Dein Kind. Dein Stempel. - wie Stempel helfen und Stigma nicht.

Ich hab um keinen Stempel gebeten.

Ich habe zwei Kinder. Sehr wundervolle, einzigartige, besondere, schöne, kluge, liebevolle, einfühlsame, lustige, lebensbereichernde Kinder, die ich sehr liebe und bewundere. D-Von ist ein Kraftprotz, genauso robust wie widerstandsfähig – ein Kind, um dessen Gefühlswelt man sich keine Sorgen machen muss. Abgesehen von den monatlichen Aufenthalten in Kinderambulanzen, nach Stürzen und Unfällen, die seiner fehlenden Angst und seinem übermäßigen Mut geschuldet sind. Wer ihn kennenlernt, interpretiert nichts rein, er ist – so würde man ihn vermutlich nennen – ein „ganz normales“ Kind.

Und ich habe Bubba Ray. Einen kreativen, impulsiven, gefühlsbetonten, zarten Charakterkopf, dessen Gedanken den ganzen Tag in den Wolken hängen, dem nichts entgeht, der sich alles zu Herzen nimmt. Menschen lernen ihn kennen und bewundern meist schon sehr kurze Zeit danach sein außergewöhnliches Sprachtalent, seine Empathie und Willensstärke. Sie sehen ihn an und finden ihn – naja – nicht mehr so ganz normal. Oder sagen wir: nicht durchschnittlich.

Bubba Ray ist hochsensibel.

 

Und ich bin sicher: darum hat er nicht gebeten.

Ich denke nicht, dass es ein Paralleluniversum gibt, in dem alle Babys zusammen sitzen und wie in einem Steckpuzzle ihre Veranlagungen und Persönlichkeitsmerkmale auswählen.

„Och, ich wär eigentlich voll gern kräftig. Und mutig, wie ein Löwe!“

„Echt? Nee, ich hätte gern Kreativität und Talent!“

„Okay, ich nehme…. hmmm… ach komm, was soll’s, ich probiere mal High Need“.

Mein Baby war einst eine wirklich kleine, verletzliche Zelle, aus der binnen 40 Wochen Gliedmaßen wuchsen, ein Herz zu schlagen anfing, sich Fähigkeiten wie Hören und Sehen entwickelten und ein Gehirn entstand – eins, in dem Veranlagung, Persönlichkeit und Filter schon eingebaut waren. Oder eben nicht.

Aber sie kommen auf die Welt mit einem „Arbeitsmodell“, das sich mehr oder weniger auffällig entfaltet, und wie wir es auch drehen und wenden: sie sind, wie sie sind. Und zwar nicht, weil wir sie zu irgendetwas machen, ihnen Labels und Stempel aufdrücken, sie in Schubladen stecken und stigmatisieren. Sondern weil gewisse Auffälligkeiten nicht zu übersehen sind. Weil immer die gleichen Dinge sie besonders anspannen, aufregen, zerreissen. Weil sie besonders viel schreien, mit bestimmten Dingen nie klar kommen, weil wir plötzlich Verabredungen absagen, Besuche vermeiden und Krabbelgruppen frühzeitig verlassen müssen. Oder vielleicht auch, weil absolut nichts davon zutrifft.

Nicht, weil wir darum gebeten haben. Weder wir Eltern, noch die Kinder. Sondern, weil sie so sind, wie sie sind.

Nehmen wir mal an, ich wäre noch nicht, wo ich heute stehe, wüsste nichts von Hochsensibilität, könnte die vielen so schwer zu befriedigenden Bedürfnisse meines Kindes nie zu seiner Zufriedenheit erfüllen und würde am Stock gehen – so, wie ich es tat, bevor der Begriff der „Hochsensibilität“ in mein Leben trat. Ich würde tun, was so viele andere auch tun (würden): nach Antworten auf meine Fragen suchen. Nach Gründen und Ursachen, denn es wäre /war mein Wunsch, meinem Kind ein Leben zu erschaffen, in dem es weniger Stress hätte, weniger weinen müsste, ausgeglichener wäre, mehr schlafen und sich nicht alles zu Herzen nehmen müsste.

Nicht, weil ich es nicht mögen würde, wie es war, sondern weil ich anfangs nämlich dachte, das sei nicht so ganz normal – so wie alle anderen auch.

 

Label suchen? Stempel drücken? Nein! Erleichterung finden!

