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Filterbubble vs. Realität

Wenn man so wie ich sehr viel Zeit im Internet verbringt und dort auch viele Bekanntschaften und ja, auch Freundschaften pflegt, dann wirkt die eigene „Filterbubble“ wie die eigene Realität. Die Filterbubble, das ist deine Blase aus Menschen, Blogs, Websites, Foren, Facebook-Gruppen, Twitter-Listen und Communities, in der du dich – meist mit einem oder mehreren bestimmten Themen – aufhältst. Facebook und Google sind clevere Maschinen, die deine Bewegungen im Netz tracken und dir so auf sehr clevere, ausgetüftelte Art und Weise immer wieder nur solche Themen in deinen Newsfeed oder als Anzeige (Facebook ist darin sehr sehr gut) in deine Timeline spülen, von denen sie gelernt haben, dass sie dich interessieren, du also Seiten mit ebendiesem Thema häufig oder bevorzugt besuchst. Das hat natürlich viele Vorteile für die Wirtschaftsunternehmen Google, Facebook, Twitter & Co., denn klickst du die Werbung dann tatsächlich an oder folgst einem empfohlenen Link, wird irgendwo jemand ein paar Cents verdienen und das ist auch gar nicht schlimm, schließlich müssen wir alle unsere Miete bezahlen. Und auch ich als Nutzer und Endverbraucher sehe Vorteile, zum Beispiel darin, dass ich keine Werbung von den Steakhäusern der Umgebung oder von der guten R*genwalder Mettwurst in meine Timeline bekomme, genau so wenig rechtspopulistische – wie man heute so schön für das Wort „nazi-“ erfunden hat – Werbung oder ähnliches. Meine Filterbubble besteht zu weiten Teilen aus einem Netzwerk aus Bindungs- und Bedürfnisorientierten Eltern, Veganern, NICHT-AfD-Wählern und an nachhaltigem, ökologischen Lebensstil interessierten Menschen. Klicke ich meine Sozialen Netzwerke an, schwirren da also diese ganzen wunderbaren Öko-Hippie-Themen herum, Foren, Gruppen, abonnierte Blogs handeln genauso davon wie von Attachment Parenting oder unerzogenen Themen.

 

Ich mag meine Filterbubble, wie sie ist. Störenfriede kicke ich meist von einer auf die andere Sekunde. Ich weiß, dass ich damit die Probleme unserer Welt nicht besser mache, sondern einfach schlichtweg ignoriere. Manchmal steige ich in eine Diskussion ein, manchmal halte ich meine Meinung zurück. Die Gründe, die darüber entscheiden, wann ich das eine und wann das andere tue, sind unterschiedlich. Letztendlich ist mir aber klar: in dieser meiner Filterbubble wird mir das verziehen, ist die Welt noch in Ordnung, da muss ich keinen retten.

 

Und dann plötzlich mache ich einen Schritt nach links oder rechts raus aus der Filterbubble und stehe vor der knallharten Realität.

 

Eine beispielhafte Liste fängt dabei an, dass ich mich von morgens bis abends mit Veganern auf Instagram und Facebook austausche, welche Rezepte die besten sind, Produktempfehlungen bekomme und verteile und diese Form der Ernährungsweise so selbstverständlich ist, wie das Ein- und Ausatmen und dann am Wochenende auf eine Hochzeit eingeladen bin, bei der wir uns riesig über das vegane Angebot freuen und völlig aus dem Häuschen sind, aber schon bei der ersten Vorspeise Rede und Antwort auf die klassischen Fragen omnivor lebender Menschen stehen müssen. Was erst einmal natürlich in Ordnung ist, aber einfach lästig wird, wenn dir Kinderlose dann von gesunder Ernährung für Kinder anfangen, die natürlicherweise Fleisch enthalten müsse. Und sie selbst essen auch wenig Fleisch, aber….

