#HochsensibleMütter - die Interviewreihe

„Mit einer Light-Version von mir komme ich gut zurecht“ – #HochsensibleMütter mit anonymem Gast

Meine heutige Gästin möchte anonym bleiben. Und das ist nicht nur ihr gutes Recht, sondern wird vermutlich für einige – vielleicht für alle von euch – verständlich, wenn ihr das Interview gleich lest. Die hochsensible Mutter ist Anfang 30, hat eine Tochter im Alter von 1,5 Jahren und weiß eigentlich, ganz tief drinnen und ohne einen Test gemacht zu haben, schon eine ganze Weile, dass sie „anders“ ist. Und das ist spannend, denn sie erspürt Schwingungen und Stimmungen, verfügt über eine sehr besondere Gabe und versteckt all das, um mit einer „Light-Version“ ihrer selbst nach Außen zu gehen. Warum, was das heißt und was genau sich hinter all dem verbirgt, das lest ihr am besten selbst. Ein wunderbares, sehr interessantes und helfendes Interview, das nicht nur zeigt, welche „Ausmaße“ Hochsensibilität und Hochsensitivität annehmen kann, sondern auch, wie sehr wir uns doch noch immer anpassen und verstecken, um ja nicht zu sehr auzufallen – dafür sind wir schließlich eigentlich zu sensibel.

Vorhang auf für meine anonyme Gästin bei #HochsensibleMütter


Du bist hochsensibel. Seit wann weißt du davon? Hast du einen Test gemacht und wenn ja welchen? Und woran bemerkst du deine eigene Hochsensibilität am Deutlichsten?

 

 

Ganz tief in meinem Herzen weiß ich seit der Kindheit, dass ich hochsensibel bin. Ich hatte schon immer besondere, andere Fähigkeiten, als andere Kinder. Einen Test habe ich zum ersten Mal gemacht, kurz nachdem ich das Interview angenommen hatte. Es war der Test von Zartbesaitet und ich war über das Ergebnis: „Hochsensibel“ dann auch nicht überrascht. Ich habe einen starken 7. Sinn, wenn wir es mal so nennen wollen. Als Kind und Jugendlicher konnte ich noch Gedanken lesen, in der Jugend machte mir das aber so viel Angst, dass ich diese Gabe in mir verschüttete. Heute ist davon über, dass ich immer genau weiß, wer es gut mit mir meint und wer nicht und ich sehe die echten Emotionen hinter den Masken der Menschen. Wenn mir jemand sagt:“ Ja, alles gut!“, weiß ich genau, was wirklich los ist. Ich spüre ganz viel, als Schwingungen in Räumen, zwischenmenschliches und Gefühle. Ich rede nicht darüber, weil es eh sehr wenige Menschen verstehen, was ich meine. Letztens traf ich mich mit meinen Freundinnen. Es war so eine eisige Stimmung, ganz im Verborgenen, dass ich mich kaum noch konzentrieren konnte. So ist das bei mir ganz oft. Ich fühle mich oft unwohl oder falsch zwischen Menschen, die es nicht ehrlich mit mir meinen.

Von meinem Opa habe ich die Gabe des Heilens durch Handauflegen geerbt. In meiner Familie überspringt diese Gabe immer eine Generation. Auch das mache ich nicht öffentlich, wie es mein Opa tat. Aus der ganzen Gegend reisten sie zu ihm, um sich Warzen beschwören zu lassen oder diverse andere Wehwehchen. Ich bin mir allgemein nicht so sicher ob mir das alles so gut tut, darum mache ich das auch nicht so wirklich. Nur bei Freunden und in der Familie helfe ich.

Auf der Beerdigung eines Freundes hatte ich einmal eine Vision. Er sagte zu mir, dass ich seiner Mama sagen solle, dass es ihm unwahrscheinlich gut geht und er den ganzen Tag Golf spielt. Er starb jung, nach langem Krebsleiden. Solche Dinge passieren mir einfach und das schon seit meiner Kindheit.

