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Die Kinder der Nachkriegskinder

„Mein Vater hat den Krieg überlebt“, erzählt meine Mutter heute noch oft und jedes Mal ist es da, das stolze Glänzen in ihren Augen. Aber da ist noch etwas, unsichtbar, unhörbar und doch ist es so präsent, dass es den Satz überschattet. In dieser Aussage schwingt nicht nur Stolz und Erleichterung mit, sondern auch eine gehörige Portion Angst. Sie hat sie erzählt bekommen, die Geschichten ihres Vaters, so wie wir jetzt wiederum von ihr eigene Geschichten hören. Sie hat seinen Schmerz, seine Angst und seine Erfahrungen gehört, auf Familienfeiern, am Familientisch und vermutlich auch mal einfach zwischendurch. Viel zu nah war der Krieg, viel zu wenig Jahre lagen dazwischen, als das man nicht mehr hätte davon sprechen wollen. Der Satz „Mein Vater hat den Krieg überlebt“ – er sagt auch: er hat ÜBERLEBT. Er hat es geschafft. Er lebte länger, als der Krieg.

Die Kindheit meiner Mutter war geprägt von Gewalt, Erziehung, die einem Funktionieren gleichkam und Durchhalten. Die Geschichten unserer Eltern klingen irgendwie alle ähnlich, denn sie selbst hatten wiederum alle Eltern, die im Krieg waren, um zu dienen oder die selbst Kind oder Jugendlicher waren und die Auswirkungen spürten. Das damalige Erziehungsbild hielt noch nicht viel davon, Kindern Geborgenheit zu schenken, man hatte keine Zeit, sich um Begrifflichkeiten wie Hochsensibilität, Highneed oder Bindungsorientierung zu kümmern. Wenn Kinder zur Familie kamen, dann in den seltensten Fällen um sie zu bereichern, sondern weil sie eben kamen. Das heißt auch: unsere Eltern sind nicht die Generation der Wunschkinder. Sie sind die Generation der „Wirtschaftsankurbler“. Als meine Mutter geboren wurde, war der 2. Weltkrieg knapp 10 Jahre um. Meine Mutter hat zwei ältere Brüder, die Altersabstände sind gering. Zwischen ihnen liegen einige Fehlgeburten meiner Großmutter. Es ist die Generation der Kinder, die kommen mussten, um der Familie beim Wiederaufbau zu helfen, beim Arbeiten, erst viele Jahre später verschwand das Denken nach und nach wieder aus den Köpfen.

Wunschkinder sind die Kinder meiner Großeltern alle nicht gewesen. Keiner war geplant. Aber alle waren erwartet.

Unsere Eltern erzählen häufig, wie sie früh arbeiten und früh im Haus helfen mussten. Sie erzählen von harter Arbeit auf dem Hof, auf dem Feld oder in Läden. Sie erzählen, wie erste Gehälter zu Hause abgegeben werden mussten, wie ihre Eltern unter den Depressionen, Erinnerungen, Traumata des Krieges zu leiden hatten. Sie erzählen, dass ihre Eltern wenig Zeit und wenig Kopf hatten für das System Familie, sie berichten aber, wie nah das Donnergrollen des beendeten Krieges noch war, wie laut es nach hallte und wie sehr Familien zu dieser Zeit darunter zu leiden hatten.

Natürlich, manchmal berichtet meine Mutter auch davon, wie die gesamte Familie gemeinsam im Bett schlief. Wenn der Kamin ausgefallen war, zum Beispiel, oder wieder kein Geld für Strom da gewesen war. Sie berichtet auch von den Waschtagen und davon, wie ihre eigenen Großeltern mit im Haus lebten und sie die Nachmittage zum Spielen dort verbrachte. Es war nicht alles grau und trist, keine Frage. Und dennoch, die Spuren sind sichtbar und hörbar, auch heute noch.

In der Baby- und Kleinkindzeit meiner Eltern gab es kein Google. Es gab auch kein Facebook, keine Krabbelgruppen oder Blogs. Die Familien lebten in größeren Kreisen zusammen und die ältere Generation unterstützte die jüngere bei der Erziehung der Kinder. Was sich bewährt hatte, wurde anstands- und kommentarlos übernommen. Es wurde wenig hinterfragt, oft wiederholt und vieles ausgeblendet. Bedürfnisse und Willen der Kinder, seien hier vorweg genannt. Der Irrglaube, Schreien stärke die Lungen, war noch jung, das heißt man glaubte damals noch daran. Zu viel freier Wille und „auf der Nase herum tanzen“ war unpassend, schließlich hatte man in Jahrzehnten zuvor gelernt, sich anzupassen, ruhig zu verhalten, keine Fragen zu stellen und möglichst mit der Masse zu schwimmen, wenn man überleben wollte. Das Land war kaputt, bzw. gerade erst wieder mühsam aufgebaut worden. Man hatte Zerstörung, Wut und Hass beobachten können, die Trümmer und Scherben waren greifbar. Es ging nicht um ausgetüftelte, wunderhübsche Babyausstattung, nicht um den feinsten oder praktischeren Kinderwagen, es gab keine Trage- oder Stillberatung. Was nicht zerstört worden war, wurde vermacht. Und zwar an alle Geschwister. Gender war damals kein Thema. Eine Hose war eine Hose, zehn Jahre nach dem Krieg spielte die Tatsache, wieder mehr als eine zu besitzen, die größere Rolle als Stil, Marke oder Farbe.