Es geht weiter bei der Tatsache, dass wir auf dieser Feier die einzigen mit einem Baby im Tragetuch sind und das, obwohl sich meine halbe Twitter-Timeline tagein, tagaus über das Tragen und Tragetücher berät. Auch, dass plötzlich mein Bedürfnis, mich mit D-Von zum Stillen zurückzuziehen wieder sehr laut wird und das, obwohl ich dieses Gefühl, mich verstecken zu müssen, doch eigentlich abgelegt hatte, eben WEIL in meiner Filterbubble langzeitstillen eine Selbstverständlichkeit ist.

Und dass ich jedes Mal erschrecke, wenn ich Zeuge bin – besser gesagt sein muss – wenn in der realen Welt da draußen, vor den Schranken meiner Filterbubble, Kinder angepasst sein müssen, um ihren Eltern zu gefallen, Kinder funktionieren müssen, um nicht wieder gemaßregelt zu werden, Kinder sich stundenlang eher mit Schnuller und Kuscheltier im Buggy anschnallen und ihre Unsicherheit ob einer neuen, fremden Umgebung, darüber kompensieren, als sicher gebunden in der Nähe ihrer Eltern durch diese Situation getragen zu werden.

Bedürfnisorientierung heißt, sich an Bedürfnissen zu orientieren. Ich verstehe: an den Bedürfnissen aller Beteiligten einer Interessensgemeinschaft, wie einer Familie, zum Beispiel.

Bindungsorientierung heißt, sich an Bindung zu orientieren. Bindung, die im Vordergrund steht, auf die alles andere aufbaut. Ich verstehe: die Bindung zwischen Eltern und Kindern. Bonding das zu Bindung das zu Vertrauen das zu Beziehung wird. Und aus dem Kinder kräftig, gestärkt und sicher herauswachsen dürfen, wann immer sie bereit dazu sind.

Attachment Parenting, bindungsorientierte Elternschaft, heißt also – so wie ich es verstehe, ohne einen Ratgeber nach dem anderen gelesen zu haben – genau diese oben beschriebenen Punkte.

In meiner Filterbubble werden die Leser nun nicken, zustimmen und nicht verstehen worauf ich hinaus will. Außerhalb meiner Filterbubble, würde ich diesen Text Eltern vorlesen, die ihre Kinder erziehen und Angst vor Glucken-Dasein und Verwöhnen haben, würde ich gefragt, wie meine sensiblen, überbehüteten, verzogenen Kinder denn jemals in der „realen Welt da draußen“ zurecht kommen wollen.

Auch mein Gegenüber hat seine Filterbubble.

Auch mein Gegenüber hat seine Realität, in der es vielleicht von größerer Bedeutung ist, das Kind durch Erziehung und gezielte Anpassung „auf das Leben vorzubereiten“. Für den einen scheint die Welt außerhalb der eigenen Blase irgendwie härter, als für den anderen. Komisch, ich habe selten das Bedürfnis, meine Kinder auf die „harte Welt“ vorzubereiten und wenn, dann sicher nicht damit, sie möglichst schnell von mir zu lösen, auf die eigenen Beine zu stellen und loslaufen zu lassen. Schließlich „müssen sie es ja mal irgendwann lernen“. Alle diese Phrasen machen mich rasend, wenn ich in dieser Realität zu Gast bin und Kindern in Buggys mit Schnullern und Kuscheltieren dabei zuhören muss, wie sie sich in den Schlaf brüllen, während ein stoisch den Wagen-schiebendes Elter der Meinung ist, dem Kind gerade Schlafen beizubringen. Ich bin kurz davor rüber zu gehen, mein Tuch zu leihen und kurz den Unterschied zwischen einem tief verankerten, NATÜRLICHEN Bedürfnis des Kindes nach Nähe und der angeblichen „Tyrannei“ zu erklären, denn während er oder sie meint, eine Lektion erteilen zu müssen, bin ich schockiert darüber, wie wenig bindungsorientiert diese Welt doch noch ist.

Ich verspüre Filterbubble-Sehnsucht, krieche zurück in meine Internet-Welt, in der ich mich wieder tausende von Wörtern lang mit euch über eine liebevolle, geborgene Elternschaft austauschen darf, in der Friede Freude Ei-Ersatz-Kuchen herrscht und in der ich auf Instagram wieder getragene Kinder sehe, dessen Gesicht man wenn überhaupt nur dann nicht erkennen kann, weil Eltern ihre Privatsphäre schützen und nicht, weil ein Schnuller in Größe 2 das halbe Gesicht verdeckt.

