Deine Gefühle sind dein gutes Recht!

„Reiß‘ dich zusammen!“ – warum alle Gefühle dein gutes Recht sind und du sie niemals einsperren solltest

Eines Tages legte ich ein weißes Blatt auf den Tisch, es war nach einem Streit mit meinem Mann gewesen. In sämtlichen Ratgebern der letzten Jahre hatte ich gelesen, dass es nichts brächte, sich auf die negativen Dinge zu konzentrieren, sondern viel eher, die vielen positiven Gefühle zu benennen. Das hatte ich nun monatelang hart trainiert und dabei jeden Anflug von schlechter Laune und Missmut unterdrückt. Authentisch fühlte sich das nicht an – und gebracht hat es auch nichts. An jenem Tag also stritten wir wieder wahnsinnig emotional und ich hatte die buchstäblichen Faxen dicke. Auf das Blatt schrieb ich in die Mitte „Ich hasse“ und machte eine Mindmap daraus. Um diese zwei harten Worte in der Mitte schrieb ich alles auf, was mich zur Weißglut trieb und umrahmte alles mit einem Kreis. Das große Bild aus gemalten Kringeln füllte das Blatt komplett aus, bis es keine freie Ecke mehr gab.

Ich hielt das Blatt hoch und schaute mir an, was es alles zu hassen gab. Dann drehte ich es um und versuchte, die positiven Dinge zu finden. Nicht nur fiel mir das viel schwerer, es fühlte sich auch an, als würde der Engel auf meiner Schulter mir das zugeflüstert haben und nicht so, als wäre es tatsächlich mein inneres Bedürfnis, mich jetzt gerade an Gutes zu erinnern.

Ich brach das Experiment nach wenigen Worten ab, einige strich ich noch durch. Dann seufzte ich und faltete es zusammen.

 

Deine Gefühle sind dein gutes Recht!
Deine Gefühle sind dein gutes Recht!

 

Anspannung – Entspannung

Ich spürte Erleichterung. Das Krickelakrack auf meinem Din-A4-Blatt war meilenweit entfernt davon, gewaltfrei zu sein. Es war herablassend und verletzend. Es half niemandem, brachte keinen Mehrwert und stellte die völlig falschen Dinge in den Fokus. Aber ich war erleichtert, nach so vielen Wochen, in denen ich mein Genervtsein und meine Anspannung eingesperrt hatte, endlich mal sagen zu dürfen, wo der Schuh drückt. Ich ließ den Zettel zusammen gefaltet liegen und verließ den Raum.

Als mein Mann wieder kam, überreichte ich ihm das Blatt und bat, laut vorzulesen. Er schluckte und begann mit „Ich hasse….“. „Fremdbestimmt zu sein“ war glaube ich das erste, was er vorlas. Und ich nickte. Doch je mehr Worte er aufzählte, umso falscher fühlte sich das an. „Hass“ war plötzlich nicht mehr das richtige Wort. Es war mehr ein „Es stresst mich“ oder ein „Ich bin angespannt weil“ oder ein „Ich möchte ungern, dass…“. Jetzt, wo ich meinen inneren Karton einmal hatte ausleeren und sortieren dürfen und durch das Wegschmeißen des Ballasts hatte Erleichterung spüren können, sah die Welt schon wieder ganz anders aus.

 

Was „Jetzt fang nicht wieder an zu heulen!“ mit dir macht

Diese wahnsinnig wirksamen Strategien berühmter Psychotherapeuten/-innen und Psychologen/-innen mögen ja alle ihre Berechtigung haben und ich möchte mich jetzt mit meinem kleinen süßen Blog auch nicht hinstellen und so tun, als wäre die „Ich find alles total scheisse“-Strategie die bessere, aber sie ist nicht minder wichtig. Unsere Generation und Gesellschaft kann viele Dinge eben auch nicht besonders gut. Zum Beispiel ist sie zu schnelllebig und leistungsorientiert, um Menschen, die sich mit Emotionen länger beladen (müssen) als andere, den Raum zu geben, das eben auch zu tun, wenn es nötig ist. Und dennoch ist es ein Verarbeitungsprozess, der unerlässlich ist. Unsere Gesellschaft wünscht sich, dass es für Emotionen einen „An“- und „Aus“- Schalter gibt, damit du dich, während du zum Beispiel sowas überlebenswichtiges wie deine Steuererklärung machst, nicht von Gefühlsduseleien ablenken lässt. Wo kämen wir da nur hin, die Erklärung einen Tag später abzugeben, weil dich ein Streit mit deiner besten Freundin heute so sehr aus der Konzentration gerissen hat, dass du schlicht nicht rechnen kannst?

„Jetzt fang‘ nicht schon wieder an zu heulen!“, „Stell dich nicht so an!“ und auch „Reiß‘ dich zusammen!“ erreichen genau eine Sache, nämlich: dass du verlernst, dich selbst zu spüren. Sie unterdrücken Emotionen, sperren sie weg und wollen sie konservieren für einen Zeitpunkt, an dem es vermeintlich besser passt, als jetzt. Aber dieser „bessere“ Zeitpunkt ist dann vielleicht einer, in dem du dich nicht mehr so fühlst, revidierst, abschwächst. Dein Gemüt verlernt zu erkennen, wann es jetzt eigentlich was ist. Alles was du trainierst ist, Gefühle einzusperren und dich eben zusammen zu reißen, weil das was du in dieser Sekunde bist, nicht passt.

