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„Mein Baby gehört zu mir“ – Tina über „Selbstbetreuung“, Vorurteile und Gleichwürdigkeit #RabenmütterErzählen

Tina und ihren Blog Jutima.at lernte ich über Twitter kennen. Wie das eben so ist, man kommt ins Gespräch, liest gegenseitig ein paar Texte, versteht sich gut und bleibt in Kontakt. Irgendwann twitterte Tina eines Tages jedoch über ein trauriges Gefühl beim Gedanken an die (mögliche) Betreuungssituation und schulische Zukunft ihrer Tochter und dass da viele Gedanken seien, die bald raus müssten. Ich bin sehr froh und geehrte, dass du, Tina, dich mit diesen Gedanken an mich gewendet hast und ich sie heute bei #RabenmütterErzählen veröffentlichen darf. Denn so einfach, wie die Menschen es vielleicht sehen wollen, ist es leider nicht.

Aber lest selbst.

 

Vorhang auf für Tina bei #RabenmütterErzählen

 

tuj

 

„Mein Baby gehört zu mir!“

 

Ok, ich oute mich. Ich bin Selbstbetreuerin. Oder wie man früher sagte: Mama.

Ehrlich gesagt habe ich bloß keine Lust auf Läuse, Würmer, Elternabende und Laternenfeste. Würde mein Kind in den Kindergarten gehen, dann müsste ich mir ja jeden Morgen etwas anziehen, um aus dem Haus gehen zu können und mir vielleicht sogar die Haare kämmen.

Ich müsste raus bei Wind, Regen und Kälte, und davor mein Kind in Jacke und Schuhe zwängen. Ich könnte meinen Kaffee wahrscheinlich nicht in Ruhe austrinken und müsste mich mit Menschen unterhalten, in aller Frühe (ohne Kaffee!!!). Ich müsste Jause richten, Brotdosen waschen und das Gewand für den nächsten Tag bereit legen. Wer will das schon? *ironieoff*

Ja natürlich. Ich bin eine Helikoptermutter, eine überbehütende Oberglucke, ich nehme meinem Kind wichtige Erfahrungen weg und sperre es zuhause ein. Ganz klarer Fall. Ich übertrage meine (Trennungs-)Ängste bestimmt nur auf mein Kind und bin außerdem zu faul zum Arbeiten.

Die wenigsten sagen mir das ins Gesicht. Doch denken werden das viele. Im Ver- und Beurteilen sind wir ja leider alle recht schnell.

Bestimmt habe ich mir die Schreiattacken, die Panikanfälle, die Ticks, die ständige Anspannung und die durchgemachten Nächte bloß eingebildet. Irgendwann hätte sich das sicher gebessert, wenn ich etwas härter durchgreifen würde. Kinder schreien nun mal, aber irgendwann gewöhnen sie sich schon daran. Sie müssen es ja lernen, und uns hat es ja auch nicht geschadet.

 

Doch wisst ihr was? So einfach ist es nicht.

 

Nur weil ein Kind ein Kind ist, heißt es nicht, dass wir Erwachsenen über es bestimmen und herrschen dürfen. Dass wir versuchen dürfen, es in Schemen zu pressen, um irgendeinem Standard, irgendeiner Norm, einer Statistik oder auch einem unsinnigen Gesetz zu entsprechen (in Österreich gibt es ein Pflicht-Kindergartenjahr).

Wenn Kinder zur Welt kommen, vertrauen wir ihnen. Wir vertrauen darauf, dass sie sich auf uns prägen und uns als Bezugspersonen (an-)erkennen. Wir vertrauen darauf, dass sie sich melden, wenn sie Hunger oder ein anderes wichtiges Bedürfnis haben. Wir vertrauen darauf, dass sie krabbeln, sitzen, laufen und sprechen lernen, wenn sie dazu körperlich und geistig in der Lage sind. Niemand käme auf die Idee, das anzuzweifeln.

Wenn mir also meine Tochter sagt, sie möchte nicht in den Kindergarten, ihr ist das alles zu laut und zu wild, sie will lieber bei mir bleiben – dann darf ich das nicht ernst nehmen? Wenn ich sehe, wie sie leidet, wie sie plötzlich vor Überforderung aufhört, fröhlich zu sein, nachts alle 30 Minuten schreiend wach wird weil sie Angst hat, dass wir Eltern nicht mehr da sind, dann soll ich einfach weitermachen und mir denken, sie gewöhnt sich schon daran?

Das kann ich nicht.

Vor allem: Das will ich nicht. Ich möchte, dass meine Tochter lernt, dass wir Eltern für sie da sind. Ich möchte, dass sie merkt, dass wir ihre Gefühle ernst nehmen. Ich möchte, dass sie glücklich ist.

Viele denken wahrscheinlich, dass ich es mir zu einfach mache. Doch ihr könnt mir glauben: Gegen den Strom zu schwimmen ist alles andere als einfach. Wir müssen viele Abstriche machen. Wir müssen auf ein zweites Gehalt verzichten. Wir müssen auf Freizeit ohne Kind verzichten. Wir müssen Anträge ausfüllen, mit Behörden telefonieren, uns rechtfertigen.

Einfach wäre, sie hinzubringen, sie schreien zu lassen, zu warten, bis sie resigniert. Das würde aber allem widersprechen, wofür ich stehe. Es würde mich zerreißen. Es würde mich und mein Kind kaputt machen.

 

Vielleicht…

 

Vielleicht hätte es geklappt, wenn die Gruppe kleiner gewesen wäre. Vielleicht hätte es geklappt, wenn die Pädagoginnen sich vorab ein wenig mit der Besonderheit meines Kindes auseinander gesetzt hätten. Vielleicht hätte es mit einer Integrationskraft – auf die man aber keinen Anspruch hat – funktioniert. Vielleicht ist unsere Bindung zu eng. Vielleicht hätte sie sich irgendwann wohler gefühlt. Aber eben nur vielleicht. Und bis dahin wären wir als Familie durch die Hölle gegangen. Darum gehen wir eben einen anderen Weg – gemeinsam.

 

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