Aber dann erfuhr ich von Hochsensibilität, von fehlenden Filtern, von Überreizung, Überstimulierung und allem anderen und was ich spürte war: Erleichterung. Denn mein High Need / Schrei- / 24 Stunden / hochsensibles Baby war nicht krank, nicht unnormal, nicht mal großartig anders. Es war sensibler, brauchte mehr, war deshalb also schlicht nicht mit anderen Babies zu vergleichen! Was geschah war, dass meine innere Frage beantwortet war und meine Zweifel Ruhe gaben. Mein Gefühl, mein Kind sei ohnehin genau richtig wie er sei, hatte sich weder bestätigt noch revidiert: im Gegenteil. Tatsächlich hatte diese Aussage NICHTS an meiner Liebe oder inneren Haltung zu meinen Kindern geändert. Was es gemacht hatte war, für mehr Verständnis zu sorgen. Für einen Aha-Effekt.

 

Okay! Von mir aus eben ein Stempel

Den Namen und Stempel nahm ich dafür gern in Kauf. Dann ist der Grund dafür, dass wir das Kind monatelang nicht ohne Tränen und Geschrei anziehen konnten, halt die falsche Temperatur, die falschen Knöpfe, die falsche Farbe, die er einfach nicht ertragen kann, weil wegen ist nicht. Hochsensibel. Okay. Dann schneiden wir die Pflegehinweise halt raus. Hochsensibel. Stört mich nicht. Die große Krabbelgruppe besuchen wir nicht mehr. Weil wegen Hochsensibel und so. Okay. Von mir aus.

Was der Stempel mit sich gebracht hatte, war nicht eine coole Geschichte, mit der ich mich fortan beim Kaffeeklatsch brüsten könnte. Oder, der meine Mutterschaft aufwerten und von „Mutter sein ist so anstrengend“ auf „Pfffffff…. ich hab ein HOCHSENSIBLES Kind! Eat this!“ heben würde.

Nein, was er bewirkt hatte war: Erkenntnis. Ein Keyword, nachdem ich Literatur suchen, Ratgeber lesen und Experten befragen konnte. Um mein Kind zu verstehen und anzunehmen, was da war, für immer und ewig da sein würde und was nicht verändert werden müsste und könnte. Denn: er ist so wie er ist.

 

Und darum hat er nicht gebeten. Und ich auch nicht.

Als wir unser letztes Auto kauften, erhielten wir mehrere Angebote für tolle Features. Bordcomputer mit Navi, Lenkradheizung, Sitzheizung – Pipapo! Es war verdammt cool, sich die Ausstattung zusammen zu stellen, von der man schon immer geträumt hatte.

Aber als ich schwanger wurde, da klingelte mein Telefon nicht. Es rief keiner vom internationalen Babywerk an, um zu fragen, ob ich gern das Modell „Hochsensibel“ oder die Sonderausstattung „High Need“ haben wollte. 

„Was glauben Sie denn, womit ich in den Krabbelgruppen mehr angeben kann?“, hätte ich den geschniegelten Typen im Baby-Vertrieb gefragt und er hätte geantwortet: „Tja, je oller je doller, wa? Nehmen Sie gleich das ganze Programm, wenn Sie die mitleidenden Blicke der anderen Mütter haben wollen: 3-Monats-Koliken, Schreibaby, Hochsensibilität.“

Nein, ich habe nicht darum gebeten, meinen Sohn besonders auszustatten, um in Blogartikeln endlich Content zu haben. Es ist die berüchtigte Frage, wer zuerst da war: das Huhn oder das Ei? War es mein hochsensibles Kind, das mich mit all seinen Eigenarten so tief in die Thematik eintauchen ließ, dass mir nur noch der Austausch mit anderen half? Oder war es der Austausch im Internet, der mir endlich die Augen öffnete?

Ich hatte nicht „hier“ geschrien, als die besonders schwierigen Babies verteilt worden – und trotzdem eins gekriegt. Und alles was ich mir wünschte, war es, Gleichgesinnte zu finden, die mir helfen würden, zu verstehen. Und ich danke meinem Universum von Herzen, dass ich sie fand und ich heute, mit beiden Beinen tief gefestigt, als Säule meiner Familie da stehen und meinen Sohn (und mich!) so annehmen und lieben kann, wie wir sind!

Weil ich begriff, mich weiterentwickelte und akzeptierte, dass da war, was eben da war. Nicht mehr – aber eben auch sicher nicht weniger!

