Königsdisziplin: Eingewöhnung eines hochsensiblen Kindes

Mein hochsensibles Kind

Wenn 5 Minuten einen Unterschied für den Tagesverlauf machen, du beim Backen nur noch mixen kannst, wenn dein Kind einen Kopfhörer auf hat, wenn ein Spaziergang ein Erlebnis für alle Sinne wird und kalte Finger sein Ende bedeuten – dann ist dein Kind vielleicht Hochsensibel.

Wenn ein Stück Knete, frisch aus der Packung, nicht direkt zum Spielen verwendet werden darf, sondern erst auf Geruch, Konsistenz, Haptik und Aussehen geprüft werden muss, wenn ein zerbrochener Keks ein Tränenmeer hervorruft, wenn zu viele Fragen hintereinander einen Wutanfall auslösen und du deine eigene Einstellung zu Dingen wie Stress, Anspannung, Terminenge grundlegend ändern musst – dann ist dein Kind vermutlich Hochsensibel.

Wenn der Tag zu lang, die Sonne zu hell, der eigene Kopf zu laut und die Welt zu schnell ist – dann ist dein Kind vermutlich Hochsensibel.

Von Hochsensibilität hatte ich bei der Geburt von Bubba Ray noch nie etwas gehört. Und auch die folgenden 1,5 Jahre nicht. Mein Kind war fordernd und irgendwie besonders. Eindrücke und Reize waren für ihn Gift. Oft folgten auf Unternehmungen tagelange Wein- und Schreiattacken, vor allem beim „Cool Down“ am Abend und beim Einschlafen. Er war kein Schreibaby. Anfangs auch kein 24-Stunden-Baby. Er schrie und wenn er das tat, dann wackelten die Wände. Schon immer machte er deutlich was er fühlte. Und nicht nur das – damit hätten wir ihn vielleicht zunächst nur als temperamentvoll eingestuft. Doch bereits als winzigkleines Minibaby machte er auch deutlich, was WIR fühlten. Ich erinnere mich an ein Telefonat mit meiner Mutter, das Baby lag vollkommen entspannt in seiner Wippe und kaute auf seinem Däumchen rum. Er war vielleicht 8 Wochen alt. Meine Mutter erzählte mir etwas, das mich aufbrachte. Ich hob die Stimme, wetterte am Telefon, schrie nicht, wurde aber lauter und regte mich auf. Augenblicklich schrie er. Er wurde unruhig, entzog sich aber meinem Trost.

Zu viel Nähe zu emotional aufgeladenen Personen macht ihn – buchstäblich – wahnsinnig.

Noch heute flüchtet er dann von meinem Arm. Genauso konnte ich nach wenigen Wochen des Zusammenlebens anhand der Reaktion auf seinen Vater, wenn dieser von der Arbeit kam, und anhand seines Verhaltens genau sagen, ob mein Mann einen stressigen Arbeitstag gehabt hatte, den er noch nicht hatte ablegen können, oder nicht. An solchen Tagen musste ich, damit die Nacht nicht völlig gelaufen war, meinen Mann bitten, Abstand zu nehmen, sich eine Pause zu gönnen und erstmal runter zu kommen. Stimmungen übertragen sich extrem auf Bubba Ray, er kann sich ihnen nicht entziehen. Extreme Gefühle spiegelt er in beide Richtungen, fröhlich wie unglücklich, doppelt so heftig wieder.

Nagut. Er war offensichtlich temperamentvoll UND empfindsam. Ich fand ihn toll. Ich liebte ihn. Ich war nicht sauer oder überfordert damit, ihn abends stundenlang durch die Wohnung zu tragen bis er schlief. Er war ein Baby und für mich war selbstverständlich, dass er meine Fürsorge, in welche Richtung auch immer, brauchte.
Doch mit den Monaten tauchten immer mehr „Macken“, wie wir es liebevoll nannten, auf, die in mir ein Gefühl weckten, dass ich nicht mehr los wurde: dieses Kind ist anders. Anders als ich. Anders als sein Vater. Anders als Kinder gleichen Alters.

