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#RabenmütterErzählen über das Langzeitstillen (Sylvie)

Sylvie hat eine ganze Weile hier Co-geblogt. Hauptsächlich über ihre Schwangerschaften, in denen Sie wie ich unter der Schwangerschaftskrankheit Hyperemesis Gravidarum zu leiden hatte (hier und hier). Jetzt hat sie mit einer Selbsthilfegruppe für betroffene Frauen und einer Website zur Aufklärung und Hilfe aber genug zu tun. Und trotzdem hat sie sich die Zeit genommen, um uns im Rahmen meines Adventkalenders #RabenmütterErzählen vom Langzeitstillen zu erzählen. Ihre Tochter wird bald 2 Jahre alt und ihr Bericht über ihre magische Stillbeziehung geht wirklich ins Herz.

Vorhang auf für Sylvie 🙂

„Ich habe zwei Kinder. Mein Sohn ist 6 Jahre alt und meine Tochter 20 Monate alt. Meine Erfahrungen zum Stillen könnten bei den beiden nicht unterschiedlicher sein. Müsste ich sie in einem Satz zusammenfassen, so würde ich sagen: Es war und ist die schönste und gleichzeitig schlimmste Erfahrung, die ich je machen durfte.
Mein Sohn kam durch eine eingeleitete Geburt in einem Wehensturm innerhalb von 2½ Stunden zur Welt. Kurz danach legte ich ihn zum ersten Mal an. Dieses erste Anlegen war sehr schmerzhaft, auch, weil ich nicht wusste, was auf mich zukommt. Ich nehme es gleich einmal vorweg. Das Stillen damals hat überhaupt nicht geklappt. Schon nach 5 Wochen habe ich mit der Flasche zugefüttert und nach 6 Monaten aufgegeben. Ich glaube, es gab zwei Gründe für mein Versagen. Zum Einen bekam ich schon im Krankenhaus die falschen Ratschläge. „Sie dürfen nur alle 3 Stunden anlegen“, sagten sie. „Nicht streicheln und kuscheln, er soll TRINKEN und nicht schlafen“. Meine schlimmste Erinnerung an diese Zeit war, die „Lehrstunde“ im Krankenhaus als eine der Schwestern kam, meinen neugeborenen Sohn nahm und ihn grob an meine Brust drückte und sie ihm in den Mund zwang. In diesem Moment wurde jede unserer Grenzen überschritten und mir vollkommen die Lust am Stillen genommen. Der zweite Grund war für mich meine unglaubliche Unsicherheit. Ich hatte ununterbrochen das Gefühl, dass ich meinen Sohn verhungern lasse. Mir fehlte schlicht die innere Ruhe.

Ich möchte niemandem die Illusion rauben, aber Stillen ist ein hartes Stück Arbeit. Man muss sich viel Zeit nehmen, das Kind immer nach Bedarf anlegen. Dann muss man Schmerzen aushalten (nicht jede Frau hat Schmerzen, aber bei mir war Stillen zunächst mit Schmerzen verbunden, obwohl ich richtig angelegt habe). Meine Brustwarzen waren wund und teilweise blutig und meine Nerven bis aufs Äußerste strapaziert.
Wie schon erwähnt, habe ich nach 6 Monaten abgestillt, da ich meinen Sohn jede Nacht erst stillte, dann aufstand um noch eine Flasche zu machen. Ich traf diese Entscheidung, weil ich im Auto eingeschlafen bin und das Risiko womöglich einen Unfall zu bauen nicht eingehen wollte. Auch, weil mein Mann mich beim Flasche geben unterstützen könnte.
Mein Sohn ist trotz allem gut geraten, dennoch bin ich manchmal etwas wehmütig, denn gerade erlebe ich wie wunderschön Stillen sein kann.

Die Geburt meiner Tochter dauerte etwas länger. Auch sie legte ich noch im Kreißsaal das erste Mal an. Ich war entspannt. Das ist der Vorteil einer erfahrenen Mutter. Als dieses Mal die Schwester kam, um mir zu zeigen wie man anlegt, lehnte ich dankend ab. Meine Tochter schlief vom ersten Tag an bei mir und sie durfte trinken, wann immer sie es wollte. Auch dieses Mal hatte ich wunde, blutige Brustwarzen, doch ich wusste, dass es vorbei gehen würde und hielt mit verschiedenen Hilfsmitteln durch.
Die ersten Wochen lebte ich mit Kind am Busen auf der Couch. Jeden Morgen bereitete ich mir ein kleines Buffet vor, das ich auf der Couch um mich herum drapierte, um auch stillend alles gleich griffbereit zu haben. Im DVD-Player befanden sich meine Lieblingsfilme und meine Lieblingsbücher waren alle in Reichweite. Die erste Clusterphase habe ich so gut überstanden. Meine Tochter nahm nicht viel, aber ausreichend zu und ich entspannte zunehmend. Nach zwei Wochen waren meine Brustwarzen so abgehärtet, dass sie dem Dauerstillen ohne Probleme stand hielten. Wie in jeder Beziehung braucht auch eine Stillbeziehung Zeit, sich zu entwickeln. Schwer war es für meinen Mann. Man muss dazu sagen, dass er meinen Sohn vom ersten Tag an mit versorgt hatte und wir immer gleichberechtigt waren. Doch jetzt passte kein Blatt zwischen mich und meine Tochter. Nur ich konnte sie beruhigen und durch Stillen zum Schlafen bringen. Mein Mann fürchtete, keine so innige Beziehung zu seiner Tochter zu haben, wie sie zu unserem Sohn bestand. Seine Sorge war unbegründet. Seine Zeit kam. Spätestens als unsere Tochter begann feste Nahrung zu sich zu nehmen und nicht mehr voll gestillt wurde, begann ihre Beziehung zu wachsen und inniger zu werden.

Im Laufe der Monate wurde ich natürlich auch mit jedem Vorurteil konfrontiert, das man so zu hören bekommen kann. Was??? Das Kind schläft IMMERNOCH bei dir und wird gestillt?? Mein Gott, du verwöhnst es. Kinder MÜSSEN in IHREM Bett schlafen. Findest du das nicht EKELIG so ein großes Kind noch zu stillen? (den entsetzten Blick müsst ihr euch jetzt denken). Ganz ehrlich. Ich bin soooo stolz auf mich, dass ich mich nicht habe bequatschen lassen. Von niemandem. Ich gebe meinem Kind was sie braucht und so lange sie es braucht.
Heute ist meine Tochter 20 Monate alt und wir stillen immer noch. Es gibt im Moment nichts schöneres für mich, als mein Kind nach einem stressigen Tag von der Tagesmutter abzuholen und schon mit den Worten „ Mama, Couch“ begrüßt zu werden. Couch bedeutet bei ihr, Mama ich möchte trinken und kuscheln. Sie schiebt dann mein Shirt hoch, dockt an und streichelt dabei meinen Bauch. Ich habe nie vorher eine innigere Liebe gespürt und möchte keinen Tag missen. Wie lange wir noch stillen, weiß ich nicht.

Was ich aber weiß ist, dass wir das Ende entscheiden. Sie und ich und sonst niemand…“

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