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Ich kann nicht schlafen

Bubba Ray forderte lautstark ein, seine Oma besuchen zu dürfen und ich rief sie an und fragte, ob sie Zuhause sei, denn ihr Enkel würde sie besuchen kommen wollen. Sei kein Problem, sagte sie und eine Stunde später fuhr ich ihn hin.

Seit D-Von’s Geburt verändert sich hier praktisch monatlich etwas. Irgendeiner ist ständig in irgendeinem Schub, krank oder macht einen Sprung nach dem Nächsten. Ich hatte in den letzten Wochen bemerkt, dass Bubba irgendwas durch machte. Das überraschte mich nicht; er wird in 2 Monaten 3 Jahre alt und daher war damit zu rechnen, dass er wieder ein paar Schritte nach vorne machen würde. 
Schon beim Abliefern merkte ich ihm an, dass er sich löste. Er war hier glücklich. Er freute sich auf die Stunden ohne seinen Bruder, der ihm ständig sein Spielzeug klaute und die Türme um warf. Diese Oma ist ihm enorm wichtig, er hat quasi seit seiner Geburt eine sehr enge Bindung zu ihr. Ihm geht es hier gut.

Ich fuhr heim, buk einen Kuchen und genoss D-Von, der allein ohne seinen Bruder völlig ausgeglichen und selig spielt.

Um halb acht klingelte mein Handy. Es war abgemacht, dass Bubba dann zurück sein würde und ich erwartete, dass meine Mutter vor unserer Tür stünde und nicht klingeln wollte, um Dee nicht zu wecken. Doch als ich abhob sagte sie, dass sie mitten im Spiel total die Zeit vergessen und daher jetzt erst den Tisch gedeckt hätten. Und dass sie auch das Gefühl habe, er würde gar nicht nach Hause wollen.

„Gib ihn mir mal“, sagte ich und kurz darauf bohrte sich die niedliche, kleine, piepsige Stimme meines wundervollen Sohnes in mein Ohr.

„Bubba, kommst du heim?“, fragte ich.

„Nein ich spiele noch“, antwortete er.

„Aber es ist dunkel draußen. Und schon spät. Komm, du kannst ja noch bei Oma essen und dann fährt der Opa dich heim. Wir wollen schließlich doch auch bald mal ins Bett.“

„Aber ich will bei Oma schlafen!“
Dann: Stille.

Ich bin eine schlagfertige Person, doch dazu fiel mir nichts ein.

Bubba Ray wird 3 und schlief bisher nie woanders als neben seinen Eltern.
Er hatte nie auch nur eine einzige Nacht ohne einen von uns verbracht und ich hatte stets sehr großen Wert darauf gelegt, dass das Thema Übernachtung nicht von den Großeltern forciert werden würde. Ich mag beim Thema Schlafen tatsächlich sehr gluckig sein, doch mir war es einfach wirklich sehr wichtig, dass meine Kinder nie das Gefühl hättenx, sie müssten irgendwas oder es wäre mal an der Zeit für irgendwas. Mir war klar, dass meine Kinder nicht immer klein sein würden, dass sie sich und die Welt eines Tages würden ausprobieren wollen und so sah ich keine Notwendigkeit, sie zu hetzen. Ich wollte, dass sie erfahren, dass sie keiner loswerden will.

Und ja noch dazu hatte ich selbst kein Bedürfnis, sie über Nacht weg zu geben. Ich genieße, dass sie klein sind und fiebere nicht wirklich auf das Großwerden hin. Dass es plötzlich so schnell gehen würde, damit hatte ich, so wahr ich hier sitze, nie gerechnet.
Bubba Ray ist ein empathischer, sanfter, vorsichtiger Mensch. Er macht nichts unüberlegt, ist eher zurückhaltend, vor allem in neuen Situationen. Doch als ich die Wohnung meiner Eltern betrete um ihm seine Sachen zu bringen, läuft mir ein überschwänglicher, mutiger und durch und durch entschiedener kleiner Junge entgegen. Für ihn steht fest: er wird die Nacht hier verbringen. Alles, was ich sage, bringt nichts. „Ich bleibe aber nicht hier, ich fahre wieder heim“, versuche ich. „Wenn du Angst hast, dann sagst du sofort Oma Bescheid. Ja? Ich komme dich dann sofort holen“, versuche ich. Jedes Mal sagt er „Ja“ und jedes Mal fügt er ein „Tschüß“ an.

