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Mein normal sensibles Kind

Heute ist ein Wochentag. Aber ich mag eh alle gleich gern. Ob Mama oder Papa oder beide da sind, ist egal. Nur allein mag ich nicht sein. Was es zum Frühstück gibt, ist nicht so entscheidend, Hauptsache es schmeckt und man wird satt. Regen ist nicht so wild, wäre ganz nett, wenn ich einen Regenschutz bekäme, aber klar, lasst uns ruhig raus gehen. Nasser Sand, Regen, kühler Wind – ich komm‘ klar.

Wann ist Mittagsruhe angesetzt? So gegen 11.30 Uhr? In Ordnung, dann stelle ich mich darauf ein. Was es zum Mittag gibt, ist nicht so entscheidend. Hauptsache es schmeckt und man wird satt. Ach Mama, kannst du bei mir liegen bleiben, bis ich schlafe? Alleinsein mag ich nicht. Falls du zu meinem Bruder musst, ist es aber natürlich kein Problem. Dann warte ich auf dich.
Was wir heute Nachmittag anstellen, überlasse ich dir. Ich mag alles, was du vorschlägst. Hauptsache, wir sind zusammen und streiten nicht. Mein Bruder nervt manchmal wenn er schreit, dann ist es mir zu laut und ich weine kurz, aber wenn du mich tröstest, dann geht es mir schnell wieder gut. Nachmittagssnack? Nicht so entscheidend, was es ist. Hauptsache es schmeckt und macht satt. Übrigens genau wie das Abendbrot. Da ist es sowieso ganz egal, denn das Wichtigste ist, dass wir uns die Ruhe und die Zeit nehmen, anschließend gemütlich im Bett zu kuscheln und zu stillen. Dann schlafe ich schnell und ohne viel Drumrum ein und ich schlafe echt gern. Schlafen ist toll! Ich liebe es.
War noch was? Nee? Okay. Dann bis morgen, Mama. Ich hab dich lieb.

So oder so ähnlich scheint es im Kopf meines wunderbaren kleinen D-Von vorzugehen.

In nun fast 12 Monaten mit ihm habe ich eines gelernt: er ist ein Chamäleon.

Schübe und Phasen, Zähne und Wachstum – das gab es. Wie bei jedem anderen Kind auch. Aber D-Von, der lächelt das weg. Und wenn nicht, dann ist seine schlechte Laune fast schon wieder niedlich. Wir nennen ihn dann das „Grumpy Baby“, weil wir wissen, dass es ihn nur kurz belastet und die nächste Banane, das nächste Stillen oder das nächste Kuscheln ihn wieder voll umkrempeln und zu einem Sonnenschein machen wird.

D-Von ist ein ganz normales Kind. Eins von denen, die gern mit Oma und Opa zusammen sind und keine Angst haben, denn sie sind sich sicher, dass Mama wiederkommt. Eins von denen, die Wickeln blöd finden – nicht, weil das Material so unendlich auf der Haut kratzt, sondern weil man währenddessen nicht spielen kann. Eins von denen, das jedes Lebensmittel probiert und einfach ohne Tränen liegen lässt, was ihm nicht schmeckt. Eins was nicht diskutiert. Eins was nicht gedankenwälzend wach liegt und Probleme hätte, sich selbst zu regulieren. Eins, das bereits jetzt, in weniger als einem Jahr, eine sehr deutliche, klare Kommunikation entwickelt hat, uns deutlich zeigt, was es will und das verstanden wird. Das mit Trauer, Wut und Müdigkeit irgendwie umgehen kann. Na gut, das mag hoch gegriffen sein. Emotional kompetent, nennen wir es. Er wird davon nicht so aus der Bahn geworfen.

D-Von ist sehr wahrscheinlich nicht hochsensibel, so wie sein großer Bruder. Darüber überhaupt jetzt schon nachzudenken, mag für einige hier vollkommen bescheuert klingen. Kinder sind Kinder. Punkt. Ja, finde ich auch. Und dennoch gibt es Kinder, deren Bedürfnisse sich schon von Geburt an von denen anderer abheben, deren Erfüllung viel komplizierter zu sein scheint und die empfindsamer, sensibler auf Reize und ihre Umwelt reagieren.

Und es gibt Kinder wie D-Von.

Mein Chamäleon, mein anpassungsfähiges Kind, das mir ständig das Gefühl gibt, dass alles doch nur halb so wild ist. Der mitmacht und dabei glücklich ist. Der sich nicht verbiegt und nicht verstellt, nicht unglücklich oder unzufrieden ist, für den diese Familie alles bedeutet und der nicht einen Tag hinterfragte. Es ist nicht so, als müsse er ständig hinten anstehen, als wären seine Bedürfnisse weniger wert – nein. Es ist genauso wichtig, wie bei seinem Bruder, nur er selbst ist schneller zufrieden zu stellen, nimmt sich weniger zu Herzen und hat nicht die gleichen Kämpfe auszutragen. Er ist unser Quell der Ruhe und das Verrückte daran ist; nicht nur für mich. Oft stehe ich neben meinen Kindern, ich beobachte meinen Bubba Ray, dessen Hirn quasi nonstop arbeitet und sehe, wie er verträumt seinem Bruder beim Spielen zusieht. Wie er sich dann neben ihn setzt und einsteigt. Wie Rivalität und Machtkampf ihm nichts bedeuten und er die Ruhe und innere Kraft seines kleinen, starken, klugen, besonnenen Bruders annimmt.

