#HochsensibleMütter - die Interviewreihe

„Ich war nie in meiner Komfortzone; musste mir ständig etwas selbst beweisen!“ – Britta bei #HochsensibleMütter

Die wunderbare Britta vom Blog Gemeinsam wachsen (und) lernen ist heute mein Gast bei #HochsensibleMütter. Sie ist 35 Jahre alt und hat einen Sohn, den kleinen Charlie Brown, mittlerweile 12 Monate alt. Auf ihrem Blog erzählt sie gemeinsam mit ihrem Mann vom Leben mit dem Sohn, der High Need Baby und aller Vermutung nach hochsensibel ist. Und hier, in ihrem Interview, da erzählt sie uns, wie sie ihren eigenen Alltag als Ausnahmezustand empfindet und trotzdem gedanklich in einer Ruhephase ist. Wie das geht, wie sich das anfühlt und wieso sie vor dem Kind nie in ihrer Komfortzone war, schildert sie uns jetzt.

  

Vorhang auf für Britta bei #HochsensibleMütter


Du bist hochsensibel. Seit wann weißt du davon? Hast du einen Test gemacht und wenn ja welchen? Und woran bemerkst du deine eigene Hochsensibilität am Deutlichsten?

Ich bin darauf gestoßen als ich nach der Geburt des Kleinen angefangen habe mich zu informieren. Davor habe ich von mir selbst immer gesagt, ich wäre ein Mensch mit vielen Amplituden. Ich kann sehr fröhlich sein, aber auch sehr traurig.  Vor ein paar Jahren hatte ich eine emotional ziemlich anstrengende Zeit und konnte mich sehr schwer selbst regulieren. Da habe ich mal die Diagnose „Borderline“ bekommen, konnte mich aber darin nicht wiederfinden. Erst als ich über Hochsensibilität las, erkannte ich mich wieder.  Daraufhin habe ich dann einige Onlinetests gemacht. Aber ich finde es ist weniger ein Test, als das Gefühl erkannt und verstanden zu sein. Ich war nicht mehr komisch und alleine, sondern einfach sehr sensibel. Das war enorm befreiend.

Meine Hochsensibilität merke ich oft im Alltag. Ich bin sehr geräuschempfindlich und höre jede Musik im Hintergrund, zum Beispiel im Supermarkt,  und fühle mich dann schnell gestört. Ich schneide auch immer alle Schildchen aus der Kleidung, weil ich das Kratzen auf der Haut nicht ertrage.

Ein Beispiel für meine teilweise Unfähigkeit den richtigen Weg zwischen Förderung und Überforderung zu finden, sind Weihnachtsmärkte. Ich kann eintauchen in den Trubel und die Gerüche. Ich sauge jeden Duft in mich auf. Gleichzeitig stressen mich die Menschenmassen und das Geschubse unglaublich. So sehr, dass ich mich schnell unwohl fühle. Zuhause merke ich dann, dass ich total überreizt bin. Ich bin wuselig und fahrig und fühle mich ein wenig als hätte mich ein Traktor überfahren.

 

#HochsensibleMütter - die Interviewreihe
Ich bin außerdem in Gesprächen extrem aufmerksam. Ich merke mir sehr viel und spüre viele unterschwellige Dinge. Das wirkt schnell oberlehrerhaft, da ich ständig denke (und auch manchmal sage) „ja, du sagtest da schon xyz“, daher unterdrücke ich das oft. Ich halte mich auch für sehr empathisch und spüre wenn jemand traurig ist oder wütend, auch wenn er oder sie es versteckt.

Hochsensible Mütter schwanken, so Brigitte Schorr, eine Expertin auf dem Gebiet, besonders häufig zwischen Langeweile allein mit dem Kind und Überforderung im Alltag, ständig gepaart mit schlechtem Gewissen. Kannst du das bestätigen?

Jein! Ich habe ein empfindliches Baby und wir können nichts unternehmen, was unseren Alltag sehr eintönig macht.  Ich weiß nicht ob ich die Situation sonst anders empfinden würde. Andererseits genieße ich die intellektuelle Auszeit ein wenig. Wobei ich mir mein Minimum an intellektueller Stimulation über die Lektüre von Kinderentwicklung und Hochsensibilität oder in Gesprächen mit meinem Mann hole.

Unser Alltag ist enorm entstresst. Wir haben eine Putzhilfe und ich koche sehr einfach. Maximale Entlastung für mich. Unser Alltag selbst überfordert mich nicht. Auch unser Sohn nicht. Er fordert mich und ich bin genervt und frustriert von den Umständen, aber ich würde das nicht Überforderung nennen.