Bubba Ray lehnte von Anfang an ab. Alles mögliche. Ich bewunderte ihn für seine klare Vision. Er schien genau zu wissen, was er wollte und was nicht. Und wir ließen geschehen und nahmen es hin.

Dieses Kind, so war ich mir von Anfang an ganz sicher, das weiß, welchen Weg es gehen will.

Den müssen wir nur begleiten. Wenn er wieder ablehnte, Dinge nicht essen, nicht probieren, nicht zulassen wollte, fühlte ich mich dennoch manchmal beleidigt. Ich fragte mich, wieso das Kind mich ihm nichts gutes tun ließ und wo denn eigentlich bei jeder Kleinigkeit nun das Problem sei. Ich verstand nicht, wieso er alles selber essen und selber anfassen wollte. Er wählte sein Essen mit Bedacht, nie zu viel, nie zu heiß, nie zu kalt. Er war filigran, vorsichtig und konnte Stunden damit verbringen, alle seine Sinne mit einem einzigen Brokkoliröschen anzusprechen. Er war ein Entdecker – das ist jedes Kind. Keine Frage. Doch gleichermaßen überforderte es ihn schon von Anfang so sehr, wenn etwas nicht war, was er glaubte, das es war. Zum Beispiel: wenn Erdbeeren aus dem Kühlschrank kamen und kalt waren, anstatt Zimmertemperatur zu haben, die er gewohnt war. Es konnte – und kann heute noch – bedeuten, dass er mehrere Tage oder Wochen keine Erdbeeren essen wird, weil ihm der Schreck über die Kälte tief in den Knochen sitzt. Letztens aß er eine Möhre, ein Stück blieb zwischen den Zähnen stecken. Wir putzten es raus, aber ihr wisst, der Druck hält eben noch ein paar Minuten an. Er möchte nun keine rohen Möhren mehr essen, wenn überhaupt müssen sie weich gekocht sein. Gleiches gilt für Lautstärke. Mittlerweile kennt er die Stufen meines Mixers und bittet mich, „nur bis da“ (zeigt zum Beispiel auf die mittlere Stufe) zu stellen. Dann ist es nicht so laut und er kann es ohne Kopfhörer aushalten.

Verflixter Zufall und nix dahinter. Das waren meine ersten Gedanken. Ich kannte ihn gut, wir hatten schon immer ein enges Band.

Interpretiere nicht so viel hinein, dachte ich mir.

Eines Tages las ich in einer Facebook Gruppe von Hochsensibilität und hatte ein Gefühl im Bauch: das muss es sein.
Ich googelte und recherchierte und war nach wenigen Tagen ziemlich sicher, dass mein Kind nicht nur für mich und meinen Mann etwas besonderes war.

Hochsensible Kinder sind ein Segen, ein Geschenk unschätzbaren Wertes. Sie sehen und hören mehr. Sie nehmen mehr wahr und geben mehr weiter. Sie fühlen mehr und lieben intensiver.

Doch: hochsensible Kinder sehen und hören mehr. Sie nehmen mehr wahr und geben mehr weiter. Sie fühlen mehr und lieben intensiver. Fluch und Segen liegen für das Kind sehr nahe beieinander.

Wenn mein Sohn sich heute, mit 28 Monaten, beim Buch-Vorlesen langweilt, weil wir es schon 623 gelesen haben, dann lernt er es auswendig und erzählt es mir beim nächsten Mal. Fehlerfrei. Wenn ich beim Einschlafen abends nicht zum 3. Mal das Lied singen möchte, singt er es sich selber vor. Fehlerfrei.
Wenn er einen Kuchen isst, dann nur, wenn er ihn vorher gerochen, vorsichtig getestet und selbstständig zerteilt hat. Fehlt einer dieser Schritte, werde tendenziell ich das Stück essen und ihm ein neues, unversehrtes geben müssen, denn er kann einfach nicht damit leben, den Geruch der Speise nicht zu kennen, bevor er sie in den Mund steckt.

