Online-Business-muss-man-uneingeschränkt-erreichbar-sein

Mein Name ist Online-Mutter

„Mama“ ist, das kann ich so behaupten, das meist gesagte Wort an einem Tag. Und das muss ich sicher jetzt nicht in seine Kleinteile zerlege und morgen genau nachzählen, denn ich bin mir fast sicher, dass es in eurer Familie ähnlich abläuft. Meine Kinder scheinen kein Wort so gern zu sagen wie „Mama“ oder „Mami“. Manchmal auch, ohne dem noch einen Satz anzuhängen. Und ehrlich: manchmal stellen sich mir schon gegen 10 Uhr am Morgen die Nackenhaare auf, wenn ich wieder aufgefordert werde, doch mal zu gucken, zu kommen, Nase zu putzen oder irgendeine tolle Erfindung frenetisch abzufeiern, die ich eigentlich gar nicht so richtig verstehe.

Besonders häufig und lautstark gebrauchen meine Kinder meine – naja – royale Anrede im Übrigen dann, wenn ich gerade mein Smartphone in der Hand habe. Bubba Ray kann minutenlang am Tisch sitzen und konzentriert spielen – wenn er im Augenwinkel sieht, dass ich meine Hand auf das kleine schwarze Ding lege und die typische Wisch-Bewegung mache, kommt es. Ganz sicher. Ganz laut.

„Mamaaaaaaaa???“

Die ersten 7 Millionen Mamas vor der Erkenntnis, über die ich heute schreiben will, blickte ich nur kurz vom Handy auf, reparierte irgendwas oder antwortete, widmete mich dann aber wieder meinem Handy. Ich war mir nämlich eigentlich so völlig und total sicher, dass ich meinen eigenen Konsum total superduper im Griff hätte und ganz bestimmt nie zu viel oder zu lang am Handy wäre. Na, und natürlich auch nur dann, wenn die Kinder gerade eh nicht gucken.

Szenenwechsel.

Ich hole meine Kinder bei der Tagesmutter ab. Ihr größter Sohn öffnet mir die Tür. Von Weitem kommen meine Kinder angerannt. Sie freuen sich, mich zu sehen, lachen und jauchzen froh. Doch irgendwann ist einer schneller als der andere, als erster bei mir, und der Andere bricht augenblicklich in Tränen oder Wut aus und fordert durch seinen extremen Gefühlsausbruch meine gesamte Aufmerksamkeit.

Ich hab ein bisschen gebraucht um zu kapieren, dass diese beiden Situationen so unterschiedlich gar nicht sind.

Wenn D-Von als Erster bei mir ankommt, wechselt Bubba Ray’s Laune in einer Millisekunde von euphorisch auf stinkwütend. Ist es anders herum und Bubba ist als Erstes da, bricht Dee in verzweifelte Tränen aus. Meinen Kindern ist meine Aufmerksamkeit, oder zumindest die Option darauf, sie zu bekommen, und zwar uneingeschränkt, so wichtig, dass die kleinste Blockade zwischen Ihnen und mir dazu führt, dass sie buchstäblich ausflippen.

Sprung zurück.

Bubba Ray sitzt am Tisch und spielt, D-Von latscht durch die Wohnung und brummt vor sich hin. Ich sitze am Tisch und sehe Ihnen zu. Alles ist ruhig. Als sich Langeweile einschleicht, greife ich zum Handy. Ich habe gerade meinen Code eingegeben, als zufälligerweise etwas herunter fällt („Mamaaaaaaa? Kannst du mir die Scheibe aufheben?“) oder D-Von… ja, was der hat weiß ich nicht so richtig, aber er hat was, denn er steht neben mir, die Arme ausgestreckt und skandiert: „ARM!“

Sitze ich am Tisch und lese ein Buch, ist die Wahrscheinlichkeit, dass meine Kinder ihrer Beschäftigung nachgehen, sehr hoch. Koche, backe, putze oder sitze ich einfach nur da, ist es sogar möglich, dass sie den Raum wechseln und sich einige Minuten lang sogar gar nicht blicken lassen.

Außer ich nehme – im Nebenraum, zwei Wände dazwischen – heimlich mein Handy in die Hand. Es wird – hundertprozentig – mindestens einer der beiden Halbstarken aus dem Zimmer kommen, eine gaaaaaaaaanz wiiiiiiichtiiiiigeee Sache mit mir zu klären haben und mich emotional dazu zwingen, es beiseite zu legen. Unter Garantie.

Der Grund? Eifersucht, denke ich. Sowohl beim Wettrennen auf die Haustür der Tagesmutter zu, als auch beim ständigen Kampf gegen mein Handy, geht es um meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Es schleicht sich Eifersucht ein, immer dann, wenn ich meinen Mini-Computer nur berühre. Meine Kinder hassen es, denn sie kriegen ziemlich genau mit, dass mich diese kleine Handvoll Online-Welt in einen Sog zieht, aus dem ich nicht so schnell wieder aussteigen kann.