Vor unserem Sohn habe ich mich immer intellektuell eher überfordert und meine Grenzen verschoben. Ich war nie(!) in meiner Komfortzone. Und zwar ganz bewusst. Ich musste mir ständig selbst etwas beweisen. Mit dem Baby habe ich nun eine offizielle Auszeit. Ich glaube ich habe das gebraucht. Mein Kopf rauchte und ich vermisse meine Herausforderungen nicht so sehr wie erwartet. Aber frag mich noch einmal wenn die Müdigkeit nicht mehr so groß ist.

Für kommendes Jahr habe ich allerdings Pläne, die mich herausfordern werden. Und auch wenn sie noch nicht gestartet sind, freue ich mich schon darauf.

Als Mutter ist man irgendwie ja auch fremdbestimmt durch das eigene Kind. Empfindest du das auch und wenn ja, an welchem Beispiel besonders? Und wie gehst du damit um?

Ich bin extrem fremdbestimmt momentan und hoffe auf Besserung. Mein Sohn schläft nur wenn ich bei ihm bin, bei bei ihm bleibe und auch nur zuhause. Das schränkt schon sehr ein.

Wenn wir zu lange draußen sind, sehe ich wie er leidet. Er ist müde und kann vor lauter Eindrücken nicht einschlafen. Das tut mir unheimlich leid für ihn und ich leide mit ihm. Dadurch nehme ich in Kauf, dass es für mich eine Einschränkung ist. Ich setze auf die Zeit, die das für uns lösen wird.
Ich brauche eigentlich sehr viel Zeit für mich, daher war ich selbst überrascht wie gut ich mit der massiven Fremdbestimmung umgehen kann. Ich denke das ist meine Hartnäckigkeit. Ich bin überzeugt den für uns als Familie richtigen Weg zu gehen (ohne dabei alles richtig zu machen, aber das ist ja auch etwas anderes) und ich will das so durchziehen. Ich möchte, dass der Kleine in sein Leben ohne riesigen Ballast startet. Diese Hartnäckigkeit hat mich über meine Grenzen durch Studium und Promotion getragen und nun trägt sie mich durch diese Fremdbestimmung. Dazu kommt natürlich, dass ich ihn unglaublich liebe. Auch das trägt mich. Zugegebenermaßen sehne ich mich aber nach Entspannung und freue mich wenn andere Blogger schreiben, dass es bei ihnen mit der Zeit besser wurde.

Ist deine eigene Mutter oder dein Vater hochsensibel? Erkennst du sie in dir wieder? Was schätzt du an deinem hochsensiblen Elternteil? Und was gar nicht?

Meine Eltern sind etwas speziell. Mein Vater war Alkoholiker und hatte (vermutlich) eine schwere Depression. Meine Mutter hat ihre eigenen Dämonen. Ich glaube nicht, dass einer von beiden hochsensibel ist, bzw war.

Ich erkenne meine Mutter schon teilweise in mir wieder. Teilweise aber auch gar nicht. Ich bin viel aufmerksamer und empathischer als sie. Zum Beispiel würde meine Mutter bei einer Teamarbeit Fehler immer zuerst bei anderen suchen, während ich zuerst auf meine Arbeit schauen würde. Meine Mutter ist auch eher geräuschresistent und kommt mit jeder Umgebung gut zurecht. Sie ist da viel robuster als ich. Ich denke daher fehlte ihr oft das Verständnis für mein Unwohlsein. Allerdings kann ich mir sehr gut vorstellen, dass es ihr „aberzogen“ wurde und sie deshalb umso stärker in die andere Richtung aufschlägt.

Ist dein Kind hochsensibel? Prallt ihr oft aneinander?

Mein Sohn ist auf jeden Fall ein high need Baby. Der Rest wird sich zeigen. Wir prallen noch nicht aneinander. Dafür ist er zu klein. Er hat gerade mal seine ersten Wutanfälle, weil ich ihn nicht mit den bunten Putzmittelflaschen spielen lasse, oder die Badewanne nicht sofort voll Wasser ist. Da kann ich ihn noch sehr gut begleiten in seinem Frust (und die nächste leere Flasche wird dann gründlich gespült und darf bespielt werden). Ich weiß nicht ob wir so richtig aneinander prallen werden, ich bin eigentlich sehr besonnen und explodiere nur sehr selten. Wir werden sehen. Ich bin gespannt.

Empfindest du dein (vielleicht hochsensibles) Kind als anstrengend?

Mein Sohn ist anstrengend. Sehr! Er braucht sehr viel volle ungeteilte Aufmerksamkeit und es ist immer eine Gratwanderung zwischen zu viel und zu wenig Input. Ich empfinde unser Leben noch immer als Ausnahmezustand und warte auf ein wenig Normalität. Ich glaube für die Zukunft hilft es uns, dass ich ihn verstehen kann. Schon jetzt als Baby kann ich verstehen, warum ihm manchmal alles zu viel wird.

