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Einer fehlt immer – Vereinbarkeit in einer kapitalistischen Gesellschaft

Ich liege noch im Bett und höre Bubba Ray auf der anderen Seite der Wohnung erzählen, singen, tanzen, rufen. Zwischendurch fliegt eine Tür der Kinderküche; D-Von spielt unermüdlich das lustige „Tür auf – Tür zu“-Spiel. Irgendwo dazwischen manchmal die tiefe Stimme meines Mannes, der bei den Kindern sitzt und mich im Bett liegen lässt.

Es ist Samstagmorgen, für gewöhnlich der Tag, an dem wir noch früher aufwachen, als unter der Woche. Denn wenn Freitagnachmittag der geliebte Papa von der verhassten Arbeit kommt und Bubba erzählt, dass jetzt „Wochenende“ und morgen „Samstag“ ist, brechen hier alle Dämme. Bubba schlägt samstags die Augen auf, dreht sich zu Papa und noch bevor irgendwer im Stande ist, guten Morgen zu sagen, stellt er die für ihn alles entscheidende Frage: „Papa, musst du heute nicht arbeiten?“

Keine Frage, ich genieße die halbe Stunde im Bett, wenn ich und mein Kaffee so ganz für uns alleine sind. Wenn ich meine Twitter- und Facebook-Timeline in einer Mischung aus dekadenter Langeweile und gemischtem Interesse durchscrolle, manchmal einen Blogpost verfasse oder Artikel lese. Das sind Dinge, die ich unter der Woche auch tue, die aber abgehetzt und schnell passieren müssen, denn die Zeitfenster, in denen die beiden mich gerade mal nicht brauchen, sind knapp. Ich habe zwei Kinder unter 3 Jahren und damit 24/7 Beschäftigung. Das wird noch ein paar Jahre so bleiben und das ist auch okay. Schließlich sind ihre Bedürfnisse noch relativ ähnlich, wir drei müssen einen ganz schönen Spagat hinlegen, um alle einigermaßen zufrieden zu stellen und meist bleibt da eben nicht viel Zeit für anderes.

Ich lebe damit, dass die eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund rücken. Besonders glücklich bin ich damit nicht immer, ist damit vermutlich keine Mutter, selbst schuld aber auch keine. Es ist das System, das nicht viel Luft zum Aufatmen lässt, zwischen 40 Stunden Arbeit (oder mehr) der Väter pro Woche, plus Anfahrtswege – die Seminare, Weiterbildungen und Schulungen an Wochenenden oder an Abenden mal ausgenommen – ddem Wocheneinkauf, den übrigen Pflichten und da war doch noch was… ach ja! Familie. Mein Mann ist damit vermutlich kein Einzelfall. Er ist nicht im gehobenen Management, wo Väter ihre Kinder praktisch nur an den Feiertagen sehen, sondern Angestellter. Er kommt zum Abendbrot heim, übernimmt eines der Kinder, wir bringen beide gemeinsam ins Bett. Auch wenn die Zeit knapp ist, so hat er zumindest ein bisschen davon mit ihnen. Doch ich sehe sie ihm an, diese Müdigkeit. Davon, den ganzen Tag angepasst gewesen zu sein, vom Geschäftsbriefe, Verträge und Emails schreiben an Kunden und Geschäftspartner, von der ausgefallenen Mittagspause und einem Acht-Stunden-Arbeitstag nach durchzechter Nacht mit zwei nicht schlafenden Kindern. Ich wünschte, ich könnte ihm und mir mehr Luft zum Atmen verschaffen, eine obligatorische Viertelstunde nach dem Heimkommen oder eine Stunde Schlaf mehr pro Nacht.

Doch Bubba interessiert das wenig. Er versteht nur „Samstag“ und „Wochenende“ und der Fall ist für ihn klar: mein Papa gehört mir.

