Liebe. Schmerz. Und das ganze verdammte Zeug.

Liebe. Schmerz. Und das ganze verdammte Zeug.

Jeden Tag um kurz nach 17 Uhr legte er das Gesicht in die Hände und begann zu weinen. Allerdings erst einige Monate nach ihrem Tod. Davor, die ersten Tage und Wochen, hatte er pausenlos geweint. Seine Augen füllten sich unaufhörlich mit Tränen, die Luft war gefüllt von diesem unsagbaren Schmerz, den ihm niemals wieder jemand würde nehmen können. Mein Großvater war 80 Jahre alt und weit über 50 Jahre mit meiner Großmutter verheiratet gewesen, als ihre schwere Krankheit sie heimsuchte und gewann, im Juli 2000.

Es waren die letzten Wochen der Sommerferien und ich ging jeden Tag durch die heißen Straßen unseres Dorfes, um ihn zu besuchen. Ich saß oft schweigend neben ihm in der Küche, sah ihm dabei zu, wie er seine Zigaretten drehte oder still aus dem Fenster sah. Mit dem Tod meiner Oma war der Glanz aus dem Gesicht meines Helden gewichen. Vor mir saß der gleiche 2-Meter-Mann, wie noch vor Wochen. Aber es war nur noch seine Hülle.

Wenn meine Familie heute von ihm spricht, dann nur in guter Erinnerung. Alles an ihm war bewundernswert. Er war riesengroß, stark, hatte den Krieg überlebt. Er rauchte seit 65 Jahren und war nie krank gewesen. Die Reifen seines Autos wechselte er, indem er es auf die Seite legte und daran rum schraubte. Das Haus, in dem die Familie über Jahrzehnte gelebt hatte, hatte er mit bloßen Händen, Stein auf Stein, nach dem Krieg gebaut.

Mein Opa war ein Held. Ein Abenteurer. Unbesiegbar.

 

Und er war weg.

Er saß dort, vor Kopf an diesem Tisch, so wie er mein ganzes Leben lang dort gesessen hatte. Ich war meine gesamte Kindheit bei ihm ein -und ausgegangen. Nach der Schule, an den Wochenenden, einfach so…. ich liebte meine Großeltern mit dieser unsterblichen, kindlichen Liebe. Keinen Gedanken daran, dass es sie mal nicht mehr geben könnte. Aber neben ihm zu sitzen fühlte sich nun anders an. Als sei man mit einem Gespenst im Raum. Oder einem Fremden.

Nichts erreichte ihn. Er lächelte nicht mehr. Er hatte keine Witze mehr über, keine lockeren Sprüche mehr. Keine aufmunternden Worte. Nur seine Tränen und sein bebendes Schluchzen, nachmittags um kurz nach 17 Uhr, zur Uhrzeit, an der meine Großmutter „die Augen zu gemacht hat“, wie er zu sagen pflegte.

Am 8. Dezember 2000 lief ich nach der Schule an der Bushaltestelle vorbei und sah ihn dort stehen. Er sah gepflegt aus, lächelte. Ich freute mich, ihn zu sehen und stürmte auf ihn zu. Mit einer wilden Umarmung und einem dicken Kuss auf seine Haut, von der ich noch genau weiß, wie sie sich anfühlte, begrüßte ich ihn. Er roch nach Aftershave, Nikotin und Vorfreude. Omas Tod war 5 Monate vergangen. Ich sah ihn wieder, diesen Glanz. Er lachte und scherzte und war voller Glück. Er machte sich auf den Weg zur Weihnachtsfeier seiner alten Arbeitsstelle. Meine Freude über diesen Schritt, der signalisierte, dass er seinen Lebensmut offensichtlich wieder hatte, war riesig. Ich tänzelte lachend und glücklich nach Hause, nachdem ich ihn erneut fest gedrückt, geküsst und ihm zum Abschied noch einmal ins Gesicht gesehen hatte. Er hatte gelächelt und gestrahlt. Mein Held.