 

#HochsensibleMütter - die Interviewreihe
Ich bin sehr gespannt wie er sich weiter entwickelt. Welche Eigenschaften er behält, welche er verliert und welche dazu kommen. Ich kann mir vorstellen, dass wir dadurch schneller in einen Konflikt geraten  und gleichzeitig eine besonders starke Verbindung haben. Aber das haben vermutlich alle Eltern zu ihren Kindern. Ich glaube das hat mit Hochsensibilität nichts zu tun.

Stressabbau und Selbstregulationsmechanismen: würdest du sagen, du lebst gut mit deiner Hochsensibilität? Welchen Strategien hast du, um dich selbst zu beruhigen und deinen inneren Stress abzubauen?

Schwierige Frage. Bevor unser Sohn kam, konnte ich sehr gut mit Joggen Stress abbauen. Ich war alleine, nur für mich, an der frischen Luft, berieselt von Musik und konnte nachdenken. Selbst zu sehr stressigen Zeiten mit viel Druck war das ein guter Ausgleich. Auch Nähen hilft mir. Ich bin kreativ und schaffe etwas, da werden bei mir Glückshormone ausgeschüttet.

Momentan geht mit dem Kleinen beides nicht (aber wir arbeiten daran). Ich stecke also zurück. Leider merke ich immer mehr, dass das sehr viel Kraft kostet. Ich hoffe, dass wir bald Entspannung haben und ich für mich mehr sorgen kann und zum Beispiel Joggen gehen kann.

Ich habe mal Yoga versucht und mochte es zunächst auch sehr. Allerdings wurde mir das für mich zu sektenmäßig und ich sollte dann auf Kaffee und weißen Zucker komplett verzichten. Nicht nur ist das eine enorme Einschränkung, ich lasse mir auch gar nicht gerne diktieren wie ich zu leben habe. Da mache ich komplett dicht. Das war es also mit Yoga, ich war nie wieder dort. Ich trinke übrigens sehr wenig Kaffee und versuche Zucker zu vermeiden. Aber trotzdem!

Welchen Rat würdest du anderen hochsensiblen Müttern geben? Und wenn du Literatur zu dem Thema gelesen hast, möchtest du etwas empfehlen?

 

Puh, das ist schwer. Finde deinen persönlichen Weg zur Entspannung. Du bist toll so wie du bist und Hochsensibilität ist etwas Wunderbares und keine Krankheit. Informiere dich. Die Seite zartbesaitet.de ist super und das gleichnamige Buch ist Gold wert. Etwas knapper (für faulere Leser) ist „Hochsensibilität“ von Thomas Schirrmacher. Das ist „kurz und bündig“. Und ganz wichtig, finde Gleichgesinnte und unterhalte dich. Dann fühlst du dich weniger wie ein Alien. 

 

Ein Ausblick in deine Zukunft: Welche Eigenschaft darf wachsen, was willst du so bewahren wie es ist und woran möchtest du gezielt arbeiten?

Ich möchte gerechter und besonnener werden. Ich nehme Dinge sehr schnell sehr persönlich und muss mich dann erst einmal sammeln. Selbst bei Kleinigkeiten bin ich so. Ich bin genervt vom anstrengenden Alltag und ich möchte nicht, dass ich das an meinem Sohn rauslasse. Ich möchte gerecht bleiben. Wenn ich wütend bin, weil er etwas gemacht hat, dann sage ich das. Aber manchmal bin ich einfach erschöpft und dann meckere ich grundlos. Das möchte ich nicht. Außerdem möchte ich mich mehr mit unserer Ernährung auseinandersetzen. Ich bin Vegetarier und habe fast vegan gelebt vor dem Kleinen. Jetzt bin ich froh, wenn ich irgendwie halbwegs vernünftig koche für uns. Aber ohne tierische Produkte traue ich mir eine ausgewogene Ernährung für ein Kleinkind nicht zu bisher und darüber möchte ich mich erkundigen und unsere Ernährung umstellen (allerdings ohne dogmatisch zu sein!).

Ich bin empathisch und mag das sehr. Das möchte ich behalten. Zudem bin ich optimistisch und glaube an das Gute im Menschen. Das möchte ich auch erhalten. Insbesondere in Zeiten voller Angst, Hass und Ungerechtigkeit möchte ich die vielen guten Menschen und Handlungen weiter sehen. Ohne dabei zu naiv zu sein.  Probleme verschweigen oder kleinreden ist keine Lösung.

Grundsätzlich bin ich ein fröhlicher und spontaner Mensch. Das darf gerne weiter wachsen! Und ich informiere mich immer sehr genau. Das darf auch noch mehr werden. Ich möchte mehr über Ernährung, Politik, Erziehung und vielleicht glitzernde Einhörner wissen. Ich möchte erklären können und dem Kleinen mitgeben wie toll Wissen und Neugier sind.


 

Ein wunderschönes Interview! Alle anderen der Reihe #HochsensibleMütter findest du hier

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