Die Welt auf sensible Kinder vorbereiten

Die Welt auf sensible Kinder vorbereiten

Nicht selten bekomme ich den Ratschlag von außen, meinem Kind seine sensible Art nicht allzu sehr „durchgehen“ zu lassen. Auch heute sind noch viele Menschen der festen Überzeugung, eine feine Ader sei auf dieser Welt lediglich ein Garant dafür, zu scheitern. Sich nicht durchsetzen, nicht durchbeißen, in der harten Welt, die einem alles abverlangen würde, nicht bestehen zu können. Es gibt nur wenige Nischen, in denen Sensibilität, Empathie, ein feines Gespür lobenswerte Eigenschaften sind. In kreativen Berufen finden sie beispielsweise sicher ihre Plätze, doch man läuft irgendwie dennoch Gefahr, verpönt zu werden. In seelsorgerischen Berufen hingegen, werden sie fast durchweg als positiv aufgenommen. Im Umgang mit anderen Menschen wird Empathie und Sensibilität häufig eingefordert, aber nicht uneingeschränkt. Mit Kindern beispielsweise sensibel und sanft umzugehen, so wie ich und viele andere bedürfnisorientierte Eltern es tun, steht in den Augen vieler Menschen einem entscheidenden Entwicklungsschritt des Kindes im Wege: nämlich dem, möglichst gut auf die harte, ungerechte Welt da draußen vorbereitet zu werden.

Es stimmt tatsächlich: da „draußen“ gibt es Dinge, auf die ich meine Kinder vorbereiten will. Autos, die einen überfahren können, beispielsweise. Tiere, die nicht ungefährlich sind. Und Eigenschaften anderer Menschen, die der Seele einen Stich versetzen können. Aber bereite ich meine Kinder wirklich so auf die harte, ungerechte Welt vor? Nein, ganz und gar nicht. Und ich bin auch nicht der Meinung, dass ich das tun müsste.

In meinen Augen ist der einzige Grund, Kinder auf eine harte Welt vorzubereiten der, dass es Menschen gibt, die denken, man müsse Kinder auf eine harte Welt vorbereiten.

 

Auf die Welt vorbereiten

Wir sind die Welt. Und unsere Worte und Taten sind ihre Atemzüge. Und so habe ich viel häufiger das dringende Bedürfnis, die Welt um mich herum darauf vorzubereiten, dass da jetzt ein Kind auf sie zukommt, dass sensibel, zart, feinfühlig ist und dass sie nun mal damit klar kommen muss. Nur – wie soll das gehen? Wie signalisiere ich meinem Kind, das seine Persönlichkeit gut ist, wie sie ist, dass er sein darf, wer er ist ohne den Wunsch, ein anderer sein zu müssen, wenn um uns herum diejenigen Menschen Schlange stehen, die Gegenteiliges von ihm fordern?

Das Ende meiner Schulzeit jährte sich kürzlich zum zehnten Mal. Und seitdem vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke. An die Institution, deren scheinbar übergeordnetes Ziel es war, mich vorzubereiten. Auf die Arbeitswelt, auf die Anpassung, an Dienstpläne, an Gehaltsklassen, an die Gesellschaft – kurz: an die Zeit, die ich nicht mehr im Schoße meiner Eltern verbringen könne und allein in den Kampf ziehen müsse. Phrasen prägen diese Zeit und schwirren mir noch oft genug im Kopf herum. Von „Das kannst du dir später auch nicht aussuchen“ über „Reiß dich zusammen und pass‘ dich an“ bis hin zu Da musst du durch, wenn du mal auf eigenen Beinen stehen willst“. Das alles hätte mich brechen, verändern, kleiner machen können. Oder auf diese scheinbar gemeine Welt vorbereiten können. Doch das hat es nicht – weder das Eine noch das Andere.

Das Gegenteil ist der Fall: ich bin mir meiner Sensibilität bewusster geworden und schäme mich ihrer nicht. Ich habe sie eines Tages als einen Teil meiner Persönlichkeit umarmt und begrüßt. Und jetzt ist sie da, ein Teil meiner Selbst, den ich nicht verändern oder verbiegen muss, sondern akzeptieren darf. Und an eine harte, gemeine Welt glaube ich nicht.

