#RabenmütterErzählen von der großen, weiten Welt

Meine heutige Rabenmutter erzählt, wie sie ihre Kinder ständig aus dem gewohnten Umfeld entreißt und ihnen neue, spannende, weite Perspektiven bietet – meistens sogar auf einem anderen Kontinent. #RabenmütterErzählen – und zwar heute aus China.

Meine liebe Freundin Olivia ist 35 Jahre alt und zweifache Mutter von zwei unglaublichen Jungs. Sie ist Diplom Sozialpädagogin, übt den Job aber aktuell nicht aus. Als Unterstützung Ihres Mannes, der aufgrund seiner Position im Qualitymanagement der Volkswagen AG im Ausland arbeitet, hat sie dafür auch gar keine Zeit. Ihre Aufgabe ist es, die Umzüge zu planen, die Häuser und Destinationen auszusuchen, die Kinder zu versorgen, Kindergartenplätze zu wählen, die Familie zusammen zu halten und manchmal sogar Wochen vorher mit den Kindern allein umzuziehen, bis ihr Mann nachkommen kann. Und so ein Umzug von einem Kontinent zum Anderen gestaltet sich ein wenig umfangreicher, als man es von einem Inlandsumzug kennt. Wieso sie ihren Kindern die große Welt zeigt, wie die beiden das verpacken, so ohne feste Basis und warum sie so weitermachen will, das erzählt sie uns heute.

Anhang 1

Olivia, erzähl uns doch mal von deiner Familie.

Liebe Kathrin, zur Familie gehören mein Mann Tim (36), Leonardo (fast 6), Louis (3), ehemalige Straßenstreuner-Hündin Coco (5) und ich (35).

Ihr lebt mal hier mal dort. Warum?

Meine Affinität zum Reisen wurde durch meine Eltern geprägt, die nach der Grenzöffnung 1989 immer mit mir und meinem Bruder in ferne Länder gereist sind. Gleich nach dem Abitur 1998 bin ich für ein Jahr als AuPair nach Erie, USA gegangen und es war ein fantastisches Jahr. Nach dem Studium der Sozialpädagogik bin ich bei der Volkswagentochter „Autostand GmbH“ gelandet und von dort aus ging es 2007 für mich 2 Jahre nach Changchun, China. Dort habe ich witzigerweise meinen Ehemann kennengelernt. Ich glaube, wenn man einmal Fernluft geschnuppert hat und als Expat unterwegs war, kann man gar nicht mehr anders. Ich habe das große Glück, dass mein Mann durch seine Arbeit sehr flexibel ist, was das Wohnen an anderen Orten betrifft UND genauso gern neue Kulturen und Sprachen kennenlernt wie ich.

Und wann habt ihr als Familie wo gelebt?

Wie gesagt, wir haben uns im Januar 2008 in Changchun kennengelernt, sind dann wieder gemeinsam nach Deutschland, waren dort ein paar Monate bis es nach Port Elizabeth, Südafrika weiterging. Anschließend ging es wieder für einige Zeit zurück, dann nach Sao Bernardo do Campo, Brasilien, und von dort aus straight nach Beijing, China (Anm. Kathrin: hier lebt die Familie aktuell).

Deine Kinder sind 5 und 3. Sind beide in Deutschland geboren?

Ja, das Timing war immer prima, beide besitzen nur einen deutschen Pass und Staatsbürgerschaft.

Wie läuft das ab, wenn es wieder woanders hin geht, machen deine Kinder so einfach alles mit?

Es kommt immer darauf an, wie man es als Eltern verpackt. ich sage mal so – würde ich Heulen „Oh nein, ich will nicht weg“ usw., überträgt sich das auch auf die Kinder. Je positiver und euphorischer man mit gutem Beispiel vorangeht, desto einfacher ist es für die Kinder.

Habt ihr eine Basis, eine Heimat, einen festen Wohnsitz?

Wir haben ein Haus in der Nähe von Wolfsburg/Helmstedt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die Jungs es wirklich als „Basis“ sehen. Dafür haben sie dort zu wenig Zeit verbracht. Unser aller Basis ist immer da, wo wir zusammen sind. Das kommunizieren die Jungs auch tatsächlich so.

Wollt ihr irgendwann, zum Beispiel wenn’s in die Schule geht, irgendwo dauerhaft bleiben?

Mal sehen, ich bin da ganz offen. Kommt auf die schulischen Leistungen und die Qualität der Auslandsschule an. Wenn ich z.B. vergleiche, dass es in Deutschland Schulklassen mit 25 Kindern gibt und im Ausland welche mit nur 10 Kindern, würde ich Letzteres immer vorziehen.

Wie sind deine Erfahrungen mit dem Ausland, wo ist es besonders kompliziert als Familie zu leben, wo lebt es sich gut?

Das kann ich gar nicht sagen. es ist immer eine Frage der persönlichen Einstellung. Mir hat es überall sehr, sehr gut gefallen und überall gibt es positive wie negative Seiten. Kommt immer darauf an, wie man sich als Familie arrangiert und wer welche Aufgaben übernimmt. Das ist übrigens ein elementarer Punkt: An der Frau bleibt als Expat eigentlich alles hängen. Das ist noch ausgeprägter als in Deutschland, wo es z.B. auch die Großeltern vor Ort gibt. Man muss als Paar wie ein perfektes Team funktionieren.