Im angepassten, normalen Leben bin sehr sozial und habe ein Ohr für Menschen. Mein Papa sagte schon als Kind immer zu mir, „Pass auf, du gibst irgendwann noch dein letztes Hemd“. Diese Aussage fand ich immer eigenartig. Ich mag es, Menschen eine Freude zu machen. Wenn Menschen echte Probleme haben, kommen sie gern zu mir. Ich bin sehr gut darin, akute Konflikte zu begleiten. So war es jedenfalls bis jetzt immer. Allgemein habe ich sehr starke emotionale Empfindungen und Problematiken berühren mich tagelang. Ich kann deshalb auch keine Nachrichten mehr schauen, das ist mir oft einfach zu viel. Ganz schlimm ist für mich, wenn mein Kind sich weh tut. Ich habe gelernt, erst abzuwarten, bis die Emotionen kommen, aber ich weine fast mit.

 

Hochsensible Mütter schwanken, so Brigitte Schorr, eine Expertin auf dem Gebiet, besonders häufig zwischen Langeweile allein mit dem Kind und Überforderung im Alltag, ständig gepaart mit schlechtem Gewissen. Kannst du das bestätigen?

 

 

Als ich diese Frage las, dachte ich so: Wow, krass, das bist du. Ich kann es also absolut bestätigen. Ich mache mir unmöglich viele Gedanken zu allen möglichen Variationen von unserem Leben als Familie. Selbstbetreuung vs. Krippe, Familienbett vs. Kinderbett, Stillen vs. Langzeitstillen und dann natürlich darüber, ob ich meinem Kind gerecht werde. Ich habe so einen hohen Anspruch an mich selbst, weiß aber, dass ich einfach nur in Liebe und Geborgenheit da sein brauche und mit meinem Kind in Beziehung gehe „muss“, damit alles gut ist. Ich mache das gut, das weiß ich auch, aber ich muss mich immer daran erinnern, um nicht in der Über- oder Unterforderung zu landen.

 

Als Mutter ist man irgendwie ja auch fremdbestimmt durch das eigene Kind. Empfindest du das auch und wenn ja, an welchem Beispiel besonders? Und wie gehst du damit um?

 

Mit der Fremdbestimmung beschäftige ich mich sehr stark. Es ist auch ein Phänomen der Attachment Parenting-Mama, an der Grenze zu sich selbst, und in der Grauzone der Fremdbestimmung durch das Kind, zu sein. Damit beschäftige ich mich auch unter anderem auf meinem Blog (Anm. d. Red.: Die Verfasserin möchte anonym bleiben, daher keine Verlinkung). Ganz speziell habe ich momentan einen großen Konflikt mit meinem Schlafverhalten. Ich würde gern zwischen 00:00 Uhr und 07:00 Uhr abstillen, da ich den Schlaf brauche. Ich bin aber auch so unsicher, dass ich meinem Kind damit ein Problem bereite. Ich muss jetzt einfach schauen, wie sich das entwickelt und ich lese mich langsam in die Methode von Dr. Gordon ein, um es dann, so sanft wie möglich zu machen. Auch so ist es immer eine Gradwanderung. Sich selbst zu achten und die Grenzen des Kindes zu wahren, erfordert ein hohes Maß an Übung und Selbstregulation.

 

Ist deine eigene Mutter oder dein Vater hochsensibel? Erkennst du sie in dir wieder? Was schätzt du an deinem hochsensiblen Elternteil? Und was gar nicht?

Ich glaube tatsächlich, dass sie es beide sind. Meine Schwester ist hat es sogar als Diagnose in ihrer Therapie bekommen. Meine Eltern sind beide nicht einfach, aber, egal was war, sie hatten immer und absolut für alles Verständnis, was bei uns im Leben war. Es gab nie Verurteilungen oder Strafen. Wir wurden frei gelassen und begleitet. Das war sehr angenehm. Zwischenzeitlich hatte sie in ihren 30gern und 40gern sehr viel mit sich selbst zu tun, also auch einige Baustellen. Jetzt im Alter, also zwischen 50 und 60 sind sie ein ganzes Stück bei sich angekommen. Sie waren rückblickend auch überfordert. Ich denke auch einfach, dass diese Generation nicht die Möglichkeit hatte, an vernünftige Literatur zu gelangen. Heute ist die Welt der Bildung offen und bunt. Hochsensibel? Da gucke ich doch gleich mal im Netz, was ich alles Schönes finden kann. Das ist doch wahrlich ein Geschenk.

