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„Menschenkinder“ von Herbert Renz-Polster: Wie ein Buch mein Denken veränderte

Rezension

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„Menschenkinder“ – Herbert Renz-Polster

Artgerechte Erziehung – was unser Nachwuchs wirklich braucht

 

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„Ein guter Teil dessen, was über Kinder behauptet wird, ist falsch. Gut gemeint in aller Regel, aber trotzdem: Geschwätz.“

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, vierfacher Vater und mittlerweile Bestsellerautor. Zu seinen Werken zählen Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt. Mit einem Vorwort von Remo Largo * , Die Kindheit ist unantastbar: Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen * , und – erst in diesem Jahr erschienen – Schlaf gut, Baby!: Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten (GU Einzeltitel Partnerschaft & Familie) *, das er zusammen mit Nora Imlau schrieb. Auf seiner eigenen Website Kinder verstehen betreibt er zudem einen Blog, auf dem Themen zur kindlichen Entwicklung Platz finden und er stets wissenschaftliche Thesen zu Erziehungsthemen kritisch beleuchtet. Renz-Polster wirkt häufig gesellschaftskritisch und ist es sicher auch, denn seine Behauptungen, die Ansprüche und Erwartungen an Kinder, haben in unserer Gesellschaft einen höheren Stellenwert als ihr Sein, sind Dreh- und Angelpunkt seines neuen Buches und werden evolutionsbiologisch betrachtet und wissenschaftlich belegt.

 

Inhalt

Artgerecht – was bedeutet das , im Zusammenhang mit Kindern? Ein Kind artgerecht zu „halten“ ist unmöglich, ihm ein Umfeld zu schaffen, in der es seine Potenziale voll ausschöpfen und frei von Zwängen leben kann, hingegen nicht. Im Rahmen der Erziehungsdiskussion, die zur Erklärung einer artgerechten Lebensweise für Kinder aber unumgägnlich ist, wird schnell klar, dass hinter Behauptungen über Kinder und ihre Entwicklung eigentlich nur die ferneren Interessen, Ziele und Erwartungen der Erwachsenen stehen (S. 15/16). Der Autor empfiehlt also nicht nur, die Machtverhältnisse zwsichen Erwachsenen und Kindern gründlichst zu prüfen, sondern auch, einen Exkurs in unser aller Vergangenheit zu machen. Er stellt fest, dass viele, in unserer Historie begründete, Eigenschaften der Kinder – die leider allzu häufig als Defizite ausgelegt werden – nichts mit unserer heutigen Welt zu tun haben und eben genau deshalb unseren Blick auf Erziehung grundlegend verändern können. Ein Blick auf die Geschichte unserer Menschheit zeigt, dass unsere Babies und Kinder noch jene Informationen in sich tragen, die bereits vor Urzeiten für ihr Überleben sorgten, kurz: ihre Entwicklung beruht auf allem, was funktioniert hat und somit nicht durch die Evolution ausradiert wurde (S.18).

Dies führe automatisch auch zu tiefen Ängsten verunsicherter Eltern, die vorm „Verwöhnen“, vor „Tyrannei“, davor nicht „perfekt“ zu sein oder eben auch, das Kind „zu wenig zu fördern“. Auf den folgenden Seiten nimmt sich Renz-Polster also all jenen Vorurteilen und Ängsten an und zerlegt sie in ihre Bruchstücke. Immer wieder, wie in einem Szenenwechsel, lenkt er den Blick zurück auf die Historie, sozusagen in die Steinzeit und hinterfragt, wie Menschenkinder früher überleben konnten, welche Gegebenheiten ihr Umfeld ausmachten, welche Strategie für ihr Überleben sorgte und nun eben auch zu körpereigenem, tief verankerten Wissen, das sozusagen per Genmaterial überliefert wird, führte.

