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„Ich habe versucht mich abzuhärten – aber das hat nicht funktioniert“ Irene bei #HochsensibleMütter

Irene ist 40, lebt mit ihrer Familie in Wien und ist zweifache Mutter von einem 3- und einem 5-jährigen Sohn. Auf ihrem privaten Blog Dr. Mama Arbeitstier schildert sie den Familienalltag sehr persönlich, sehr nah und auch manchmal sehr sarkastisch. Ich mag ihren Stil – noch mehr aber die Antworten zu diesem Interview 😉

Irene erzählt uns nämlich heute – und damit auch als erste Interviewte dieser Reihe so direkt – warum es sogar [Zitat] ganz geil [Zitatende] sein kann, hochsensibel zu sein. Ihre Antworten sind knallhart ehrlich und ich erkenne mich in so vielen Punkten wieder … Danke, Irene, für deine Zeit, deine Worte und deine Ehrlichkeit.

 

Vorhang auf für Irene bei #HochsensibleMütter


 

Du bist hochsensibel. Seit wann weißt du davon? Hast du einen Test gemacht und wenn ja welchen? Und woran bemerkst du deine eigene Hochsensibilität am Deutlichsten?

Dass mit mir etwas „nicht stimmt“, habe ich schon früh bemerkt. Ein verachtender Blick, ein weggedrehter Kopf traf mich mitten ins Herz. Auch bei Büchern und Spielfilmen konnte ich super gut mitleiden. Ich habe dann versucht, mich abzuhärten. Aber das hat nicht funktioniert. Was mir geblieben ist: Das Misstrauen in die eigene Wahrnehmung. Das diffuse Gefühl, dass meine Wahrnehmung nicht stimmt, das ständige Hinterfragen meiner Gefühle (ist es überhaupt legitim, das so zu empfinden?) und die Frage danach, was jetzt genau die Wirklichkeit ist.

Über die Jahre habe ich mich irgendwie damit arrangiert, auch im Beruf – auch wenn mir da der alltägliche, ganz normale Lärm der Kollegen arg zu schaffen macht. Aber als die Kinder (Ks, im Folgenden) geboren wurden, fielen meine persönlichen Firewalls. Ich war so damit beschäftigt, ihre Perspektive zu übernehmen, dass ich auf mich irgendwie vergessen habe und gleichzeitig immer auf 180 war. Jeder Tag der pure Stress. Und ich nicht in der Lage, den Alltag mit Links zu schupfen – wie es scheinbar alle anderen schafften. Ganz schlecht konnte ich das Schreien der Babys aushalten. Und dass das eigene Verhalten Anlass zu Diskussionen bietet – immer wieder habe ich gehört: „Spring doch nicht bei jedem Mucks. Red doch den Satz fertig. Du hörst mir nicht zu. Lass das Kind doch mal …“, wenn ich auch beim Tausendsten Mucks, Rülps, Mamaaaaaa oder Furz sofort beim Kind war. Im ersten Jahr war es extrem. Aber auch heute noch kann ich das Schreien, Quietschen, Rufen nur ganz schwer aushalten – denn beide stacheln sich da richtig auf. Und mein Puls geht rauf und lange nicht mehr runter. Stress pur. Ich werde fahrig. Jeden Tag aufs Neue. Ich härte einfach nicht ab, auch nicht in Alltagssituationen wie die Kids anziehen.

 

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Dass ich überhaupt der Meinung bin, hochsensibel zu sein, ist eigentlich ein Unfall. Oder ein Versehen. Denn meine Intention war es eigentlich herauszufinden, ob K1 hochsensibel ist. Und weiß erst seitdem, dass ich nicht „zickig“ oder nur „leicht angrührt“ und „immer so schmerzempfindlich“ bin, und auch keine Prinzessin auf der Erbse, sondern dass ich die Erbse einfach mehr spüre als andere. Die Bücher heißen „Zart besaitet. Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen.“ von Georg Parlow und „Wenn die Haut zu dünn ist. Hochsensibilität – vom Manko zum Plus.“ von Rolf Sellin. Laut Selbsttest im Buch sind wir beide hochsensibel. Yeaaaah.

 

Hochsensible Mütter schwanken, so Brigitte Schorr, eine Expertin auf dem Gebiet, besonders häufig zwischen Langeweile allein mit dem Kind und Überforderung im Alltag, ständig gepaart mit schlechtem Gewissen. Kannst du das bestätigen?

 

Kurz gesagt: Ja, voll und ganz. Ich habe seit K1 und K2 auf der Welt sind permanent das Gefühl, dass ich geistig unausgelastet bin – mir ist quasi „fad im Schädl“. Und ich werde ungeduldig, alles geht mir zu langsam – das Anziehen, das Zähneputzen, das Frühstück. Ich würde am liebsten ganz schnell den Tag hinter mich bringen, um den Abend zu genießen: ein, zwei Stunden RUHE, in denen ich mich zentrieren kann. Gleichzeitig aber ist meine Toleranzgrenze gefühlt schon mit dem Aufstehen überschritten, wenn beide gleichzeitig schreien, der Radio läuft und dann noch der hasigste Ehemann von allen sein Wort an mich richtet. Ich könnte dann einfach mal laut schreien. Zuck aus. Overload. Please hold the line. Die Folge: Ich habe das Gefühl, meilenweit von meiner Definition einer guten Mutter entfernt zu sein und das schlechte Gewissen reitet wieder 😉

 

Als Mutter ist man irgendwie ja auch fremdbestimmt durch das eigene Kind. Empfindest du das auch und wenn ja, an welchem Beispiel besonders? Und wie gehst du damit um?