Unsere Eltern sind mal Kinder gewesen, deren Eltern wiederum Krieg erlebt hatten. Zerstörung. Hass. Angst und Schrecken. Die mit ansehen mussten, wie Familien zerstört und Häuser zerbombt wurden. Der Klaps auf den Po des eigenen Kindes wirkte nicht wie eine Gewalttat im Vergleich zum Erlebten, sondern eben wie „gute Erziehung“.

So wuchsen unsere Eltern auf, als Nachkriegskinder. Mit dem ständigen Wissen im Hinterkopf, dass man dankbar und froh sein muss, diese paar Jahre später, nach dem Ende des Krieges, geboren worden zu sein und das unendliche Glück gehabt zu haben, ihn nicht mehr erleben zu müssen.

Vielleicht war das der Grund, weshalb Demütigungen und Gewalttaten einen geringeren Stellenwert hatten, wieso es als gute Erziehung galt, das Kind auf Uhrzeit, Benehmen und Manieren zu drillen. Wieso es für eine ganze Generation okay war, mit dem Ziehen an den Ohren für Gehorsam zu sorgen. Auch hier gibt es Ausnahmen, das sei gesagt. Nicht alle hat es so hart getroffen und das zeichnet uns Menschen ja nun mal aus, dass es immer Ausnahmen gibt und andere Menschen, die schneller alternative Lösungsansätze finden. Doch eine autoritäre Erziehung war eher Standard. Warum auch immer – das werden wir ohnehin niemals erfahren – schienen die Nachkriegskinder gegen den autoritären Erziehungsstil nicht rebellieren zu wollen, zumindest nicht zunächst. Mit ein paar Jahrzehnten Abstand mehr auf dem Buckel und der neuen Friedens- oder Hippiebewegung gingen auch neue Krisen, neue Kritik, neue Rebellion los. Unsere Eltern, die Nachkriegskinder, bekamen eigene Kinder und jeder weiß, spätestens die Geburt des ersten Kindes sorgt dafür, die eigene Kindheit und Erziehung mit anderen Augen zu sehen.

Endlich bekam die Gesellschaft einen Ruck. In dieser Generation war es nicht mehr völlig ohne Hinterfragen okay, sein Kind schreien zu lassen. Es gab Tragehilfen und Tragetücher und wieder mehr Mütter, die bewusst stillten und nicht nur aus Mangel an Möglichkeiten oder Geld. Ich zum Beispiel, 13 Jahre jünger als mein Bruder, wurde sowohl getragen als auch gestillt – im Gegensatz zu meinem Bruder. Von Generation zu Generation also entwickelt sich der Mensch weiter. Als ich Baby war oder Kind hatte die Welt von Dingen wie Attachement Parenting oder gar Unerzogen noch nie etwas gehört. Es gab keine Studien oder Betrachtungen. Wenn man überhaupt aus irgendeinem Grund keinen autoritären Erziehungsstil mehr fortführen wollte, dann einzig aufgrund des eigenen Bauchgefühls.

Die Nachkriegskinder nämlich, die selbst einst Kinder waren, deren Bedürfnisse nicht gehört und nicht gesehen wurden, spürten, dass es mehr geben musste.

Unsere Eltern änderten den Kurs, ließen insgesamt weniger Kinder schreien, suchten mehr und mehr den Körperkontakt und ließen sich im Vergleich zu ihren eigenen Eltern viel häufiger treiben von Liebe und dem Bedürfnis nach Geborgenheit als von der Ansicht, das Kind möglichst schnell möglichst effektiv an die Gesellschaft anzupassen, um bei der Arbeit Entlastung zu erhalten.

Meine Kindheit selbst war bunt und wild. Ich wuchs in einer beschaulichen Kleinstadt auf, in der die Welt noch in Ordnung war. Ich durfte früh allein zur Schule laufen und auf Bäume klettern, ohne dass jemand daneben stand. Es gab kein Sagrotan und keine Smartphones. Und dennoch: ich schlief im eigenen Bett und zwar von Anfang an und das noch nicht mal mit Erfolg. So machte man das eben damals. Ich wurde gestillt, aber nicht Langzeit. Ich wurde getragen (in der Babybj*rn nach vorne schauend…..) aber nicht ausschließlich. Es war ein Schritt in die richtige Richtung mit Nachwehen aus der vorherigen Generation, in der meine Eltern selbst Kinder waren und ein „richtig und falsch“ hatten eingetrichtert bekommen.

Die Dämonen der eigenen Kindheit tauchen irgendwann auf, früher oder später. Sofern man denn welche hat. Meine Generation hat schon weniger, als die meiner Eltern. Es tröstet mich, denn es zeigt auch: Menschen lernen und entwickeln sich. Sie können sich bessern und verändern.