Er ist gerade mal 2 Jahre alt, doch wenn Leute ihn kennenlernen, sind sie meistens nach kurzer Zeit von ihm und seiner Sprachgewalt entzückt. Sie können Geschichten über ihn kaum fassen, weil man sie von einem Zweijährigen nun mal nicht annehmen würde. Ich nehme es keinem übel, ich selbst bin oft überfordert von seiner Schläue, Aufmerksamkeit und Intensität. Er lebt extrem. Er ist wahnsinnig mutig, traut sich viel, WENN wir ihn begleiten. Ohne uns, seine Säulen, macht er zu. Stagniert. Passt sich dann und wann an. Gleichzeitig muss ich mich selten sorgen, dass er sich wirklich ernsthaft verletzt, denn ein gesundes Bauchgefühl sorgt dafür, dass er viele Dinge auch einfach umgeht. Ihn umgibt eine besondere Aura. Meine Mutter sagt, er betritt einen Raum und „scannt“ ihn und damit hat sie Recht. Mittlerweile weiß ich, dass er nicht nur den Raum und die Möbel darin scannt sondern auch die Stimmungen der Menschen darin. Und meine. Denn ich stehe hinter ihm oder habe ihn auf dem Arm und wenn ich ihm Unsicherheit signalisiere (und das kann schon ein Kuchen auf dem Tisch sein, von dem ich nicht möchte, dass er ihn isst), wird er sich mehr Zeit für den Scan nehmen und herausfinden, was mich bedrückt. Und versuchen, das für sich einzusortieren.

Seit er läuft und spricht und ganze Diskussionen und Konversationen führen kann, verstehe ich ihn besser und lasse ihn gelassener auf die Menschheit los.

Vorher vermutete ich – instinktiv, auch ohne den Begriff zu kennen – hinter jeder Ecke eine potenzielle Gefahr für ihn.

Ein Zuviel an Reizen, Stress, Gefühlen, die er nicht würde bündeln können. Es ist auch der Grund, weshalb ich den Ausdruck „Helikopter-Eltern“ hasse wie die Pest, aber dazu schreibe ich euch noch einen separaten Blogpost 😉

Ich bin froh, nach nunmehr über 2 Jahren mit ihm, dass wir uns für den Weg entschieden haben, den wir gegangen sind und gehen. Er und sein Bruder wachsen geborgen und so gut wir es schaffen ohne Erziehung, die ihn überfordern und einsperren würde, auf. Er braucht klare Rahmen, Abläufe, Strukturen, Dinge und Menschen, die sich nicht verändern. Säulen, sozusagen, an denen er sich ausrichtet, jeden Tag einmal. Die kleinste Unebenheit kann dazu führen, dass er buchstäblich die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und sich verkrümeln, einigeln, zuhause verstecken will.

Das hochsensible Kind liest zwischen den Zeilen und das, was es dort nicht heraushört, das liest es aus deinen Gedanken. Du hast praktisch keine Chance, nicht authentisch zu sein, selbst wenn du es versuchen wollen würdest. Unabhängig von der Hochsensibilität meines Kindes lehne ich das Lügen strikt ab – egal ob erwachsen oder Kind. Doch bei einem hochsensiblen Kind kann das Verdrehen von Tatsachen ein Vertrauensbruch sondergleichen bedeuten. Wenn ich meinem Kind sage, wir hätten keine Schokolade mehr, obwohl wir welche haben und ich nur nicht möchte, dass er sie isst, dann wird er das entlarven, früher oder später. Ich lasse sie ihn essen und vertraue. Vertraue auf meine Kochkünste und darauf, dass er trotzdem Gemüse essen wird und vertraue ihm. Vertraue darauf, dass er sich selbst regulieren und einfach aufhören wird, wenn es genug ist. Und es klappt – bisher 😉

Nach 2 Jahren mit meinem Kind habe ich gelernt, ihn jeden Tag neu zu entdecken.

