"Da musst du eben durch" - im Spiegelbild betrachtet

Im Spiegelbild betrachtet: „Da musst du jetzt wohl durch!“

Heute hatte ich ein unangenehmes Telefonat zu führen. Naja, eigentlich habe ich es bereits seit einigen Tagen zu führen. Ich schiebe es konstant vor mir her. Es ist unangenehm, ich rechne mit einer negativen Reaktion meines Gegenübers, möchte keinen Streit. Ich spüre Anspannung und wenn ich darüber nachdenke, dann wird mir die Luft knapp. Ich hasse solche Telefonate. Aber: ich muss da durch. Es führt zur Klärung eines aktuell in der Luft hängenden Umstandes nun mal kein Weg daran vorbei.

Seit Tagen schlafe ich schlecht und denke immer wieder daran. Ich versuche mich gedanklich darauf vorzubereiten und gehe im Kopf alle möglichen Eventualitäten durch. Ich drücke mich davor und es macht mir Bauchschmerzen. Ich muss da durch, das weiß ich, denn leider kommt niemand, der mir die Entscheidung, das Telefonat oder das Streitgespräch abnimmt.

 

„Da musst du eben durch!“

Ich berate stillende Frauen, Mütter, Menschen. Manchmal zu den unterschiedlichsten Themen. Und immer mal wieder treffe ich auf eine, die mit einer Situation überfordert oder unglücklich ist. Zum Beispiel, weil ihr Kleinkind immer noch so häufig stillen und sich nicht verabschieden möchte. Oder, weil es bei der Eingewöhnung immer noch so oft zu Tränen kommt und die Mutter emotional belastet ist. Oder, weil die Kinder sich einfach noch nicht lösen können und wollen, die Frauen sich und ihre Bedürfnisse nicht wahrnehmen können und niemand da ist, der unterstützen oder helfen kann.

Nie, wirklich nicht ein einziges Mal habe ich einer Frau dazu geraten, es durchzuziehen. Niemals käme ich auf die Idee, ihr zu sagen, dass sie oder ihr Kind „da eben durch müssen“.

Wir Erwachsenen treffen immer wieder auf Situationen, wie mein unangenehmes Telefonat, durch die wir – tatsächlich und buchstäblich – durch müssen, an denen wir eben nicht vorbei kommen. Es gibt für uns alle Regeln und Vorgaben, an die wir uns halten müssen, da eine Nichtbeachtung für uns im schlimmsten Falle gemeine Konsequenzen hätte. Und manchmal klopft unser Herz bis zum Hals, vor Angst, Aufregung und Sorge. Wir sind nicht unbefangen und gelöst, locker flockig und wuppen unsere Krisen nicht mit einem Arm. Nein, es fällt uns schwer. Wir suchen das Gespräch, Rat bei Freunden oder dem Partner, wir suchen – genau: Trost. Einfach jemanden, mit dem wir unsere schwierige Situation meistern können.

Es geht in den seltensten Fällen als Erwachsener darum, jemanden zu finden, der uns das Problem selbst abnimmt. Vermutlich ist das auch nicht möglich. Mein Telefonat jedenfalls hätte außer mir niemand führen können, da musste ich schon selber durch. Und um es führen zu können, hatte ich stundenlange Gespräche mit meinem Mann geführt, mit Freunden und Vertrauten. Alle Pro’s und Contra’s abgewogen und dargelegt. Mich vorbereitet und immer wieder gehört: „Alles wird gut!“, „Du schaffst das schon!“, „Trau dich, vielleicht ist es danach ja einfacher!“ und manchmal auch ein „Also, ich würde es so und so machen und schlage dir das und das vor.“

Doch nie, von keinem einzigen meiner Vertrauten hörte ich ein „Tja. Da wirst du jetzt wohl durch müssen!“

 

„Du kannst deinem Kind nicht alles abnehmen. Es muss da eben durch!“

Wieso also sollten unsere Kinder das? Wieso also sollten wir Kinder durch Trauer und Angst schicken, ohne uns ganz bewusst zu machen, dass es furchtbar für sie ist? Dass die Tränen der Verzweiflung echt sind und dass sie getröstet werden müssen? Wieso sollten wir unsere Kinder durch etwas durch lassen müssen, ohne eine Begleitung, ohne Beistand und warme Worte, ohne das echte Gefühl, dass wir da sind? Ohne ein „Es wird alles gut!“ oder „Du schaffst das! Ich glaube fest an dich!“ ? Und wieso sollte dieser echte, warme Trost denn ein „Abnehmen“ sein?