Oft ärgere ich mich über meine Eltern. Viele Reaktionen kann ich nicht verstehen. Ihre Gedanken sind schwer nachzuvollziehen. Ihre Erziehungsansichten teile ich nicht, zumindest viele nicht. Aus mir „ist was geworden“, ich hänge nicht in der Luft oder auf der Straße rum. Sie haben keine riesigen Fehler gemacht, aber unsere Generation hat sich auch weiter entwickelt. Wir sind anders als unsere Eltern und das aus gutem Grunde. Auch wir – und wir sind viele – spüren dann und wann, dass da mehr sein muss, dass es anders gehen muss, dass Autorität, Hierarchie und Erziehung nicht alles sein kann, was wir an unsere Kinder weitergeben wollen.

Warum wir überhaupt Kinder in diese kaputte Welt setzen, das weiß ich nicht. Ich habe es auch getan und weiß es nicht.

„Die Welt geht vor die Hunde, Mädchen, traurig aber wahr!“

{aus: „Songs für Liam“ – Kraftklub}

Auf ihrem Blog „Intuitive Eltern“ schreibt die Autorin Marietta im Artikel „Mut zur Weichheit“ mal: „Es wimmelt nur so von Menschen auf diesem Planeten, die alle irgendwie und irgendwann nicht genug Liebe erfuhren, deren Bedürfnisse nicht erfüllt wurden und die alle in sich das Gefühl tragen, zu kurz zu kommen. Wir haben da alle unseren Rucksack zu tragen, manche mehr, manche weniger. Wie viele Kriege und Machtkämpfe und familiäre Gewalt entstehen aus unerfüllten Bedürfnissen? Wie viele machtsüchtige Menschen sind  als Kind ungeliebt und grau aufgewachsen und haben sich alle einfach nach ihrer MAMA gesehnt?“

Genau das ist sie, die Generation der Nachkriegskinder und ihrer Kinder. Es ist erschreckend, wie viele Sorgen und Ängste, Selbstzweifel, mangelndes oder übersteigertes Selbstwertgefühl eines Erwachsenen, die Fähigkeit andere anzuerkennen, Dinge und Menschen wert zu schätzen, sich selbst wert zu schätzen, Respekt zu zeigen und sich selbst und anderen Achtsamkeit entgegen zu bringen, in den Tiefen der Kindheit verwurzelt sind.

 

Wir prägen unsere Kinder viel mehr als wir sie jemals werden erziehen müssen.

Auch ich habe Monster und Dämonen meiner Kindheit, Erinnerungen, die tief sitzen und manchmal schmerzen können. Doch es hilft mir, mir immer wieder klar zu machen, dass auch meine Eltern sie hatten und deren Eltern ebenso. Dass niemals alle alles richtig machen können, dass eine kranke Gesellschaft nun mal kranke Menschen produziert und dass ich eben nicht alles nur bin, wegen meiner Eltern. Sondern auch trotz meiner Eltern und trotz der Erziehung und Ansichten der damaligen Zeit.

Es hilft mir auch zu verzeihen, meinen Eltern Fehler einzugestehen und zu verstehen: auch sie konnten nichts dafür, so wie ich es als Kind in einigen Situationen nicht konnte.

Heute haben wir Smartphones und Sagrotan, beste Technologien und schnellste Autos. Und doch kehren wir zurück zu unserer Intuition. In meiner Generation ist Stillen wieder wichtig und groß, Kinder werden getragen und in Geborgenheit gewogen. Der Krieg ist so weit weg und doch so nah.

Das heißt auch: es ist noch viel für uns zu tun.

Wir begleiten gerade Menschen auf ihrem Weg in eine Welt, in der Geborgenheit und Liebe wieder selbstverständlich sein können. Wir können Ihnen nahebringen, dass ihre Bedürfnisse uns etwas bedeuten, dass Werte, Ethik und Moral mehr bedeuten als Geld und Reichtum, als akademische Abschlüsse und Karriere, dass es nicht egal ist, wie sie geboren werden, wie sie leben, wer sie eines Tages werden. Dass SIE einen Unterschied machen, dass sie Spuren auf diesem Planeten hinterlassen.

Es sind unsere Kinder, die die Welt verändern können, wenn wir sie lassen. Wenn wir sie verstehen lassen, dass sie gut sind, wie sie sind, dass es sich lohnt gutes zu tun. Dass es sich lohnt, gutes weiterzugeben.

Ich glaube fest daran, dass wir als Eltern eine große Chance haben, gutes in unsere Kinder zu pflanzen, fernab von gutgemeinten Ratschlägen der älteren Generationen. Es ging damals um andere Ziele, wir mögen es Ihnen verzeihen, doch es gibt kaum einen Grund, es Ihnen nachzumachen.

Die Welt könnte schöner werden, wärmer. Eine Welt, geformt von unseren Kindern, den Kindern der Kinder der Nachkriegskinder.

Und JETZT ist die Zeit, Ihnen vorzuleben, wie das geht.

 

 

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