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Das große Jammern – was für eine Mutter bin ich, wenn ich mich beschwere?

Es geht heiß her, in den letzten Tagen (mal wieder….) Endzeitstimmung könnte man es nennen. Auf Twitter jedenfalls jagt eine Diskussion die nächste.

Sherlock Kathrin skizziert für euch mal warum:

Twitter. Aka: he said and then she said and then… passte es nicht mehr in 140 Zeichen also Switch to Blog-mode.

Ein Statement einer Bloggerin führte zu einer Zwitscher-Debatte (Diskussion kann man das mit 140 Zeichen ja nicht nennen), die wiederum zum Aufruf zur Blogparade zum Thema. Es ging darum, ob eine bedürfnisorientierte Elternschaft eigentlich nur funktioniere, wenn man sich gleichzeitig aufopferte. Frau Chamailion selbst sieht das sehr differenziert, wie ich finde. Ihr findet dort auch alle anderen Beiträge (wie zum Beispiel meinen). Die Wogen schlugen hoch. Mütter mit High Need oder sonst wie betreuungsintensiven Kindern fühlten sich (von so manchen Aussagen in Richtung „Praktiziere AP und gut is‘!“) auf den Schlips getreten. Streit um ein sehr sensibles Thema war ausgebrochen. Und der war noch gar nicht so ganz vergessen, da taucht dieser Beitrag auf. In einem leider weniger differenzierten, wie ich finde, Beitrag wird hier versucht auf das sehr sensible Thema, die Mutterschaft zu bereuen, eingegangen und ziemlich altklug empfohlen, sich mehr Me-Time zu verschaffen. Praxisbeispiele für die in der letzten Woche schon angepissten Mütter pflegeintensiver Kinder hat die Autorin nur leider vergessen.
Dauerte nicht lange, bis sich Elternblogger (zu Recht) in ihrem Recht, sich auch mal zu beschweren, beraubt fühlten. Und so ganz nebenbei läuft da auch noch eine Blogparade zum Thema „Wenn ich vor dem ersten Kind gewusst hätte, was mich erwartet…“, zu der tatsächlich (hättet ihr es gedacht?) nicht nur sonnige Beiträge eingereicht werden.

Diese Chronologie durchzuarbeiten dürfte schon ein abendfüllendes Programm sein. Aber geht ja noch weiter.
Die Antworten auf den „Regretting Motherhood“-Artikel (der da so einiges zusammen in den Topf wirft, aber klären wir gleich) sind unterschiedlich. Ich lese auf 2KindChaos, dass Eltern sich beschweren dürfen, auf Von guten Eltern, dass sie es sogar sollen, aber auch auf Glucke und so, dass wir alle doch mal die Kirche im Dorf lassen sollen.

Jetzt sind also alle angepisst.

Die Mütter, die ihre Mutterschaft bereuen, trauen sich jetzt nicht mehr, ihrem Kummer Luft zu machen. Die Mütter mit pflegeintensiven Kindern fühlen sich, als würden sie übertreiben und immer nur das schlechte sehen. Die Mütter, denen es eigentlich ganz gut geht, haben spätestens jetzt das Gefühl, dass man keinen schlechten Tag haben darf, ohne von anderen Müttern schief angeguckt zu werden.
Und mittendrin „wir“ Elternblogger, die mal die Realität schildern, mit ihren schönen aber auch mit ihren negativen Seiten, mit unseren Blogparaden und unseren Statements zum Jammern und Bereuen, die vor allem immer eines tun: es öffentlich.

Wir diskutieren hier darüber, wann es jammern und wann es bereuen ist, wer sich aufgibt und wer alles tut um seine Kinder glücklich zu machen, wer mal weint und nicht immer nur glückselig ist, wer sich das im Internet traut und wer dafür in den Keller gehen muss.

Ernsthaft jetzt?

Hat eigentlich irgendwer in den letzen Tagen mal darüber nachgedacht, dass wir achso gestressten und nicht mal einfach so chillen könnenden Elternblogger dieses Netzwerk genau dafür brauchen? Um zu entspannen, um mal die Meinung zu sagen, um einfach mal abkotzen zu dürfen, unter Gleichgesinnten, die das doch bestimmt verstehen, weil es das Umfeld so gerne mal nicht tut?

Ich bin überzeugt davon, dass jede Mutter das Allerbeste für ihr Kind will.