 

Ist dein Kind hochsensibel? Prallt ihr oft aneinander?

 

 

Mein Kind ist noch sehr klein. Wir prallen wenig aneinander. Ich wurde einmal, glaube eher so aus Übermut, von ihr etwas gehauen, und ich sagte „Aua“. Daraufhin weinte sie gleich bitterlich los und umarmte mich. Das war herzzerreißend. Wir werden einfach schauen, wo die Reise hingeht.

 

Empfindest du dein (hochsensibles) Kind als anstrengend?

 

Ich bin oft an meiner Grenze, aber einfach, weil ich das Problem bin, nicht mein Kind. Ich brauche viele Pausen, weil ich das sehr wichtig für meinen Körper und meine Seele finde. Mein Mann und ich wechseln uns ab und ich habe jeden Tag etwas Zeit für mich, er ist so ein Powermensch. Das ist ein großes Geschenk und ich bin dankbar. Kleine Kinder, find ich, brauchen noch sehr viel Mama und Papa, das ist anstrengend und schön. Es ist das Leben, nicht immer einfach und doch so wunderbar.

 

Stressabbau und Selbstregulationsmechanismen: würdest du sagen, du lebst gut mit deiner Hochsensibilität? Welchen Strategien hast du, um dich selbst zu beruhigen und deinen inneren Stress abzubauen?

 

 

Es kommt darauf an, ich muss gut auf mich aufpassen. Manchmal wird es mir, gerade im Winter, alles etwas viel und ich neige dazu, mich einzuigeln. Soziale Kontakte sind aber gut für mich und ich brauche das auch. Somit muss ich immer schauen, in der Waage zu bleiben. Ich gehe nicht mehr, so wie früher, mit meinen ganzen Tiefen nach außen. Ich bin ehrlich und offen, aber das ist oft für die meisten Menschen schon zu viel. Alle Facetten von mir überfordern viele, also komme ich mit einer Light-Version im Außen ganz gut zurecht. Sonst meditiere ich, ich versuche es jedenfalls. Es ist schwer aus den Gedanken zu kommen. Yoga habe ich auch eine Zeit lang gemacht. Ich schreibe gern auf meinem Blog. Das tut mir so unwahrscheinlich gut. Das ist richtiger Stressabbau für mich. Ab und zu muss ich auch mal Streiten. Ich habe auch eine wilde Seite in mir. Nach einer guten konstruktiven Diskussion geht es mir oft besser.

 

Welchen Rat würdest du anderen hochsensiblen Müttern geben? Und wenn du Literatur zu dem Thema gelesen hast, möchtest du etwas empfehlen?

 

Ich habe mich noch überhaupt nicht in das Thema eingelesen. Ich möchte damit erst noch beginnen. Ich empfehle immer und überall gute Blogs, die aus dem Herzen heraus schreiben. Da lerne ich immer sehr viel und oft wird auch Literatur angegeben. Es gibt so einige Blogs von hochsensiblen Mütter oder Mütter mit hochsensiblen Kindern. Schaut euch einfach um.

 

Ein Ausblick in deine Zukunft: Welche Eigenschaft darf wachsen, was willst du so bewahren wie es ist und woran möchtest du gezielt arbeiten?

 

Ich übe mich in Akzeptanz. Für mich und für meine Familie. In der Liebe zu bleiben hilft mir bei allem. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, aber ich weiß, dass ich diese Zukunft in Liebe leben möchte und mich selbst lieben möchte, so wie ich bin, auch besonders meine speziellen Seiten.


Die bisherigen Interviews findet ihr hier:

#HochsensibleMütter – Die Interviewreihe

„Die perfekte Balance muss ich noch finden“ – Lela

„Alles hatte endlich einen Namen“ – Die Frühlingskindermama

„Als ich anfing, mich so anzunehmen, ging es bergauf“ – Dani

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