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#RabenmütterErzählen von Vorurteilen, Bewertung und unperfekten Vorbildern

Als ich Christine’s Mail mit ihrem Gastbeitrag erhielt und mit Vorfreude las (ich muss dazu sagen: die Villa Schaukelpferd steht wirklich schon lang auf meiner Blorgroll und ich lese sie einfach wirklich gern), freute ich mich auf zwei Dinge: die Veröffentlichung selbst, denn ich freue mich über diese Vernetzung wirklich sehr und darauf, sie und ihre so oft so klugen und besonnenen Worte zu zitieren. Doch… in diesem Artikel ist so viel Wahres, so viel Kluges und so viel Umsichtigkeit für andere Mütter, dass ich mich entschied, nichts vorweg zu nehmen. Ihr müsst eben vom ersten bis zum letzten Wort alles lesen 🙂 Vielen Dank, liebe Christine, für diesen Text, der mich mal wieder so abgeholt hat.

Und jetzt: Vorhang auf für Christine vom Blog „Villa Schaukelpferd“

#RabenmütterErzählen von Vorurteilen, Bewertung und unperfekten Vorbildern

 

Wenn man mir vor drei Jahren gesagt hätte, dass ich einmal einen Gastbeitrag für einen Blog namens „Öko-Hippie-Rabenmütter“ schreiben würde, ich hätte schallend gelacht. Nicht nur, dass ich zur Geburtsstunde meines eigenen Mama-Blogs überhaupt nicht damit gerechnet habe, dass irgendwann Irgendwer da draußen so verrückt ist und in die Hände klatscht, wenn er die Möglichkeit dazu hat, einen Text von mir auf seiner Seite zu veröffentlichen; ich muss auch zugeben, dass sich bei mir allein des Blognamens wegen schon sämtliche Nackenhaare aufgerichtet hätten.

Öko-Hippie-Rabenmutter: Ja geht’s noch?

 

DSC03987Mal ehrlich: Wer behauptet denn bitte schön freiwillig von sich, solch eine Mutter zu sein? Immerhin polarisieren die Begriffe „Öko“, „Hippie“ und „Rabenmutter“ ja schon deutlich in unserer Gesellschaft. Alle drei sind vor allem mit lauter negativen Vorurteilen behaftet. Aber was macht diese Ökos eigentlich aus? Und wo findet man die Hippies und Rabenmütter? Ich habe es mir für meinen Gastbeitrag bei der Frau, die sich und ihren Blog mit genau diesen Attributen betitelt, mal zur Aufgabe gemacht, die drei Muttertypen einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

 

Unter einer Öko-Mutter stelle ich mir klischeehaft eine Frau vor, die in selbst genähten Blümchenhosen und mit Jesus-Latschen durch die Stadt spaziert, ihre Familie ausschließlich mit selbst angebautem Bio-Gemüse ernährt und selbstverständlich alles mit dem Fahrrad, statt mit dem Umweltverpestenden Auto erledigt. Die Ökomutter hat also logischerweise einen kleinen (oder größeren) Sprung in der Schüssel, weiß das selbst auch, lässt sich aber von der konsumfreudigen Gesellschaft gerne an den Rand ihres Gemüsebeets drängen, immerhin geht es ihr dort bedeutend besser als unter den Materialisten, die noch nie in ihrem Leben einen Baum umarmt haben.

Mit Hippies bin ich Zeit meines Lebens nur durch Hörensagen in Verbindung gekommen. Weder meine Eltern noch andere Verwandte und Bekannte hatten sich der Flower-Power-Welle verschrieben, tanzten also nicht auf dem Woodstock-Festival herum oder fuhren mit selbst bemalten VW-Bussen Richtung Peace, Love & Drugs. Die wild gefeierte Friedens- und Freiheitsbewegung erfuhr ich ergo lediglich aus Erzählungen und ehrlich gesagt war ich froh, damit erziehungstechnisch nicht in Berührung gekommen zu sein.

Die Rabenmutter ist offenbar die schlimmste aller Mütter. Im Gegensatz zu ihr scheinen Öko-Mutter und Hippie-Mami noch harmlose Schrullige zu sein. Laut Definition kümmert die Rabenmutter sich nicht, in jedem Fall aber vor allem schlecht um ihre Kinder. Der Nachwuchs wird vernachlässigt, was vor allem Außenstehende gut zu beurteilen wissen. Bei Google erhält man unglaubliche 140.000 Ergebnisse, wenn man nach der unbeliebten Spezies sucht, aber auch auf der Straße findet man sie an jeder Ecke, wenn man nur genau hinsieht.

 

Und Bloggerin Kathrin soll jetzt eine Mischung aus all diesen Muttertypen sein? Irgendwie schwer vorstellbar.

 

Aber vielleicht auch nicht ganz abwegig, wenn wir noch einen genaueren Blick auf die drei Bezeichnungen werfen.  

Wenn wir mal ehrlich sind, ist der Begriff „Öko“ allein schon von seinem Wort her angestaubt. Würde man stattdessen „Natürlich“, „Bio“ oder „Umweltbewusst“ sagen, bekäme die gleiche Mutter direkt einen modernen Touch. Der Trend geht zur veganen Ernährung, Jutebeutel lösen Plastiktüten an der Kasse ab und die Mehrheit der Gesellschaft ist einem nachhaltigen Lebensstil zugeneigt. Ich selbst gehöre zwar immer noch zu den Fleischfressern, aber auch ich achte auf einen bewussten Umgang mit der Natur, ergo auch auf artgerechte Tierhaltung. Kaufe niemals Eier aus Bodenhaltung und für die Filtermaschine Zuhause Fair-Trade-Kaffee. Und ja, ich gebe zu, ich habe auch schon mal einen Baum umarmt. Mit einem kurzen Seitenblick, ob auch keiner guckt. 