 

Sich selbst erspüren

Meine Theorie aber ist, dass du nur dann ein echtes Mitspracherecht über deine Impulsivität und das Ausleben deiner Gefühle erlangst, wenn du sie erspüren kannst. Gehen wir zurück zum oben genannten Beispiel: was wäre gewesen, wenn ich in all den Wochen zuvor nicht „krampfhaft“ versucht hätte, meine Wut und meinen Stress wegzusperren, weil er sich nicht gehört und der Fokus auf den rosa Wolken liegen soll? Vielleicht hätte ich schon viel eher angesprochen, dass mich etwas stört, dass ich unzufrieden bin und dass wir eine Lösung finden müssen, anstatt meinem Mann in geballter Ladung vor den Latz zu knallen, was ich alles „hasse“. Was das mit meinem Mann machte, kann man sich an dieser Stelle ja auch denken. Genau, Verletzung nämlich.

Aber das Recht, auch meine negativen Gefühle zu erkennen, wahrzunehmen und irgendwie zu handeln, hatte ich mir – um mich zusammen zu reißen, im Griff zu haben und nicht so anzustellen – selbst genommen. Und die Fähigkeit, mich selbst zu erspüren, damit auch.

 

Deine Gefühle sind dein gutes Recht!

Anstatt mir und anderen und vor allem meinen Kindern nun also ihr natürliches Recht auf ihre Gefühle mit Sätzen wie den oben genannten zu nehmen, verkneife ich sie mir und erinnere mich immer und immer wieder daran, dass sie alle ein R E C H T sind. Ein gutes Recht, das jeder von uns besitzt. Weinen und Trauer, Wut und Rummeckern, Stress und jammern – nichts ist es je Wert, eingesperrt zu werden. Tatsächlich glaube ich ganz fest daran, dass sie gefährlicher werden, wenn sie hinter Gittern müssen.

Für dich und deine Familie kann das Mantra „Meine Gefühle sind mein gutes Recht!“ sehr bereichernd sein. Es nimmt nämlich grade den negativen Gefühlen auch ihre Schwere. Selbstverständlich ist dies kein Plädoyer dafür, ab sofort jedes Mal deine Kinder oder deinen Mann anzuschreien, wenn dir danach ist – absolut das Gegenteil! Viel mehr soll es dir helfen, deine Gefühle in ihrer Entstehung, in ihrer Keimung, in ihrem ersten Aufflammen zu erspüren und mit ihnen zu machen, was dir und deiner Familie hilft. Erspüre deinen Stress und benenne ihn – nur dann kann dein Mann wissen, dass du eine Pause brauchst. Spüre deine Wut und benenne sie – nur dann weiß dein Kind, woran es ist und es hilft euch für die Zukunft so viel mehr, als lautes Schreien, Toben, Weinen und Ausflippen. Schau einmal hinein in deine Trauer und lerne wertzuschätzen, wie gut es deiner Seele tut, einmal tief zu seufzen oder einige Minuten zu Weinen. Tränen sind ein ausgeklügeltes, kluges Instrument deines Körpers, um Stresshormone einfach herauszuspülen. Dafür sind sie da – wieso also solltest du sie unterdrücken? Und für wen solltest du dich zusammen reißen, wenn doch deine Gefühle die tatsächliche Verbindung zu dir und zu deinen Mitmenschen sind?

 

Trau' dich, emotional zu sein! Lerne dich selbst zu spüren und deine Gefühle authentisch zu äußern!
Trau‘ dich, emotional zu sein! Lerne dich selbst zu spüren und deine Gefühle authentisch zu äußern!

 

Trau‘ dich, emotional zu sein

Gerade als hochsensibler Mensch werden dich verletzende Imperative deiner Umwelt schon lange begleiten. Du kennst sie und bist darauf vorbereitet. Auf „Reiß dich zusammen!“ hast du gelernt, nicht noch emotionaler zu reagieren, um nicht wieder in eine Ecke gestellt zu sein. Diesen Zustand findest du erdrückend und ermüdend. Und du hast dir bestimmt mindestens genau so viel Mühe gegeben, wie ich, damit deine Reaktion darauf nicht auch noch „zickig“ ist.

Nun, die Wahrheit ist, dass deine Gefühle nicht nur dein gutes Recht sind, sondern obendrein auch noch deine allerbeste Fähigkeit. Denn gerade du als hochsensibler Mensch hast überdurchschnittlich feine Antennen. Du kannst Emotionen und Stimmungen scannen und sie aufsaugen wie einen Schwamm. Das ist manchmal eine schwere Last aber gleichermaßen auch eine große Bereicherung für deine Umwelt! Wer von dir verlangt, sich zusammen zu reißen, der hat es vielleicht selbst viele Jahre tun müssen und möglicherweise nie eine andere Handlung gelernt. Das ist nicht dein Problem, oder? Richtig. Genau das ist der Punkt: es ist nicht dein Problem. Denn deine Gefühle sind dein gutes Recht und sie alle haben ihren Platz.

Sie sind die Komponente, die unsere Welt dringend braucht und die wir niemals einsperren sollten. Wir können lernen, uns zu spüren und anderen so automatisch auch den Raum zu geben, sich und ihre Gefühle authentisch zu äußern.

Darum wünsche ich mir, dass wir alle uns viel häufiger trauten, emotional zu reagieren. Dann nämlich – und ich glaube nur dann – hätte unsere Gesellschaft überhaupt eine realistische Chance, zu lernen, mit Emotionalität umzugehen. Reißt euch weniger zusammen, bitte.

Wir sind viele.

Euer Hippie. 🙂

 

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