Nur weil Zähneputzen gestern gut funktionierte heißt das nicht, dass es die folgenden 2 Wochen funktioniert. Die Tatsache, dass er nicht völlig allein so putzen kann wie er es will ohne, dass dabei auf lange Sicht seine Zähne kaputt gehen, stresst ihn. Zähneputzen ist ein massiver Eingriff in seine hochsensitive Körperwelt, die er so intensiv wahrnimmt, dass er eben nicht „einfach so“ putzen kann.

Als wir nun also einen „Arbeitstitel“ für seine Besonderheit hatten, begab ich mich auf Recherche. Es gibt ganz wunderbare Literatur zu dem Thema, die ich euch in den nächsten Wochen vorstellen (und übrigens zum Teil auch verlosen) möchte und die mir geholfen hat zu verstehen, welche Gabe er besitzt und welches Geschenk mir mein Universum geschickt hat. Denn Kinder öffnen den weiten Blick, sorgen dafür, dass wir Prioritäten neu sortieren und achtsam mit den großen und kleinen Dingen des Lebens umgehen.

Und mein hochsensibles Kind lehrt mich darüber hinaus, all diese Dinge auch noch mit allen Sinnen zu erfahren.

Und so nehme ich euch mit auf eine Reise in die Welt der Hochsensibilität, die hier auf dem Blog einziehen und uns sicher so schnell nicht mehr verlassen wird.

Habt ihr ein oder mehrere hochsensible Kinder?
Wie nehmt ihr die Hochsensibilität wahr, als Geschenk oder Fluch?
Wie äußern eure Kinder sich und ihre Emotionen, wie schafft ihr, im Alltag auf die Großen und kleinen Macken einzugehen, das Kind nicht zu überfordern?
Wann und wie habt ihr festgestellt, dass euer Kind hochsensibel ist?

Ich freue mich auf eure Kommentare und Erfahrungsberichte!

13 comments

  1. sehr schön. Wir haben auch ein hochsensibles Kind. Dass ihr Essverhalten damit zusammenhängen könnte, hatte ich mir noch gar nicht überlegt. Sie ist jetzt in der Schule, aber war auch mit 2 Jahren schon in ihrer verbalen Ausdrucksweise viel, viel weiter… sie kann sich in einer Intensität in Menschen hineinfühlen und kleinste Kratzer führen zu extremsten Gefühlsausbrüchen. Hat sie wirklich so starke Schmerzen oder ist sie nur eine „drama-Queen“? Ich denke, es ist wichtig, dass die Kinder nicht verwöhnt werden und wir sie lebensfähig erziehen im Respekt auf ihre Stärken und mit Bedacht auf ihre Schwächen. Unsere Große braucht mehr Zeit, kann nicht mehrere Dinge auf einmal machen, ist also leicht abgelenkt… Ihr wird schnell alles zu viel und die Gefühle überströmen sie manchmal. Ich lerne mit ihr, Gefühle zu sortieren und in bestimmte Zimmer zu stecken und die Gefühle bewusst wahrzunehmen. Das haben wir mit 5 Jahren angefangen und jetzt ist sie schon viel stärker und belastbarer.

    1. In dem Punkt gebe ich dir Recht: hochsensible Kinder fühlen sich nicht wohler, wenn man sie in Watte packt und anders behandelt als andere. Ich glaube eher, das erschwert die Sache. Ihre Sensibilität ist etwas besonderes, ja, aber sie sind keine Aliens! Und wollen es auch nicht sein. Es würde mir ganz fern liegen, mein Kind jetzt zu glorifizieren und auf irgendwelche Scheffel zu heben! Ich denke vielmehr, dass es wichtig ist, ihre Emotionen und Sensibilität zu begleiten und ihnen den Weg in die Gesellschaft etwas zu erleichterten. Euren Ansatz finde ich sehr gut. Es wird eurem Kind sicher helfen!