Bubba Ray war schon immer ein Papa-Kind. Das mag am ausgedehnten Bonding im Kreißsaal liegen oder vielleicht auch einfach daran, dass mein Mann seine Kinder vergöttert und alles gibt, um ihnen seine Liebe zu zeigen. In seinen Augen sehe ich Bewunderung und Wärme und das sehen sie auch. Vor allem mein sensibler und weicher Bubba spürt es und springt – das kann man anders nicht sagen – voll darauf an. An den Wochenenden haben wir hier einen Zweieinhalbjährigen, der all das, was unter der Woche für ihn ein potenzieller Stressauslöser sein kann, einfach weglächelt. Papa ist da, keine Zeit für Wutanfälle. Er weiß: die Zeit ist begrenzt. Nur zweimal schlafen und schon ist sie vorbei, diese tolle Zeit, in der beide Eltern da sind und selbst wenn wir langweilige Dinge wie aufräumen, putzen und einkaufen müssen – ganz egal, Papa ist da.  Bubba Ray kann egal wie schlecht geschlafen haben, kann egal wie schlecht gelaunt gewesen sein, kann egal wie viele Wutanfälle an den Tagen davor gehabt haben – vollkommen egal. Papa ist da, es ist Samstag und der Samstag hat nun mal seine eigenen Gesetze.

Ich räume den beiden die Exklusivzeit ein, die sie brauchen, um sich gegenseitig am Wochenende aufzutanken. Ich profitiere von der Ausgeglichenheit meines Sohnes schließlich mit. Es gibt weniger Frust, denn es hat immer einer eine Hand frei und das Beste: an den Wochenenden hört er mal nicht, was er sonst ständig unter der Woche zu hören bekommt. Irgendwer arbeitet immer, irgendwer vertröstet uns immer, irgendwer hat immer nur begrenzt Zeit, irgendeiner fehlt immer. Die Situation ist so wie sie ist und lässt sich nicht ändern. Kinder wachsen nur so schnell wie sie wachsen, ihre Bedürfnisse lösen sich nicht über Nacht in Luft auf und so benötigen wir wirklich viel Hilfe und mittlerweile bin ich mir nicht mehr zu schade oder zu stolz, um auch danach zu fragen. Doch, Hilfe von außen ist nur in den seltensten Fällen bedingungslos. Und das ist nicht mal ein Vorwurf, meine Eltern arbeiten, unsere Freunde arbeiten, die Eltern meines Mannes arbeiten, mein Mann arbeitet – irgendwie arbeiten eben alle. Und sie helfen uns dennoch, solange sie können. „Ich komme, aber ich kann nur bis..“ oder „Ich muss nur erst arbeiten, dann komme ich!“ hören wir also ständig. Und wenn Bubba mich so an die zweitausend Mal am Tag nach jemandem, den er liebt, fragt, dann hört er: „Tut mir leid, mein Schatz, derundder ist leider arbeiten!“

Es war der erste Dialog, den ich tatsächlich überhaupt  mit meinem Sohn führte. Er fragte wo Papa sei, ich antwortete: „Bei der Arbeit!“ Im Zuge seiner sprachlichen Fähigkeiten drehte er den Spieß schließlich um und erzählte mir dann eben hunderte Male am Tag, dass sein Papa bei der Arbeit sei, und so weiter. Und nun spricht er, ganze komplette Sätze und Dialoge und einer davon ist der, um die Frage nach seinem Papa. Nur, dass er mittlerweile so gut sprechen kann, dass er auch die Gefühle, die er damit verbindet, gut äußern kann. Und so fragt er mich nicht mehr einfach nur danach, wo Papa ist, nein, er konkretisiert:

 

„Ich mag nicht, dass mein Papa arbeiten ist!“

Ich mag es auch nicht. Ich mag nicht, dass sein Vater die Tage mit fremden Menschen verbringt und deshalb ständig Gefahr läuft, die einschneidenden Entwicklungsschritte seiner Kinder nicht live mitzuerleben. Ich mag die Einsamkeit unter der Woche, die ich immer wieder empfinde, nicht. Ich mag nicht, dass die Kinder sich so stark an mir orientieren müssen, weil sonst keiner da ist. Ich mag den Druck nicht, der dadurch häufig auf meinen Schultern lastet und der mich stresst. Ich mag viele Erledigungen mit zwei Kindern unter Drei nicht alleine machen und deswegen bleibt viel liegen. Ich mag meinen Kindern nicht wieder und wieder erklären, dass es anders leider nicht geht. Ich mag nicht meinen Sohn trösten, nachdem ich gesagt habe, dass es eben anders nicht geht. Ich mag nicht akzeptieren, dass es anders nicht geht.