Am frühen Abend des 8. Dezember rief mich meine Mutter bei der Freundin, bei der ich den Nachmittag verbracht hatte, an. Ich müsse so schnell wie möglich heim kommen. Ihr Vater fuhr mich, ich stürmte zur Tür herein. Meine Mutter saß auf der Lehne des braunen Sofas und mein Vater hatte die Arme um sie gelegt. Ich starrte sie an, als sie mit einem Taschentuch vorm Mund leise, fast flüsternd, sagte: „Kathi —- der Opa ist überfahren worden“.

Schmerz.

Ich liebe die Liebe. Sie bewegt mich, treibt mich an. Ich liebe diese Welt, die Tiere und die Natur in ihr. Alles daran ist schützenswert und liebevoll. Ich liebe das Meer, die Wälder und Bäume. Meine Familie, meinen Mann, meine Kinder. Und ich glaube an sie, selbst wenn sie mich verlässt. Wie in diesem Moment, als ich im Flur der Wohnung meiner Eltern stand und schrie. Ich schrie so laut und so voller Schmerz, wie ich es noch nie getan hatte. Ich sackte zusammen, mein Vater kam und hielt mich und unter meinem verzweifelten Schluchzen hebten und senkten sich seine Arme, die sich schützend um mich geschlungen hatten.

Mein Held war tot. Weg schon lange. Doch nun endgültig. Ich brauchte lang, bis ich das hilflose Weinen überwunden hatte. Dann erzählte ich meiner Mutter von der Begegnung am Mittag. Sie schluckte und sagte kein Wort.

Mein Großvater, der riesengroße 2-Meter-Mann, der sein Haus mit den eigenen, nackten Händen erbaut hatte, der Krieg, Prügel und Schmerz überlebt hatte, den 65 Jahre Nikotin nicht mal den Anflug eines asthmatischen Anfalls gebracht hatten, dem sowieso niemals etwas auch nur einen Kratzer hätte zufügen können… dieser Held war in der winterlichen Dämmerung auf einer ländlichen Straße von einem Peugeot erfasst und überfahren worden. Wir wissen nicht viele Details. Die Geschichte ergibt keinen Sinn. Zumindest nicht so, wie sie von der Polizei erzählt wurde.

Aber wir wissen: es muss kurz nach 17 Uhr gewesen sein.

 

Liebe.

Mein Großvater hatte geliebt. So sehr, dass mit dem Tag, an dem das Leben aus dem Körper meiner Oma gewichen war, der Lebensmut in ihm starb. Nicht seine Einsamkeit, sondern seine Liebe hatte ihn auf diese Straße getrieben, die von allen Seiten hervorragend einzusehen ist. Mit dem Körper meiner Oma war seine Liebe verbrannt worden. Und nichts in ihm konnte mehr weitermachen, ohne sie. Da waren wir, seine Familie, die er zweifelsohne liebte. Er zehrte von seinen Erinnerungen an ein Leben voller Glück mit einer Frau, die er trotz ihrer 150kg „Hummelchen“ nannte. Seine Enkelkinder, seine eigenen Kinder – alle waren da, um ihm sein Leben nach ihrem Tod zu verschönern. Doch es hatte nicht gereicht. Meine Oma war gegangen und hatte seine Liebe mitgenommen.

17 Jahre später sind alle unsere Vermutungen des tatsächlichen Szenarios nur Spekulationen. Für mich hat mein Held etwas sehr wenig heldenhaftes getan. Nein, damit meine ich nicht seine freie Entscheidung über den Zeitpunkt seines Todes, denn davon gehe ich ehrlicherweise aus – nein. Ich meine, sich auf diese Straße zu stellen und sich von JEMANDEM überfahren zu lassen. Von jemandem, der vielleicht wie ich auch 17 Jahre später noch fast täglich an ihn denkt. Der für immer damit wird leben müssen, jemanden überfahren zu haben. Jemand, zu dem wir niemals Kontakt aufnehmen durften weil es ein Gericht gegeben hatte, das über diesen Fall entscheiden und einen möglicherweise unschuldigen Menschen hat bestrafen müssen. Und alles was uns bleibt, 17 Jahre später, nach dieser tragischen Geschichte, den Erinnerungen an einen wundervollen, großartigen Menschen und eine sehr traurige Tat, ist: Liebe.

