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Entspann‘ dich doch mal, Mama!

An D-Von musste ich mich nicht gewöhnen. Das klingt vielleicht blöd. Ist aber so. Er kam aus mir raus gepoltert – anders kann man es nicht nennen – und war da. Ich hatte keine Berührungsängste oder Distanz. Er trank wenige Minuten nach seiner Geburt an meiner Brust und war da. Er war mein Kind. Da gab es kein Kennenlernen und kein Beschnuppern. Es war, als wären wir schon unser ganzes Leben lang zusammen und als wäre es ganz selbstverständlich, dass und wie wir auf einander reagierten.

Schon wenige Stunden nach seiner Geburt an diesem heißen Juli-Tag schliefen wir im Bett auf der Wöchnerinnen-Station ein – etwas, was nach der ersten Geburt für mich undenkbar gewesen wäre. Doch mit D-Von war alles irgendwie einfach. Zum Einen war ich zum zweiten Mal Mutter geworden und viele der Dinge, die man sich beim ersten Kind teilweise mühsam erkämpfen muss, fielen weg. In meinem Fall das Stillen, das mir so einfach von der Hand ging, als hätte ich nie aufgehört. Es lagen nur wenige Monate zwischen dem (abrupten, ungeplanten, unglücklichen) Ende von Bubba Ray’s Stillzeit und D-Von’s Geburt. Ich hatte das Stillen sogar ein wenig vermisst. Dann das Tragen, Wickeln, Anfassen – eben einfach das „Handling“ dieses klitzekleinen Säuglings. Während ich Bubba Ray noch berührt hatte wie eine sehr seltene, sehr wertvolle Perle, fielen jegliche Ängste, das Baby könne zerbrechen oder dergleichen, schlicht weg. Ich war sicher und selbstbewusst. Die Babyzeit war noch nicht lang vorbei und ich bekam souveränes, deutliches Feedback von D-Von.

Wenn es ihm gut ging, weinte er nicht. Wenn es ihm nicht gut ging, weinte er. As easy as can be.

Und das war es tatsächlich auch, was mich zunächst verwirrte. Ich fragte mich, wie das sein kann, dass er so souverän ist. So pragmatisch. So zufrieden. So einfach.
Bubba Ray schlief im Wochenbett viel. In den ersten Wochen bekam man kaum etwas von ihm mit. Nach guten zwei, drei Monaten begann er Töne von sich zu geben. Meistens waren sie schrill und laut, meistens war er irgendwie unzufrieden. Alles was wir taten, schien er blöd zu finden. Er war mein erstes Kind, ich wollte alles richtig machen. Ich fragte meine Hebamme, meine Mutter, meine Schwiegermutter. Erhoffte mir Tipps von Familienangehörigen, die mich und meinen Mann groß gekriegt hatten – die müssten ja ähnlich ticken. Doch die Tipps brachten nichts, außer pure Verzweiflung meinerseits.

„Ihr müsst einfach dran bleiben!“, hörte ich, als es um unsere Schlafsituation ging und Bubba Ray um keinen Preis allein in seinem Bett schlafen wollte und konnte.
„Ist er nicht schon ein wenig groß für das Stillen? Vielleicht würde er besser essen, wenn du weniger stillen würdest!“, hörte ich, als Bubba Ray seinen Brei kategorisch ablehnte und uns jeden einzelnen Löffel schwungvoll aus der Hand schlug.
„Ich verstehe nicht, dass ihr das nicht hin kriegt, dass er mal durchschläft!“, hörte ich, als wir immer noch monatelang für mehrere Stunden nachts im Kinderzimmer saßen und ihm dabei zusahen, wie er den Lauflernwagen durch die Gegend schob.
Ich hörte auch, dass eine Eingewöhnung in der Fremdbetreuung ohne Tränen nicht ginge, ich hörte, dass er durch dies oder das eben durch müsse und auch, dass dies oder jenes doch nun wirklich nicht mehr schlimm für ihn sein könne.

Ich hörte oft genug, dass ich entspannter sein müsste. Entspannte Mutter, entspanntes Kind.
Für die Welt ist das so leicht.

