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Nur einen Tag in meinen Schuhen.

„Warum trägst du dieses dumme Hasenkostüm?“ –

„Warum trägst du dieses dumme Menschenkostüm?“

{aus: Donnie Darko}

 

Ich habe euch belogen. Ich bin gar nicht 22. Und um ehrlich zu sein fühle ich mich nicht mal so, wie mein wahres Alter, sondern bescheiden gesprochen eher wie das Doppelte. Mindestens, denn ich bin eine alte Frau. Was das heißt, das Doppelte, werde ich nicht verraten, denn dann wüsstet ihr mein wahres Alter und ich müsste den Blog verbrennen, nach irgendwo auswandern und meine Spuren verwischen. Aber dazu habe ich keine Zeit. Und das ist im Prinzip auch, worum es heute geht.

Ich habe euch belogen. Ich bin keine gute Mutter. Und wenn das in irgendeinem meiner Texte so dargestellt wurde, dann lasst mich an dieser Stelle betonen: ich kann ein paar Dinge gut. Formulieren und schön schreiben gehört dazu. Und ich kann ein paar Dinge nicht sehr gut. Mutterschaft gehört dazu. Zumindest fühlt es sich so an, gerade in Phasen, wie ich sie gerade durchlebe.

Ich habe euch belogen, meine Söhne. Es ist nicht alles gut und ich schaffe nicht alles alleine. Es ist anstrengend. Ihr seid anstrengend. Das Drumherum ist anstrengend. Meine Ansichten der Mutter- und Elternschaft sind anstrengend. Ich bin anstrengend. Ich und meine Erwartungen. Ich und meine Hoffnungen. Ich und meine blöde Regel, dass kein Fertigessen auf den Tisch kommt. Ich und meine Werte, die mir wichtiger sind, als es leicht zu haben. Ich und mein Wunsch, euch so geborgen und behütet und eurer Natürlichkeit entsprechend ins Leben zu begleiten, wie es geht.

Ich habe mich belogen, mit jedem einzelnen Wort, das klingt, als würde ich Bindungsorientierung und den Verzicht auf Erziehung ganz spielerisch wuppen. Als könnte ich Tips geben. Als könnte jemand meinem Beispiel folgen. Ich habe mich belogen, an jedem einzelnen Tag, an dem ich mich fühlte wie jemand, der Dinge an andere weitergeben könnte. BULLSHIT. Du therapierst dich doch hier selber, du einfältige Person. Hör auf dich selbst zu belügen.

Ich mag nicht mehr lügen. Ich erzähle euch jetzt mal was: Bedürfnisorientierung ist Kokolores. Ich kenne keine Mutter mit mindestens einem Kind U1, die wirklich Bedürfnis- oder Bindungsorientiert oder gar unerzogen lebt und WIRKLICH achtsam mit ihren eigenen Bedürfnissen ist. Mit einer Ausnahme: vollends aufgehen, in der Rolle als Mutter. Dann, so denke ich, sollte man abends wirklich erfüllt ins Bett gehen, denn ein Tag mit den eigenen Kindern, erfüllt nicht nur deren, sondern auch die eigenen Bedürfnisse auf ganzer Linie.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass das meine Rolle ist. Ich liebe euch unendlich. Ich liebe mein Leben mit euch. Aber ich wünschte, es gäbe mehr. Ein Ventil. Einen Ausgleich. Eine Pause. Einen Urlaub. Doch all das gibt es nicht. Ich höre Menschen sagen „Das kommt wieder“, „Deine Zeit wird kommen“, „Es ist nur das erste Jahr so anstrengend“ oder „Nicht ohne Grund ist Schlafmangel eine Foltermethode“ – blah blah blah.