Ausnahmslos jede Mutter. Aber die Politik macht es uns nicht gerade einfach, in dem sie uns zwar Elterngeld und Elternzeit gewährt, die Arbeitgeber wiederum aber nicht sonderlich gut absichert und wir somit ein großes betriebswirtschaftliches Loch in (vor allem kleine) Betriebe reißen (können). In dem dieses Elterngeld so knapp bemessen ist und so schnell weg, dass nur ein sehr kleiner Teil von uns wirklich lange zuhause bleiben kann und Weihnachten trotzdem nicht zur finanziellen Katastrophe wird. In dem sie der Gesellschaft suggeriert, dass Frauen die Karriere machen, besser und deren Leben erstrebenswerter ist, als das einer ungekämmten Mutti. Indem sie suggeriert, dass man sich gehen lässt, sein Leben verliert und seine Freiheit im Kreißsaal abgibt, wir aber trotzdem gezwungen sind, Kinder zu kriegen, um unser Land und unsere Rente zu sichern, weil die das da oben scheinbar nicht ohne uns und unsere Kinder können. Und Mütter lassen sich davon scheinbar anstecken. Ich kann mir sonst wirklich nicht erklären, wieso man, im gleichen Boot sitzend, den Anderen so angeht. Wieso kein verständnisvolles Nicken, wenn eine Mutter hilfesuchend jammert? Wieso kein Hilfsangebot, kein reden-lassen, kein „Komm‘, setz‘ dich, ich koche ’nen Kaffee?“ Anstelle von Verurteilungen und Besserwisserei?

Eine kranke Gesellschaft produziert kranke Menschen.

Es gibt zu viele, die der Meinung sind, Mutterschaft ist rund um die Uhr ein Geschenk, für das wir an jedem Tag ausnahmslos dankbar sein müssen. Ich bin es, für meinen Teil, die meiste Zeit. Nicht immer, auch das gebe ich – man mag es hören wollen oder nicht – gern offen zu.

Ein Beispiel: ich färbe mir meine Haare nicht mehr, weil ich keine Zeit mehr habe, regelmäßig zum Frisör zu gehen. Ich bin nämlich zweifache Mutter und das geht vor. Ich mag gefärbte Haare aber lieber. Deswegen ärgere ich mich jedes Mal beim Blick in den Spiegel und ja, wenn mich wer fragt, dann sage ich das auch! Und dann klingt das bestimmt wie Jammern – is dann aber so. Deswegen gehen meine Kinder ja trotzdem vor. Aber beschweren wird man sich doch dürfen?!
Und wo sonst, wenn nicht im Blog, zu dem nur ich das Passwort habe, in dem eben keiner meine Gedanken und Gefühle reglementieren kann, indem es einfach nur um mich geht? Denn Fakt ist auch: der Besuch kommt hier nicht mehr her um mich zu besuchen, sondern die Kinder. Und Hand aufs Herz – so oder so ähnlich ist es doch bei jedem von uns, wenn auch nicht immer, oder? Ich meine, wer von euch bekommt zum Geburtstag eures Kindes einen Blumenstrauß oder anerkennende Worte? Kaum einer. Weil die Gesellschaft das nämlich als völlig selbstverständlich hinnimmt, was es nicht ist. Und ja, darüber darf man sich ärgern.

Ist es nicht so, dass wir dieses Beschweren auch genau deshalb und an dieser Stelle brauchen?

Weil der Besuch zwar fragt wie es einem geht, aber mit der Wahrheit dann doch hilflos überfordert ist? Weil wir nämlich unsere Wochenplanungen längst nicht mehr nach den eigenen Interessen machen, sondern nach denen der Kinder bzw. der Freunde der Kinder und ihrer Eltern? Weil die Vormittage mit Kind nun mal nur Dinge behandeln, die das Kind mag, weil es ihn nämlich nicht besonders interessiert, welches Buch ICH gern lesen würde, ihm aber ganz wichtig ist, SEINE Bücher mehrfach anzuschauen?! Geht es nicht in Wirklichkeit darum, dieses virtuelle Netzwerk als Ersatz für die Kommune zu nutzen, in der unsere Vorfahren noch lebten, in denen Kinder stets betreut, Familien stets abgesichert und Frauen stets entlastet waren? Die gibt’s nämlich nicht mehr. Zumindest selten. Sich helfen lassen heißt nämlich auch immer, sich reinreden lassen. Und zumindest ich hab da nicht immer Bock drauf.
Also setze ich mich an schlechten Tagen an den Rechner, hacke ein paar zynische, fiese Wörter in meinen Blog, lese die noch 20 mal durch, streiche raus was zu krass ist und veröffentliche. Punkt.
Ich jammere? Ja mein Gott, meinetwegen. Was soll’s?

Authentizität ist einer der allerwichtigsten Punkte für das in meinen Augen gesunde Großwerden kleiner Menschen.

Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich meinen Kindern erklären kann, dass sie mein Leben so krass umsortiert und verändert und mich so häufig an meine Grenzen und darüber hinaus gebracht haben, dass ein bisschen jammern nun wirklich das Mindeste war, dass sie für mich ertragen mussten.

Keiner muss meinen Weg gut finden, ich hab das Herz am rechten Fleck und den Arsch in der Hose, selbst alles gut zu finden, was ich bzw. wir hier tun. Genauso wenig muss ich alles gut finden. Und ehrlich gesagt macht es mich RASEND, „Regretting Motherhood“ zu ein bisschen Rumjammern, weil das Kind am Kindergeburtstag nicht funktioniert, zu degradieren. Da besteht Aufholbedarf. Der Begriff ist aus anderen, sehr viel weitreichenderen Gründen entstanden und bezieht sich nicht nur auf jammernde Mütter, die im Alltag absaufen (so wie ich zum Beispiel).

Da bringt es übrigens auch nicht besonders viel, noch einen Blogbeitrag hinterher zu setzen, in dem krampfhaft versucht wird, das Gesagte sozusagen zu korrigieren und mit Beispielen aus einer angeblichen Betrachtung anzuführen. Jammern ist kacke, Schlaflerntrainings sind aber ok?

Merkste selbst, ne?!

Was ich noch nicht mag, sind Pauschalverurteilungen. Wenn ihr mich heute getroffen hättet, dann wärd ihr fest davon überzeugt, dass ich meine Mutterschaft, meine Kinder und alles andere bereue. Es war aber „einfach nur“ ein besonders beschissener Tag. Darüber schreibe ich übrigens genauso gern wie über die guten Tage und positiven Erfolge. Ich hätte aber zum ersten Mal morgens um 9 Uhr durchdrehen können. Hab ich meinen Kindern übrigens auch gesagt. Ich sage meinem großen Kleinen absolut, dass ich immer nur das spiele, was er spielen will, aber auch gern mal was machen würde, was ich mag. Saugen zum Beispiel 😉 Mal macht er mit, meistens aber nicht. Dann gibt’s hier übrigens, Achtung, großes Gejammer. Er möchte nämlich nicht, dass ich sauge. Kann ich deswegen für immer und ewig den Haushalt liegen lassen? Oder darf ich meinen Mann oder meiner Freundin eine völlig entnervte Nachricht schicken, dass das Kind versucht, mich systematisch in den Wahnsinn zu treiben, meine Seele reinigen um dann anschließend unter lautem Getöse meiner Kinder die Bude zu saugen? völlig entnervt klein beizugeben, ein Buch zu gucken oder rauszugehen, den Haushalt liegen zu lassen nur um mich am Abend bei meinem Mann dann auch darüber zu beschweren?

Kerlokiste. Wo sind wir denn? Natürlich wird sich beschwert.

Wer das Gefühl hat, das nicht zu dürfen, weil das Glück der Mutterschaft alles andere überwiegen muss: ihr seid hier herzlich willkommen. Jammert euch aus, wie ihr wollt. Es macht weder einen schlechteren Menschen, noch eine schlechtere Mutter aus euch. Es macht einen Menschen, den man besser verstehen kann. Den man hören, sehen und dem man evtl. sogar helfen kann aus euch.

Verbietet ihr euren Kindern die Meinung? Das Schreien? Das Äußern eigener Bedürfnisse? Eben nicht! Das ist nämlich elementar in jeder Art von zwischenmenschlichen Beziehung. Gefühle benennen, wahrnehmen, respektieren.

Gaukelt ihr euren Kindern vor, dass alles eitel Sonnenschein ist und ihr auf einer Welle unstillbaren Glückes reitet, seit ihr sie habt? Und falls ihr es tut – wie fair ist das denn bitte? Ich meine ernsthaft. Wer geht denn wirklich ehrlich buchstäblich voll und ganz glückselig im Windelnwechseln auf, wenn das Kind Magen-Darm-Virus hat? Keine Sau! Ich hab schon mal an anderer Stelle geschrieben, dass ich auch den Umgang mit dem Stillen in unserer Gesellschaft heutzutage zum Kotzen finde.
Ähnlich ist es mit dem gesellschaftlich akzeptierten Bild einer perfekten Mutterschaft.