Ich selbst bemerke den Unterschied

Und sie haben Recht! Wenn ich ein Buch lese, sehen Sie Bewegung. Sie sehen, wenn ich eine Seite umblättere und wissen, dass ich dann kurz zu ihnen aufschaue, vielleicht kurz lächle, in jedem Fall aber für eine Sekunde da bin. Bubba weiß, dass ich die Hände frei habe, um seine Figuren zusammen zu stecken, wenn sie wieder runter gefallen sind. Anders, als wenn ich mein Handy halte. Bei keinem der oben genannten Aufgaben bin ich so dermaßen „disconnected“, wie wenn ich dieses verdammte kleine Ding in meinen Händen halte, dass die ganze Welt in mein Wohnzimmer und spannende Diskussionen zu mir bringt, an denen ich unbedingt sofort teilnehmen will, und in die ich nicht mal eben mein Lesezeichen legen kann, wie in mein Buch.

Kurz nach Silvester musste ich für ganze 5 Tage auf das Handy verzichten. Es war kaputt gegangen und bis ich es reparieren lassen konnte, was schon aufgrund der Feiertage nicht einfach war, verging fast eine Woche. Eine Woche ohne SMS, WhatsApp, Telefonate, Navi, Benachrichtigungen, Emails, Piepsen und Klingeln und Blinken. Und es war traumhaft.

Ich hatte es mir gerade abgewöhnt, da war es wieder heile. Und damit stehen wir auch vor dem Problem.

 

Darf ich vorstellen: Online-Mutter!

Denn: ich bin Mutter und ich liebe meine Kinder. Ich liebe die Zeit mit Ihnen und genieße sie. Aber ich bin auch Bloggerin, Online-Mummy, Beraterin. Das alles geschieht im Netz, online. Wo Menschen meine E-Mail Adresse herausfinden und mich, sofern wir Beratungen durchführen, auch telefonisch erreichen können und das liebe ich doch auch! Bloggen reinigt mich und durchspült meinen aufgewühlten Kopf, meine Online-Arbeit erfüllt mich und stellt gleichzeitig sicher, dass ich bei meinen Kindern sein kann und die Beratungen machen mich stolz und glücklich. Ich will nicht darauf verzichten! 

 

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Ich mag meinen Job und will nicht darauf verzichten! Aber….

 

Online hat sich ein kleiner Clan gebildet, der – fernab meiner Arbeit – mein Herz berührt. Meine kleine Community, die nach mir fragt, wenn sie mal einen Tag nichts von mir gelesen hat, die mich in Beiträgen markiert, wenn Frauen Rat zum Stillen suchen, die mich zu Linkparties, Blogparaden oder einfach irgendwelchen lustigen Challenges auf einem Social Media Kanal einladen. All das geschieht neben meinem Beruf, neben meiner Online-Arbeit – und auch neben meiner Mutterschaft. Es bereichert mich und mein soziales Leben und es geht mal nicht um meine Kinder, die mich erfüllen – keine Frage. Aber die eben nicht ich sind. Und deren Leben ich nicht lebe.

Und doch habe ich seit der Reparatur keine Benachrichtigungen mehr an, muss meine Social Media Kanäle also selbst aufrufen. Eine Mail Adresse ist gezielt nur auf dem Mac eingerichtet, die anderen rufe ich nicht über Apps ab, sondern über den Browser. Nicht mal WhatsApp informiert mich! All das, wofür so ein feines kleines Smartphone also steht, nämlich für einfache Bedienbarkeit, uneingeschränkte Erreichbarkeit und die ausgetüftelten Möglichkeiten, Zweckmäßigkeit mit Spaß zu verbinden, habe ich ausgeschaltet. Keine Benachrichtigungen für Kommentare, Likes und sonstwas, keine sekundengenaue Aktualität, kein „Immer informiert sein“, Diskussionen, die eben auch mal auf mich warten müssen. Ich bin die Online-Oma. Das ist so 2001…

Aber jedes Mal, wenn ich auf der Straße vorm Auto stehe, kurz bevor oder nachdem ich die Kinder drinnen angeschnallt habe, und auf mein Handy schaue, jedes Mal wenn mir auf einem Spaziergang anhand der Uhrzeit auffällt, dass ich bald alle zwei Minuten drauf sehe, weil ich eine Notiz schreiben muss und immer dann, wenn ich selber schon genervt bin von meinem Draufgeglotze weiß ich, dass ich zwar Online-Mutter bin – und auch gerne sogar – aber, dass ich in Teilzeit gehen muss.

Das Gezänke und Gezeter um den ersten Platz an der Tür mittags finde ich ja noch ganz süß, aber will ich, dass meine Kinder mit einem Handy konkurrieren? Mein Business ist online, genau wie viele meiner Freunde und Vertraute und Menschen, die ich einfach gern mag oder lese. Aber jetzt muss ich wieder eine Balance finden, zwischen uneingeschränkter Erreichbarkeit und uneingeschränkter Erreichbarkeit.

Denn, so sehr ich all das hier liebe, so hart ich dafür gekämpft habe und so wenig ich auch darauf verzichten könnte, so ehrlich muss ich auch zu mir sein, wenn ich wieder mal mich selbst erwische, wie Bubba – mit Erfindung in der Hand – neben mir stehen und warten muss, weil ich „nochmal eben….“ irgendwas.

Uneingeschränkte Erreichbarkeit?

Ja. Ab jetzt. Ab sofort.

Und zwar offline, für meine Kinder.

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