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Hyperemesis Gravidarum: krank und ein klitzekleines bisschen schwanger

Gestern.

Gestern vor 3 Jahren sah ich zum ersten Mal das pochende, kleine Herz meines ersten Sohnes auf dem Bildschirm beim Ultraschall der Gynäkologin. Und es ist jedes Jahr auch die Zeit, in der mich Flashbacks heimsuchen. Erinnerungen an die Zeit meines Lebens, die alles für immer veränderte. Ich weiß, dass ich unendliches Glück empfand, als das Herz, kraftvoll und stolz auf dem Bildschirm auftauchte. Rhythmisch, als würde es Salsa tanzen. Ich erinnere mich an die Zeit, in der ich meine Kinder unter meinem Herzen trug. In der ich sie so spüren konnte, wie es sonst nie wieder der Fall sein würde. In der sie nur mir gehörten, in der ich sie schützen und ganz für mich erleben konnte.

Und in der ich krank war. So krank, dass es mich regelmäßig zerriss und auch heute noch zerreißt, wenn das Datum näher kommt, als es zum ersten Mal losging. Und die Zeit, in der es viel zu oft um Leben ging – meins oder ihres.

Noch bevor ich die Augen ganz geöffnet habe, überrollt mich ein Gefühl, das ich aus der Kindheit gut kenne. Übelkeit gepaart mit Panik. In meinem Mund sammelt sich Spucke, direkt an den Mundwinkeln, mein Magen rumort, ich weiß, dass ich nicht liegen bleiben kann, wenn ich nicht mein Bett voll kotzen will. Ich springe auf, renne zum Klo und bis einschließlich zum Mittagessen des vorherigen Tages werde ich alles wieder los, was ich im Magen hatte. Es ist 4.30 Uhr, bis eben war ich im Tiefschlaf, mein Wecker soll eigentlich erst in 2,5 Stunden bimmeln. Die verdammte Barbecue-Soße vom Vortag war sicher schlecht, denk ich. Leg dich hin und schlaf, denk ich.
Ich komme zurück ins Schlafzimmer, wo mein Mann und meine Hunde schnarchen und lege mich wieder dazu. Schließe die Augen und falle in einen dösenden Zustand. Diese Übelkeit… Puh. Schlafen ist nicht drin.
Es dauert keine 20 Minuten, bis mich die nächste Welle übereilt und ich den nächsten Schwall das Klo runter spüle. Morgenübelkeit, denke ich. Aber das kann doch nicht sein…

Doch konnte es. Bis auf die Tatsache, dass es nicht sein durfte, in meinen Augen, war es biologisch einfach möglich. Noch am selben Nachmittag machten wir einen Test, der aufgrund des extrem hohen HCG Wertes bereits nach nicht mal einer Minute das Ergebnis anzeigte.

Schwanger.

Herzlichen Glückwunsch.

Oh wie oft ich beglückwünscht wurde, in den Wochen danach.

„Mensch freust du dich denn gar nicht?“
„Das ist doch WUNDERSCHÖN!“
„Du bekommst ein BABY! Sei einfach glücklich!“
„Du musst dein Baby nur annehmen, dann wird auch das Erbrechen weniger“.

 

Ihr alle kennt diese amerikanischen Filme, in den Frauen mit perfektem Körper in engen A-Linie Röcken in irgendeiner Firma arbeiten, plötzlich schwanger werden, es aber verheimlichen wollen und der Regisseur die Morgenübelkeit als dramaturgisches Mittel nutzt. Besagte Frau stolziert also frisiert und geschminkt über den Büro-Flur, greift plötzlich zu einem Mülleimer, beugt sich darüber, würgt ein-/zweimal, stellt den Eimer ab, zieht den Rock gerade und stolziert weiter.

Ihr habt das Bild alle vor Augen? Ja? Gut. Denn genauso ist es NICHT.

Du kommst morgens nicht in den Genuss dich anzuziehen. Wenn du die Kraft findest aufzustehen, dann reicht dir vielleicht der Kreislauf nicht aus, um so schwierige Aufgaben wie „Pullover wechseln“ zu meistern. An guten Tagen schaffst du es unter die Dusche. An noch besseren, ohne dich dabei voll zu spucken. Und an richtig guten wirst du anschließend noch nicht einmal ohnmächtig.
Warum? Weil du 40 Mal am Tag erbrichst. Weil du tagelang keine Flüssigkeit aufnehmen kannst und wenn du isst, dann nur, damit zur Hölle etwas raus kommt, wenn dich die Übelkeit wieder überrollt. Du hast Schmerzen in Magen, Rumpf, Rücken, Unterleib, Beckenboden. Du sorgst dich um das Leben deines ungeborenen Kindes und manchmal auch um dein eigenes. Du schaffst es bald nicht mehr aufzustehen und zur Toilette zu gehen, wenn der Würgereflex kommt und weckst – wenn du das Glück hast, einen an deiner Seite zu haben – deinen Mann, der dich stützen und dir Erbrochenes und Schweiß aus dem Gesicht wischen muss. Du wirst blass, dir fallen die Haare aus, du bist traurig, mutlos und furchtbar allein.

Mensch, aber freu dich doch! Du bist doch „nur schwanger und nicht krank“.