Insgesamt besteht das Buch aus 12 ausführlichen Kapiteln, die die kindliche Entwicklung vom Säuglingsalter bis in die Pubertät grob – aber nicht chronologisch – beleuchten. Es geht ans Ausmisten: welche Mythen gehören entsorgt? Renz-Polster geht auf das Schlafen, das Tragen, Rituale und Strukturen und Regelmäßigkeiten des Kindes in diesem Zusammenhang, Essverhalten, Pubertät und die Erziehung zur Selbstständigkeit ein. Jedes dieser Themen behandelt er vor dem Hintergrund der möglichen Ängste, die Eltern verspüren könnten – also eben auch der Angst, in all diesen Themen Fehler zu machen. Für jeden einzelnen Punkt vergleicht er den evolutionären Hintergrund und macht einleuchtend und begründet klar, wieso keine Reaktion des Babys auf das Alleineschlafen und ständig getragen werden wollen (als Beispiel) falsch oder unbegründet sei.

„Wo Bedürfnisse gestillt werden, entsteht nicht Trägheit, sondern Freiheit. Bedürfnisse werden übermächtig, wenn sie nicht gestillt werden. […] Die Erfahrung von Bindung – also das Leben in verlässlichen, bedeutsamen und feinfühligen Beziehungen – macht Kinder frei.“

Müssen wir jetzt also einen auf „Natur“ machen? Der Autor macht klar, dass es nicht darum geht, die Nächte wieder in freier Natur am Lagerfeuer zu verbringen, um unseren Kindern ein möglichst artgerechtes Großwerden zu ermöglichen, sondern das Kinder ihre Sicherheit „aus ihren alltäglichen Beziehungserfahrungen“ schöpfen. Wir Eltern müssen also gar nicht „alles geben“, sondern einfach menschlich miteinander umgehen. Und was nun kommt, rührt mich streckenweise zu Tränen, auch wenn der Stil eigentlich eher pieksend sarkastisch und nicht wirklich romantisch ist: Renz-Polster schafft unglaublich viel Verständnis für Eltern jeder Couleur. Er verdeutlicht, dass sich die Entwicklung eines Kindes aus vielen verschiedenen Einflüssen zusammensetzt und nimmt damit einiges an Last. Das Gefühl, als Eltern alles richtig machen zu müssen, zum Beispiel. Und manchmal, so schreibt er, prägt das evolutionäre Programm eben auch so entscheidend mit, dass wir auf viele Dinge gar keinen Einfluss haben – egal wie krumm wir uns machen. Diese Worte sind eine Wohltat für Eltern, mit hochsensiblen / High Need / 24-Stunden Kindern.

Es wird das Thema außerfamiliäre Betreuung, Schule und Förderungen durch die Eltern, also Termine an den Nachmittagen besprochen und provokant gefragt: muss das alles wirklich sein? Stattdessen zeigt er auf, wie wichtig für die Entwicklung eines Kindes tatsächlich die freie Zeit mit anderen – nicht nur gleichaltrigen Kindern – ist und welche unersetzbaren Vorteile dieses freie Spiel, die Freiheit der Kinder und ihrer Kindheit, mit sich bringt (S. 84ff.).

Einen kritischen Blick widmet er den durch die Erwachsenen organisierten Spielgruppen und Förderprogrammen, in denen Kinder eigentlich nur eines lernten, nämlich, nach den Regeln der Großen zu spielen (S. 87). Dieses Bild passe nicht zu einer Betrachtung der Kinder, die sich die Welt im Spiel selbst erobern und ihre Codes entschlüsseln. Im Vordergrund dürfe nicht stehen, was das Kind einmal werden soll, sondern, was es bereits ist. Diese Freiheit und das Spiel in nicht nur altershomogenen Gruppen fördere zudem die Resilienz der Kinder, die sie innerlich auf Krisen vorbereitet und Widerstandsfähigkeit bildet – eine überlebenswichtige Eigenschaft!