Doch die Wahrheit ist: das alles wäre kein Problem. Ich weiß, ich könnte das! Ich könnte völlig entspannt die Bedürfnisse meiner Kinder achten und erfüllen, ohne zu meckern und zu motzen, ohne mich schlecht zu fühlen oder ohne am Ende zu sein, wenn es zumindest den Hauch einer Bedürfniserfüllung für mich gäbe. Es gab sie, diese Wochen! In denen ich am Wochenende etwas mehr Abstand bekam, in denen ich etwas weniger vorkochen musste, in denen ich beim Sport war oder einfach mal mit dem Hund spazieren. Und dann flog ich durch die Woche, mit einer ungeahnten Leichtigkeit. Aufgetankt. Erfüllt. Frei. Doch jedes Mal, sehr schnell, schleichen wir, meine Familie und ich, dann wieder in diesen Strudel. Immer der gleiche. Denn wenn ich erfüllt bin, ausgeglichen und frei, neige ich zu Superwoman-Eigenschaften. Ich kann problemlos meine 15-16 Stunden Alltag reißen, den Haushalt, das Essen, die Kinder, den Hund, den Einkauf und den Blog schaffen, ohne ein negatives Wort. Ohne ein Stöhnen. Ohne eine Träne. Und alle um mich herum freuen sich, denn:

„Mutti macht das schon. Dann muss ich ja nicht.“

Die Wahrheit ist: ich hasse Haushalt. Ich hasse ihn. Abgrundtief. Er überfordert mich und raubt mir kostbare Lebenszeit. Aber er ist nun mal da.
Die Wahrheit ist: 80% der aufgezählten Dinge muss ich mit 2 Kindern unter 3 Jahren im Schlepptau erledigen, was sie doppelt so kompliziert machen. Das ist kein Gejammer, es ist eine Tatsache.
Die Wahrheit ist: ich schaffe das genau eine Arbeitswoche, also vom einen bis zum anderen Wochenende, dann bin ich platt. Der Strudel zieht mich runter: von erfüllt und ausgeglichen, über sich-zuviel-zumuten bis hin zu „Ich bin platt“ und endend in „Alles Scheisse.“

Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass mir mein Leben zu viel wird, sehr häufig. Dass zwei Kinder unter 3 Jahren, ein Hund und ein 100qm Haushalt für mich anstrengend sind. Dass ich nicht gut damit klarkomme, nie Pause zu haben, nie Urlaub. Nie Ruhe. Dass ich mir Unterstützung wünschen würde, im Alltag. Dass ich mir einen Clan, eine Kommune, ein kleines Dorf, einen guten, engen Familienzusammenhalt wünschen würde. Ruhe. Alleinsein. Urlaub.

Doch das ist und bleibt nicht die Wahrheit. Denn ich sitze da und falte Wäsche. Es ist 14.30 Uhr. Heute ist einfach alles schief gegangen. Aber davon möchte ich einfach nicht berichten. Ich will nicht noch einen Text darüber bringen, was ich für eine Versager-Mutter bin. Ich habe es jetzt ausreichend häufig geschildert und wenn nicht, dann reicht es, dass ich es weiß. Dass ich weiß, dass ich dem, was hier geschieht, nicht gewachsen bin.

Ja, meine Kinder sind klein. Ja, sie sind nicht viel mehr als eineinhalb Jahre von einander geboren. Ja, das ist saumäßig anstrengend.

Aber das ist nicht das Problem. Das ist nicht MEIN Problem.

Meine Kinder sind unbeschreiblich. Sie sind wunderhübsch. Sie sind witzig. Ich lache so viel über so viele wunderbare, herzerwärmende Dinge. Sie sind klug. Sie sind schnell. Sie sind gesund. Sie sind liebenswert. Sie sind meine Familie und ich will keine anderen.
Aber sie sind sehr klein. Sehr sehr klein. Und ich bin allein.