 

Liebe. Schmerz. Und das ganze verdammte Zeug.
Liebe. Schmerz. Und das ganze verdammte Zeug.

 

 

…und das ganze verdammte Zeug.

Vielleicht schubst dich diese Liebe manchmal mit beiden Händen und ausgestreckten Armen im Winter auf die Straße. Und vielleicht lässt sie dich leiden und hassen und manchmal ist sie dir vielleicht auch abhanden gekommen. Du verlierst den Glauben an sie und an alles, was sie bewirken könnte, wenn sie doch nur mächtiger wäre als ihre Gegner. Manchmal fällt es dir schwer, an ihr festzuhalten und darauf zu vertrauen, dass auch sie es ist, die am Ende den Sinn ergibt. Gerade dann, wenn nichts Sinn ergibt.

Ich war 13 Jahre alt, als meine Großeltern starben. Genau 13 Jahre später schenkte mir das Universum im Dezember meinen ersten Sohn. Und nur sehr kurze Zeit darauf im Juli meinen zweiten. Das kann kein Zufall sein und selbst wenn es einer ist, dann sage ich euch was: dann ist es meine LIEBE die aus dem Zusammenhang der Geburtsmonate meiner Kinder und der Sterbemonate meiner Großeltern nach genau 13 Jahren einen SINN macht. Der nichts aufwiegt. Nichts wieder gut macht. Und nichts rechtfertigt. Aber der diesem kurzen Moment, in dem meine ganze Liebe so überwältigt war von meiner Angst, meiner Trauer, meinem Hass – ein neues Gesicht gibt. Es ist, als würde mein Großvater nun wirklich da oben irgendwo sitzen, mit diesem Glanz in seinem Gesicht, den ich zwischen Juli und Dezember 2000 so vermisste, und als habe er mir absichtlich in den Monaten, die mit den dunkelsten Erfahrungen meines Lebens geprägt waren, ausgerechnet diese beiden Menschen geschickt. Die so vieles sind: bunt, wild, laut, wundervoll, klug, wunderschön, großartig aber vor allem: der Inbegriff meiner Liebe.

Wo Schmerz ist, da ist auch Liebe

Wo Schmerz ist, da ist sie auch. Und wo Trauer ist, da ist sie auch. Sie ist die Hoffnung, sie ist das Weitermachen, wenn man eigentlich nicht mehr kann. Sie ist der Glaube und das unermüdliche Wachsen an Herausforderungen. Ich glaube, sie ist überall. Sie war auf dieser Straße bei meinem Opa, der nichts weiter wünschte, als sie wieder zu haben. Ich hoffe, sie war auch bald wieder bei dieser armen Person, die das Auto lenkte. Sie ist in mir. An jedem Tag, an dem ich an meine Großeltern denke und an ihre Liebe, die so stark gewesen sein muss, dass das Leben für ihn nicht mehr lebenswert war, ohne sie.

Ich sehe ihn vor mir, jeden Tag um kurz nach 17 Uhr. Er legt das Gesicht nicht mehr in die Hände, sondern er sitzt neben seinem Hummelchen. Dort, wo seine Liebe ist und auch wenn wir es nicht sind, wir spüren sie noch immer. Ich sehe sein Strahlen, wie er den starken Arm um meine mächtige Oma legt und sie auf die Stirn küsst. Ich weiß: sie hört nie auf. Einen Moment lang stelle ich ihn mir vor, wie er dort oben auf uns herab schaut und wie er sich freut, dass ich begriffen habe, dass er nicht aus Traurigkeit von uns ging, sondern aus Liebe zu seiner Frau. Und dabei hat er genau so ein Lächeln auf den Lippen, wie er es an der Bushaltestelle hatte, als ich mich von ihm verabschiedete.

Oder er sich von mir. Wer weiß das schon.

 

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