Ich mag diese Welt meistens ganz gern. Ich mag ihre Natur, ihr Grün. Ich mag ihre Macht, die Meere zu bewegen und mit dem Wind ganze Baumstämme auszureißen. Ich mag ihren grundsätzlichen Willen zu leben, zu überleben, sich zu entwickeln. Ich mag, dass sie so vielfältig und facettenreich ist, dass sie uns den Raum gibt, uns zu entfalten.

 

Was ich an der Welt nicht mag, ist diese Härte in ihr

Ich mag niemanden, der Kriege führt, der Menschen ausschließt und Grenzen baut. Ich mag keine Waffen und keine Machtausnutzung. Ich mag Menschen nicht, wenn sie andere Menschen verletzen, demütigen, hechten und töten. Ich mag all das Harte an dieser Welt nicht: ihre Patronen, ihre Geschütze, ihre Wut, ihren Hass. Ja, ich werde meine Kinder eines Tages drauf vorbereiten, dass es diese Dinge in dieser Welt gibt. Dass ihnen einmal Hass, Aggression, vielleicht sogar Gewalt entgegen schwappen wird. Und ich werde sie begleiten, wenn sie in irgendeiner Form darauf reagieren müssen. Aber all das tue ich nicht, indem ich sie bereits jetzt abhärte.

Hass mit Hass zu bekämpfen, Gewalt mit Gewalt, Härte mit Härte – wohin wird uns das führen? Dagmar Neubronner sagte kürzlich in einem Interview, dass unsere Welt jetzt eine sei, in der „jeder Krieg der Letzte sein kann“. Das ist die Situation. Das ist wo wir stehen. In einer Welt, die sich selbst binnen Sekunden auslöschen könnte, wenn man die ganzen harten Menschen in ihr nur ließe. Wenn man ihnen nichts entgegen zu setzen hätte. Der Grund, weshalb das noch nicht geschehen ist, ist sicher nicht die Härte der Menschen auf der anderen Seite. Daran glaube ich nicht.

Ich glaube nicht daran, dass es unserer Welt einen nennenswerten Beitrag brächte, wenn ich meine Kinder bei jedem „Trotzanfall“ unter die kalte Dusche stellte, um sie abzuhärten. Ich glaube nicht daran, dass Kriege, Hass und Gewalt zu bekämpfen wären, wenn wir unseren Kindern raten, auf dem Schulhof einfach zurück zu schlagen, sich zur Wehr zu setzen, mit Fäusten und Tritten. Ich glaube einfach nicht daran, dass die Abhärtung meines Kindes ihn in seiner Persönlichkeitsentwicklung voran bringen könnte.

 

Ein Kind abzuhärten bringt es nicht weiter

All das sind Dinge, die seine Person nicht ist. Die nicht aus ihm, von ihm kommen, die es begrüßen und annehmen könnte. Es sind genau die Dinge, die es ängstigen, verunsichern, traurig machen. Die es maßgeblich verändern, massiv beeinflussen würden. Nicht fördern, nicht unterstützen, nicht weiterbringen würden. Nein, sie würden Eigenschaften gängeln und deckeln, die ihm innewohnen, die es groß machen und über sich hinauswachsen lassen würden. Woran ich glaube, ist, dass Menschen, kleine und große (!), in der Gewissheit, dass sie selbst gut sind, wie sie sind und keiner äußeren und inneren Veränderung bedürfen, zu wirklich großen Leistungen fähig sind. Und mit Leistung meine ich nicht die Eins in Mathe und auch nicht das horrende Jahresgehalt.

Ich meine: die Meere bewegen. Mit ihrem Wind Bäume ausreissen. Ihren Willen, sich weiter zu entwickeln. Grenzen einzureißen, Menschen zu schützen, Kriege zu beenden. Sind in unserer Weltgeschichte die besonders Harten diejenigen gewesen, die all das schafften? Oder doch eher die besonders Umsichtigen, Einfühlsamen, Emphatischen? Jene, die das Grün, die Liebe, die Sonne auf dieser Welt dem Hass und Terror vorziehen?