Zurück zu D-Von.
D-Von ist nun ein Jahr alt. Ein wundervolles Jahr mit einem zauberhaften Menschen, ohne den ich keinen Tag meines Lebens mehr verbringen möchte. Ein Leben mit einem Baby, dass binnen weniger Minuten am Abend am liebsten gegen halb acht einschläft. Eines, das im Tragetuch stundenlange Aktionen und Ausflüge mitmacht, danach schläft und so tut als wäre nichts gewesen. Eines, dem Stress nichts ausmacht. Eines, das ohne Tränen bei den Großeltern oder näherstehenden Personen bleibt. Eines, das Brei und Stückkost gleichermaßen isst – Hauptsache es schmeckt. Und eins, das Sachen einfach kompromiss- und diskussionslos liegen lässt, ohne Tränen und Geschrei, wenn er satt, zufrieden und fertig ist. Oder es nicht schmeckt.
Es stimmt, ich bin entspannter. Ich stille weder nach Zeitplan noch nach Ernährungsplan und habe ihn an den Tisch gesetzt, als er sitzen konnte. Es gibt keine Mahlzeiten in Grammangaben – was er isst, isst er. Ich habe nicht eine Sekunde probiert, ihn irgendwo anders schlafen zu lassen, als in unserem Familienbett. Den Kinderwagen habe ich verkauft, denn ich fand ihn mit dem 19-Monate älteren Bruder unpraktisch. Im Tragetuch gab es nie Tränen der Verzweiflung. Es stimmt auch, dass ich nicht mehr bei jedem Piepen, das er macht, rennen und nach ihm sehen kann, denn da ist vielleicht gerade der große Bruder auf dem Wickeltisch oder von der Schaukel gefallen. Es stimmt, dass ich weniger Probleme habe, ihn mal eine Stunde bei der Oma zu lassen, als mit Bubba Ray bis heute.

Doch was nicht stimmt, ist dass das Kind entspannt ist, WEIL ich es bin, sondern eher umgekehrt.

Die Hochsensibilität meines großen Sohnes war die große Unbekannte. Die Variable X einer Gleichung, die man erst durch hochkomplizierte mathematische Rechnungswege herausfinden musste. Und noch immer sind meine Ergebnisse oft falsch. Ich war nie gut in Mathe.
Ich nehme jeden Tag mit meinem Kind so, wie er kommt. Nach den wenigen 2,5 Jahren ist mein Erfahrungsschatz mit einem so sensiblen Kind noch nicht so groß, dass ich neue Situationen spielerisch bewältigen könnte. Wenn etwas Neues bevorsteht, schlackern mir weiterhin die Knie. Ich kann aus Stresssituationen lernen, weiß, wie weit er bereit ist zu kooperieren und wann es ihm zu viel wird, weiß, was ihm Stress bereitet und wie er ihn wieder los wird. Aber gerade ziehen wir um, zum ersten Mal in seinem Leben. Ich weiß, dass ihn das furchtbar mitnehmen wird. Ich weiß, dass und wie ich ihn begleiten kann. Aber ich weiß nie, ob und wie gut er es annehmen wird und wie sehr seine Traurigkeit und die vielen Gewitter in seinem Kopf den Weg zu meinem Trost vielleicht versperren. Ich weiß nicht, wie er den Stress äußern wird und ob er fähig sein wird, am neuen Ort die gleichen Bewältigungsstrategien durchzuführen, die er hier gelernt hat. Die Variable X muss erst errechnet werden und Zeugnisse gibt’s erst am Schuljahresende.

Ich kenne alle Sprüche und Vorurteile Außenstehender, wenn man ein sensibles, anstrengendes, lautes, extremes Kind hat, denn ich habe viele davon selbst gehört. Sie hallen lange in meinem Kopf nach und nehmen mich mit, doch die Wahrheit ist, dass sie alle nicht zutreffen.

D-Von’s Geburt hat mich mit mir selbst versöhnt.