Jetzt da du so viele andere Länder kennst, wie denkst du über Deutschland als „Familien-Land“?

Mich faszinieren immer die sozialen Unterschiede und inwiefern der Staat Familien und Kinder unterstützt. In Deutschland gibt es z.B. Kindergeld, Elterngeld und -zeit und ein vernünftiges Schulsystem. Das ist ein Luxus, den es in den meisten anderen Ländern eben nicht gibt.

Zieht es dich manchmal zurück?

Ich habe kein Heimweh nach Deutschland, falls du das meinst. Irgendwann würde ich gern in unser Haus zurück – zumindest für einige Zeit – weil ich gern einen Gnadenhof für Nutztiere eröffnen möchte.

Was würdest du tun, wenn eins deiner Kinder irgendwann mal nicht mehr mit will?

Einem Auslandsaufenthalt müssen alle Familienmitglieder zustimmen. Wenn es wirklich mal so kommen sollte, warten wir einfach, bis die Jungs studieren oder arbeiten und gehen dann wieder alleine.

Und zu guter Letzt: wo werdet ihr letztendlich euren Lebensabend verbringen?

Entweder in Cananeia, Brasilien oder in einer Finka am Gardasee mit unzähligen Kühen, Schweinen und allerlei anderem Getier.

***

Olivia habe ich Anfang des Jahres in einer Facebook-Gruppe für Vegane Mütter kennen und schätzen gelernt. Für mich ist sie – nicht nur optisch – eine Pocahontas. Ich bewundere ihren Mut und ihre positive Stärke, solche Wege zu gehen (ich traue mich ja noch nicht mal, mit beiden Kindern und den Hunden weiter als 2-3 Stunden mit dem Auto zu fahren 😉 ). Wenn sie wieder im Aufbruch ist und ein neues Ziel ansteht und ich es miterleben darf, dann ist das ein kleines bisschen so, als würde ich eine Reportage sehen. Unwirklich und spannend zugleich.

Vielen Dank für deine Worte und deine Zeit, liebe Olivia. In einigen Jahren interviewe ich dann deine Jungs – ich bin gespannt, was für weltoffene, reisebegeisterte Menschen sie werden. Oder vielleicht auch das genaue Gegenteil? Wir werden sehen 🙂

***

Und jetzt ihr: könnt ihr euch ein Leben in einem anderen Land mit eurer Familie vorstellen? Ist so etwas vielleicht schon in Planung? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder könntet ihr euch das so überhaupt nicht vorstellen? Hinterlasst mir doch euren Kommentar und eure Gedanken dazu.

4 comments

  1. Ach, wie ich mich freue, endlich mal Olivias Geschichte zu erfahren! Ich kenne sie ja ebenfalls über die veganen Moms und bekomme die Reisen und Umzüge immer so am Rande mit. Ich finde es ganz grossartig und total spannend. Und ich bin fest überzeugt, dass ihre Jungs grossartiges für ihr Leben lernen.
    Ich selber habe ja nichtmal den Mut, nach Dänemark auszuwandern, auch wenn es ein einfaches für mich wäre, da ich eh beide Staatsangehörigkeiten habe und auch die Sprache (so halbwegs) sprechen kann. Finanziell würde es mir dort sicher viel besser gehen und auch das ganze Sozial- Gesundheits- und Schulsystem sind dort viel besser. Aber ich fühle mich hier so verwurzelt und brauche meine Familie und meine Freunde in meiner Nähe, daher gehe ich diesen Schritt nicht. Ich bewundere Olivia aber sehr dafür! 🙂

    1. Genau das ist, was ich auch so bewundere: sie traut sich. Ich weiß, dass nichts von dem was sie alles für diese Umzüge leistet einfach ist, sondern mit einem riesigen Aufwand verbunden, aber sie lässt es total einfach aussehen. Und ihre Jungs profitieren davon. Ich finde es super spannend, nicht nur, weil ich (genau wie du offenbar 😀 ) niemals so ein Leben führen werde. Ich glaube, so wie du sagst, dazu muss man einfach der Typ sein. Danke für deinen Kommentar 🙂

  2. Starker Artikel und ein klasse Interview von und mit meiner großen Schwester, liebe Grüße aus Chengdu

  3. Sehr schöner Artikel.
    Manchmal denke ich an die Zeit in China zurück und frage mich wo sie geblieben ist. Olivia war damals genau genommen meine Chefin, aber viel mehr als das. Sie hat schon bei ihrem ersten Aufenthalt in China allerhand organisiert, um mir zb den Einstieg dort leichter zu machen..
    Es beschleicht mich jetzt immer noch (vier Jahre nach der Expat-Zeit) regelmäßig ein ambivalentes Gefühl des „weg wollens“ und dann aber auch „es gut zu finden wie es ist“. Die aktuellen Umstände erlauben es mir nicht wieder für eine solch lange Zeit ins Ausland zu gehen, aber ab und an ein Urlaub muss dann schon drin sein.
    Viele Grüße aus der Lüneburger Heide 😉

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