  2. So vieles was du schreibst kommt mir bekannt vor. Ich kann nicht mal eine Suppe pürieren ohne das Schmatzipuffer anfängt zu weinen. Wenn sich unsere beiden Katzen mal kappeln, reagiert Schmatzipuffer auch mit untröstlichem Weinen. Derlei Dinge könnte ich noch ewig aufzählen. Auf der anderen Seite reagiert er aber auch ganz toll wenn ich traurig bin und versucht mich mit kuscheln zu trösten oder mich zum Lachen zu bringen. Aus diesem Grund seh ich die ausgeprägte Sensibilität meines Kindes als Geschenk an. Ab dem Punkt, wo ich darum wusste, konnte ich es annehmen!

    Liebe Grüße,
    Kathi

    1. Hi Kathi,
      ja, das kann ich bei Bubba auch feststellen. Er sorgt sich um uns. Er will oft wissen „Was denn los?“ Und gibt keine Ruhe, wenn ich meine Gefühle nicht erläutere. Darüber freue ich mich einerseits. Jedoch müssen wir alle noch lernen, ihm unsere Emotionen zu vermitteln, ohne dass er selbst sie übernimmt und sich gleichermaßen schlecht fühlt. Das ist ein Drahtseilakt. Aber das kriegen wir hin 🙂
      Liebe Grüße und danke für deinen Besuch!

  3. Das hast Du wunderbar geschrieben! Vieles erkenne ich, an einiges erinnere ich mich zurück, was mittlerweile mit meinem Großen leichter geworden ist, und einige von mir noch nicht so konkret gedachte Gedanken waren auch dabei, z.B. „Zu viel Nähe zu emotional aufgeladenen Personen macht ihn – buchstäblich – wahnsinnig.“ Das war definitiv in unserem ersten Jahr mit ihm der Fall. Ich könnte das alles nicht so beschreiben, deshalb gibt es von mir keinen solchen Text. Vielleicht auch, weil sich die ganz extremen Aspekte mittlerweile etwas nivelliert haben und er sich tatsächlich ans Leben und seine Umwelt irgendwie akklimatisiert hat..
    Aber ich habe beim Lesen darüber nachgedacht, ob ich als Kind so war. Ich kann mich leider an vieles nicht erinnern und habe auch keine zuverlässige Quelle. Ich weiß, dass ich mich schon früh als anders empfunden habe. Meine Eltern mich aber, glaube ich, nicht. War ich so angepasst? Hat sich die HS bei mir mit den Jahren verstärkt? Keine Ahnung. Ich bin vor 3 Jahren, als der Große 2 war, darauf gestoßen, und erkannte ihn und mich sofort wieder. Bei ihm bin ich mir bis heute nicht ganz sicher, weil zwei wichtige Aspekte fehlen: die Empathie und die Kreativität. Letztere fehlt allerdings bei mir auch (zumindest das, was man landläufig als Kreativität ansieht). Deshalb kann ich auch nur sagen, ich vermute, dass er hochsensibel ist. Ganz sicher bin ich mir nicht. Dennoch ist es mir ein Herzensanliegen, das Thema, gerade in Bezug auf Kinder, bekannter zu machen. Bin gespannt auf Deine Buchvorstellungen!
    Schwierig finde ich das Thema, wie der andere Elternteil damit umgeht. Das hast Du nicht angesprochen, wie ist das bei euch? Hat der Papa Verständnis? Reagiert er so, wie Du es aus Deinem Wissen heraus für richtig und angebracht hältst? Das ist bei uns leider nicht immer der Fall und ich ärgere mich darüber, weil es mich an meine eigene Kindheit/Jugend erinnert. Und umso mehr muss ich meinen Großen emotional „tragen“. Und ich bin in einem Zwiespalt: ich könnte intensiver auf meinen Großen eingehen, wenn er mein einziges Kind wäre. Andererseits würde mir meine Kraftquelle, meine Kleine, komplett fehlen. Unvorstellbar! Ein ganz schwerer Konflikt für mich und ich muss jeden Tag abwägen.
    Deine Kinder können froh sein,so eine feinfühlige Mama wie Dich zu haben!
    Liebe Grüße!

