#HochsensibleMütter - die Interviewreihe

#HochsensibleMütter – die Interviewreihe

Eines Tages war ich plötzlich hochsensibel. Per Definition zumindest. Es waren einige Monate vergangen, in denen ich Literatur gewälzt hatte, nachdem ich begriffen hatte, dass mein Sohn „betroffen“ war und ich mir wünschte, alles darüber zu wissen, jeden Winkel zu kennen, jede Herausforderung, jede Stärke, jede Schwäche. Auf keinen Fall wollte ich, dass er es als Nachteil ansehen würde, so zu sein, wie er ist, dass ihm Menschen würden einreden können, irgendetwas stimme mit ihm nicht, dass er sich selbst in Frage stellen würde.

Und wie ich also so las und las und las stellte ich fest, dass ich gerade nicht nur für ihn recherchierte. Besonders das Interview mit Dagmar Neubronner, das ich hier zusammengefasst habe, öffnete mir die Augen: auch mir waren sehr viele der Charakteristika bekannt. Aus eigener Erfahrung.
Doch diese Erfahrungen bezogen sich hauptsächlich auf die Schulzeit. Ich erinnere mich an viele Dinge, Situationen und Bilder, die sozusagen hochsensibler nicht sein könnten. Auch in der Zeit nach der Schule – vor allem in Bezug auf jegliche zwischenmenschliche Beziehungen – kam mir alles sehr bekannt vor. Und dann doch auch wieder nicht. Ich hatte nie in meinem Leben das Bedürfnis verspürt, eine Antwort auf meine „Besonderheiten“ kriegen zu wollen – tatsächlich fühlte ich mich eigentlich gar nicht besonders. Und auch nicht sonderbar. Ich erfuhr, dass es wohl auch sehr wenige extravertierte hochsensible Menschen gäbe und trotzdem: ich fühlte mich nicht angesprochen.

Da gibt es diese Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen: meine Kinder sind mir oft zu laut, trotzdem bin ich bis ich Mutter wurde jedes Wochenende auf einem Konzert oder einer Party gewesen. Es gibt die Neigung zu Überreizung: ich kann mich nicht abschotten, nehme alles um mich herum ungefiltert auf, höre und sehe alles, bin schreckhaft und schnell genervt. Und trotzdem arbeitete ich viele Jahr als Eventmanagerin, ein Beruf, in dem man ständig mit verschiedensten Reizen und Menschen konfrontiert wird, in dem dauernd das Telefon klingelt und dauernd eine Mail ankommt, man dauernd Doppelschichten arbeitet und seltene Pausen macht. Dann gibt es die fehlende Fähigkeit der Selbstregulierung: ich kann mich nicht „langweilen“, stehe ständig unter Strom und doch habe ich immer irgendwelche Strategien gefunden, wenn ich merkte, dass ich sie brauchte. Das Tanzen, das Schreiben, das Meditieren, das Gärtnern. In meinem Kopf ist es niemals still: ich kann nicht nichts denken, die Gedanken prassen auf mich ein ohne, dass ich sie kontrollieren könnte. Und doch kann ich in meinem Garten die Hände tief in die Erde buddeln und ganz da sein. Meine Frustrationstoleranzgrenze ist sehr niedrig: unbefriedigte Bedürfnisse machen mir sofort Frust und Ungeduld, ich kriege Wut und buchstäblich schlechte Laune. Und doch kann ich meine Kinder ohne Erziehung durch die meisten Tage tragen, was ja eigentlich ein Widerspruch sein müsste.

Ich las Hochsensible Müttervon Brigitte Schorr*, um Antworten zu kriegen und noch viel wichtiger: Ideen und Strategien. Vielleicht auch ein wenig, um mich selbst kennenzulernen. Und wieder erkannte ich einiges wieder, vieles sprach mich aber auch gar nicht an. Und plötzlich, eines unverhofften Tages, stellte ich fest, dass ich an einer Sache überhaupt gar keinen einzigen Zweifel hatte: meine eigene Mutter war – zweifelsohne – hochsensibel und das auch immer schon gewesen.
Ich erinnerte mich an ihre feinen Antennen, denen man kein Geheimnis vorenthalten konnte. An ihre Stimmungsschwankungen. Ihren häufigen Missmut. Ihren Stress. Ihre Hibbeligkeit. Ihre fehlende Fähigkeit, sich abzugrenzen. Ihre liebevolle, empathische, verständnisvolle Art. Ihr tiefes, sehr frühes Vertrauen. Ihr Gerechtigkeitssinn. Und tausende andere Merkmale, die ich nun dank meines „Selbststudiums“ kannte und zu weiten Teilen auch an meinem Sohn sehe.

Hochsensibilität ist vererbbar, das ist unbestritten. Aber ich?

Bei allen Merkmalen und Charakteristika stellte ich eben fest, dass ich sie sehr gut nachempfinden konnte. Dass ich mich in meinen Sohn sehr gut hinein versetzen kann. Und ich dachte, dem wäre so, weil ich selbst Hochsensitiv bin. Doch ist das wirklich der (einzige) Grund?