 

Das ständige, haltlose Vorverurteilen der Eltern

Was macht jetzt aber die erschöpfte, überfragte, bisweilen verzweifelte Mutter, die endlich eine Antwort, einen Namen für die Persönlichkeit ihres Kindes gefunden hat – zum Beispiel bei Frida von 2kindchaos, die Pionierarbeit für diese Veranlagung betreibt -, in ihre Suchmaschine ihr Keyword eingibt und auf einem Artikel mit dem Titel „Bitte lasst euer Kind kein High Need sein“** landet, der ihr unterstellt, sie würde stigmatisieren, rein interpretieren, Stempel aufdrücken?**

Ich sag es euch: das Gefühl erzeugen, man habe kein Recht auf Erleichterung, auf Erkenntnis, auf das Annehmen der Sache, wie sie ist.

Das Gefühl, man könne falsch liegen und vielleicht übertreiben? Seinem Kind vielleicht eine Schublade öffnen, die es nie wieder verlassen kann? Das vollkommen haltlose Eltern-in-eine-Schmuddelecke drängen wollen, ärgert mich zutiefst.

Haben wir nicht schon häufig genug mit Erzieher/-innen, Tagesmüttern/-vätern, Lehrer/-innen zu kämpfen, die uns mit ihrer Angst vorm Tyrannen konfrontieren? Mit den eigenen Eltern und Großeltern, die unseren Erziehungsstil nicht gut heißen können? Mit der Gesellschaft, die sich durch unangepasste kleine Menschen eher gestört denn bereichert fühlt?

Ganz ehrlich Leute, wie lange wollen wir uns noch erzählen, dass wir uns nur mehr entspannen müssten und das 8-Stunden Schreien am Tag sich dann in Luft auflösen würde? Wie oft noch hören, dass der Abschied am Morgen in der Kita möglichst „kurz und schmerzlos“ und auch mit Tränen geschehen müsse, weil es anders nun mal nicht ginge?

Wie oft noch den Vorwurf hören, wir würden Tyrannen groß äh Verzeihung VERziehen, wenn wir ihnen ihr Einfühlungsvermögen, ihr tiefes Fühlen nicht möglichst schnell abtrainieren und am Besten nicht benennen? Wie oft muss ich in diesem Internet, das mir die Antworten und die Menschen brachte, die mein Leben heute so über alle Maßen bereichern, noch lesen, dass Eltern stigmatisiert werden mit dem Vorwurf, sie würden ihre Kinder stigmatisieren?

 

Eure Kinder. Eure Stempel.

Und deswegen sage ich euch was, das aus allertiefstem Herzen kommt: nehmt diesen blöden Stempel, wenn er euch hilft. Nehmt das Wort, die Überschrift, den Begriff, wenn ihr damit rausgehen und Antworten suchen könnt. Was ihr wem wann erzählt, ist eure Sache. Wie ihr damit umgeht, ist eure Sache.

Sucht ihr Hilfe, Erleichterung? Habt ihr Angst vor der Zukunft? Möchtet ihr verstehen, was in eurem Kind vorgeht ohne ständig überfordert nur die Statistenrolle einzunehmen? Möchtet ihr ENDLICH das Gefühl haben, dass IHR diejenigen seid, die euer Kind verstehen und nicht scheinbar alle anderen? DANN NEHMT DEN STEMPEL und ’ne Packung Ohropax. Es ist nur ein Stempel. Nur ein Name. Aber was dahinter verborgen liegt, das kann der Schlüssel sein zu einer Tür, die euch sonst verschlossen geblieben wäre.

Lasst sie reden, klickt so unsägliche Texte weg und bleibt bei euch und euren Kindern. Ihr seid die Experten und ganz egal, was andere darüber sagen, was sie euch unterstellen – nur ihr und euer gutes Gefühl zählt.

In „Wo die wilden Maden graben“ schreibt Nagel, der Autor:

 

„Egal, wie lange es her ist, dass ich diese Lieder geschrieben habe, dieser Typ wird niemals näher an meinen Songs sein, als ich selbst es bin. Es ist meine Musik, es sind meine Worte!

Nur weil er meine Musik gut findet oder mal gut fand, gehört ihm kein Stück davon!“

 

Egal, welcher Stempel euch hilft, eure Kinder zu begreifen – diese vernichtenden Texte werden niemals näher an euren Kindern sein, als ihr selbst es seid. Es sind eure Kinder, es sind eure Stempel. Und nur, weil jemand meint, etwas dazu sagen zu dürfen, gehört ihm kein Stück davon.

 

Dein Kind. Dein Stempel. - wie Stempel helfen und Stigma nicht.

 

 

 

**Aus Fairness, Gründen der Transparenz und naja füge ich hier widerwillig den Link zum Text ein: Text.

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