Erlaubnis

Erlaubnis

Neben mir sitzt eine Mutter, die sich nicht erlaubt ihr Kind zu lieben. Sie wirkt angestrengt, angespannt, müde und gestresst. „Das Stillen funktioniert nicht! Es funktioniert einfach nicht!“, wiederholt sie unentwegt. Gott, wie ich dieses Wort hasse. Funktionieren. Von Funktion. Von irgendwas technischem, was mit diesem Stillen nichts zu tun haben kann. Doch sie ist sich sicher, es läge an ihr. Dass sie gescheitert sei, es einfach nicht schaffe, ihr eigenes Baby zu ernähren. Sie ist verkrampft, sie ist müde und schon jetzt abgekämpft. Ihr Baby ist wenige Wochen alt.

Es funktioniert nicht, also das Stillen. Aber alles andere drumherum auch nicht. Schon die Geburt habe sie schließlich nicht „hinbekommen“, habe es nicht geschafft, ihr Baby selbstständig zu gebären. Sie ist so müde, dass ihre Traurigkeit und Erschöpfung auf mir liegt wie eine sehr schwere Decke. Eine, die nicht atmungsaktiv ist, unter der man droht zu ersticken. Diese Mutter erlaubt sich nicht, sich zu entspannen, bis es endlich läuft. Sie erlaubt sich nicht, ihr Kind zu lieben, bis sie es schafft, es auch vernünftig zu versorgen. Keine Erlaubnis, sich selbst zu lieben, bis sie endlich aufhört zu scheitern.

Liebe, Geborgenheit, Nähe – das sind doch schließlich Belohnungen und die gibt es erst bei einer erbrachten Leistung. Und das was hier passiert – wunde Brustwarzen, immer dieses Schreien, immer wieder dieses Gefühl, nichts richtig zu machen, immer wieder zu versagen – das ist doch keine Leistung. Sie schafft es nicht, sie scheitert.

Denkt sie.

Ich sehe sie an. Ich kann die Spuren der Geburt sehen; diese besonderen Gesichtszüge, die eine Mutter kurz nach der Geburt hat und der Schatten um die Augen, den das Herz wirft. Das Herz, das 40 Wochen lang ein weiteres versorgt hat und das nun trauert, weil es ihm nicht mehr so nah sein darf.

Zwischen ihrem Herzen und dem Ihres Babies steht die Welt. Die ganze, große Welt, mit all ihren Forderungen und Verpflichtungen, den Anforderungen und Ängsten. Mit der ganzen Schuld, die sagt: liefer ab! Oder du bist nix wert. Die sagt: du musst doch einfach nur das Baby an die Brust legen, das kann ja wohl nicht so schwer sein?! Der blaue Planet mit seinem wiederkehrenden „Stell dich nicht so an und hau rein jetzt“, das für mich nur noch klingt wie Schluckauf.

Neben mir sitzt eine Mutter, die sich nicht erlaubt, ihr Baby zu lieben – denn Liebe ist eine Belohnung. Und Leistung hat sie nicht erbracht, sagt man ihr.

Während sie versucht, ihr Baby anzulegen, flüstere ich leise und streichle ihre Schultern. Ich sehe doch, wie sie sich aufreibt und alles gibt. Was könnte ich schon sagen, tun, zeigen, das ihr jetzt hilft? So einiges. Nur hätte nichts davon tatsächlich etwas mit dem Stillen zu tun.

Meine warme Handfläche dreht Runde um Runde auf ihrem linken Schulterblatt. Mit dem Zeigefinger der linken Hand streichle ich die Schläfe des Babys. Es fehlt nicht viel und ich würde anfangen, ein Lied zu summen. „Wie soll ich jetzt die Hand halten? Und wie geht der C-Griff? Was soll ich tun?“

Ich lächle.

Und erlaube ihr, gar nichts zu tun.

Stumm erlaube ich ihr, keine Leistung zu bringen. Nicht abzuliefern. Die Erwartung und die Angst, einfach gehen zu lassen. Ich sage: „Vergiss den Griff. Wie fühlt es sich richtig an für DICH?“ Sie hat keine Ahnung. Ich sage: „Sitzt du bequem?“ Sie hat keine Ahnung. Ich sage: „Tut es weh?“ Sie hat kein Gefühl. Sie wartet auf die ruckartigen Bewegungen des aufgebrachten Babies und zieht zischend die Luft ein, als es endlich Halt findet und – stillt.

Stillen kommt von Stille. Ich sage kein Wort mehr. Stumm fängt die Mutter neben mir an zu weinen. Nicht, weil das Stillen funktioniert. Nicht, weil sie so voller Liebe ist. Nicht, weil dieser Moment sie gefühlsmäßig so überrennt.

Sie weint, weil sie sich die Erlaubnis dazu erteilt.

Liebe ist nicht immer bedingungslos. Und nicht immer klar. Sie ist nicht immer da, wo wir sie vermuten. Zwischen einer Mutter und ihrem Baby etwa. Manchmal ist genau zwischen diesen beiden nämlich nichts. Nur Stille. Und das andauernde Gefühl, man müsse sich die Liebe erst verdienen.

Dabei ist die Reihenfolge eine andere. Wo Liebe besteht, können wir etwas bewegen. Wir könnten schaffen, Frauen den Umweg über den Schmerz zu nehmen und sich direkt mit ihrer Intuition zu verbinden, wenn die Anfänge andere wären. Wenn die Reihenfolge eine andere wäre: erst das Gefühl, dann der Kopf. Erst hinein spüren, dann überlegen. Zu allererst ansehen, hinsehen, bestaunen, bewundern, befühlen, beschnuppern – Lieben. Und dann Wörter wie „funktionieren“ benutzen. Wenn die Babyschale nicht richtig einrastet oder der Kinderwagen einen Platten hat, zum Beispiel.

Neben mir sitzt eine Mutter, die ihr Kind ganz sicher liebt und sich wünscht, diese erste Zeit nicht in Trauer fristen zu müssen. Wie so viele andere auch. Ich sehe ihre Müdigkeit und ihre Angst. Vorm Fehler machen, vorm Scheitern. Ich streichle stoisch ihre Schulter, während ich ihrem Baby beim Trinken zusehe.

In Richtung Universum schicke ich einen Gruß. So wie ich es immer tue. Und eine Bitte um Erlaubnis: der Erlaubnis, zu fühlen.

Und gehen zu lassen.

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