In der Schwangerschaft dachte ich noch, dass die Ankunft eines Geschwisters meinem Bubba das Genick brechen würde. Doch heute weiß ich, dass wir ihm kein größeres Geschenk hätten machen können. Sein Bruder bringt ihn runter. Hier schneidet der Große sich eine Scheibe vom Kleinen ab. Hier gibt das ruhige Baby, das tief durch atmet und irgendwie in nichts ein ernsthaftes Problem sieht, uns allen die Kraft, die Gewitter in Hirn und Herz zu veratmen. Und wenn er neben mir liegt und leise diese winzigen Babyatemzüge macht und von den Abenteuern mit seinem Bruder träumt, dann schicke ich ein paar Gedanken an mein Universum.

Denn für nichts könnte ich dankbarer sein, als für diese perfekte Kombination.

Als für dieses Kind, das Situationen entschärft und uns alle mit seiner bestechenden Ruhe ansteckt. Das mitzieht und mitmacht und trotzdem entschleunigt. Das nichts überdramatisiert aber auch nichts verharmlost. Das nichts wegsteckt und einsteckt und doch so viel abnickt und weglächelt.

In einem Jahr mit D-Von und 2,5 Jahren mit Bubba Ray weiß ich, dass es nur den einen mit dem andern gibt. Dass sich D-Von Aufmüpfigkeit, Humor und Tempo von Bubba abguckt und Bubba sich Ruhe, Ausgeglichenheit und Fünfe-Gerade-Sein-Lassen von Dee übernimmt. Sie sind wie Zwillinge, nur ein wenig zeitversetzt. Und doch ganz unterschiedlich. Sie ergänzen sich wie Ying und Yang, ein Teil das Andere, wie ein Schlüssel und ein Schloss.

Eine solche Kombination ist für eine Ewigkeit gemacht und manchmal denke ich an die Zukunft und die vielen Prüfungen, die Bubba so viel schwerer fallen werden als meinem Dee und wieder winke ich dankbar unserem Schutzengel zu, der sich sicher etwas dabei gedacht hat, meinen Kindern so ungleiche und doch perfekte Gegenstücke zu schicken. Gänzlich unterschiedliche Typen, die einander jetzt schon so viel bedeuten, dass es kein Zufall sein kann. Ich bete und hoffe, dass diese Verbindung niemals bricht.

Auf diesem Blog finden Bubba und seine Hochsensibilität immer sehr viel Platz. Denn es ist faszinierend, ich staune über ihn und seine Fähigkeiten, seine Macken und seinen weiten Rundum-Blick. Und ich bin begeistert von dieser ganzen Thematik. Noch dazu finde ich es unglaublich wichtig, viel und häufig die Erfahrungen und das Wissen zusammen zu tragen und in die Welt hinaus zu posaunen. Denn Hochsensibilität hat einen Platz in unserer Gesellschaft verdient! Es muss noch viel mehr darüber gesprochen werden, wie anders und doch normal hochsensible Menschen sind! Ich weigere mich, meinem Kind das Gefühl zu geben, es benötigte eine Sonderbehandlung. Ich denke in wirklich wenigen Schritten ist es möglich, einem hochsensiblen Kind zu ermöglichen, sich in eine Gesellschaft zu integrieren, in der es nun mal eben genau das nicht ist. Und dafür – unter anderem – gibt es dieses Blog. Hochsensibilität ist eine (EINE!) spannende Facette der Persönlichkeit meines Sohnes.

Doch ist Bubba Ray jetzt spannender als D-Von?

Oh Gott nein. Nein. Ich kriege lauter kleine rote Herzchen in meine Augen, wenn ich von meinem D-Von reden darf. Er ist so liebevoll, so weich, so warm, so charmant, so klein und so bezaubernd. Er ist ein Wunder, unbeschreiblich toll und ich liebe ihn für all die Ruhe und Kraft, die er mir schenkt. Sie bringt mich durch den Tag. Er liegt an mich heran gekuschelt als gäbe es niemals ein Alter, in dem er in einem eigenen Bett schlafen würde. Als wäre er in Gedanken immer noch bei 37 Grad in meinem Bauch und als würde er manchmal seufzend sagen „Ach war das kuuuuuschlig bei dir“. Er gibt mir das Gefühl, noch nie in meinem Leben einen Fehler gemacht zu haben. Und nein, er ist mir keine Sekunde langweilig. Er ist nicht uninteressant oder weniger begabt.

Er ist vermutlich nicht mal weniger klug. Eben einfach nur ein klein wenig weniger sensibel für die Umwelt.

Und das macht uns gar nichts. Denn genauso sollte es sein.

Und übrigens, auch wenn es komisch klingt, ist das wirklich sehr oft sehr erholsam, ein ganz normal sensibles Kind zu haben.

Wie ist es bei euch, habt ihr auch ein hochsensibles und ein normal sensibles Kind? Wie geht ihr damit um? Fällt euch der Umgang mit einem Kind leichter? Hängt das mit ihrer Sensitivität zu tun?

Ich freue mich auf euren Input!

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