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Ode an das Familienbett

Als ich von der Toilette zurück komme, ist der große Kleine wach. Das ist ein kleiner Nachteil, wenn man mit hochsensiblem Kind im Familienbett schläft. Vermeintlich „einfache“ Dinge, wie das nächtliche zur-Toilette-schleichen können zu einem echten Problem werden.
Möglichkeit 1: er wurde wach, hat mich nicht auf Anhieb gefunden und Panik bekommen. Der Papa liegt natürlich auch hier und könnte trösten. Aber nein, nachts geht nur Mama.
Möglichkeit 2: er lag so nah an mich heran gekuschelt, dass der Verlust meiner Nähe sofort einen Fehler im Betriebssystem übermittelt hat: „ACHTUNG ACHTUNG! Überleben in Gefahr! Zurück zur Basis! Wo ist Mama????“
Seine Hochsensibilität ist einer der Gründe, weshalb für mich nur Familienbett in Frage kommt und.sonst.nichts!
Aber es ist nicht der einzige Grund. Bei Weitem nicht.

Ich erinnere mich nahezu täglich an das Einschlafen und Schlafen als Kind. Ich kann mich an das dunkle Zimmer erinnern, an die spaltbreit geöffnete Tür, durch die nur wenig Licht aus dem angrenzenden kleinen Flur, der ins Wohnzimmer führte, fiel. Ich erinnere mich an leise Geräusche des Fernsehers und den Hinterkopf und Rücken meiner strickenden Mutter, die ich nicht immer ansprechen durfte, wenn ich (mal wieder… Täglich eigentlich) nicht schlafen konnte und schon gar nicht allein.

In einem Zeitalter, in dem angeblich jedes Kind schlafen lernen kann und in dem ein gemeinsames Schlafen als Familie was hippiemäßiges an sich hat, war und bin ich der Antichrist.

Schlafen, das war schon immer Herausforderung, eine schwierige Aufgabe, eine große Bürde. War es als Kind wohl einfach der Instinkt (heutzutage denke und weiß ich ja, dass alleine schlafen einfach unnatürlich ist), so sind es heute klassische Schlafprobleme, die ganz sicher ihren Ursprung auch in der Situation meiner Kindheit haben. Ich sollte alleine schlafen, weil „man“ das nun mal so macht und meine Eltern (die weiß Gott weder schlechte Menschen noch schlechte Eltern sind und waren!) vielleicht keine andere Lösung parat hatten.

Der Satz, der die Erziehung meiner Generation geprägt hat ist „…und geschadet hat es mir nicht!“ Ich hasse ihn. Warum? Na, was ist das denn für ein Anspruch, etwas zu tun, was zwar irgendwie nicht so cool ist, aber zumindest auch nicht schadet? Will ich denn nicht eigentlich den Optimalzustand für meine Kinder rausholen? Das Premium-Paket? Das Beste vom Besten? Ich will nicht nur, dass es nicht schadet, nee, ich will, dass es GUT ist. Keinen Kompromiss. Punkt.

Leider trifft der Satz auf mich auch nicht zu. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses ganze „Jedes Kind kann schlafen lernen“-Märtyrertum und die Gespräche unter fachlich ach-so-versierten Müttern beim Picknick AM (niemals IM) Sandkasten á la „Da müsst ihr jetzt dran bleiben, sonst tanzt sie euch auf der Nase rum!“ nicht gerade dazu beigetragen haben, dass meine Eltern, so ziemlich allein in einer anderen Sphäre, Alternativen hätten zulassen können. Ich jedenfalls schlafe ohnehin sehr schlecht, seit der Geburten meiner Kinder noch schlechter und bereits in der Schwangerschaft mit dem großen Kleinen gab es praktisch kein Thema, das so häufig diskutiert wurde, wie die zukünftige Schlafsituation unseres ersten Kindes. Wir kauften ein Babybett, bauten es liebevoll auf, ließen von der Oma ein Nestchen nähen, kauften teure Matratze, teures Bettzeug, teure Bettwäsche, tausende Kuscheltiere, die wir hübsch drapierten (und wieder entfernten, nachdem wir vom plötzlichen Kindstod gelesen hatten), besorgten ein Mobile… Und einen Hocker für NEBEN dem Bett. Meine Hebamme, die in den ersten 7 Lebenswochen meines Sohnes natürlich fast täglich zu Besuch war, klärte uns nämlich bei ihrem letzten Besuch über Möglichkeiten auf, dem Baby das alleine einzuschlafen zu vereinfachen. Er war 7 Wochen alt, ich wiederhole es nochmal. So ziemlich jeder meiner mütterlichen Instinkte brüllte in mir und gab mir zu verstehen, dass da irgendwas nicht passte. Und einzig aufgrund meiner eigenen Erfahrungen überhörte ich die inneren Rufe. Was, wenn das Kind es so schwer haben würde, wie ich, später mit dem alleine schlafen? Macht es da nicht Sinn frühzeitig dafür zu sorgen, dass es sich an das alleine schlafen und einschlafen gewöhne? Ich hatte doch so oft zu hören bekommen, dass das schließlich ganz einfach und nur eine Frage der Übung sei. Und ich wollte ihn ja nicht frühzeitig so „versauen“…

Wir kauften also noch einen Stubenwagen für NEBEN unserem Bett und einen Laufstall mit kuscheligem Nestchen für NEBEN unserem Schlafzimmer, um wirklich jede Schlafsituation einmal austesten zu können. Als ich mit diesem kleinen Wunder nach Hause kam, war einfach alles magisch.

Und ich überlegte mir ganz genau wie alles zu laufen habe, nach guten 10 oder 12 Wochen, hatte ich mir vorgenommen, geht der Kollege mal in eines der BEISTELLbetten, die irgendwo NEBEN irgendwas standen.

