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Es reicht

Du liegst auf meinem Schoß. Du glühst. Das Fieber hat dich voll im Griff. Du schließt die Augen und lässt sie die meiste Zeit geschlossen. Nur um die Wand anzustarren öffnest du sie und ich frage mich dann, was du denkst. Du fühlst dich nicht gut. Eckzähne bahnen sich ihren Weg durch das Zahnfleisch und ich habe nicht die leiseste Ahnung, welchen Schmerz du möglicherweise gerade empfindest. Ob du vielleicht Angst hast. Oder unsicher bist. Was du mir sagen würdest, wenn du sprechen könntest. Du bist gerade mal 1,5 Jahre alt und schnullerst auf deinem „Nana“ herum, den du nicht mehr abgeben willst. Ich weiß, dass du ihn brauchst. Ich weiß, dass du den Platz auf meinem Schoß jetzt brauchst. Dass du mich, meine Nähe und meine Zuwendung brauchst. Und es fällt mir gar nicht schwer, dir all das zu geben.

Denn du gibst mir das Gefühl, dass es reicht.

Gerade sitzen wir auf dem Sofa, du auf meinem Schoß und nichts fehlt. Was ich tue, dich halten und deine Stirn küssen, das ist genug.

In meinen Armen wirst du schwerer. Dein Ohr liegt auf meinem Herzen und wenn ich dich ansehe, dann schlägt es ein paar Mal nur für dich. Ich empfinde Wärme, Liebe. Gefühle, die ich kannte, bevor es euch gab. Nur nicht so. Seit ich Kinder habe, sind Emotionen eingezogen, die ich vorher benennen konnte und gewiss auch schon gespürt hatte, die aber in ihrer Intensität gestiegen waren und mich nun zu einem anderen Menschen gemacht haben. Liebe. Stolz. Bewunderung. Wut. Überforderung. Trauer.

Wenn du so da liegst und ich deine Atemzüge abzähle, dann kommt es mir so vor, als könne ich niemals ehrlich wütend auf euch sein. Überhaupt ist es mit dir nochmal anders als mit deinem Bruder. Dein großer Bruder macht alle seine Gefühle sichtbar. Und er macht sie laut. Wenn er fühlt, sehen und hören das alle um ihn herum und es gibt kein Entfliehen. Und er fühlt die ganze Bandbreite, manchmal innerhalb weniger Minuten und ich komme gar nicht hinterher, mitzulachen, zu trösten, zu freuen oder zu beruhigen. Ich liebe deinen Bruder ganz anders, als jeden anderen Menschen auf der Welt. Weil er so unfassbar klug ist. So sanft. Eine so schöne, so warme Seele hat, das jede seiner Taten dir die Tränen in die Augen treibt. Auch, weil er eine „andere“ Liebe braucht, und weil er mir so viel über mich selbst beigebracht hat, mein Leben verändert hat. Meinen Umgang mit mir selber. Weil er mir tagtäglich den Spiegel vorhält und mich lehrt, mich selbst zu spüren. In all meinen Facetten. Auch den unangenehmen.

Die Fähigkeit, meine Wahrnehmung auszublenden, besitze ich nicht. Mein Hirn nimmt alles auf und zwar auch das, was zwischen den Zeilen sitzt. Es spielt keine Rolle, wie sehr ich trainiere, cool zu bleiben. Manchmal macht meine werkseingestellte Software nicht mit. Dann knallen dein Bruder und ich aneinander, ungebremst. Und wenn wir ganz viel Pech haben wird auch das so sichtbar und laut, dass der Sturm noch lange nachhallt.

Aber du, du bist das nicht. Du bist nicht Drama. Du bist nicht deine Emotionen. Du bist du und mit deinen 19 Monaten hast du dich besser im Griff, als ich mich. Ich kann dich lesen wie ein Buch. Was da ist, das zeigst du – und das ist dann auch alles. Nichts zwischen den Zeilen. Nix verstecktes. Nix, nachdem man suchen, das man erraten, oder erst finden müsste, um es zu verstehen.

Du gibst mir das Gefühl, dass es reicht. Dass ich als Mutter reiche und dass das, was ich tue, genug ist.

Ein Kind wie dich dachte ich niemals bekommen zu dürfen. Dachte, dass meine Veranlagung und mein Wesen dagegen sprächen. Und wenn doch, redete ich mir ein, würden ich, mein verzwicktes Hirn, meine Übertreibung, mein Drama, mein Ich dich schon „versauen“. Aber da machst du nicht mit. Du lässt dich nicht verbiegen. Du bist so sehr bei dir, du bist so echt, du bist so sehr du, dass ich eigentlich schon jetzt keine Sorge habe, dass das jemals irgendjemand schafft. Nicht wir Eltern, nicht die Lehrer in der Schule, nicht andere Menschen. Du, D-Von, du bist, wie ich mir immer gewünscht hätte, zu sein. 

Du zuckst über die Meinung anderer die Schultern. Den Schneeanzug nicht anziehen zu wollen, das mag was mit deiner Autonomiephase zu tun haben, kann sein. Aber wenn du dann, völlig überzeugt von dem was du tust, 3 Stunden lang draußen mit Strumpfhose, Pulli, Bommelmütze und Gummistiefeln spielst und nicht frierst, nicht krank wirst und das auch ansonsten nicht weiter kommentierst – deine Entscheidung steht schließlich fest – dann empfinde ich kaum etwas anderes als tiefe, tiefe Bewunderung für dich, dessen Standing und Attitüde ich gern hätte! Ich wünschte, ich könnte ausblenden, was andere von mir denken. Ich wünschte, ich könnte wider jedweder „Vielleicht“’s und „Was, wenn“’s einfach auf den verdammten Schneeanzug scheißen. Also, im übertragenen Sinne natürlich. Nicht darüber nachdenken, was morgen sein könnte. Mit der Erkältung, die ich vielleicht kriegen könnte, eben einfach leben. Den Moment genießen. Die Blicke der anderen ausblenden. Und denken: „Warum sollte ich mich jetzt unter Druck setzen? Bommelmütze und Strumpfhose reichen doch! Es reicht. Es ist genug. Mir ist warm genug. Ich fühle mich gut genug. Meine Kleidung genügt. Ich genüge.

Ich sehe zu dir auf, kleiner wunderbarer D-Von, zu dir und deiner fantastischen, bodenständigen und besonnen Art, an der du in den letzten 1,5 Jahren gefeilt hast. Du bist unglaublich, wahnsinnig, über alle Maßen besonders, obwohl du keine besondere Veranlagung hast, kein Label, keinen Stempel, keine Diagnose. Obwohl du in den Augen anderer vielleicht ein „ganz normales Kind“ bist.

 

Aber was wissen die schon?

 

Du bist meine Seele. Die, die ich brauche, immer genau dann, wenn meine eigene gekränkt ist.

Mein Herz. Das, das mein eigenes tröstet, wenn wieder alles zu viel wird.

Du bist mein Vorbild. Wenn meine Überforderung und Überreizung mich überrollt und ich hier nichts mehr im Griff habe und du die Arme nach mir ausstreckst, zum Trost. Trotz meiner übertriebenen Reaktion zeigst: Mama, deine Arme, dein Trost – die reichen mir.

Ich genüge. Dein Platz auf meinem Schoß, dich halten und deine Stirn küssen, das ist alles, was du gerade brauchst. Es reicht.

Und dieses Gefühl ist vielleicht das Schönste, das du mir hättest schenken können.

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