 

Mehr Schnuller als Kind. Quelle: pixabay.de
Mehr Schnuller als Kind. Quelle: pixabay.de

 

Ich klicke mich so durch und fühle mich frei, sehr viel freier als links und rechts des Weges. Meine Filterbubble ist glücklicherweise ein großes Stück Realität geworden. Meine Freunde, zumindest die, die auch Kinder haben, tragen, stillen oder verstehen zumindest, wieso wir das tun, wieso wir mit unseren Kindern in einem Bett schlafen und wieso es in der Ernährung keine Kompromisse gibt. Das ist schön und fühlt sich gut an, war aber auch jahrelange Arbeit. Ich esse seit 15 Jahren kein Fleisch mehr und bin erst jetzt an einem Punkt, an dem ich das nicht mehr regelmäßig erläutern muss. Mal sehen wie alt meine Kinder werden, wie lange wir diese Form der Elternschaft erst durchziehen müssen, bis es uns nicht mehr verletzt, wenn andere uns als Rabeneltern hinstellen, weil wir unsere Kinder verwöhnen und an uns binden.

Ich mag meine Filterbubble wie sie ist. Sie schützt und stärkt mich vor der Realität.

Tut sie das wirklich oder ist es nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Ausflug kommt, bis ich wieder einer Situation beiwohne, die so falsch, so schwer mit anzusehen, so verletzend für das andere Kind und für mich und meine Filterbubble ist, die sich so viel Mühe geben, das Gegenteil zu predigen?

Mann Leute – wo ist eigentlich euer Problem? Was wollt ihr eigentlich von euren Kindern? Wem sollen sie, wem wollt ihr eigentlich gefallen?

Ich weiß ich weiß… wir alle sind selbst erzogen worden und diese Muster sitzen tief. Ich wäre dumm zu behaupten, ich selbst könne mich von dem lösen, was mal so an mir rum- und ich mich rein-erzogen wurde. Ist doch keine Frage. Aber bewegt IHR autoritär Erziehenden euch doch auch mal links und rechts NEBEN eure Blase, macht einen Ausflug in meine Welt, in meine bindungsorientierte Filterbubble-Welt mit lauter ganz wunderbaren Menschen, Eltern, Blogs und Websites, die sicherlich alle überhaupt kein Interesse haben, euch oder eure Kinder zu ärgern oder ihre Kinder nicht auch auf „die Welt da draußen“ vorzubereiten. Aber die Welt da draußen, das werden eines Tages unsere Kinder sein. Diese Welt da draußen wird eines Tages unseren Kindern gehören. Wo ist der Anspruch an euch, eure Welt und die Welt für eure Kinder, wenn euer einziger Auftrag ist, sie abzuhärten? In eine solche Welt wollt ihr wirklich eure Kinder entlassen?

Vielleicht klicke ich in den nächsten Wochen also doch nicht mehr so schnell weg, wenn in meine Blase ein „Störenfried“ eintritt, wenn sich eine Diskussion eröffnet, die mich triggert und wütend macht und der ich lieber aus dem Weg gehe, weil ich die Aussagen nicht mehr hören kann. Vielleicht mische ich mich also nun doch wieder etwas häufiger unter das Volk und trage ungefragt meine Meinung in die Welt in der Hoffnung, dass WIRKLICH ENDLICH Eltern aufhören, ihre Kinder minutenlang vor sich hin brüllen zu lassen, an andere abzugeben, weil sie unbequem sind oder ständig zu reglementieren, nur damit man am Ende eines Tages hört, wie „Toll der Kleine hört“ toll das Kind funktioniert und sich anpasst.

Und vielleicht stehe ich beim nächsten Mal einfach wirklich auf und biete mein Tragetuch an. Biete einen Versuch an. Eine Hilfe, Umdenken zuzulassen.

Wenn ich doch nur nicht so angepasst wäre, meinen Mund zu halten, wenn ich nicht gefragt werde.

 

 

 

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