Ich habe diese Sätze so oft gesagt, in den letzten drei Jahren. „Ich kann nicht mehr schlafen. Ich schlafe keine Nacht mehr durch. Ich bin so müde. Ich kann einfach nicht schlafen. Er ist so lange wach. Ich kann nicht schlafen.“

Es waren viele Jahre ohne Schlaf, viele Nächte ohne Schlaf. Viele Abende, an denen ich fluchte und meckerte, Nächte die ich mit ihm im Kinderzimmer oder schlaflos im Schlafzimmer verbrachte, seit ich den ersten positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt.

Und auch diese Nacht würde ich schlaflos verbringen, das war mir sofort klar.

Doch ein Anruf meiner Eltern blieb – trotz stündlichem Blick aufs Handy – aus. Bubba, der mutig, fest entschlossen und absolut souverän war, schlief. Schlief tief und fest und durch. Er hatte eine kompetente Entscheidung getroffen, ohne Druck oder Erwartungen anderer im Nacken. Das machte mich unfassbar stolz. Gleichermaßen erwischte mich der Abschiedsschmerz mit einer solchen Wucht, dass ich keine Strategie parat hatte, die meine Tränen hätte trocknen können.

Aus meinem Baby war quasi über Nacht ein sehr kompetenter kleiner Junge geworden.
Er war plötzlich jemand, der in der dunklen, langen Nacht ohne mich sein konnte. Klar, der so viel Vertrauen in uns hatte, dass es ihn nicht ängstigte – das war toll. Doch eben auch jemand, der heute nicht neben mir liegen würde. Der meine Hand im Schlaf nicht suchen und bei einem Alptraum nicht nach mir rufen würde und wenn doch, von jemand anderem getröstet werden würde. Aus einem beinahe Dreijährigen war plötzlich irgendwie ein Riese geworden und das tat – ehrlich gesagt – einfach überall weh. Es ging mir brachial zu schnell und ich hätte am liebsten nachts um zwei meine Jacke übergeschmissen und ihn abgeholt. Doch ich gönnte ihm diese Erfahrung und wünschte mir für ihn, dass sie positiv ausgehen würde – und so war es.
Als sich am nächsten Morgen die Tür öffnete, kam mir erneut dieser große, kompetente, mutige, stolze Junge entgegen und ja, Stolz empfand ich auch. Auf seinen Mut und sein Wagnis und auf diesen Erfolg, der so wichtig war für seine Erfahrung.

„Aber wieso weinst du denn dann?“, fragte er mich ungläubig.

„Ich habe dich einfach ein bisschen vermisst“, antwortete ich und ersparte ihm die wilden komplizierten Gedanken darüber, wie gerade wieder eine Etappe zuende ging, wie ich mir wünschte, er würde noch in die Trage passen, wie schnell – viel zu schnell – mir die Zeit verging, seit es ihn gab, wie er bald ausziehen, heiraten, erwachsen sein und mich nur noch einmal im Monat anrufen würde. Wie ich mir doch einfach nur wünschte, die Zeit anzuhalten und selbst dann, bei einer langsameren Zeit, immer noch traurig wäre, ihn irgendwie immer wieder ein klitzekleines Stück gehen lassen zu müssen.



Doch er? Er schwang tröstend seine Arme um mich und ich drückte ihn so fest, bis er sich beschwerte und mir wurde klar, dass er noch tausende Male bei Oma schlafen und sich tausende Male würde lösen müssen, aber seine Arme immer genau die Länge haben werden, die sie brauchen, um mich umarmen zu können. Immer. Egal, wie groß dieser Kleine eines Tages sein wird.



Und das ist wirklich ein schöner Trost, für diesen Moment des Erwachsenwerdens.

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