Doch wieviel Freiheit ist genug? Wieviele Grenzen braucht ein Kind? Renz-Polster versucht, eine Antwort zu finden auf die Mutter aller Erziehungsfragen. Zugegebenermaßen stimme ich persönlich in diesem Kapitel nicht in allen Punkten zu, einfach weil wir hier einen sehr viel unerzogeneren Weg gehen. Doch trotzdem verstehe ich, was er sagen will: eine artgerechte „Erziehung“ schließe auch Verbote und Grenzen mit ein. Die natürliche Umgebung des Kindes sei voller „Honigtöpfe“, doch die Evolution habe eben keinen Schutzfilter eingebaut, diesen zu widerstehen (S. 108ff.). Kindliche Grenzen schaffen auch Möglichkeiten und Orientierung und funktionieren, so sein Fazit, ohnehin nur auf Basis von gesunden Beziehungen. Ein sehr wichtiger Aspekt dabei ist, dass immer dann ein Mehr an Grenzen benötigt würde, je weniger Beziehung da ist (S. 114).  Menschenkinder wachsen nicht, in dem sie Aussagen befolgen:

„Grenzen allein heilen nicht, durch Grenzen wachsen Kinder nicht, und auch die Eltern kommen dadurch nicht wirklich voran. Wenn Kinder ein problematisches Verhalten an den Tag legen, dann ist wirklich mehr schiefgelaufen, als dass jemand vergessen hat, die Spielregeln zu erklären.“

Die richtige Förderung bedeutet in den Augen des Autors, dass vor allem das Fundament in der Familie gelegt wird. Das Kind bringt eine „eingebaute Förderung“ (S. 125) bereits mit auf die Welt. Soziale Kompetenz hingegen könne nicht von Erwachsenen vermittelt werden, man kann ein Kind nicht belehren, innerlich stark zu sein. Ein normales, arttypisches – also artgerechtes – Entwicklungsumfeld bestehe aus Menschen, denen das Kind etwas bedeute und aus Zeit, Raum und der Gelegenheit, die Welt zu erkunden (S. 135). Das betrifft in weiten Teilen auch die Schulinstitutionen, auf die der Autor im neunten Kapitel sehr ausführlich eingeht, die Individuen systematisch in „Sieger“ und „Verlierer“ einteile (S. 148ff.).

Besonders berührend ist Kapitel 10 mit dem Titel „Lügen über Eltern – und das Elternsein“, in dem Renz-Polster wahnsinnig sympathisch klarstellt, dass unsere bzw. die gesellschaftlichen Erwartungen an das Eltern-Dasein schlicht unrealistisch sind. Er stellt klar, dass keine Frau automatisch auch die geborene Mutter sei, sondern dass jeder Mensch, der ein Baby bekomme, weiter lernen müsse. Ein automatischen Wissen jedenfalls gäbe es nicht – dieses sei nicht, wie oft erwartet, genetisch eingebaut (S. 155 ff). Er beleuchtet – erneut vor dem historischen Hintergrund – die heutige westliche Welt und die Tatsache, dass die Hilfe in der Familie nicht mehr gegeben ist und dass Frauen viel zu häufig auf sich allein gestellt sind. Übrigens eine Erscheinung, die es so in unserer Geschichte nie gab.

„Der Stress im Alltag ist damit programmiert: Eine zur Aufzucht ihres Nachwuchses so dringend wie keine andere Art auf Helfer angewiesene Spezies hat ihre sozialen Netze und Bindungen radikal beschnitten und steht auch im Familienleben immer stärker unter dem Diktat des Individualismus. Betrachtet man die evolutionäre Matrix der menschlichen Art, so kann das nicht gutgehen. Wer Kinder haben will, braucht Helfer. Am Lebensanfang gilt das noch radikaler als zu jeder anderen Zeit.“