 

Ja ich empfinde das auch so. Und ich leide massiv darunter. Am schlimmsten ist es beim Thema Schlafen. Die Ks bestimmen, wann ich aufstehe, ob ich durchschlafe. Der blanke Horror. Wie ich damit umgehe? Ich zähle die Tage, bis die Ks ausziehen ;-). Nein im Ernst, der hasigste Ehemann von allen versucht, mich zu retten, indem er mich immer wieder mal entführt. Zu gemeinsamen Auszeiten. Ohne die Ks. Das sind wichtige Inseln im Fluss des Alltags, auf denen ich wieder mal Ich sein kann.

 

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Ist deine eigene Mutter oder dein Vater hochsensibel? Erkennst du sie in dir wieder? Was schätzt du an deinem hochsensiblen Elternteil? Und was gar nicht?

 

Bei meinem Vater erkenne ich irgendwie nichts wieder. Bei meiner Mutter bin ich mir nicht so sicher. Kann sein, kann aber auch nicht sein.

 

 

Ist dein Kind hochsensibel? Prallt ihr oft aneinander?

 

Ja, K1 schon. K2 nicht. Es ist ein irrer Unterschied. Mit K1 kann ich mich so richtig emotional hochschaukeln und wir prallen eigentlich täglich aneinander. Aber seit ich annehme, dass er hochsensibel ist, versuche ich auch mal durchzuatmen und ihn sein zu lassen. K2 holt mich da eher runter, da kann ich mich auch besser abgrenzen.

 

Welche Unterschiede zwischen den Kindern und zwischen dir und deinem normal sensiblem Kind machen sich besonders oft bemerkbar?

 

Der größte Unterschied zwischen den Ks ist die Lärmempfindlichkeit. K1 hält den Kindergarten mit 24 anderen Kindern nicht so gut aus. Anfangs hat er sich immer die Ohren zugehalten, weil es ihm zu laut war. Und obwohl er in der kleinen Krippengruppe gut mit den anderen zurecht gekommen ist, hat er fast ein Jahr für die Umstellung auf die große Gruppe mit vielen älteren Kindern gebraucht und er hat sich dann auch mehr an den einfühlsameren, weniger lauten und aggressiven Mädchen orientiert, als an den Jungs. (Klingt vielleicht nach einem Stereotyp, aber die Jungs in der Gruppe waren wirklich wilder, die Mädchen nicht so). K2 ist da ganz anders, der ruht da mehr in sich und kämpft sich durch und kränkt sich viel weniger. K2 liebt auch Fußballspielen. K1 ist das zu laut, zu heftig, der mag Singen und Gitarre spielen.

Der größte Unterschied im Umgang mit den Ks ist, dass K2 und ich uns nicht gegenseitig aufschaukeln. Bei ihm kann ich mich besser abgrenzen als bei K1. Auch ruht K2 mehr in sich. Er kränkt sich kurz, ist kurz wütend. Und dann ist es wieder gut.

 

 

Welches Kind empfindest du als pflegeleichter?

 

Ich habe den Eindruck, dass ich mir um K2 weniger Sorgen machen muss, dass er seinen Weg geht. Während K1 so zart besaitet ist, dass ihn jeder Windstoß emotional umwirft.

 

 

Stressabbau und Selbstregulationsmechanismen: würdest du sagen, du lebst gut mit deiner Hochsensibilität? Welchen Strategien hast du, um dich selbst zu beruhigen und deinen inneren Stress abzubauen?

 

Pfff. Ich bin da noch am Üben. Ich glaube, ich habe mir durch meinen Titel einen Schutzmantel zugelegt, eine unangreifbare Kompetenz, sozusagen von außen legitimiert. Das stärkt mir irgendwie den Rücken – in Diskussionen und überall dort, wo es darum geht, sich durchzusetzen. Denn das kann ich ganz ganz schlecht. Entweder bin ich so sanft, dass echt niemand mitkriegt, dass ich etwas nicht will, oder so ruppig, dass ich es mir mit vielen verscherze. Dazwischen gibt es irgendwie nicht so viel. Und weil ich meiner eigenen Wahrnehmung zu wenig traue, versuche ich, die rationale Seite des Gehirns in den Vordergrund treten zu lassen – lege mich also emotional selbst an die Leine. Das funktioniert im Job recht gut, doch in emotionalen Stresssituationen – konkret auch im ganz normalen Alltag mit den Ks – gelingt das einfach nicht. Ich bin da noch auf der Suche …

 

 

Welchen Rat würdest du anderen hochsensiblen Müttern geben? Und wenn du Literatur zu dem Thema gelesen hast, möchtest du etwas empfehlen?

 

Mein Rat ist eher eine Erkenntnis: Es ist ganz normal, hochsensibel zu sein. Das ist ok so. Und auch geil, weil man mehr mitkriegt, als andere. Und das soziale Leben so viel besser beobachten kann. Doch genau das ist auch das Problem – man darf nicht immer nur beobachten. Man muss sich auch mitmachen trauen … Also Mut. Ansonsten: Ich liebe Ohropax. Dann kann ich schlafen, obwohl der Mann atmet, die Nachbarn leise Fernsehen oder die Kids im Schlaf schmatzen.

 

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Ein Ausblick in deine Zukunft: Welche Eigenschaft darf wachsen, was willst du so bewahren wie es ist und woran möchtest du gezielt arbeiten?

 

Ich finde es gut, ein reiches, blühendes, schillerndes Innenleben zu haben, viel zu sehen und zu fühlen. Das kommt mir auch in meinem Beruf zugute (ich bin Senior Copywriter). Aber ich möchte mich davon nicht mehr mitreißen lassen. Ein bisschen so wie Surfen lernen – nur eben auf der Emotionswelle ;-).


Alle anderen Interviews der Sonderreihe #HochsensibleMütter findet ihr hier

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