Eines Abends also legte ich ihn nach dem Stillen nicht mehr neben mich auf das Sofa oder ins Bett, sondern in den Stubenwagen und war völlig begeistert über den „Erfolg“. Im totalen Milchkoma schlief er 2 Stunden dort und meldete sich dann wieder zum Stillen. Ich schlief zwar keine einzige Sekunde in der Zeit, sondern blickte immer wieder in den Wagen um sicherzustellen, dass er noch atmete, aber stolz war ich trotzdem. Als er mich dann (endlich) zum Stillen rief, hob ich ihn in mein Bett und ließ ihn dort liegen. Zur „Belohnung“ redete ich mir ein.
Wir vergrößerten die zeitlichen und räumlichen Abstände und bei jedem kleinen Widerstand meines kleinen Babys hörte ich wieder diese Stimme, die das alles als fürchterlich stressig und anstrengend empfand und mir wieder und wieder sagte, ich solle es doch einfach endlich lassen. Die Angst vor einem tyrannisierenden, schlafgestörten Kind (wie ich es zu sein eingeredet bekommen hatte) im Nacken, zog ich es durch und legte mein Baby plötzlich irgendwann abends wach in sein Bettchen in seinem Zimmer. Es waren 9 Monate vergangen. Er konnte bereits sitzen und krabbeln und all das tat er auch, was er aber nicht tat, war sich hinlegen und friedlich schlafen. Da saß ich also, auf dem neuen Hocker NEBEN dem Bett und konnte gerade mal eine Hand durch die Gitterstäbe stecken um ihn zu beruhigen, wenn er weinte. Ich habe ganze 4 Minuten durchgehalten, nie den Raum verlassen und niemals nicht getröstet, gestreichelt, gesungen. JKKSL, Ferbern, Schlaflerntraining war ohnehin zu keinem Zeitpunkt eine Option.

Ich war tief traurig. Ich weinte, mehr noch als mein Kind und nahm ihn letztendlich nach 4 endlosen Minuten aus dem Knast, trug ihn ins Schlafzimmer in unser Bett, legte mich dazu, deckte die große Decke über uns beide, stillte und sang unser Lied. Das kleine Baby sah mich verliebt an, spielte während des Stillens mit seinem Tuch und schlief bald seelenruhig ein.

Einschlafstillen im Familienbett – das war’s. Ab morgen tanzt er dir auf der Nase rum. Er wird die Weltherrschaft an sich reißen. Er wird dich tyrannisieren und ganz gezielt in den Wahnsinn treiben, ab jetzt ist das alles, was er tun wollen wird.

Und es war.mir.egal! Ich genoss jede Sekunde des funktionierenden Einschlafrituals und die Nächte mit meinem Kind in meinem Bett waren erholsamer als die Nächte zuvor. Von diesem Tag an verließ er das Familienbett nicht mehr, zumindest nicht zum Schlafen.

Ich höre die Stimme jetzt nicht mehr, ich habe keine Alarmsignale im Ohr und auch sonst nichts, was dagegen spräche. Denn wir schlafen, alle, und auch wenn das Familienbett bei Einzug des kleinen Kleinen kurz auf der Kippe stand (dem großen Kleinen war es in manchen Nächten zu laut), so schlafen wir heute ALLE zusammen auf unserer 3.00mx2.00m Landschaft und sind alle zufrieden.

Ich erinnere mich, wie das Einschlafritual nach der Ausquartierung ins eigene Zimmer teilweise 90 Minuten dauerte, vielleicht weil mein Sohn Angst hatte, wir bringen ihn gleich wieder rüber. Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, dass der kleine Kleine von der ersten Sekunde seines Einzuges hier bei mir schläft und das, genau wie der große Kleine, auch so lang tun wird, bis ER ausziehen möchte. Die Tage, an denen er in den 6 Monaten jetzt, zum Einschlafen länger als 15 Minuten gebraucht hat, kann ich an einer Hand abzählen. Die Nächte, in denen er laut weinen oder rufen musste, die gab es noch nicht. Die Nächte, in denen ich wach liege und Atmung oder sonstwas kontrolliere, die wird es nie mehr geben müssen.

Bin ich jetzt also eine Glucke? Übervorsichtig? Übertreibe ich? Von mir aus, ja.

Aber jeder versaut sein Kind ja so gut er kann.

Und ich habe mein Leben lang Angst vor der Nacht, vor nächtlicher Einsamkeit und Schlafen als Bestrafung gehabt, dass ich einfach nur glücklich und erleichtert war, als ich von sowas wie dem Familienbett auf Geborgen Wachsen las. So ziemlich alle Artikel haben einen Fluch gebrochen, mich in meinem Instinkt bestärkt und sogar noch Argumente geliefert, wie ich all den Menschen, die mein Familienbett als übertriebene Fürsorge oder Verziehen meiner Kinder ansehen, begegnen kann.

Als ich also von der Toilette zurück ins Bett komme ist der große Kleine wach. Na und?! Durchschlafen ist eine große, schwierige Aufgabe, die selbst ich (zur Erinnerung: ich war schließlich gerade zur Toilette 😉 ) nicht schaffe. Also, na und?! Ich könnte jetzt dem Kind erklären, dass es zu schlafen hat, es in sein Bett bringen, die Tür schließen und gehen und mir keine Gedanken darüber machen, was aus ihm wird. Oder ich könnte mich ins Bett legen, zu meinem Kind, ihn halten und noch einmal „Sieh nur die Sterne“ singen und fest dran glauben, dass aus meinem verhätschelten, verzogenen, überbetüddelten kleinen Sohn eines Tages vor allem eins wird: ein liebevoller Mensch, ohne Ängste, Traumata und Einsamkeit.

Ich wähle Letzteres.

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