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gleichberechtigungsdingsbums – Eine Gesellschaftskritik

Andrea vom Runzelfüßchen hat die Blogparade Superväter und Normalomütter gestartet und ruft dazu auf, doch mal zu erzählen, wie das so ist, mit dem Papa Zuhause. Der Hintergrund ist die Frage nach der Arbeitsteilung in der Familie und der Wertschätzung, sowohl innerhalb als auch außerhalb dieser.

Und, ich nehme es gleich mal vorweg: das hier wird eine Gesellschaftskritik. Eine kritische Betrachtung aller Menschen, die aus veralteten, überholten Familienmustern und -traditionen nicht ausbrechen können, die nicht über den Tellerrand schauen und scheinbar noch nicht oder nicht gänzlich im 21. Jahrhundert angekommen sind.

„Achjaaa“, seufzt die alte Dame, die mit ihrer Enkelin auf dem Spielplatz ist, „sowas, das wäre früher gar nicht denkbar gewesen. Die Männer, die waren ja an den Wochenenden so müde von der Arbeit auf dem Bau oder unter Tage, die hatten sich ihre freien Tage und Auszeiten denn ja auch verdient. Und wissen Sie, bis zu einem gewissen Alter, da kann ja eh nur die Mama allein alles machen, oder?!“
Ich gebe ihr Recht. Die ersten 3 Monate war mein Mann in 9 von 10 Punkten für unseren Sohn vollkommen uninteressant und nur Mama war der Star. Auch beim kleinen Kleinen konnten wir das wieder feststellen.

3 Monate. Danach gab es keine Ausreden mehr.

Die klassische Rollenverteilung, die leben wir hier auch. Aber aus ganz einfachem Grund: ich stille, voll und lange. Und weil Stillen eben NICHT nur Nahrungsaufnahme ist und auch das Baby Muttermilch anders empfängt, wenn es direkt aus der Brust trinkt anstatt abgepumpte Milch aus Pulle zu kriegen, naja, da war dann eben schnell und ohne große Diskussion klar, wer Zuhause bleiben würde. Mutti mit der Milchproduzierenden Brust.

Es gibt nun mal Dinge, die lassen sich beeinflussen und es gibt Dinge, die nicht. So sehr mein Mann seine Kinder liebt (und er tut es, wirklich nicht nur ein bisschen), ihm schießt nun mal nicht bei Tränen, Geschrei oder nach ein paar Stunden Milch ein. Und in genau diesen ersten, abhängigen Monaten des Babies ist das – in weiten Teilen – alles, was für das Kind zählt.

Tja und da hört meine Liste auch schon auf, meine persönliche. Und das deckt sich auch mit den Erfahrungen in unserer Familie. Soll heißen: alles, was ich allein als Mutter übernehmen konnte, das wurde liebevoll, langsam und behutsam mit Baby und Papa trainiert. Nicht, damit ich mit meinen Freundinnen um die Häuser ziehen kann, sondern damit unser großer Sohn ZWEI Ansprechpartner hat, zwei Menschen, die ihn durchs Leben begleiten.

Weil es hier keinen hierarchischen Unterschied zwischen der machtvollen Mutter, die die Hosen an hat und dem Wochenend-Daddy gibt.

Was unsere Kinder angeht, so kann ich also mit Bestimmtheit sagen, dass es einen Zeitpunkt für alles gibt. Und Vorlieben auch. Der große Kleine zum Beispiel schaut mit mir viel lieber Bücher an, weil ich die Stimme verstelle bei unterschiedlichen Protagonisten, weil ich ihn mit raten und suchen lasse und sein Vater nach wenigen Minuten einfach schon nicht mehr so richtig die Lust hat. Stattdessen liebt er es, mit ihm Fußball zu spielen, ein Spiel, für das ich zu vorsichtig bin bzw. zu große Angst um meine Wohnungseinrichtung hege. Das sind Vorlieben – keine Arbeitsaufteilung.

Ich hasse es und fühle mich beleidigt, wenn andere Menschen so tun, als würde mein toller Ausnahme-Mann mir ja immer so viel abnehmen und als müsse ich mich vor ihm dafür verbeugen.

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen „etwas abnehmen“ und Arbeitsteilung.

Meine Kinder sind nicht meine Kinder sondern unsere. Ihre Dinge sind also unsere gemeinsamen Verpflichtungen. Einen wichtigen Arzttermin des Kindes zu übernehmen ist Arbeitsteilung. Einem das Ausmachen eines wichtigen Arzttermines abnehmen, wenn man die Arzthelferin nicht leiden kann und nicht gern telefoniert, das fällt eher in die Kategorie „Gefallen“.
Was die gemeinsamen Kinder angeht sprechen wir also eher von gleichwertiger Arbeitsteilung als davon, dem einen eine lästige Arbeit „abzunehmen“. Gleiches gilt übrigens für die Wäsche, den Haushalt, den Abwasch und das Müll-runter-bringen. Wenn ich für alle koche und er räumt anschließend die Küche auf, dann ist das Arbeitsteilung. Das heißt ja nicht, dass man sich dafür nicht nett bedanken kann. Das fällt unter gegenseitigen Respekt, „bitte“ und „danke“ zu sagen, aber nicht in die Kategorie „Gefallen“ oder „du schuldest mir was“.
Wenn er also den Abwasch macht, dann ÜBERNIMMT er diese Arbeit, nimmt sie mir gewisser Weise ab weil ich es sonst tun müsste, aber tut mir damit keinen Gefallen. Außer er isst seine Suppe nicht mit einem Löffel aus einer Schüssel. Dann schon.