    1. Meine Liebe,
      Danke für deinen Kommentar. Bemerkenswert, wie sich HSP immer als „anders“ empfinden und auch ich von meinem Baby als „anders“ dachte, wenn man bedenkt, dass 15-20% der Bevölkerung (mindestens) HSP sind – also kein kleiner Teil! Zu den fehlenden Merkmalen: wir haben nie einen Test gemacht und werden das auch nicht tun, zumindest keinen bei Arzt oder anderen „Spezialisten“. Nur die klassischen in der Literatur von Elaine Aron – die kennst du ja, wir haben uns schon mal darüber unterhalten. Ich denke, solche Dinge sind nicht allein aussagekräftig. Dann fehlen Merkmale – mag sein, ändert aber in vielen anderen Punkten nicht die Eindeutigkeit. In deinem
      Fall zum Beispiel, kann es ähnlich sein wie bei mir, dass die Hochsensibilität sich hauptsächlich auf die Mutterschaft bezieht (auch zu diesem Thema stelle ich was vor).
      Mein Mann ist sehr feinfühlig und auch wenn wir uns nicht immer bei allem einig sind so gibt es eins bei uns nie und wird es auch nie geben: Sätze wie „Stell dich nicht so an“ oder „Mach doch EINFACH mal Xy“. Das würde er nie machen und das reicht mir fast schon. Er gibt ihm die Zeit, die er braucht, um hier in der Gesellschaft anzukommen und erwartet nichts von unserem Sohn. Er kann viele Dinge nicht so gut nachvollziehen wie ich aber überfordert ihn nie, verlangt nichts, geht in seinem Tempo. Er ist die wichtigste Person für unseren Bubba.
      Den Gedanken, dass es ihm als Einzelkind besser gehen würde, hätte ich auch mal. Ich habe manchmal das Gefühl, dass sein kleiner Bruder zu schnell dazu kam und er mehr Zeit gebraucht hätte. Aber dann denke ich an mich, als Kind. Wie schwer es fiel, Freundschaften zu finden, die wirklich gleichwertig waren und wie sehr ich bis heute auf meinen Bruder zähle. Und dann weiß ich, dass die beiden ein Geschenk bekommen haben und das auch zu schätzen wissen werden, denke ich. Aber in einem gebe ich dir Recht: die Zeit und Aufmerksamkeit, die ein HSK oft braucht, reicht eigentlich für eine Person aus. Wenn noch ein Kind davon was will, wird es kompliziert. Vermutlich bin ich deshalb auch so oft am Rande des Wahnsinns ?

  4. Das ist total interessant. Hatte neulich bei Patrick von Healthy Habits schon darüber gelesen und bin im Rückblick ins Grübeln gekommen. Tochter hat keinen einzigen Löffel Brei gegessen und erst als sie es alleine mit den Händen konnte feste Sachen gegessen. Sohn verhält sich zwanghaft beim Besteck. Immer selber nochmal abwaschen und so. Solche Sachen. Zwanghaft? Vielleicht kann man auch einen anderen Blick drauf haben. Meine Kinder sind aber nicht überall „HSK“.
    Interessantes Thema.
    Viele Grüße von Sabine

  5. Schön geschrieben. Danke. 🙂

    Auch wir haben ein hochsensibles Baby. Er ist gerade ein Jahr alt und ich habe schon jetzt durch dieses Geschenk so viel von ihm und durch ihn lernen können. Er hat mir einen so wunderbaren Weg gezeigt.