Ich sehe das anders und ich weiß, alle Frauen, die unter Hyperemesis Gravidarum litten oder leiden, sehen das ebenfalls anders. Und vieles, über das ich mich freuen konnte, gab es tatsächlich erst einmal nicht. Viele Freundschaften sind zerbrochen. Vertrauen ist kaputt gegangen. Meine Ehe hat stark gelitten und ist nur durch viel Verzeihen und harte Arbeit noch am Leben. Und das alles, weil kein Mensch diese Krankheit kennt. Jeder kennt die Frau im A-Linien Rock im amerikanischen Film, aber keiner kennt die HG-Frauen, die im Krankenhaus zu Therapeuten geschickt werden, weil sie ja selbst Schuld sind und nur endlich ihr Kind annehmen müssen. Es kann sich keiner vorstellen, dass man Selbsthilfegruppen sucht und Medikamente im Ausland bestellt, die es in Deutschland nicht gibt, die aber die einzigen sind, die helfen.

Es kann sich keiner vorstellen, dass diese Krankheit alles überschattet und es unmöglich, wirklich unmöglich, macht, sich auf sein Kind zu freuen.

Für mich – für uns – sind 3 Jahre vergangen. Mein Kind kann mittlerweile laufen, auf Klettergerüste klettern und sprechen. Es hat selbst den einen oder anderen Magen-Darm-Infekt hinter sich und wird noch einige vor sich haben. Er ist kerngesund, genau so, wie sein Bruder. Ich liebe beide über alles. Ich möchte keinen Tag eintauschen. Würde jeden Schritt mit ihnen wieder gehen. Aber sie bleiben zu zweit. Da wird kein Kind mehr kommen.

Diese Krankheit hat unser Leben überschattet und mich zu jemand anderem gemacht. Zu jemandem. der immer wieder an eine schwere Krankheit erinnert wird, zu einer Zeit, in der ich – in der WIR – hätten glücklich sein müssen, sein dürfen. Die Erinnerung an die Schwangerschaften mit meinen wundervollen Kindern schmerzt zu sehr, ich rede nicht darüber, außer hier, um zu verarbeiten. Es gibt keine Bilder von meinem Bauch und ich mache auch nicht bei Aktionen wie dem #dickbauchdienstag mit, denn es gab nichts, absolut nichts, an das ich mich gern und völlig unbefangen zurückerinnere. Ich erinnere mich an meine Kinder, in mir, die ich spürte, so ganz für mich allein und die ich mit niemandem teilen musste. Ich erinnere mich gern an ihre zaghaften Tritte und ihre Entwicklungen. Doch ich weiß auch: jede Entwicklung, jeder Zentimeter, den sie wuchsen, brachte mich dem erneuten Krankenhausaufenthalt ein Stück näher.

Die Erinnerung an die einsamen Nächte auf dem Badezimmer-Boden, an die gutgemeinten Ratschläge von Freunden, die nichts weiter als verletzend waren, diese Gelämtheit. Das Gefühl, belogen worden zu sein von Menschen, die dir dein Leben lang erzählt haben, es gäbe nichts schöneres, als ein Kind unter dem Herzen zu tragen. Nach 3 Jahren bezweifle ich fast ein bisschen, dass dieses Gefühl je wieder verschwinden wird.

Heute vor exakt 3 Jahren begann mein Tag so wie oben beschrieben. Es folgten qualvolle Monate in Krankheit und Schwangerschaft, letzteres leider nur an zweiter Stelle. Am 17.11.2013 sollte das Erbrechen in der 37. Schwangerschaftswoche ein letztes Mal aufflammen und dann nur noch Übelkeit sein. Am 22.12. wurde mein erster Sohn geboren. Nicht einen Tag konnte ich genießen, ich gab mich mit Überleben zufrieden. Direkt nach der Entbindung, tatsächlich schon währenddessen, hatte in meinem Fall der Spuk aufgehört. Ich hatte das perfekte Kind geboren. Ich war für ihn durch die Hölle gegangen und wieder zurück, doch spürte, dass ich das wieder tun würde, für ihn. Doch, verkraftet habe ich das nie.

Es fühlte sich nach der Geburt meines Kindes nicht so an, als hätte ich eine Schwangerschaft hinter mir. Es fühlte sich so an, als habe ich eine schwere Krankheit überlebt.

Im November des darauffolgenden Jahres hielt ich erneut einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Ein zweites, ungeplantes Kind, aus Kopflosigkeit entstanden. Ich spürte nichts, keine Übelkeit, kein Erbrechen und hoffte, geheilt zu sein. Doch mit Eintreten des Herzschlages begann sie, die alles durchdringende Übelkeit, das übermäßige Erbrechen, die Müdigkeit, die Schmerzen. Ich hatte ein Kleinkind zu versorgen und sollte bald wieder arbeiten gehen, nach der Elternzeit. Ich erhöhte die Dosis der Medikamente, aß und trank wann immer ich es konnte und hielt durch. Zwar war es so erträglicher, doch eine entspannte, wirkliche Schwangerschaft blieb mir verwehrt.

„Halt halt!“, denkt ihr zurecht. „Wie kann man, nach einer solchen Hölle, denn überhaupt ein zweites Kind bekommen? Wieso will man noch mehr Kinder, wenn man doch weiß, dass es aktuell kein Mittel gibt, die Krankheit zu heilen? Eine Schwangerschaft ohne Medikamente zu überleben? Sorglos und glücklich das Baby im Bauch zu genießen?“

Gute Frage.

Um diesen Gedankengang abschließend zu klären, habe ich mir Gäste zu #RabenmütterErzählen eingeladen. Frauen, die bewusst entschieden, weitere Kinder zu bekommen und mit der Krankheit zu leben gelernt haben. Ich stelle sie euch vor, ihre Geschichten machen Mut. Sogar mir, die sich entschieden hat, keine weiteren Kinder bekommen zu wollen. Manchmal flammt sie auf, diese Hoffnung, dass man alles schaffen kann, wenn man will.

Gibt es einen schöneren Grund, die Hölle zu regieren, als unsere Kinder?

Ich glaube nicht.

 

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