Eingewöhnung eines hochsensiblen Kindes: vorbehaltloser Trost, statt Hauruck

Die Lieblingskind-Lüge

„Hast du ein Lieblingskind?“, frage ich meinen Mann, als die Kinder schlafen. Unser kleiner Sohn ist gerade einige Wochen alt.

„Nö“, sagt er und kaut weiter lautstark krachend seine Chips.
„Wirklich nicht?“, bohre ich nach. Er stoppt seine Kaubewegungen, hört auf in den Chips zu wühlen und dreht seinen Kopf zu mir.
„Was soll denn die Fragerei?“, fragt er gewohnt ruppig. Gewohnt, weil er nicht gerne in die Mangel genommen wird und direkt mit Abwehr reagiert, wenn ich damit anfange.
„Na nur so“, sage ich blöd grinsend und ergänze dann schnell: „Naja weil da ist ja schon ein Unterschied ne?!“
Er schüttelt den Kopf, kaut seine Chips und schaltet den Sender um. Klares Zeichen: ich soll nicht weiter bohren.

Es vergehen Wochen. Bubba Ray perfektioniert seine Skills, den über alles geliebten Papa so für sich einzunehmen, dass D-Von nur in absoluten Ausnahmesituationen mal an ihn heran kommt. In den wenigen Lebenswochen hat er seine Tage und Nächte an mich heran gekuschelt, gebunden, getragen verbracht, fast so, als hätte er meinen Körper nie verlassen. Und es macht mich sehr traurig. Ich liebe ihn so sehr, er ist mein Herz, mein Fleischgewordenes Herz, ohne dass ich nicht leben kann.

Genau wie Bubba Ray. Ganz genau wie Bubba Ray.

Doch der ist so verliebt ins Laufen, Rennen und Bobbycar fahren, dass er nicht mehr getragen werden möchte. Er lehnt Tragetücher ab. Er schläft lieber ausgebreitet auf mehrere Matratzen, statt in meinen Armen. Er kann alles allein. Ist fürchterlich autonom. Und fürchterlich eifersüchtig. Jede Berührung zwischen mir und seinem Bruder, jedes kuscheln und jeder Kuss fordert einen Wutanfall heraus. Diese Situation kommt bei Papa nicht auf – ganz einfach, weil es sie nicht gibt. Ist Papa da, dann ist er Bubba’s Papa. Und ich bin Dee’s Mama. Es wirkt, als störe es Bubba viel weniger, wenn ich das Baby kuschle, wenn Papa da ist, als wenn wir zu dritt sind. Es ist sehr schwer für mich, denn es entstehen gerade sehr viele Konflikte. D-Von und Papa haben kein richtiges Bonding. Bubba Ray tendiert so stark zu Papa, krallt sich an ihm fest, lässt mich links liegen. Ich vermisse meinen Großen und versuche, das Baby mal an Papa geben zu können, um die Hände für Bubba frei zu haben. Daraufhin brüllt D-Von sich aus lauter Angst und Unsicherheit die Kehle aus dem Leib. Er muss zurück zu mir, Bubba wird eifersüchtig. Rebelliert, tendiert zu Papa, der den tobenden Zweijährigen tröstet, nie aber das Baby. Es ist ein Teufelskreis.

Es vergehen Wochen. So langsam löst sich der Stress der Anfangszeit. D-Von kann auf dem Bauch liegen und seinem Bruder beim Spielen zusehen, ohne nach wenigen Minuten kraftlos den Kopf auf den Boden fallen lassen zu müssen. Bubba hat eine große Liebe für seinen Bruder entwickelt. D-Von ist so gut gebunden, dass er die kurzen Intervalle ohne mich problemlos wegstecken kann. Ich habe die Arme und den Schoß frei für meinen Großen. Wir schauen Bücher, wir singen, wir erzählen, wir kuscheln und Bubba lädt seinen Liebesspeicher bis an den Rand voll. Ich rieche den Duft seiner strubbeligen Haare, wenn er mir so nahe ist, die Wut wird weniger, ich bin entspannter, das Baby ist fröhlich und unkompliziert, ich kann mit Recht sagen, dass wir so langsam den Dreh raus kriegen. Ich spüre, wie sehr ich Bubba vermisst habe, drücke ihn oft an mich, küsse ihn, überschütte ihn mit Liebe und Komplimenten.

 

Und frage mich, ob er mein Lieblingskind sein könnte.