    Ich muss dazu erwähnen, dass ich durch ihn vor allem auch mich gefunden und kennengelernt habe. Ich bin selbst hochsensibel. War es schon als Kind. Nur leider hat mich niemand so begleitet wie ich es wahrscheinlich gebraucht hätte. Meine Mutter war liebevoll. Keine Frage. Aber hat mich in meiner intensiven Gefühlswelt weder verstanden noch wahrgenommen und angenommen. So bin ich selbst den typischen Teufelskreis eines hochsensiblen Menschen
    durchlaufen. Bis ich mich seit ein paar Monaten mit der Thematik intensiv befasse, selbst weiß „was mit mir los ist“ und dementsprechend auch mit mir in Beziehung gehen und Dinge regulieren kann.

    Umso besser kann ich mich aber auch nun in meinen Sohn einfühlen und versuche ihm das zu geben, was mir rückblickend auf meine Kindheit versagt geblieben ist. Ich nehme ihn an und liebe ihn so wie er ist. Ich spende Geborgenheit, gebe ihm aber auch die Möglichkeit durch Begleitung seine intensive Wahrnehmung der Welt zu ermöglichen. Auch wir leben hier bewusst bindungs- und bedürfnisorientierte und lernen gerade unerzogen kennen. Für mich nicht immer einfach, da ich als selbst Hochsensible ja auch mal schnell an meine Grenzen gerate, aber es fühlt sich verdammt richtig an und wir lernen jeden Tag automatisch was für uns dazu.

    Mein Mann tut sich mit allem ein bisschen schwerer, Empathie ist nicht sein Fachgebiet. 😉 So ganz nachempfinden kann er das alles also nicht. Vielleicht hast ja du ein paar praktische Tipps dahingehend für unser Familienleben? Er ist auch nicht unbedingt der Leser. Den Versuch habe ich schon unternommen.

    Ich freue mich sehr auf deinen Blog gestoßen zu sein und jetzt mehr von dir (euch) zu lesen.

    Liebe Grüße
    Nadine

  6. Hallo, ich lese deine Texte über Hochsensibilität mit Interesse. Ich bin ganz sicher hochsensibel; bei meiner kleinen Tochter (6 Monate) denke ich, dass sie es nicht ist. Und was soll ich sagen – das macht mir etwas Angst. Ich fürchte, dass ich sie oberflächlich finden könnte, dass ich etwas vermissen werde, und intensive Eindrücke nicht mit ihr teilen. Andererseits bin ich froh, dass sie recht unkompliziert ist, denn auch so sind meine Belastungsgrenzen oft ausgereizt, und das, obwohl ich mir alles so einfach wie möglich mache und nur staune über das, was andere Mütter so vollbringen.

  7. Das grösste Geschenk ist doch, dass ihr so früh wisst und bewusst seit, dass er hochsensibel ist…. Ich erfuhr von meiner Hochsensibilität erst als ich ca 18 Jahre alt war nachdem ich während der Ausbildung mit einem quergeschossenen vegetativen Nervensystem kämpfen musste. Panikattake, Herzrasen, Schweissausbrüche, Atemaussetzer usw. Heute weiss ich, dass es ein Ausbildner war mit dessen „Aura“ und negativen Emotionen ich nivht klar kam. Ich weiss warum ich als Kind ein fürchterliches „Drama“ gemacht hatte weil meine Hose mit der von meiner Schwester vertauscht war bis wir unterwegs wieder zurückgetauscht hatten. Ich weiss warum ich mit „Jähzorn“ reagierte wenn meine Schwester meine Gefühlswelt durch „necken“ durcheinander brachte. Usw…. Noch habe ich keine Kinder, wünsche mir aber dass ich es erkennen kann wenn ich ein hochsensibles Kind bekommen werde, es macht soo vieles einfacher…..

    Alles Gute euch!

    1. Liebe Anita,
      Danke für deine Worte und ja: ich sehe es ganz genauso. Brigitte Schorr sagt in ihrem Buch „Hochsensibilität“: „Eine Gabe ist, was dir gegeben ist. Du kannst eine Bürde daraus machen oder ein Geschenk“. Ich hoffe, Bubba wird lernen, es als Geschenk zu sehen. Ich wünsche mir wirklich, dass er eines Tages ist, wer er eben ist ohne sich zu wünschen, ein Anderer sein zu wollen.
      Auch dir alles Liebe!

  8. Vielen Dank für deine Geschichte! Mein Sohn ist nun 3 Jahre alt und seine „Weinerlichkeit“ als Baby habe ich immer auf seine Zähne geschoben. Er war schon immer sehr sensibel und als Baby hatte ich ihn immer auf dem Arm. Sobald ich ihn abgelegt hat, hat er angefangen zu weinen. Vom Gewicht her war er immer auf der untersten Linie. Er war auch schon immer ein schlechter Esser. Er braucht heute noch seinen Daumen, um sich zu beruhigen. In den ersten Wochen schien mir alles normal zu sein. Ich machte mir erst Gedanken, als wir die Babykrabbelgruppe besuchten. Während alle Babys ihren Spaß hatten, schrie mein Sohn währenddessen. Ihm schien alles zu laut zu sein, er wollte nur weg.. Ihm war alles zu viel.. Als er größer wurde und krabbeln konnte und ihm jemand zu Nahe kam, schrie er gleich auf.. Er schien Schmerzen mehr wahr zu nehmen.. Leute redeten davon dass ich ihn verwöhnt hatte, aber mein Sohn kann sich auch extrem hineinsteigern.. Zu Beginn haben wir natürlich jeden Ratschlag angenommen, versuchten ihn auch mal weinen zu lassen, mit der Auswirkung, dass er sich sooo reingesteigert hat, keine Luft bekommen und sich übergeben hat. Mit 2 Jahren hatte er auch mal die Phase, dass er sich nach dem Mittagsschlaf in die Hand gebissen hat.. Ich weiß bis heute nicht ob er was geträumt hat… An sich ist er kontaktfreudig, wenn nicht zu viele Kinder anwesend sind..dann zieht er sich zurück.. Er ist ständig auf Achse und kommt schlecht zur Ruhe.. Er braucht an sich wenig Schlaf.. Es gibt einige Sachen die er gar nicht mag wie z. B. Rutschen.. Im Kindergarten spielt er lieber mit Käfer, die er beobachtet.. Er hat eine große Empathie und erkennt die Stimmung an Gesichtsausdrücken.. Er sagt oft ‚ich bin traurig‘ oder ‚was ist los mama‘, ist sehr aufmerksam mit der kleinen Schwester.. Als die Schwester kam, sah ich erst den wirklichen Unterschied zu anderen Kindern.. Die Kleine Schwester ist viel härter im nehmen, meckert so gut wie nie. Mein Sohn braucht morgens noch sein Schoppi, sonst ist er grätig. Er wimmert immer.. Baden und Haare schneiden waren schon immer der Horror.. Im Freibad und babyschwimmen war es immer zu kalt, er wollte immer raus.. Vor vielem hat er Angst, aber wenn ihm etwas spass macht sieht man es ihm umso mehr an bzw zeigt er auch so extrem seine Freude.. Er ist ungeduldig, will alles immer sofort haben, ist aber auch für jeden spass zu haben. Manchmal kommt er verträumt rüber, hat nicht die Geduld was zu Ende zu machen.. Scheint einem nicht richtig zu zu hören, ist mit den Gedanken schon ganz woanders.. Das einzige, was auf ihn nicht zutrifft, ist das Sprachliche, was bei ihm eher hinterherhinkt. Ich vermute jedoch eine gewisse Ängstlichkeit.. Gegenüber uns bzw wenn es ungezwungen ist, hat er weniger Probleme mit der Sprache.. Er hatte schon immer seine eigene Sprache bzw hat viel laute von sich gegeben, jedoch unverständliche.. Es wird jedoch immer besser. Könnte mein Kind trotzdem HS sein? Kreativ ist er auf jeden Fall und auch Musik liebt er.

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