 

Doch leider geht es nicht anders.

 

Wir leben gut und sind glücklich, auch wenn wir alles andere als dekadent leben. Dieser Zustand wird sich in den nächsten Jahren nicht ändern, denn inwiefern ich meine alte oder eine neue Arbeit wieder aufnehmen kann und werde, ist noch unklar. Denn jedes Mal, wenn Bubba morgens länger schläft und nicht mitbekommt, wie sein Vater das Haus verlässt, jedes Mal, wenn er ihn nicht verabschieden und küssen kann, jedes Mal, wenn wieder einer seiner geliebten Großeltern keine Zeit hat, weil sie arbeiten müssen, einfach jedes Mal wenn die Begründung „Arbeit“ fällt, regnet es Tränen. Die ich trockne.

Und so überdenke ich weniger die Art und Weise, in der ich meinem Sohn die Tatsache, dass eben alle Menschen um uns herum uns an den zweiten Platz NACH ihrer Arbeit stellen (oder vielleicht zwangsläufig stellen müssen), nahebringe, als den Umstand an sich.

Was ist das für eine Gesellschaft, in der Familien mehr Zeit von einander getrennt verbringen, als zusammen? Liegt der Fehler nicht tatsächlich im System?

Betreuungseinrichtungen wie Kindertagesstätten, Kindergärten und Tagesmütter sind darauf eingestellt, dass die Trennung von den Eltern geübt werden muss, ja sogar, dass es Tränen gibt. Tränen, die scheinbar für alle unumgänglich sind. Tatsächlich aber wünsche ich mir Zeit und Ruhe, die Eingewöhnung so gestalten zu können, dass D-Von, der bald gemeinsam mit seinem Bruder zu unserer wunderbaren Tagesmutter geht, genauso gern dort bleibt wie Bubba und zwar ohne Tränen und ohne das Gefühl, dass ich gehe, weil es keine andere Wahl gibt.

Was das für meine berufliche Zukunft heißen mag, das steht in den Sternen. Doch ich bin sicher, dass wir nicht die einzige Familie sind, in der hinterfragt wird, ob das System wirklich so funktioniert oder ob wir es nur durch sicherlich nicht immer einfache Lösungen passend machen. In unserem Fall ist es klar: wenn Bubba Ray es sich aussuchen könnte, wären seine Eltern den ganzen Tag daheim, genau wie er und sein Bruder und wir würden gemütlich in den Tag hinein leben. Wenn er sich seine Woche selbst gestalten könnte, wäre jeden Tag Samstag oder Sonntag. Wenn es nach ihm ginge, würde niemals einer fehlen.

Ich lasse offen und bin gespannt, wie die Zukunft aussehen wird, wenn er morgens plötzlich auf beide Eltern verzichten und den Vormittag gemeinsam mit seinem Bruder in einer Betreuung verbringen wird. Wenn plötzlich Mama, die als einzige immer da war, nun auch noch sagen wird: „Tut mir leid mein Schatz. Ich muss arbeiten.“

Wir lassen es offen und überdenken unser System. Ich denke, das System hat Überholbedarf. Nicht nur unseres, sondern das große Ganze.

Ich bin ziemlich sicher, dass nicht nur mein Kind ungern 40 Stunden und mehr pro Woche von der Familie getrennt ist und das andere Familien ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

 

Wie sieht es bei euch aus? Wie regelt ihr die Betreuungssituation in euren Arbeitstzeiten? Wie nehmen eure Kinder das an? Vermissen eure Kinder das Vollzeitarbeitende Elter genauso wie meine?

Ich bin gespannt auf viele unterschiedliche Familienkonstellationen! 

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