 

D-Von ist wundervoll. Er ist bildhübsch. Er ist ein Kraftprotz. Er ist unkompliziert, und zwar völlig. Während ich bei Bubba noch „Oje ich wachse“ im Anschlag hatte, jeden Schub, jede Phase, jeden Zentimeter Wachstum, jeden Zahn, jede kleinste Veränderung körperlich und seelisch, deutlich spürte, vergehen einige Schübe bei Dee sozusagen über Nacht. Oft atme ich auf, wenn ich nach einem anstrengenden Tag mit meinem Terrible Two-Kind mit dem Baby rumliegen, stillen, giggeln kann. Er gibt mir Kraft, die anstrengende Zeit der Entwicklung meines autonomen Kleinkindes zu überstehen.

Und ich frage mich, ob er mein Lieblingskind sein könnte?

Es vergehen Wochen und Monate. D-Von, Bubba Ray und ich – wir sind eine Einheit. Unsere Tage laufen gleich ab. Wir achten unsere Bedürfnisse. Wir achten uns. Wir entwickeln Strategien. Wege. Ideen. Alltag. Wir lachen und weinen, wir schreien und toben, wir wickeln und wickeln und wickeln. Wir stillen. Wir tragen. Wir kochen und essen, wir Gärtnern, wir pflegen, wir putzen, wir räumen auf, wir spielen, wir streiten und vertragen uns. Es ist, als wäre es nie anders gewesen. Es ist, als hätte ich nie nur ein Kind gehabt. Es ist, als wären die beiden nicht zeitversetzt geboren, sie brauchen und lieben sich so sehr. Es ist respektvoll, schön und ich wünsche Ihnen, ihr Band bleibt für immer so stark. Habe ich nun also was damit zu tun? Oder eher nicht? Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass ich mich gequält habe, in Wochen mit weniger Bubba und so viel Dee und dass es mir immer noch schwerfällt, das „bedürftigere“ Kind situativ dem anderen vorzuziehen. Denn ich habe kein Lieblingskind. Ich liebe sie, völlig unterschiedlich, aber nicht den einen mehr als den anderen. Ein paar Tage später wird Bubba krank und braucht mich. Ich bin da, will mich voll auf ihn konzentrieren. Doch da ist Dee, der ständig an meiner Hose zerrt und sich an meinem Bein hoch zieht. Mann, nervt das. Ich will bei Bubba sein!
Als Bubba gesund ist, beginnt D-Von zu spucken. Ein kleines Baby, das nichts drin behält. Bubba will aber lieber auf den Spielplatz. Mann, jetzt nimm dich doch mal zurück! Ich will bei D-Von sein!

Liebe ich nun einen mehr? Geht einer vor? Muss einer hinten anstehen?

Mein Mann kommt von der Arbeit und Bubba’s Augen leuchten. Ich bin sicher: könnte sein Vater ihn stillen, er würde es annehmen. Dieses innige, starke Band zwischen den beiden wird nie reißen. Sie sind ein Geschenk für einander und beide wissen das vom anderen.
Papa reißt die Arme auf, Bubba springt hinein und ruft „Ich hab dich so vermisst!“ Es folgt eine innige Umarmung, dann rattert Bubba alle Erlebnisse des Tages herunter, nach Luft japsend vor Aufregung. Nun leuchten die Augen meines Mannes und der Moment ist magisch. Wir sind gesegnet. Auch D-Von freut sich, aber anders. Er hat ein Lieblingselter. Genau wie Bubba. Und das ist in Ordnung.
Mein Mann begrüßt D-Von mit einem Lächeln und einem Kuss, gibt ihn dann wieder an mich zurück um mit Bubba fangen zu spielen. Und das ist in Ordnung. Hat eben jeder so seine Präferenzen.

Die Wahrheit ist: mein Mann hat ein Lieblingskind. Ich habe ein Lieblingskind. Und zwar ständig ein anderes. Mal ist es der eine, mal der andere. Mal braucht mich einer mehr als der andere. Mal will einer weniger von mir wissen als der andere. Mal ist Bubba zu autonom, um mein Lieblingskind sein zu wollen, mal will D-Von lieber laufen lernen und mich nachts wach halten, um den ersten Platz zu belegen. Ich liebe es, Mutter dieser beiden wunderbaren Menschen zu sein und ihre Persönlichkeiten entwickeln zu sehen. Gleichermaßen!

Aber zu behaupten, ich hätte kein Lieblingskind, wäre schlicht gelogen.

Ich habe eins, jeden Tag abwechselnd.

Mal sehen, wer es heute ist.

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