Allein? Nee. Die ist doch verheiratet die Alte.
Stimmt. Ich bin verheiratet. Und lebe auch sogar mit dem Mann zusammen, mit dem ich verheiratet bin und der der Vater meiner Kinder ist. Und dennoch bin ich allein.
Tagsüber, von kurz nach sieben bis in den frühen Abend. Immer dann, wenn unser großer Sohn einen besonders fiesen Tobsuchtsanfall hat, bei dem er sich selbst so in Rage schreit, dass einem die Ohren wehtun. Wenn ich nicht schnell genug bin, die Situation nicht in den Griff bekomme oder selber total übermüdet bin, dann kann das passieren. Dafür schäme ich mich nicht, ich weiß, dass er sehr viel klüger ist als viele andere Kinder in seinem Alter, noch dazu Hochsensibel. Allein diese beiden Dinge würden reichen, um Kopf und Herz eines Zweijährigen maßlos zu überfordern. Da darf man auch mal ausflippen. Ich flippe wegen weniger aus. Doch natürlich ist es nicht mein Wunsch, dass mein Kind unter seinen eigenen Emotionen so leidet, dass es in einen Strudel aus Wut, Überforderung, Trauer und Müdigkeit gerät. Ein paar Monate lang war das ein Drahtseilakt. Und um ehrlich zu sein ging es auch dauernd schief. Doch jetzt, jetzt ist er eben 2 und autonom und tja mein Gott – ehrlich gesagt finde ich da erstmal nichts bei. Wenn… Ja. Wenn.

Wenn nichts schief läuft. Jede noch so kleine Abweichung unseres täglichen Planes, unserer täglichen Rituale kann (muss nicht!) so triggern, dass aus dem bildhübschen, witzigen, singenden, lachenden, klatschenden, tanzenden kleinen Jungen ein zerbrechliches, kleines Kind wird, das nicht weiß, wohin mit sich und das jemanden braucht, der ihn lenkt, begleitet und nicht verurteilt.
Das kriege ich hin. Bis hierhin kein Problem, ich alter AP-Terrorist.
Doch parallel schreit eben das Baby, das ebenfalls sehr klein ist. Das vielleicht ein wenig Angst vor seinem Bruder hat, das vielleicht zu mir, in meine schützenden Arme möchte, das vielleicht ebenfalls übermüdet ist. D-Von ist 8 Monate alt – wir haben mittlerweile glaube ich gelernt, in welcher Reihenfolge wir wen abfrühstücken müssen, um mit einem Schock davon zu kommen.

Aber der Punkt ist: ich bin alleine.

Ich halte die Luft an, wenn Bubba Ray zum Hulk wird und spiele das eingeübte Muster ab. Ich versorge beide Kinder so weit, dass man sie ablegen kann, ohne dass wieder einer anfängt zu brüllen. Meistens schläft Bubba Ray danach ein. D-Von nicht immer. Aber egal ob jemand schläft oder nicht, mich nehmen diese Aussetzer extrem mit. Mir ist zum Heulen zumute. Ich möchte mit jemandem sprechen, will verarbeiten. Möchte Revue passieren und mir die Geschehnisse durch den Kopf gehen lassen. Aber ich bin allein.

Ich bin wütend. Stinkwütend, mindestens genauso sehr wie Bubba Ray, aber nicht auf ihn und auch nicht auf seinen schreienden Bruder, sondern auf die Welt. Ich hab auch mal gearbeitet. Vergisst man gerne, ich weiß. Aber ist in Wirklichkeit noch gar nicht so lange her. Und nur noch wenige Monate, dann werde ich das – übrigens ZUSÄTZLICH zu allem anderen – auch wieder tun. Und das nicht zu knapp, im Eventmanagement habe ich gut und gerne meine 60 bis 70 Stunden pro Woche gearbeitet, wenn Hochsaison war. Ich hab es geliebt, auch wenn ich oft „Ich mache das schon 20 Jahre“-Ätzkunden und Pleiten, Pech und Pannen hatte. Mich störte das Pensum nicht. Wäre ich nicht schwanger geworden, hätte ich von selbst nicht reduziert. Und na klar hatte ich da auch was zu meckern und na klar war ich müde und na klar hab ich meine Wochenenden gern für mich gehabt.

Aber es.ist.kein.Vergleich.

