu können, wie ich Lulu geliebt hätte.

Es vergingen einige Tage, die ich zugegebenermaßen im stillen Kämmerlein verbrachte. Nicht auf dem Blog, nicht auf Facebook, sondern einfach ganz bei uns. Ich nahm meine Gefühle so an, wie ich sie fühlte. Sie waren da und wollten gehört werden. Ich weinte um Luisa und verabschiedete sie. Ich ließ der Option, im Falle einer tatsächlichen Sehnsucht nach ihr, ein weiteres Kind einziehen zu lassen, den Raum.

Und dann ließ ich sie gehen.

D-Von hatte wenige Tage keinen Namen und tatsächlich, warum auch immer, ist es mir wahnsinnig wichtig gewesen – auch schon in der 1. Schwangerschaft – möglichst zeitnah einen Namen für mein Kind zu bestimmen. Wie gesagt, warum auch immer. Bubba Ray hatte seinen in der 12. Woche. Und er war zufällig der Richtige, denn er war ein Junge geblieben.
Nach einigen Tagen wehmütiger Gedanken lief uns der heutige Name unseres D-Von, der – wie sich sicher alle denken können – in echt anders heißt, genau so spontan über den Weg wie sein Geschlecht. Und D-Von war plötzlich nicht mehr Luisa.

 „Ich verstehe nicht zu schweigen, wenn das Herz in meiner Brust redet!“

Fjodor M. Dostojewski in „Weiße Nächte“

Manchmal entstehen Diskussionen, die von Blog zu Blog wandern und an so einer möchte ich mich heute beteiligen. Die Rabenmutti hatte ihre Enttäuschung über das Geschlecht ihres Kindes laut geäußert und war nicht nur auf offene Ohren gestoßen. Andrea von Runzelfüsschen und Leen von Aufbruch zum Umdenken zum Beispiel äußerten ihre Traurigkeit über diese Reaktion.
Ich gebe zu: damals, als ich diesen Blog noch nicht regelmäßig führte und auch online nicht besonders regelmäßig unterwegs war, hätte ich niemals derartige Gedanken auf einen Blog gestellt. Und auch heute würde ich das nicht tun – nicht zuletzt, weil ich nicht jeden davon teile. Viele der Gedanken der Rabenmutti sind mir zu hart, passen nicht zu mir und meiner persönlichen (!) Art, mit Krisen umzugehen und so habe ich es auch nicht empfunden. Auch ich sehe viele Teile des Textes sehr kritisch und würde ihr, sofern sie Ratschläge von mir annähme, sogar zu einer Beratung zu ihren Ängsten und inneren Konflikten durch mindestens die Hebamme raten. Was ich dennoch sehr gut verstehe ist, dass man sich vielleicht zu seinem Kind besonders verbunden fühlt und zweifelt, wenn die Erwartung dann so nicht erfüllt wird. 
Auch wenn ich den Text hart finde – ich finde ihn nicht überflüssig. Ich denke, dass viele Eltern sich mit einem Geschlecht ihres Kindes besonders identifizieren können und vielleicht auch einfach einen Wunsch hegen. Und dass alle Gefühle Platz haben und ihr Recht einfordern dürfen. Und dass dieses Recht auch sein kann, seine Gedanken auf dem eigenen Blog zu äußern, wenn man mit dem Gedanken, das eigene Kind könnte dies eines Tages lesen, leben kann. Nichts anderes tue ich ja gerade auch.

Und dass sich solche Gefühle auch noch verändern können.

Heute ist mein D-Von 18 Monate alt. Er ist meine Seele. Mein Seelenmensch. Wir beide sind spätestens durch seine Geburt so tief verbunden, wie ich es mit noch keinem anderen Menschen erlebt habe. Ich könnte nicht einen Tag mehr ohne ihn leben und um ehrlich zu sein weiß ich auch gar nicht mehr, wie es jemals war, ohne ihn.
Oder – als er noch Luisa war.
Genau das wünsche ich der Rabenmutti und allen anderen Eltern, die vielleicht gerade ein ähnliches Gefühl mit sich herum tragen und ich kann nur aus eigener Erfahrung raten, es nicht zu bekämpfen. Weder selbst, noch als unbeteiligter Außenstehender, selbst wenn man das Gefühl hat, gerade Anwalt des Babys sein zu wollen.

Aus negativen Gefühle können positive Veränderungen wachsen.

Aus Enttäuschung, Trauer, Wut wird Kraft, Motivation und Mut. Und wir Menschen, ob groß oder klein, ob Erwachsen oder Baby – wir haben doch jeden Tag aufs Neue die Chance, uns – und manchmal auch die Babies in unserem Bauch – ganz neu kennen zu lernen. Ich verabschiedete Luisa und nahm mir dafür die Zeit, die ich brauchte. Ich unterdrückte keine Gefühle, die irgendwo im Verborgenen dann übermächtig werden. Und dann rappelte ich mich auf und lernte den kleinen Jungen kennen, der heute mein D-Von ist und den ich kaum mehr lieben könnte, als ich es tue.

Fehler sind gut. Sie treiben uns zu Veränderung an, dazu, zu wachsen. Und haben wir nicht alle, jede Mutter von uns, schon mal einen Fehler gemacht? Etwas, das unser Kind verletzt hat?

Wenn meine kurzfristige Enttäuschung darüber, dass Luisa einen Penis hat und nicht länger Luisa heißen konnte, ein Fehler war, einen Einfluss auf das Baby in meinem Bauch hatte und ihn verletzt hat, dann werde ich nun immer damit leben müssen. Aber es war auch eine Momentaufnahme meiner Gefühle, die ich gelernt habe zu bereinigen – nicht zuletzt dadurch, dass ich sie offen angesprochen und verarbeitet habe.

Ich glaube fest daran, dass auch das Bindung schafft. Dass Bindung sich nicht nur durch grenzenlose Liebe und bedingungslose Freude bildet, sondern auch durch unseren Umgang mit der eigenen Fehlbarkeit und unserer Kraft, an den Herausforderungen, Enttäuschungen und Erwartungen zu wachsen.

Ich jedenfalls wünsche allen Eltern, deren Erwartungen enttäuscht wurden, dass sie in ihre Kraft zurückkehren und ihre Kinder einfach so lieben. So, wie sie sind. Mit ihren Facetten, ihren schiefen Nasen, ihren ständigen Infekten, der aufmüpfigen Persönlichkeit, den frechen Widerworte, den schlaflosen Nächten, ihren ungleichen Vorlieben und allen anderen spannenden Kennenlern-Reisen, die noch anstehen.

 

Achso, ja. Und mit ihren Geschlechtern. Ganz vergessen 😉

 

 

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