Genauso erkenne ich auch ab und an die verrückte, freiheitsliebende Hippie-Mutter in mir. Dann renne ich mit meinen Kindern über Blumenwiesen und springe durch die tiefsten Wasserpfützen oder rase mit ihnen und unseren Einkaufswagen im Supermarkt in den leeren Gängen um die Wette.  

Die Rabenmutter findet man, wie schon gesagt, an jeder Ecke. Man muss nur auf den nächsten Spielplatz gehen, schon hört man Eine, die ihr Kind anschreit, sieht eine Andere, die ihrem Sohn nur geschnippeltes Gemüse gönnt und findet eine Dritte abseits auf der Bank sitzen, während ihre Tochter alleine im Sandkasten spielen muss.

 

Rabenmütter. Allesamt. Oder?

Wenn wir wirklich ehrlich zu uns sind, müssen wir doch feststellen, dass Rabenmütter vor allem deswegen Rabenmütter sind, weil wir sie zu ihnen machen. Ich nehme mich da gar nicht aus. Wie oft haben wir die Bewertungsbrille auf, durch die wir andere Mütter beurteilen, oft sogar direkt verurteilen, nur, weil sie anders handeln, als wir es für richtig halten. Dabei gibt es meiner Meinung nach gar kein „richtig“ oder „falsch“. Jede Mutter macht es aus ihrer eigenen Wahrheit heraus, strebt ihre eigenen Werte an. Wenn es nur eine einzig richtige Erziehungsweise gäbe, warum stehen dann tausende verschiedene Elternratgeber in den Bücherregalen?

 

IMG_3466Ich denke, jede Mutter macht es immer genauso, wie sie es gerade für das Beste hält, bzw. wie sie es am Besten kann. Da helfen Bewertungen wie „richtig“ oder „falsch“ nicht wirklich weiter. Und vor allem nicht bissige Kommentare oder verachtende Blicke von anderen Müttern. Wir Frauen müssen doch zusammenhalten! Wir wissen doch genau, wie schnell es passieren kann, dass man sein Kind mal anschreit, obwohl man es selbst nicht wollte! Vielleicht war es eh schon ein langer Tag oder wir waren nicht in unserer Mitte. Möglicherweise hatte der Junge auf dem Spielplatz morgens schon seine Portion Schokolade, weshalb jetzt das geschnippelte Gemüse auf dem Programm steht. Oder es hat gesundheitliche Gründe. Und wer weiß schon, warum die Mutter es gut heißt, dass ihre Tochter alleine im Sand spielt? Ist sie wirklich desinteressiert oder möchte sie ihr Kind zur Selbstständigkeit erziehen? Sicher ist bei allen drei Beispielszenarien jedenfalls eins: Die Mütter werden ihren Grund haben. Punkt. Und es steht uns sicher als Letztes zu, darüber zu urteilen. Im Gegenzug wünschen wir uns diese Form von Erziehungsfreiheit ja auch von den Anderen.

 

Nein, es ist nicht leicht, diese Bewertungsbrille abzulegen und völlig unvoreingenommen anderen Müttern zu begegnen. Warum? Weil wir gelernt haben, uns immer und überall zu vergleichen. Bin ich besser als die? Oder schlechter? Manchmal scheint es ja auch wirklich gut zu tun, im Vergleich mit Anderen selbst besser dastehen zu können. Beim Lästern festzustellen, dass andere schlechter abschneiden und man selbst doch eine passable Mutter ist. Wobei es mir wirklich fraglich erscheint, ob das der beste Weg dahin ist. Wertschätzend Anderen gegenüber ist er jedenfalls nicht.

Aber sogar alleine und ohne den Maßstab anderer Mütter setzen wir noch viel zu oft diese Brille der Bewertung auf. Dann betrachten wir uns selber dadurch und kritisieren, was das Zeug hält. „Ich hätte ihn nicht anbrüllen dürfen.“ „Ich müsste den Fernseher viel häufiger ausgeschaltet lassen.“ „Ich sollte sie nicht so häufig zur Fremdbetreuung geben.“

 

Ich finde, wir sollten alle ab und an inne halten und uns von unserem inneren Kritiker distanzieren.

Ja, sicherlich gibt es immer wieder Situationen, die nicht so gut laufen oder die uns aufzeigen, wo wir unseren Erziehungsstil in dem einen oder anderen Punkt überdenken könnten. Aber vor allem wissen wir doch, dass Irren menschlich ist. Und dass Perfektion eine Eigenschaft ist, die der Mensch nicht erreichen kann. Ist es nicht auch das, was wir unseren Kindern beibringen wollen? Dann brauchen sie uns auch als (unperfektes) Vorbild.

 

Also lassen wir mal Fünf gerade sein und gönnen das auch den anderen Müttern. Denen auf dem Spielplatz, im Biomarkt oder auf dem Woodstock-Festival. In dem Wissen, dass wir alle nur das Beste für unsere Kinder wollen. Und dass alleine diese Einstellung unseren Kindern vielleicht viel besser bekommt, als eine festgesetzte Norm, die es zu erfüllen gilt. Viel wichtiger als ein makelloser Erziehungsstil ist doch ein mitfühlender und respektvoller Umgang mit unseren Kindern. Und mit der Grundlage ist es doch eigentlich egal, ob wir das Kind im Familienbett schlafen lassen, nicht impfen oder vegetarisch ernähren. Dann ist es vielleicht egal, ob wir Öko-, Hippie- oder Rabenmutter sind.

Oder eben alles zusammen.

 

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