Ein eigenes Kapitel widmet der Autor der Geburt und der heutigen Geburtskultur. Er appelliert an Frauen, nicht mehr in die Klinik zu fahren „um sich entbinden zu lassen“ (S. 178) sondern wieder selbst zu gebären. Das Kapitel ist ein wunderbares Plädoyer für die natürliche, eben artgerechte, Geburt und eine Hoffnung darauf, dass wir bald zurückkehren mögen zu einer artgerechten Geburtskultur. Gleichermaßen wirken gesellschaftliche und wirtschaftliche Ziele so massiv auf die Frauen ein, dass Renz-Polster den Gebärstreik darauf zurückführt (S. 196). Er beleuchtet politische Probleme, die Schuld daran sein mögen, dass Geburten zurück gehen und Paare sich immer weniger zutrauen, Eltern zu werden. Eines dieser Probleme sind die Betreuungsinstitutionen, die starken Aufholbedarf haben (S. 204). Dass ein Kind nicht allein durch die Eltern groß gezogen würde, sei aus evolutionärer Sicht völlig normal und ganz und gar nicht gegen die Natur (S. 202 ff.). Das WIE allerdings mache den entscheidenden Unterschied.

„Dass sich unsere Kinder wohl fühlen und dass wir uns mit unseren Kindern wohl fühlen, das ist unsere Zukunft. Vielleicht haben wir wirklich zu lange die Banker, die Macher und Manager bejubelt, statt Tagesmütter, Erzieherinnen, Großmütter, Eltern und ja, auch Kinder zu feiern. Vielleicht ist es an der Zeit, dass alle, die für Kinder sorgen, etwas lauter werden. Bildet Banden!“

Der Autor zieht Bilanz: nicht jede Methode passt zu jedem Kind. Nicht jede Spezies reagiert auf ein bestimmtes Verhalten gleich. Was für eine Katze funktioniert, funktioniert eben nicht für ein Kind (S. 220). Kinder gedeihen nicht durch die Taten, die Eltern und Erwachsene leisten, sondern durch die Beziehungserfahrungen, die sie in ihrem Leben sammeln. Ein artgerechtes Großwerden unserer Menschenkinder ist also nicht eine strikte, eingliedrige Erziehung durch Erwachsene, sondern viel mehr ein Eigenlernen, eine Eigenerziehung und eine Selbstorganisation (S. 221), möglichst in eigenem Tempo.

„Der Weg zur „richtigen“ Erziehung muss jeder selbst finden. Und das ist gut so. Dennd er Rahmen, in dem wir leben, denken und arbeiten, wird ja immer neu geschaffen, mit jeder Generation, in jeder Gesellschaft, jeder sozialen Schicht, jeder Familie. […] Eindeutig: Erziehung ist kein Naturprodukt, sie ist eine permanente Neuerfindung. Es gibt beim Menschen so wenig eine Urerziehung, wie es eine Ursprache gibt.“

 

Persönliches Fazit

„Menschenkinder“ ist ein wundervolles Buch, das ich an einem Wochenende verschlungen habe. Ich liebe den sarkastischen Unterton, bewundere seine Revoluzzer-Schreibe und bin der festen Meinung, dass dieses Buch das Denken über Kinder einiger Menschen grundlegend verändern kann. Zu jedem Zeitpunkt plädiert der Autor für eine Elternschaft, in der die Beziehung und Bindung zum Kind das Wichtigste ist, reißt Erziehungsziele und Förderwillen ein und lenkt den Blick auf das was Kinder sind: vollwertige kleine Menschen. Ich möchte dieses Buch jedem ans Herz legen, dessen Bauchgefühl signalisiert, dass die vielen Mythen und Behauptungen über Kinder – so alt sie auch sein mögen – nicht stimmen könnten. Dieses Buch gehört unter den Weihnachtsbaum für Omas und Opas, für Bezugserzieher und alle anderen, die in ihrer Angst um die Entwicklung eines Kindes vor lauter Förderwahn vergessen könnten, dass ein Kind sich selbst entwickelt und, dass es nur glücklich sein und seinen Platz in der Welt finden kann, wenn es sich selbst sein darf. Und dazu braucht es kaum etwas, außer bedingungslose Liebe und Verständnis für das „Arbeitsmodell“, das es – genetisch und evolutionsbiologisch betrachtet – bereits mit auf die Welt bringt.

Ein wunderbares Buch, das ich sehr genossen habe. Vielen Dank dafür!

 

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Menschenkinder: Artgerechte Erziehung – was unser Nachwuchs wirklich braucht

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