Heute bin ich es, die am Kaffeetisch sitzen und meiner Mutter, gefrustet von einer anstrengenden zwischenmenschlichen Begegnung, einem speziellen Ereignis oder meinem normal sensiblen Vater, der sie bis heute oft falsch versteht, Tipps geben kann. Früher war es anders herum. Ja, der umsichtige, weite Blick meiner Mutter, ihr feines Gespür haben mich einiges gelehrt. Meine Trauer, Wut, ja sogar ganz bestimmte Geschehnisse konnte man ihr nicht verschweigen. Es war, als besäße sie einen 6. oder 7. Sinn, der sie in die Zukunft und durch Wände blicken lassen konnte. Und als Kind nervt das tierisch. Doch gleichzeitig konnte sie viel Verständnis aufbringen für Situationen, die meine emotionale Welt sehr herausforderten. Sie stand meine gesamte Schulzeit hindurch wie eine Löwenmutter vor mir und trichterte mir – und auch meinen Lehrern – immer wieder ein, dass ich mich niemals kleiner machen müsse, als ich es bin. Dass ich gut bin, genau so. Ja, ich habe das Gefühl gespürt und gebe es heute weiter an meine Kinder. Es ist das Wertvollste, was sie mir hat mitgeben können. Und sicherlich prägte mich dies mehr, als meine vermeintliche Hochsensibilität. Und es definiert meine Person auch stärker, als sie.

 

Was prägt hochsensible Mütter also mehr: die Gabe an sich oder die Erziehung durch hochsensible Mütter / Väter?

Heute weiß ich, dass unsere Streits in der Pubertät nicht an mir lagen und auch nicht daran, dass sie mich anders haben wollte, sondern dass sie sich nicht abgrenzen und schlecht selbst beruhigen / regulieren konnte. Dass sie nicht anders konnte. Ohne es zu wissen. Erst heute, nach vielen Jahren und noch viel mehr Büchern, habe ich meine Mutter kennen gelernt, wie ich sie nie kannte. Und mich selbst sicherlich auch. Ich weiß jetzt, dass ich nicht meine Hochsensibilität bin, und dass nicht sie allein ist, was mich definiert. Nein, ich bin die Tochter eine hochsensiblen Frau. Ich wurde groß gezogen von einer Orchideen-Mutter. Erlebte über Jahre hinweg die hochsensible Gefühlswelt einer vertrauten Person.

Und damit ist es vielleicht sogar eigentlich egal, ob ich hochsensibel bin und auch, wie viel Literatur zu dem Thema ich noch lesen werde. Meine Mutter hat mich bestens auf all das vorbereitet. Und ich bin ihr sehr, sehr, sehr dankbar dafür.

Ich stelle mir in letzter Zeit häufig die Frage, was hochsensible Mütter mehr prägt: ihre Hochsensitivität oder die Erziehung durch eine hochsensible Person? Was hat größeren Anteil auf uns, auf unser Leben und letztlich auf die Erziehung unserer Kinder? Und was geschieht, wenn in dieses Gemisch aus hochsensibler Mutter, die gleichzeitig Tochter einer hochsensiblen Person ist, noch ein hochsensibles Kind hinzukommt? Was prägt uns, was verfolgt uns, was nimmt uns mit und was macht unsere Mutterschaft aus? Wer sind wir und wie werden wir, wer wir sind? Und was sind wir mehr: hochsensible Mütter oder Töchter einer/-es Hochsensiblen?

Nun – leider habe ich nicht genügend wissenschaftlichen Background und unabhängig davon auch nicht genügend Teilnehmerinnen zusammen gekriegt aber eine Reihe zu dem Thema starte ich nichtsdestotrotz.

 

#HochsensibleMütter

 

Nach ein paar gedankenverlorenen Nächten und der erfolglosen Suche nach Literatur, die genau dieses Phänomen behandeln würde, startete ich den Aufruf auf Twitter. Viele Damen haben sich gemeldet und somit startet morgen die Reihe #HochsensibleMütter, die übrigens ohne Enddatum läuft und für die ich immer wieder neue Frauen annehme, hier auf dem Blog. Für die erste Runde stehen die Fragen fest, doch seid versichert: die ändern sich sicher noch mal. Und vielleicht habt ihr ja welche, die ihr unbedingt stellen wollt? Postet mir in die Kommentare, was euch interessiert und ich nehme es mit auf.

Fühlt ihr euch angesprochen? Wunderbar. Dann lasst einen Kommentar da und ich kontaktiere euch. In regelmäßig unregelmäßigem Abstand gibt es jetzt bis auf Weiteres wöchentlich ein Interview mit einer #HochsensiblenMutter – die vielleicht auch Tochter einer Hochsensiblen und Mutter eines Hochsensiblen ist. Ich bin wahnsinnig gespannt und freue mich riesig über den regen Zuspruch.

Und schon jetzt danke ich allen Interviewpartnerinnen, die sich meinen Fragen gestellt haben und mir mit viel Elan und Gefühl wundervolle Antworten gesendet haben.

Morgen öffnet sich der Vorhang zum ersten Mal hier für #HochsensibleMütter. Den Anfang macht die liebe Lela von Nahtkäfer, die ich keinen einen Tag länger auf die Folter spannen könnte. Alle weiteren Interviews werde ich immer hier verlinken, damit ihr sie auf Anhieb findet.

Ich freue mich auf eure Meinungen, Fragen, Antworten und euer Feedback in den Kommentaren!

 

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