Schon wenige Wochen nachdem es ihn gab, war ziemlich offensichtlich, dass er nicht einfach wegsteckt und in sich hineinfrisst, aushält, zu kurz kommt, nein – dass er einfach so ist. Dass er eben Dinge besser abnicken kann und sie sich weniger zu Herzen nimmt. Ich hörte auf diese Erkenntnis den Satz, die Zweiten würden „sich eben anpassen“. Und auch, „die laufen einfach so mit“. Aber ich sage euch jetzt mal was:

Kein Kind, kein erstes, kein zweites, kein drittes und kein nochsovieltes läuft einfach so mit. Plätze müssen ausgelotet werden. Das sind kleine Menschen mit eigenen Persönlichkeiten, die sich anpassen aber nicht verändern müssen möchten. Die in eine bestehende Familie geboren werden, die sich finden muss. Und dass D-Von der Zweite ist, ist Zufall, und – das entkräftet die These, dass die Zweiten sich anpassen und ihre Nische suchen würden – wäre es andersrum gewesen, und Bubba Ray wäre der Zweite – er wäre nicht einfach so mitgelaufen. Er hätte sich nicht angepasst. Er hätte sich keine Nische gesucht. Und ich hätte so entspannt sein können, wie ich wollte, er hätte sich nicht entspannt. Er hätte nicht besser geschlafen, wenn wir dran geblieben wären, er hätte nicht besser gegessen, wenn ich weniger gestillt hätte und er hätte jeden verdammten Tag genauso untröstlich geweint, wie er es an diesen zwei Tagen unseres Versuches der Fremdbetreuung tat, wenn wir einfach weiter gemacht hätten, weil eine Eingewöhnung angeblich ohne Verzweiflung nicht möglich ist.

Es sind Menschen, die wir da gebären. Keine Tyrannen.

Das sind nicht besonders winzige Wesen, deren einzige Absicht ist, uns unseren Alltag so stressig wie möglich zu machen. Es sind Charaktere, Persönlichkeiten, mit einer Meinung und einer Idee davon, wie der Tag / das Leben / die Familie ablaufen könnte. Kein Kind wird geboren, um uns mal zu zeigen, wie das jetzt hier abläuft. Kein Kind will Chef sein. Ich wage zu behaupten, dass jedes Kind einfach erstmal nur Kind sein will.

Sätze wie „Dein Kind ist entspannt, wenn du es auch bist“, mögen vielleicht auf Spielplätzen Anwendung finden, wenn eine eher ängstliche Mutter ihrem Kind das Klettern nicht zutraut, aus purer Angst, es könne fallen. Fallen lernt man nur durch Fallen, egal wie häufig wir das Kind ermahnen, vorsichtig zu sein.
Doch es hat nichts mit Entspannung zu tun, wenn es der Charakter, die Persönlichkeit eines Kindes ist oder zumindest vielleicht ein Teil dessen – wie beispielsweise Bubba Ray’s hohe Sensitivität – das den Alltag komplizierter erscheinen lässt, das dafür sorgt, dass wir umdenken, andere Wege probieren und gutgemeinte Ratschläge, die einfach nichts mit uns oder unseren Kindern zu tun haben, ignorieren müssen.

Ich denke nämlich, wahre Entspannung erlangen wir vor allem, wenn wir auf solche Sätze nicht mehr hören, wenn sie einfach nicht passen. Wenn wir sie weg nicken und „Jaja“ denken.

Ein Kind so anzunehmen, wie es ist, kann wahre Entspannung bringen. Und es nicht zu vergleichen auch. Aber ob sich euer Kind dann auch automatisch entspannt, das weiß ich nicht.

Ich weiß nur, dass meine beiden Kinder unterschiedlicher nicht sein könnten und ich sie trotzdem  gleichwertig behandle. Dass nicht mein (Nicht-)Erziehungsstil meine Kinder zu dem macht, was sie sind, sondern sie sind was sie sind und ich meine Strategien auf sie ausrichte.

Und das, meine Lieben, das entspannt mich tatsächlich ungemein.

 

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Blogparade „Gedanken zum zweiten Kind“ bei Katharina auf dem Blog Geliebstes Kind Motzibacke verlinkt, wo ihr noch weitere Beiträge zum Thema findet. Danke für die Idee und die Teilnahme!
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