 

Die Welt auf die Sensiblen vorbereiten

Und so schreibe ich diesen sanften, feinen Text, der mich wahnsinnig verletzlich macht, für die Welt da draußen, der ich so oft wünschen würde, ihre harte Maske abzulegen. In der ich mir viel öfter wünschen würde, zu spüren, dass wir – mein Sohn, ich und die vielen anderen Menschen, die sensibel geboren wurden – angenommen sind, anstatt dem Anspruch zu begegnen, unsere Eigenschaft schnellstmöglich abzulegen. Das klappt nicht. Nie.

Ich möchte nicht, dass unsere Kinder lernen müssen, die sie ängstigenden, verunsichernden Situationen allein durchzustehen. Ich will, dass sie keine Einsamkeit spüren, sondern sich angenommen und aufgehoben fühlen.

Ich wünsche mir, dass sie ihr Leben auch als Erwachsene selbst bestimmen und sich die eine oder andere Sache aussuchen können. Ich will keinen uneingeschränkten Gehorsam, weil „man das eben so macht“. Ich brauche keine Eins in Mathe und kein horrendes Jahresgehalt für unsere Kinder – nicht für den Preis, Sie so frühzeitig so drastisch verändern zu müssen.
Woran ich glaube, ist, dass diese Welt nur überlebt, wenn man sich traut, dem Gehorsam einer ganzen Generation zu widersprechen und zu widersetzen. Alte Denkmuster und Traditionen abzulegen und nicht nur „Ja“ und „Amen“ zu sagen. Sondern auch „Nein, verdammt!“

 

Denn die Blumen und Kerzen sind hier, um uns zu beschützen

Ich habe in meinem Leben öfter „Nein, verdammt nochmal!“ gesagt als „Ja, ich gehorche.“ Und das hat mich vorangetrieben, einen Elan geweckt, einen Ehrgeiz. Das hat meine innere Weisheit geformt, mich selbst ermutigt, mich für meine Rechte und meine Gefühle einstehen lassen. Meine Gefühle sind mein gutes Recht, das weiß ich heute. Und kein Schlagstock dieser Erde könnte mir meine Veranlagung so hinbiegen, dass ich sie verleugnen und nicht mehr als Teil meiner Selbst ansehen könnte. Sie ist eben, was sie ist. Ich bin, was ich bin.

Und so glaube ich daran, dass jeder Wutanfall meiner Kinder nicht nur mich, sondern auch SIE an ihre eigenen Grenzen bringt und herausfordert, welche Stärke Ihnen innewohnt. Deshalb gibt es keine kalte Dusche, keine Strafen, keine Konsequenzen. Es gibt Gespräche und Beziehung und stets ein klares: „Wir sind für dich da, wenn du das möchtest.“

Und tja. Vielleicht werden meine Kinder dann eben nicht Manager eines Weltwirtschaftsunternehmens und vielleicht machen sie auch ihre Hausaufgaben nicht und räumen ihre Zimmer nicht auf und vielleicht kriegen sie auch nie die Eins in Mathe und rülpsen und furzen am Tisch. Vielleicht werden sie niemals hart. Vielleicht wissen Sie sich tatsächlich nie, sich „hart“ gegen andere zur Wehr zu setzen, vielleicht kriegen sie ja tatsächlich mal für ihre ganz eigene Art sich zu widersetzen, anders zu sein als die Anderen, immer eine Extrawurst zu brauchen, auf die Fresse – so wie ich oft genug. Und dann werde ich da sein und sie halten und trösten und ihnen wieder und wieder sagen, dass die Welt ein Problem hat. Und nicht sie.

Vielleicht. Aber diese eine Chance besteht und an die klammere ich mich ganz fest:

Vielleicht auch nicht.

 

Follow

Get the latest posts delivered to your mailbox: