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Mein hochsensibles Kind

Wenn 5 Minuten einen Unterschied für den Tagesverlauf machen, du beim Backen nur noch mixen kannst, wenn dein Kind einen Kopfhörer auf hat, wenn ein Spaziergang ein Erlebnis für alle Sinne wird und kalte Finger sein Ende bedeuten – dann ist dein Kind vielleicht Hochsensibel.

Wenn ein Stück Knete, frisch aus der Packung, nicht direkt zum Spielen verwendet werden darf, sondern erst auf Geruch, Konsistenz, Haptik und Aussehen geprüft werden muss, wenn ein zerbrochener Keks ein Tränenmeer hervorruft, wenn zu viele Fragen hintereinander einen Wutanfall auslösen und du deine eigene Einstellung zu Dingen wie Stress, Anspannung, Terminenge grundlegend ändern musst – dann ist dein Kind vermutlich Hochsensibel.

Wenn der Tag zu lang, die Sonne zu hell, der eigene Kopf zu laut und die Welt zu schnell ist – dann ist dein Kind vermutlich Hochsensibel.

Von Hochsensibilität hatte ich bei der Geburt von Bubba Ray noch nie etwas gehört. Und auch die folgenden 1,5 Jahre nicht. Mein Kind war fordernd und irgendwie besonders. Eindrücke und Reize waren für ihn Gift. Oft folgten auf Unternehmungen tagelange Wein- und Schreiattacken, vor allem beim „Cool Down“ am Abend und beim Einschlafen. Er war kein Schreibaby. Anfangs auch kein 24-Stunden-Baby. Er schrie und wenn er das tat, dann wackelten die Wände. Schon immer machte er deutlich was er fühlte. Und nicht nur das – damit hätten wir ihn vielleicht zunächst nur als temperamentvoll eingestuft. Doch bereits als winzigkleines Minibaby machte er auch deutlich, was WIR fühlten. Ich erinnere mich an ein Telefonat mit meiner Mutter, das Baby lag vollkommen entspannt in seiner Wippe und kaute auf seinem Däumchen rum. Er war vielleicht 8 Wochen alt. Meine Mutter erzählte mir etwas, das mich aufbrachte. Ich hob die Stimme, wetterte am Telefon, schrie nicht, wurde aber lauter und regte mich auf. Augenblicklich schrie er. Er wurde unruhig, entzog sich aber meinem Trost.

Zu viel Nähe zu emotional aufgeladenen Personen macht ihn – buchstäblich – wahnsinnig.

Noch heute flüchtet er dann von meinem Arm. Genauso konnte ich nach wenigen Wochen des Zusammenlebens anhand der Reaktion auf seinen Vater, wenn dieser von der Arbeit kam, und anhand seines Verhaltens genau sagen, ob mein Mann einen stressigen Arbeitstag gehabt hatte, den er noch nicht hatte ablegen können, oder nicht. An solchen Tagen musste ich, damit die Nacht nicht völlig gelaufen war, meinen Mann bitten, Abstand zu nehmen, sich eine Pause zu gönnen und erstmal runter zu kommen. Stimmungen übertragen sich extrem auf Bubba Ray, er kann sich ihnen nicht entziehen. Extreme Gefühle spiegelt er in beide Richtungen, fröhlich wie unglücklich, doppelt so heftig wieder.

Nagut. Er war offensichtlich temperamentvoll UND empfindsam. Ich fand ihn toll. Ich liebte ihn. Ich war nicht sauer oder überfordert damit, ihn abends stundenlang durch die Wohnung zu tragen bis er schlief. Er war ein Baby und für mich war selbstverständlich, dass er meine Fürsorge, in welche Richtung auch immer, brauchte.
Doch mit den Monaten tauchten immer mehr „Macken“, wie wir es liebevoll nannten, auf, die in mir ein Gefühl weckten, dass ich nicht mehr los wurde: dieses Kind ist anders. Anders als ich. Anders als sein Vater. Anders als Kinder gleichen Alters.

Bubba Ray lehnte von Anfang an ab. Alles mögliche. Ich bewunderte ihn für seine klare Vision. Er schien genau zu wissen, was er wollte und was nicht. Und wir ließen geschehen und nahmen es hin.

Dieses Kind, so war ich mir von Anfang an ganz sicher, das weiß, welchen Weg es gehen will.

Den müssen wir nur begleiten. Wenn er wieder ablehnte, Dinge nicht essen, nicht probieren, nicht zulassen wollte, fühlte ich mich dennoch manchmal beleidigt. Ich fragte mich, wieso das Kind mich ihm nichts gutes tun ließ und wo denn eigentlich bei jeder Kleinigkeit nun das Problem sei. Ich verstand nicht, wieso er alles selber essen und selber anfassen wollte. Er wählte sein Essen mit Bedacht, nie zu viel, nie zu heiß, nie zu kalt. Er war filigran, vorsichtig und konnte Stunden damit verbringen, alle seine Sinne mit einem einzigen Brokkoliröschen anzusprechen. Er war ein Entdecker – das ist jedes Kind. Keine Frage. Doch gleichermaßen überforderte es ihn schon von Anfang so sehr, wenn etwas nicht war, was er glaubte, das es war. Zum Beispiel: wenn Erdbeeren aus dem Kühlschrank kamen und kalt waren, anstatt Zimmertemperatur zu haben, die er gewohnt war. Es konnte – und kann heute noch – bedeuten, dass er mehrere Tage oder Wochen keine Erdbeeren essen wird, weil ihm der Schreck über die Kälte tief in den Knochen sitzt. Letztens aß er eine Möhre, ein Stück blieb zwischen den Zähnen stecken. Wir putzten es raus, aber ihr wisst, der Druck hält eben noch ein paar Minuten an. Er möchte nun keine rohen Möhren mehr essen, wenn überhaupt müssen sie weich gekocht sein. Gleiches gilt für Lautstärke. Mittlerweile kennt er die Stufen meines Mixers und bittet mich, „nur bis da“ (zeigt zum Beispiel auf die mittlere Stufe) zu stellen. Dann ist es nicht so laut und er kann es ohne Kopfhörer aushalten.

Verflixter Zufall und nix dahinter. Das waren meine ersten Gedanken. Ich kannte ihn gut, wir hatten schon immer ein enges Band.

Interpretiere nicht so viel hinein, dachte ich mir.

Eines Tages las ich in einer Facebook Gruppe von Hochsensibilität und hatte ein Gefühl im Bauch: das muss es sein.
Ich googelte und recherchierte und war nach wenigen Tagen ziemlich sicher, dass mein Kind nicht nur für mich und meinen Mann etwas besonderes war.

Hochsensible Kinder sind ein Segen, ein Geschenk unschätzbaren Wertes. Sie sehen und hören mehr. Sie nehmen mehr wahr und geben mehr weiter. Sie fühlen mehr und lieben intensiver.

Doch: hochsensible Kinder sehen und hören mehr. Sie nehmen mehr wahr und geben mehr weiter. Sie fühlen mehr und lieben intensiver. Fluch und Segen liegen für das Kind sehr nahe beieinander.

Wenn mein Sohn sich heute, mit 28 Monaten, beim Buch-Vorlesen langweilt, weil wir es schon 623 gelesen haben, dann lernt er es auswendig und erzählt es mir beim nächsten Mal. Fehlerfrei. Wenn ich beim Einschlafen abends nicht zum 3. Mal das Lied singen möchte, singt er es sich selber vor. Fehlerfrei.
Wenn er einen Kuchen isst, dann nur, wenn er ihn vorher gerochen, vorsichtig getestet und selbstständig zerteilt hat. Fehlt einer dieser Schritte, werde tendenziell ich das Stück essen und ihm ein neues, unversehrtes geben müssen, denn er kann einfach nicht damit leben, den Geruch der Speise nicht zu kennen, bevor er sie in den Mund steckt.

Er ist gerade mal 2 Jahre alt, doch wenn Leute ihn kennenlernen, sind sie meistens nach kurzer Zeit von ihm und seiner Sprachgewalt entzückt. Sie können Geschichten über ihn kaum fassen, weil man sie von einem Zweijährigen nun mal nicht annehmen würde. Ich nehme es keinem übel, ich selbst bin oft überfordert von seiner Schläue, Aufmerksamkeit und Intensität. Er lebt extrem. Er ist wahnsinnig mutig, traut sich viel, WENN wir ihn begleiten. Ohne uns, seine Säulen, macht er zu. Stagniert. Passt sich dann und wann an. Gleichzeitig muss ich mich selten sorgen, dass er sich wirklich ernsthaft verletzt, denn ein gesundes Bauchgefühl sorgt dafür, dass er viele Dinge auch einfach umgeht. Ihn umgibt eine besondere Aura. Meine Mutter sagt, er betritt einen Raum und „scannt“ ihn und damit hat sie Recht. Mittlerweile weiß ich, dass er nicht nur den Raum und die Möbel darin scannt sondern auch die Stimmungen der Menschen darin. Und meine. Denn ich stehe hinter ihm oder habe ihn auf dem Arm und wenn ich ihm Unsicherheit signalisiere (und das kann schon ein Kuchen auf dem Tisch sein, von dem ich nicht möchte, dass er ihn isst), wird er sich mehr Zeit für den Scan nehmen und herausfinden, was mich bedrückt. Und versuchen, das für sich einzusortieren.

Seit er läuft und spricht und ganze Diskussionen und Konversationen führen kann, verstehe ich ihn besser und lasse ihn gelassener auf die Menschheit los.

Vorher vermutete ich – instinktiv, auch ohne den Begriff zu kennen – hinter jeder Ecke eine potenzielle Gefahr für ihn.

Ein Zuviel an Reizen, Stress, Gefühlen, die er nicht würde bündeln können. Es ist auch der Grund, weshalb ich den Ausdruck „Helikopter-Eltern“ hasse wie die Pest, aber dazu schreibe ich euch noch einen separaten Blogpost 😉

Ich bin froh, nach nunmehr über 2 Jahren mit ihm, dass wir uns für den Weg entschieden haben, den wir gegangen sind und gehen. Er und sein Bruder wachsen geborgen und so gut wir es schaffen ohne Erziehung, die ihn überfordern und einsperren würde, auf. Er braucht klare Rahmen, Abläufe, Strukturen, Dinge und Menschen, die sich nicht verändern. Säulen, sozusagen, an denen er sich ausrichtet, jeden Tag einmal. Die kleinste Unebenheit kann dazu führen, dass er buchstäblich die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und sich verkrümeln, einigeln, zuhause verstecken will.

Das hochsensible Kind liest zwischen den Zeilen und das, was es dort nicht heraushört, das liest es aus deinen Gedanken. Du hast praktisch keine Chance, nicht authentisch zu sein, selbst wenn du es versuchen wollen würdest. Unabhängig von der Hochsensibilität meines Kindes lehne ich das Lügen strikt ab – egal ob erwachsen oder Kind. Doch bei einem hochsensiblen Kind kann das Verdrehen von Tatsachen ein Vertrauensbruch sondergleichen bedeuten. Wenn ich meinem Kind sage, wir hätten keine Schokolade mehr, obwohl wir welche haben und ich nur nicht möchte, dass er sie isst, dann wird er das entlarven, früher oder später. Ich lasse sie ihn essen und vertraue. Vertraue auf meine Kochkünste und darauf, dass er trotzdem Gemüse essen wird und vertraue ihm. Vertraue darauf, dass er sich selbst regulieren und einfach aufhören wird, wenn es genug ist. Und es klappt – bisher 😉

Nach 2 Jahren mit meinem Kind habe ich gelernt, ihn jeden Tag neu zu entdecken.

Nur weil Zähneputzen gestern gut funktionierte heißt das nicht, dass es die folgenden 2 Wochen funktioniert. Die Tatsache, dass er nicht völlig allein so putzen kann wie er es will ohne, dass dabei auf lange Sicht seine Zähne kaputt gehen, stresst ihn. Zähneputzen ist ein massiver Eingriff in seine hochsensitive Körperwelt, die er so intensiv wahrnimmt, dass er eben nicht „einfach so“ putzen kann.

Als wir nun also einen „Arbeitstitel“ für seine Besonderheit hatten, begab ich mich auf Recherche. Es gibt ganz wunderbare Literatur zu dem Thema, die ich euch in den nächsten Wochen vorstellen (und übrigens zum Teil auch verlosen) möchte und die mir geholfen hat zu verstehen, welche Gabe er besitzt und welches Geschenk mir mein Universum geschickt hat. Denn Kinder öffnen den weiten Blick, sorgen dafür, dass wir Prioritäten neu sortieren und achtsam mit den großen und kleinen Dingen des Lebens umgehen.

Und mein hochsensibles Kind lehrt mich darüber hinaus, all diese Dinge auch noch mit allen Sinnen zu erfahren.

Und so nehme ich euch mit auf eine Reise in die Welt der Hochsensibilität, die hier auf dem Blog einziehen und uns sicher so schnell nicht mehr verlassen wird.

Habt ihr ein oder mehrere hochsensible Kinder?
Wie nehmt ihr die Hochsensibilität wahr, als Geschenk oder Fluch?
Wie äußern eure Kinder sich und ihre Emotionen, wie schafft ihr, im Alltag auf die Großen und kleinen Macken einzugehen, das Kind nicht zu überfordern?
Wann und wie habt ihr festgestellt, dass euer Kind hochsensibel ist?

Ich freue mich auf eure Kommentare und Erfahrungsberichte!

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