Nicht zu dem, was ich hier heutzutage alles tue. Und sorry, liebe kinderlose Welt, liebe arbeitende Bevölkerung, liebe Gesellschaft: ihr könnt mich alle mal. Ihr braucht mir echt nicht mehr erzählen wie anstrengend eure Arbeitswoche ist, denn ich WEISS es und sage euch: das ist echt Pipifax. Und mein Mann, in seinen schicken Hemden und gebügelten Bundfaltenhosen, der von 12 bis 13 Uhr Mittag macht und jeden Morgen und Abend je 15 Minuten Zugfahrt hat, in denen er NICHTS tun muss, außer sich fahren zu lassen – der ist nicht hier. Es ist nicht mal seine Schuld! Nein, ich kann mit meinem Witz an Elterngeld keine Familie ernähren. Ich bin froh, dass er das übernimmt. Aber ich kann es mir nicht anhören, wenn er mir abends von dem Ausmaß an Stress berichtet, das er hatte, weil er ein Einschreiben zur Post bringen musste, schließlich hat der Praktikant gekündigt, und als er wiederkam, da klebten 3 (!) Post-Its an seinem Bildschirm. Ich höre gar nicht hin, sondern überlege, welche logistischen Herausforderungen ich stemmen müsste, um ein Einschreiben zur Post zu bringen, klemme mir aber den sarkastischen Kommentar, weil er nicht zielführend wäre und noch dazu respektlos.

Denn die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ist: ich bin neidisch.

Ich beneide ihn um die Zugfahrt am Morgen, in Ruhe, ohne „Warum“’s und „Nein, will kein Müsli“’s und vollgekackte Windeln. Ich beneide ihn um den Spaziergang von der Bahn zum Büro an der frischen Luft, alleine, mit Handy in der Hand. Ich beneide ihn um die Mittagspause, die erwachsenen Kollegen, sogar um die Bundfaltenhose. Ich beneide ihn um seinen FEIERABEND. Feierabend. Ich beneide ihn um seine Krankschreibung, seinen bezahlten Urlaub, seine Post-Its. Um seinen Feierabend.

Ich bin eine Rabenmutter, das ist die Wahrheit. Denn ich habe versagt. Ich habe AP verkackt. Ich habe meine Bedürfnisse ignoriert und pfeife jetzt auf dem letzten Loch. Walking on Zahnfleisch. Meine Müdigkeit und Überforderung macht aus mir eine motzende, unzufriedene Mecker-Mutter, die ich nicht leiden kann, deren Erziehungskonzept ich zum Kotzen finde und die lügt. Die sagt „Jaja alles gut“ und meint „Wenn jetzt noch irgendeiner mir von seinem Seelenmüll erzählt, werde ich vielleicht in einer weißen Jacke, mit Sabber vorm Mund und zersausten Haaren abgeholt!“

ICH KANN ES NICHT MEHR HÖREN!

Der Chef ist kacke – auf den Ärger erstmal ein Bierchen nach der Arbeit um 18 Uhr ?
So viel Maloche, ätzend. Die Prämie habe ich mir echt verdient!
Thank God it’s friday
Ich hatte Frühdienst. Jeden Morgen um 8 Uhr im Büro. Am Wochenende schlafe ich aus.

MACHT DOCH! MACHT DOCH! MACHT DOCH!

Aber lasst mich weiter schmollen und euch hassen, für eure Mittagspausen, euren Feierabend und eure Zugfahrten mit Kopfhörern und Musik, die IHR hören wollt. Wenn da nicht mindestens einmal „Oh Gulligulligulligulliramsamsam“ drin vorkommt, ist es inakzeptabel.

Jetzt werden wieder Leute aus ihren Ecken gekrochen kommen und mir vorwerfen, ich sei selber Schuld, so ein Geschisse um meine Kinder zu machen. So ein bisschen Pre hat ja noch keinem Kind geschadet und dann kannste auch mal wieder einen Schnaps trinken, den brauchst du nämlich. Und es ist auch total nicht nett und so hier die Leute die arbeiten äh äh äh so Dings. Nehmt euch einen Stuhl, da unten ist die Kommentarfunktion: Feuer frei.

Ich hab sowieso keine Zeit, mich darüber auch noch aufzuregen.

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