„Ihr Mann ist ja wirklich eine Ausnahme!“, sagt die Dame weiter und sieht sich auf dem Spielplatz um. Es ist Sonntag, es stimmt. Er ist der einzige Vater. Ich verstehe das nicht, mein Vater und ich, wir haben früher auch sonntags Ausflüge gemacht und es war nicht nur wunderschön, sondern auch nach einer Weile ganz selbstverständlich, für alle.

„Ich finde das wirklich ganz ganz toll, wenn ich sehe, was für eine tolle Beziehung Ihr Mann und Ihr Kind haben. Das ist doch für Sie bestimmt eine große Wohltat!“

Eine Ausnahme ist mein Mann auf jeden Fall, in vielerlei Hinsicht. Zum Beispiel sieht er niemals albern aus, wenn er eines unserer Babies auf dem Arm hat, eher sieht es so aus, als hätte er niemals etwas anderes getan. Er nimmt sich viel Zeit mit den Kindern. Er liebt sie abgöttisch. Er reicht Krankenscheine ein, wenn sich krank sind, nur um mich zu unterstützen. Er ist ganz großartig und sicherlich nicht das Problem an der Sache.

Doch ich verbringe jeden Tag mit meinen Kindern. Bedürfnisorientierung ist für mich eine Selbstverständlichkeit. In dem Alter meiner Kinder ist das häufig eine Gradwanderung. Ich mache einen Spagat, wann immer ich kann. Und nee, ich verlange keine Blumen und kein Lob. Aber eine Erklärung.

Bitte wieso wird das Toben und Eisessen an einem Sonntag vom Vollzeitarbeitenden Papa so hoch gehangen und mein Arsch-auf-reißen als Gewohnheit gewertet? Ich möchte kein Lob. Meine Kinder sind mein Leben, aber nicht meine Leistung. Ich möchte dafür keine Zensur, nicht bewertet werden. Meine Belohnung ist, wenn sie gesund und glücklich sind. Aber wieso braucht denn ein Vater sowas? Sind wir nicht im 21. Jahrhundert, wo Väter auch in Elternzeit gehen (können / dürfen / sollen)? Wo Väter Mitspracherecht haben? Wo Erziehung Elternsache ist und nicht das, was Mutti vorgibt? Wo Mütter arbeiten, wo Männer Tagesväter werden, wo Männer kompetente Ansprechpartner in Kinderfragen sein wollen? Also wieso genau verursacht ein Sonntagsausflug jetzt für Unbeteiligte Tränen in den Augen?

Es stimmt. Mein Mann liebt seine Kinder wie sonst nichts.
Es stimmt. Sein Verhältnis zu den Kindern ist ein riesiges Geschenk, bis auf wenige Ausnahmen können unsere Plätze vertauscht werden. Sie lieben ihn.
Es stimmt. Er spielt wie kein anderer mit seinem Großen.
Und ja, auch ich bekomme da mal Tränen in die Augen.

Aber ich fasse mal zusammen. Es ist 16 Uhr. Ich bin seit 5.30 Uhr wach. Ich habe 307 mal gestillt, 280 Mal gewickelt. Ich habe 6 Tobsuchtsanfälle abgewendet, 12 Mal getröstet. Ich habe 20kg über einen Zeitraum von einer Stunde getragen, 7kg während eines Spaziergangs durch den Wald. Ich habe nicht gespielt, nicht gesessen, nicht gegessen, keinen Kaffee getrunken, nicht geduscht, nicht gelesen, nicht geschrieben, mich bisher nur mit dieser Frau unterhalten.
Ich habe meine Kinder getröstet. Sie geschaukelt. Gekuschelt. Ihre Tränen getrocknet. Gestillt, getragen, geliebt. Seit 2 Jahren tue ich nichts anderes.

Und nein. An diesem Sonntag Nachmittag sagt mir keiner, was ich für ein straffes Programm habe, mit Kindern in nur 19 Monaten Abstand, aber sie betont MEHRFACH, was für eine unglaubliche Ausnahme dieser Mann doch sei.

Ich verstehe es nicht und weigere mich vielleicht auch, es zu verstehen.

Gleichberechtigung ist jedenfalls etwas anderes.

Und ich weiß, dass auch meinem Mann so etwas unangenehm ist, da ihm bewusst ist, dass er – LEIDER – einen viel kleineren Teil ausmacht, als ich es zwangsläufig tue.

Es ist ein gesellschaftliches Problem, das aus den malochenden Müttern eine Selbstverständlichkeit macht und aus den Wochenendvätern Superhelden, denen der Umhang fehlt.

Wenn ich mir also etwas wünschen dürfte, dann nicht mehr Betonung der Leistung eines Elternteils. Nicht immer nur „Toll, wie du als Mutter XY machst“ oder „Toll, wie dein Mann als Vater XY schafft, obwohl er doch so viel arbeitet!“, sondern ein „Ihr seid wirklich tolle Eltern. Es ist klasse, wie ihr für eure Kinder als Team funktioniert!“

Denn DAS wäre mal eine echte Gleichberechtigung.

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