Es stimmt. Manchmal lassen sich Situationen nicht ändern. Frauen wollen nicht immer ewig stillen, sondern irgendwann wieder für sich sein. Mütter müssen arbeiten und können sich die Anfangszeiten nicht aussuchen. Menschen sind unterschiedlich, haben unterschiedliche Bedürfnisse und Träume – und sie alle haben ihre Berechtigung. Und vieles davon betrifft auch automatisch ihre Kinder. Und so entscheiden sie sich irgendwann vielleicht für einen Weg, der sich schon per se nicht glücklich anfühlt, weil es die Trauer des Kindes mit sich zieht und alles, was man dieser Emotion entgegenstellen soll ist: „Naja. Da müsst ihr wohl jetzt durch! Schließlich kann euch das keiner abnehmen“ ?

Mir reicht das nicht und ich zweifle an, dass es jemals eine ausreichende Erklärung für eine derart emotionale Situation gewesen sein soll. Es gibt einen Unterschied zwischen den wenig tröstenden Worten „Da musst du jetzt wohl durch!“ und sich zu seinem Kind zu knien und zu sagen: „Mein Kind, das ist jetzt doof. Eine echt blöde Situation, die ich dir nicht abnehmen kann, die dir aber so schwer fällt, Bauchweh und Herzklopfen macht. Aber ich bin da, ich bin hier und ich unterstütze dich. Und du wirst da stärker raus gehen, als du rein gegangen bist!“ Und selbst wenn – zum Beispiel aufgrund des Alters deines Kindes – nicht der genaue Wortlaut Sinn macht, so aber zumindest – altersunabhängig – die Message: Du musst eben nicht allein da durch, auch wenn du da durch musst. Denn ich bin für dich da, in all jenen Situationen, die sich nun mal leider nicht ändern lassen. Das ist das Leben, das du fühlen darfst, mit all seinen Facetten. Deine Gefühle sind dein gutes Recht und zwar alle! Sie sind willkommen!

 

Echter Trost lässt uns wachsen – über uns hinaus!

Als ich noch zur Schule ging musste ich regelmäßig bei meinen Lehrern antanzen, denn sie mochten mich nicht besonders. Ich war der verhasste Lehrerschreck. Und so wurde ich also nahezu täglich in irgendjemandes Büro zitiert um mir eine Standpauke abzuholen. Einmal sprach ich mit meiner Mutter darüber, wie sehr ich es hassen würde, dort rein gehen zu müssen. Und sie sagte: „Das kann ich gut verstehen. Aber weißt du, solche Situationen, die wirst du im Leben immer wieder haben. Das hört nie auf. Immer wieder wirst du etwas tun müssen, bei dem dir das Herz bis zum Halse schlägt, und das wird nie besser, außer du stumpfst ab. Aber das wirst du nicht. Und bei jedem weiteren ersten Mal klopft das Herz wieder bis zum Hals – aber du lernst etwas dazu und bist beim nächsten Mal stärker“

Nun, wenn ihr also das nächste Mal denkt, oder vielleicht sogar zu hören bekommt, dass ihr euer Kind durch etwas hindurch schicken müsst, es nicht verwöhnen und bloß nicht denken sollt, ihr könntet ihm etwas abnehmen, dann leihe ich euch die Worte meiner Mutter gern. Das echte Verständnis und die Annahme meiner Gefühle ließen mich einen Anker für Krisen ergreifen, der mich heute noch begleitet. Nicht nur, wenn ich meine sorgenvolle Miene an einem dieser „Da muss ich durch“-Tage selbst im Spiegelbild erkenne, und mich selber trösten muss, eben weil ich mein eigenes Herz schlagen höre. Sondern auch, wenn meine Kinder vor Situationen stehen, durch die sie hindurch müssen und ich wünschte, ich könnte sie ihnen abnehmen – es aber nicht kann. Dann nehme ich ihre Hand, tröste und halte sie.

Und ich verspreche: wenn du da schon durch musst, dann komme ich wenigstens ein kleines Stück mit dir mit.

 

 

 

 

 

Bild: Shutterstock.com
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