Ich mache da jedenfalls nicht mit. Das ist doch kein verdammter Wettbewerb, wen denn jetzt die Mutterschaft am glückseligsten gestimmt hat, und wen sie kurz vor Irrenhaus getrieben hat. Und übrigens sind es die Entwicklungen unserer Kinder auch nicht, herrgottnochmal. Die auf die eigene Leistung zu schieben, finde ich jetzt aber wirklich sehr weit hergeholt. Ich hab in 2014 in meiner Elternzeit 24/7 mit meinem Sohn verbracht und fast 2000 Bilder gemacht. Auf nahezu jedem lacht er. Auf nahezu keinem sieht man mich. Auf nahezu jedem, auf dem ich dann aber doch bin, sieht man Müdigkeit, Erschöpfung, die ungeschminkte Wahrheit. War ich deswegen unglücklich? Nein.
Freue ich mich heute, wenn ich die Bilder sehe, über die Augenringe und die zersausten Haare? Nein. War ich zu jedem Zeitpunkt glückselig? Ganz und gar nicht. Hab ich mich beschwert? Ja. Dauernd.

Ich bereue es nicht. Es macht einen authentischen Menschen aus mir. Eine authentische Mutter. Auch weil es mein Credo unterstreicht:

Unsere Gefühle sind unser gutes Recht.

Im Grunde sollten wir uns freuen und dankbar sein, dass wir uns haben. Nicht weil wir sonst als Mutter niemanden haben, sondern weil es nun mal einfach sehr häufig vorkommt, dass man im Internet und gerade auf Blogs, auf Gleichgesinnte stößt, die nachfühlen, was man durch macht.
Beim nächsten mal wenn eine Mutter also jammert, gibt es noch einen anderen Anhaltspunkt: die gesamte Situation betrachten. Warum ist sie so gestresst, dass ihr das scheinbar unendliche Mutterglück nicht reicht? Was sind die Umstände? Was hat sie diese Woche vielleicht alles erlebt? Konnte sie schlafen, essen, trinken, in Ruhe einen Kaffee genießen? Und wieso sollten all diese Bedürfnisse einfach plötzlich entfallen, weil man Mutter geworden ist?

Mamis, euch schaukelt niemand ganz bedürfnisorientiert in den Schlaf. Euch trocknet niemand die Tränen, wenn ihr nach einem Tobsuchtsanfall eures Kindes oder einem minutenlangen Schreikrampf die Anspannung raus lassen müsst. Euch kocht niemand gesundes Essen, 2-3 Mal am Tag und erweist Geduld und liebevolle Konsequenz, wenn ihr danach völlig entrüstet den Teller durch die Küche schmeißt. Euch tröstet keiner, wenn das Kind dir trocken und ehrlich ins Gesicht sagt, dass es dein Essen nicht mag und das Geschenk auch nicht. Und außer im Blog oder auf Twitter führt ihr in den 10 Stunden mit euren Kindern auch sicherlich keine Diskussion, die euer Hirn so füttert, dass ihr ausgelastet ins Bett geht.

Ihr leistet ganz großartiges. Ihr harrt und haltet aus, ihr seid da, ihr haltet eure Kinder, trocknet Tränen, helft ihnen beim Großwerden.

Ihr seid toll! Ihr seid großartig! Ihr habt es euch verdient, auch mal die Schattenseiten zu erwähnen. Die gibt’s nämlich. So einfach ist das.

Gerade weil wir hier von unserer Verantwortung und Liebe für unsere Kinder sprechen, dem härtesten Job der Welt, ist es so wichtig, sich ein Ventil zu schaffen, welches auch immer. Wer nicht 2-3 Mal die Woche reiten kann, der meckert eben mal 10 Minuten rum.

Ich liebe meine Kinder, das kann ich gar nicht in Worte fassen. Und das hören sie am Tag noch häufiger als alles andere. Sie hören, wie sehr ich sie liebe, wie stolz ich bin, ich jubele bei jedem neuen Wort, ich lache und tanze mit Ihnen. Sie hören eine Entschuldigung von mir, wann immer ich zu sehr gebrüllt oder geschimpft hab oder mich schon wieder beim Handy-daddeln erwischt hab. Sie hören Lob und Anerkennung. Und deshalb hören Sie auch meinen Kummer mal, ich gehe zum weinen nicht in den Keller. Weder, es hat etwas mit Ihnen zu tun noch mit etwas anderem. Wir sind hier eine Familie und wenn mir das andauernde Geplapper vom großen Kleinen auf die Geduld geht, oder das Gemotze des kleinen Kleinen – dann hören sie auch das. Alles andere wäre nämlich Schauspielerei und Dressur.

Und übrigens: ich finde Mütter, die ihren Tag auf Twitter, Facebook, Amazon oder sonstwo am Handy verbringen nicht sehr viel glückseliger in ihrer Rolle, als die, die mir zwischendurch mal erzählen, wie anstrengend alles ist.

Aber wem da der Realitätssinn fehlt, das besprechen wir mal an anderer Stelle.

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